»Ja«, sagte Gregor sanft.
»Ich habe auch meinen persönlichen Bericht über die jüngsten Ereignisse parat, den Sie an Simon Illyan abliefern sollen«, fuhr Miles fort, »für den Fall, daß ich … — für den Fall, daß Sie ihn vor mir sehen.«
Miles überreichte Ungari eine Datendiskette.
Ungari blickte verwirrt drein angesichts dieser schnellen Umkehr seiner Prioritäten. »Vervain-Station? Auf Pol Sechs sind Sie sicher, bestimmt, Majestät.«
»Auf der Vervain-Station erwartet mich meine Pflicht, Hauptmann, und wohl oder übel auch Sie die ihre. Kommen Sie mit. Ich werde Ihnen alles unterwegs erklären.«
»Lassen Sie Vorkosigan frei herumlaufen?« Ungari warf Miles einen kritischen Blick zu. »Mit diesen Söldnern? Ich habe ein Problem damit, Majestät.«
»Es tut mir leid, Sir«, sagte Miles zu Ungari, »ich kann nicht, kann nicht …« Ihnen gehorchen, aber Miles ließ dies ungesagt. »Ich habe ein größeres Problem, wenn ich für diese Söldner einen Kampf vorbereite und mich dann, wenn es losgeht, dabei nicht sehen lasse. Ein Unterschied zwischen mir und … der früheren Kommandantin der Rangers. Es muß einen Unterschied zwischen uns geben, vielleicht ist es das. Gre… — der Kaiser versteht es.«
»Hm«, sagte Gregor. »Ja. Hauptmann Ungari, ich ernenne Fähnrich Vorkosigan zu unserem Verbindungsoffizier zu den Dendarii. Unter meiner persönlichen Verantwortung. Was selbst für Sie ausreichend sein sollte.«
»Nicht ich bin es, für den es ausreichend sein muß, Majestät!«
Gregor zögerte kurz. »Dann in den besten Interessen von Barrayar. Ein ausreichendes Argument selbst für Simon. Gehen wir, Hauptmann.«
»Sergeant Overholt«, fügte Miles hinzu, »Sie werden des Kaisers persönlicher Leibwächter und Kammerdiener sein, bis Sie abgelöst werden.«
Overholt sah alles andere als erleichtert aus ob dieser abrupten Beförderung im Dienst.
»Sir«, flüsterte er verstohlen Miles zu, »ich habe den Fortgeschrittenenkurs noch nicht absolviert!«
Er bezog sich damit auf Simon Illyans obligatorischen, von ihm persönlich geführten Sicherheitskurs für die Palastwachen, die Gregors normaler Sicherheitsmannschaft diesen harten Schliff gab.
»Wir alle haben hier ein ähnliches Problem, Sergeant, glauben Sie mir«, murmelte Miles zurück. »Tun Sie Ihr Bestes.«
Der Taktikraum der Triumph war von lebhafter Aktivität erfüllt, jeder Stuhl war besetzt, jedes Holovid-Display leuchtete mit den Darstellungen von Schiffen und taktischen Veränderungen. Miles stand neben Tung und fühlte sich doppelt überflüssig. Er erinnerte sich an den Kalauer von der Akademie:
Regel 1) Überstimme den Taktikcomputer nur, wenn du etwas weißt, was er nicht weiß.
Regel 2) Der Taktikcomputer weiß immer mehr als du.
War das der Kampf? Dieser gedämpfte Raum, ein Wirbel von Lichtern, diese gepolsterten Stühle? Vielleicht war die Distanz eine gute Sache für Kommandanten. Sein Herz pochte sogar jetzt. Ein Taktikraum dieses Kalibers konnte Informationsüberlastung und Gedankensperre verursachen, wenn man es zuließ. Der Trick bestand darin, herauszunehmen, was wichtig war, und niemals zu vergessen, daß die Landkarte nicht die Wirklichkeit war.
Seine Aufgabe hier, erinnerte sich Miles, war nicht zu befehlen. Sie bestand darin, Tung beim Kommandieren zu beobachten und zu lernen, wie er es tat, seine Denkmethoden, die vom barrayaranischen Akademiestandard abwichen. Der einzige Moment, wo Miles Tung legitim überstimmen durfte, könnte kommen, wenn irgendeine äußere politisch/strategische Notwendigkeit Vorrang hätte vor innerer taktischer Logik. Miles betete darum, daß dieses Ereignis nicht einträte, denn ein kürzerer und häßlicherer Name dafür war ›die eigenen Truppen verraten‹.
Miles’ Aufmerksamkeit nahm zu, als ein kleiner Sprungaufklärer an der Mündung des Wurmloches aufblinkte. Auf dem Taktikdisplay war er ein rosafarbener Lichtpunkt in einem langsam sich bewegenden Strudel von Dunkelheit. Auf einem Teleschirm war es ein schlankes Schiff vor unbewegten fernen Sternen. Vom Standpunkt des eigenen Piloten, der mit ihm verkabelt war, stellte das Schiff eine seltsame Erweiterung seines eigenen Körpers dar. Auf einem weiteren Viddisplay war es eine Sammlung telemetrischer Anzeigen, Numerologie, ein platonisches Ideal.
