In den folgenden Stunden wurde aus dem Rückzug eine wirklich wilde Flucht, als die Schiffe der Vervani, die ihren hohen planetarischen Orbit schützten, endlich ermutigt den Orbit verließen und sich dem Angriff anschlossen. Die Reserven der Vervani kannten keine Gnade, angesichts der schrecklichen Angst um ihre Heimat, die die Cetagandaner ihnen eingeflößt hatten.
Die detaillierten Säuberungs- und Aufräumarbeiten, die erschreckenden Probleme der Schadenskontrolle, die Rettungsaktionen für Besatzungen, all das nahm Miles so sehr in Anspruch, daß er mehrere Stunden brauchte, bis er allmählich einsah, daß der Krieg für die Dendarii-Flotte vorüber war. Sie hatten ihre Aufgabe erfüllt.
KAPITEL 17
Bevor Miles den Taktikraum verließ, erkundigte er sich klugerweise bei der Sicherheitsabteilung der Triumph, wie ihre Razzia nach den entflohenen Gefangenen vorankam. Es fehlten und blieben noch ungeklärt Oser, der Kapitän der Peregrine und zwei weitere loyale oserische Offiziere, sowie Kommandantin Cavilo und General Metzov. Miles war sich ziemlich sicher, daß er über seine Monitore Augenzeuge gewesen war, als Oser und dessen Offiziere in radioaktive Asche verwandelt worden waren. Waren auch Metzov und Cavilo an Bord jener fliehenden Fähre gewesen? Hübsche Ironie, wenn am Ende Cavilo durch die Hände der Cetagandaner gestorben wäre. Obwohl es — zugegebenermaßen — ebenso ironisch gewesen wäre, wenn sie durch die Hände der Vervani, Randalls Rangers, Aslunder, Barrayaraner oder irgendwelcher anderer Leute gestorben wäre, mit denen sie in ihrer kurzen, kometenhaften Karriere in der Hegen-Nabe ihr Doppelspiel getrieben hatte. Ihr Ende war sauber und praktisch, falls es stimmte, aber ihm gefiel der Gedanke nicht, daß ihre letzten, wilden Äußerungen, die sie ihm gegenüber gemacht hatte, jetzt das prophetische Gewicht des Fluches einer Verstorbenen bekommen hatten. Eigentlich sollte er Metzov mehr fürchten als Cavilo. Sollte er eigentlich, aber er tat es nicht. Ihn schauderte, und er lieh sich einen Kommandowächter aus für den Rückweg zu seiner Kabine. Unterwegs begegnete er einer Fährenladung von Verwundeten, die in die Krankenstation der Triumph verlegt wurden. Die Triumph hatte in der Reservegruppe (in der sie nun einmal war) keine Schläge abbekommen, mit der ihre Abschirmungen nicht fertiggeworden wären, aber andere Schiffe waren nicht so glücklich dran gewesen. Die Proportionen der Verlustlisten eines Raumkampfes waren gewöhnlich umgekehrt zu denen von planetaren Kämpfen: die Toten waren in der Überzahl gegenüber den Verwundeten, jedoch bei glücklichen Umständen, wo die künstliche Umgebung erhalten geblieben war, konnten Soldaten ihre Verletzungen überleben. Unsicher änderte Miles seine Richtung und folgte dem Zug. Was konnte er auf der Krankenstation Gutes tun?
Die Mediziner, die die Triage durchführten, hatten nicht die leichteren Fälle auf die Triumph geschickt. Drei gräßliche Verbrennungen und eine massive Kopfverletzung kamen als erste an die Reihe und wurden von den besorgt wartenden Sanitätern weggebracht. Einige Soldaten waren bei Bewußtsein und warteten ruhig, bis sie drankamen, von Airbag-Bändern auf ihren Schwebepaletten ruhiggestellt, die Augen getrübt von Schmerz und von Schmerzmitteln. Miles versuchte, jedem ein paar Worte zu sagen. Einige starrten verständnislos vor sich hin, andere schienen dankbar dafür zu sein, bei letzteren hielt er sich ein bißchen länger auf und ermutigte sie, so gut er konnte.
Dann zog er sich zurück und stand einige Minuten lang stumm an der Tür, überflutet von den vertrauten, beängstigenden Gerüchen einer Krankenstation nach einem Kampf: Desinfektionsmittel und Blut, verbranntes Fleisch, Urin und Elektronik, bis er erkannte, daß die Erschöpfung ihn völlig stupid und nutzlos machte, zitterig und den Tränen nahe.
