Tung blickte über Miles’ Schulter. »Er versucht, zur Peregrine durchzukommen. Verdammt, wenn dieses Schiff ausschert, dann wird unsere Verteidigungsstellung zusammenbrechen.«
Miles warf schnell einen Blick zurück auf den Taktikcomputer.
»Sicherlich nicht. Ich dachte, wir haben die Peregrine im Reservegebiet aufgestellt, weil wir gerade ihre Zuverlässigkeit bezweifelt haben.«
»Ja, aber wenn die Peregrine ausschert, dann kann ich dir drei andere Kapitän-Eigner nennen, die folgen werden. Und wenn vier Schiffe ausscheren …«
»Dann werden die Rangers sich trotz ihrer VervaniKommandanten auflösen, und wir sind erledigt, stimmt, ich verstehe.«
Miles blickte wieder auf den Taktikcomputer. »Ich glaube nicht, daß er es schafft — Admiral Oser! Können Sie mich verstehen?«
»Zum Teufel!« Tung kehrte zu seinem Platz zurück und vertiefte sich wieder in die Cetagandaner. Vier cetagandanische Schiffe verbanden sich gegen den Rand der Dendarii-Formation, während ein anderes versuchte, in die Mitte einzudringen, offensichtlich, um in die Reichweite für einen Angriff mit der Imploder-Lanze zu kommen.
Beiläufig, im Vorüberfliegen, schoß ein cetagandanischer Plasmaschütze die fliehende Fähre ab. Eine Wolke leuchtender Funken …
»Bis er sich mit seiner gestohlenen Fähre von der Triumph absetzte, wußte er nicht, daß die Cetagandaner ihren Angriff durchführen«, flüsterte Miles. »Guter Plan, schlechtes Timing … Er hätte umkehren können, aber er entschied sich, es zu versuchen und Reißaus zu nehmen …« Hatte Oser seinen Tod selbst gewählt? War das der Trost?
Die Cetagandaner brachen ihre Angriffswelle nicht eigentlich ab, sondern beendeten sie, in deprimierend guter Ordnung. Das Ergebnis stand leicht zugunsten der Dendarii. Eine Anzahl von cetagandanischen Schiffen war schlimm beschädigt, und eins war völlig zerstört worden.
Auf den Schadenskontrollkanälen der Dendarii und der Rangers herrschte hektischer Sprechverkehr. Die Dendarii hatten noch keine Schiffe verloren, jedoch Feuerkraft, Maschinen, Flugsteuerungen, Lebenserhaltungssysteme, Abschirmungen.
Die nächste Angriffswelle würde noch mehr Verheerungen anrichten. Sie können sich es leisten, drei zu verlieren für eines von den unseren. Wenn sie immer wieder kommen, immer weiter knabbern, dann ist es unvermeidlich, daß sie gewinnen, überlegte Miles kühl. Es sei denn, wir bekommen Verstärkung.
Stunden vergingen, während die Cetagandaner sich neu formierten. Miles machte kurze Pausen in dem Erfrischungsraum, der für diese Zwecke neben dem Taktikraum zur Verfügung stand, aber er war zu aufgedreht, um Tung nachzuahmen, der erstaunlicherweise auf der Stelle ein fünfzehnminütiges Nickerchen machen konnte. Miles wußte, daß Tung nicht Entspannung heuchelte, um die Moral zu heben, niemand konnte ein so abstoßendes Schnarchen simulieren.
Im Televid konnte man beobachten, wie die cetagandanischen Verstärkungen durch das System von Vervain herankamen. Das war der Kompromiß mit der Zeit, das Risiko. Je länger die Cetagandaner warteten, desto besser ausgerüstet konnten sie sein, aber je länger sie warteten, desto größer war auch die Chance für ihre Gegner, sich zu erholen. Es gab ohne Zweifel einen Taktikcomputer auf dem Kommandoschiff der Cetagandaner, der eine Wahrscheinlichkeitskurve generiert hatte, die den optimalen Schnittpunkt von ›wir‹ und ›sie‹ markierte. Wenn nur diese verdammten Vervani aggressiver wären im Angriff auf diesen Nachschubstrom von ihrer planetarischen Basis aus …
Und hier kamen sie wieder heran. Tung beobachtete seine Displays, wobei er seine Hände unbewußt im Schoß zu Fäusten ballte und dann wieder öffnete, zwischen den ruckhaften Tänzen kräftiger Finger auf seiner Steuertastatur, von wo aus er Befehle schickte, korrigierte, vorwegnahm. Miles’ Finger zuckten in winzigen Echos, während sein Geist versuchte, hinter Tungs Gedanken zu kommen und alles aufzusaugen.