Was davon ist die Wahrheit? Alles. Nichts. »Haiköder Eins meldet an Flotte Eins«, erklang die Stimme des Piloten über Tungs Konsole. »Sie haben zehn Minuten Durchflugerlaubnis. Halten Sie sich bereit für den Dichtstrahlimpuls!«
Tung sprach in seinen Kommunikator: »Flotte beginnt Sprung, dicht hintereinander in numerischer Reihenfolge.« Das erste Dendarii-Schiff, das an dem Wurmloch wartete, ging in Ausgangsstellung, leuchtete auf dem Taktikdisplay hell auf (obwohl es auf dem Televid nichts zu tun schien) und verschwand. Ein zweites Schiff folgte nach dreißig Sekunden und reduzierte damit die Sicherheitsgrenze für die Zeitspanne zwischen zwei Sprüngen extrem. Wenn zwei Schiffe versuchten, am selben Ort zur selben Zeit zu rematerialisieren, dann wäre das Ergebnis: keine Schiffe, aber eine riesige Explosion.
Als die von Haiköder per Dichtstrahl übermittelten Telemetriedaten von dem Taktikcomputer verarbeitet waren, rotierte das Displaybild so, daß der dunkle Strudel, der das Wurmloch repräsentierte (aber keineswegs abbildete), plötzlich von einem Ausgangs-Strudel gespiegelt wurde. Jenseits dieses Ausgangs repräsentierte eine Anordnung von Punkten, Flecken und Linien Schiffe, die flogen, manövrierten, feuerten und flohen, die gepanzerte Kampfstation der Vervani auf der Heimatseite, Zwilling der Station auf der Nabenseite, wo Miles Gregor zurückgelassen hatte, die cetagandanischen Angreifer. Endlich ein Blick auf ihr Ziel. Alles war natürlich nicht mehr aktuell, um Minuten veraltet.
»Pfui Teufel«, kommentierte Tung. »Was für ein Durcheinander. Jetzt geht’s los …«
Die Sprungsirene ertönte. Jetzt war die Triumph an der Reihe. Miles griff nach der Lehne von Tungs Stuhl, obwohl er rational wußte, daß die Empfindung von Bewegung illusorisch war. Ein Wirbel von Träumen schien seinen Geist zu umwölken, einen Augenblick lang, eine Stunde lang, es war unmeßbar. Der Ruck in seinem Bauch und die darauf folgende scheußliche Welle von Übelkeit waren alles andere als traumhaft. Der Sprung hinüber. Einen Augenblick herrschte Schweigen im ganzen Raum, als die anderen sich bemühten, ihre Desorientierung zu überwinden. Dann ging das Gemurmel dort weiter, wo es aufgehört hatte. Willkommen in Vervain. Nehmen Sie einen Wurmlochsprung zur Hölle.
Das Taktikdisplay drehte und veränderte sich, nahm neue Daten auf, zentrierte sein kleines Universum aufs neue. Ihr Wurmloch wurde gegenwärtig von seiner umlauerten Station und einer dünnen und angeschlagenen Kette von vervanischen Schiffen und von Vervani kommandierten Rangerschiffen bewacht. Die Cetagandaner hatten ihnen schon einmal einen Schlag versetzt, waren abgeschlagen worden und schwebten jetzt außerhalb der Reichweite, wo sie auf Verstärkungen für den nächsten Schlag warteten. Cetagandanischer Nachschub strömte vom anderen Wurmloch aus durch das System von Vervain.
Das andere Wurmloch war schnell gefallen. Aus der Perspektive des Angreifers war es der einzige Zugang. Obwohl den Cetagandanern mit ihrem massiven Erstschlag eine vollkommene Überraschung gelungen war, hätten die Vervani sie vielleicht stoppen können, wenn drei Ranger-Schiffe nicht anscheinend ihre Befehle mißverstanden und den Kampf nicht abgebrochen hätten, als sie einen Gegenangriff starten sollten. Aber die Cetagandaner hatten ihren Brückenkopf gesichert und begannen durchzuströmen.
Das zweite Wurmloch, Miles’ Wurmloch, war besser für die Verteidigung ausgerüstet gewesen — bis die in Panik geratenen Vervani alles abgezogen hatten, was entbehrt werden konnte, um den Bereich des hohen Orbits um ihre Heimatwelt zu schützen. Miles konnte ihnen kaum einen Vorwurf machen, beide Optionen stellten eine schwere strategische Entscheidung dar. Aber jetzt brausten die Cetagandaner praktisch ungehindert durch das System. Sie übersprangen den massiv geschützten Planeten in einem kühnen Versuch, das Hegen-Wurmloch zu erobern, wenn nicht durch Überraschung, dann wenigstens durch Geschwindigkeit.