Ihr Bild der Realität bekam immer mehr verborgene Löcher, weil Datenerfassungspunkte ausfielen, wenn Sensoren oder Sender auf verschiedenen Schiffen beschädigt oder vernichtet wurden. Die Cetagandaner flogen durch die Dendarii-Formation und teilten Schläge aus … ein Dendarii-Schiff explodierte, ein anderes, dessen Waffen ausgefallen waren, versuchte sich aus der Reichweite der Cetagandaner zu entfernen, drei Rangerschiffe scherten als Einheit aus … es sah schlimm aus …
»Haiköder Drei meldet sich«, übertönte eine schroffe Stimme alle anderen Kommunikationskanäle. Miles sprang aus seinem Sitz hoch.
»Halten Sie dieses Wurmloch frei. Es kommt Hilfe.«
»Nicht jetzt«, knurrte Tung, aber er begann den Versuch einer schnellen Umgruppierung, um diesen kleinen Bereich des Raumes zu schützen, ihn freizuhalten von Trümmern, Projektilen, feindlichem Feuer und vor allem von feindlichen Schiffen mit Imploderlanzen. Diejenigen Schiffe der Cetagandaner, die in einer Position waren, um darauf zu reagieren, schienen fast ihre Ohren aufzustellen und zögerten, da die Bewegungen der Dendarii-Schiffe signalisierten: Veränderungen im Gange. Die Dendarii zogen sich vielleicht zurück … Es ergab sich vielleicht eine Gelegenheit, die man ausnutzen konnte …
»Was, zum Teufel, ist das?«, sagte Tung, als etwas Riesiges, vorerst nicht zu Enträtselndes in der Mündung des Wurmloches erschien und sofort zu beschleunigen begann. Er rief Anzeigen am Computer ab. »Es ist zu groß, um so schnell zu sein. Es ist zu schnell, um so groß zu sein.«
Miles erkannte das Energieprofil, noch bevor das Televid eine Visualisierung anbot. Was für einen Testflug sie haben. »Es ist die Prinz Serg. Unsere kaiserlich barrayaranischen Verstärkungen sind soeben eingetroffen.« Er holte verwirrt Luft. »Habe ich euch nicht versprochen …«
Tung fluchte schrecklich — vor purer ästhetischer Bewunderung. Andere Schiffe folgten, Aslunder, Polianische Raumflotte, und schwärmten schnell in eine Angriffsformation aus.
Durch die Formationen der Cetagandaner ging eine Welle wie ein stummer Schrei des Entsetzens. Ein mit Implodern bewaffnetes cetagandanisches Schiff flog kühn auf die Prinz Serg zu und wurde in zwei Hälften zerschnitten, denn die Imploderlanzen der Serg waren verbessert worden und hatten die dreifache Reichweite der Lanzen der Cetagandaner. Das war der erste tödliche Schlag.
Der zweite kam über Funk, ein Ruf an die cetagandanischen Aggressoren, sich zu ergeben, ansonsten würden sie vernichtet — im Namen der Flotte der Hegen-Allianz, Kaiser Gregor Vorbarra und Admiral Graf Aral Vorkosigan, Vereinigte Befehlshaber.
Ein Moment lang dachte Miles, Tung würde gleich ohnmächtig werden. Tung japste besorgniserregend und brüllte mit Vergnügen: »Aral Vorkosigan! Hier? Nicht zu glauben!« Und in einem nur leicht vertraulicheren Flüsterton: »Wie hat man ihn aus dem Ruhestand gelockt? Vielleicht gelingt es mir, ihn zu sehen!«
Tung, der Enthusiast für Militärgeschichte, war einer der fanatischsten Fans von Miles’ Vater, wie sich Miles erinnerte, und er konnte — solange man ihn nicht entschlossen daran hinderte — jedes öffentlich bekannte Detail der frühen Aktionen des barrayaranischen Admirals herunterrasseln.
»Ich werde sehen, was ich machen kann«, versprach Miles.
»Wenn du das arrangieren kannst, mein Sohn …« Mit sichtlicher Anstrengung zog Tung die Gedanken von seinem geliebten Hobby, dem Studium der Militärgeschichte, ab und wandte sich wieder seiner Aufgabe zu, nämlich Militärgeschichte zu schreiben.
Die cetagandanischen Schiffe wichen zurück, zuerst einzeln in Panik, dann in mehr koordinierten Gruppen, die versuchten, einen ordentlich gesicherten Rückzug zu organisieren. Die Prinz Serg und ihre taktische Unterstützungsgruppe vergeudeten keine Millisekunde, sondern folgten den Cetagandanern sofort, griffen die Formationen feindlicher Schiffe an, die versuchten, sich gegenseitig zu sichern, und brachten sie durcheinander, und dann setzten sie den dadurch Versprengten zu.