Er stieß sich von der Wand ab und stapfte hinaus. Ins Bett. Wenn irgendjemand wirklich seine Anwesenheit in der Führung wünschte, so konnte er kommen und ihn holen. Er betätigte das Codeschloß vor Osers Kabine. Jetzt, da er sie geerbt hatte, sollte er eigentlich die Zahlenkombination ändern, dachte er. Er seufzte und ging hinein. Als er eintrat, wurde er sich zweier bedauerlicher Tatsachen bewußt. Erstens, obwohl er seine Begleitwache vor dem Betreten der Krankenstation entlassen hatte, hatte er vergessen, sie wieder zu rufen, und zweitens, er war nicht allein. Die Tür schloß sich hinter ihm, bevor er in den Korridor zurückweichen konnte, und er bumste mit dem Rücken gegen sie, als er zurücksprang.
Das dunkle Rot von General Metzovs Gesicht fesselte seinen Blick noch mehr als der silbrige Schimmer der Parabolmündung des Nervendisruptors in seiner Hand, die auf seinen Kopf zielte. Metzov hatte sich irgendwie eine graue Dendarii-Uniform beschafft, die ein bißchen zu klein für ihn war. Kommandantin Cavilo, die hinter Metzov stand, hatte sich die gleiche Uniform beschafft, die ein bißchen zu groß für sie war. Metzov sah riesig und wütend aus. Cavilo wirkte … seltsam. Bitter, ironisch, auf unheimliche Art amüsiert. Blaue Flecken entstellten ihren Hals. Sie trug keine Waffen.
»Hab ich dich«, flüsterte Metzov triumphierend, »endlich.«
Mit einem breiten Lächeln kam er schrittweise auf Miles zu, bis er ihn mit einer großen Hand um den Hals gegen die Wand drücken konnte. Er ließ den Nervendisruptor klappernd zu Boden fallen und umfaßte auch mit den anderen Hand Miles’ Hals, nicht um ihn zu brechen, sondern um ihn zusammenzudrücken.
»Sie werden niemals überleben …«, war alles, was Miles hervorbringen konnte, bevor ihm die Luft abgewürgt wurde. Er spürte, wie seine Luftröhre zu knirschen begann, als die Blutzufuhr abgeschnitten wurde, fühlte sein Kopf sich an, als gäbe es gleich eine dunkle Explosion. Von diesem Mord konnte Metzov nicht durch Reden abgehalten werden …
Cavilo glitt nach vorn und beugte sich nieder, lautlos und unbemerkt wie eine Katze, um den Nervendisruptor vom Boden aufzuheben, dann trat sie zurück, zur linken Seite von Miles.
»Stanis, Liebling«, gurrte sie. Metzov, der von Miles’ allmählicher Erdrosselung besessen war, wandte seinen Kopf nicht um. In deutlicher Nachahmung von Metzovs Tonfall sagte Cavilo: ›»Mach deine Beine breit, du Schlampe, oder ich blase dir das Gehirn raus!‹« Da schnellte Metzovs Kopf herum, und seine Augen weiteten sich.
Sie blies ihm das Gehirn heraus. Der knisternde blaue Blitz traf ihn voll zwischen die Augen. Bevor er zu Boden fiel, brach er in seinem letzten Krampf Miles fast den Hals, obwohl diese Knochen mit Plastik verstärkt waren. Der ätzende elektrochemische Geruch des Todes aus dem Nervendisruptor schlug Miles ins Gesicht.
Miles sackte erstarrt gegen die Wand und wagte nicht, sich zu bewegen. Er hob den Blick von der Leiche zu Cavilo. Ihre Lippen waren zu einem Lächeln enormer Genugtuung verzogen, voll befriedigt. Waren Cavilos Worte ein direktes Zitat aus jüngster Zeit gewesen? Was hatten sie all die Stunden getrieben, die sie in ihrem Hinterhalt in Osers Kabine zugebracht haben mußten? Das Schweigen hielt an.
»Nicht«, Miles schluckte und versuchte, sich mit seiner gequetschten Kehle zu räuspern, und krächzte dann: »Nicht, daß ich mich beschweren will, wohlgemerkt, aber warum machen Sie nicht weiter und erschießen auch mich?«
Cavilo grinste. »Eine schnelle Rache ist besser als gar keine. Eine langsame und allmähliche ist noch besser, aber um sie voll genießen zu können, muß ich sie überleben. Ein andermal, Kleiner.«
Sie schwenkte den Nervendisruptor hoch, als wollte sie ihn mit Schwung in ein Halfter stecken, dann ließ sie ihn in ihrer entspannten Hand mit der Mündung nach unten an ihrer Seite hängen. »Sie haben geschworen, Sie würden mich sicher aus der Hegen-Nabe bringen, Vor-Lord. Und ich bin inzwischen bereit zu glauben, daß Sie tatsächlich dumm genug sind, Ihr Wort zu halten. Nicht, daß ich mich beschweren will, wohlgemerkt. Nun, wenn Oser uns mehr als eine Waffe gegeben hätte, oder wenn er den Nervendisruptor mir gegeben hätte und den Code für seine Kabine an Stanis, und nicht umgekehrt, oder wenn Oser uns mit sich genommen hätte, wie ich ihn bat … dann hätten sich die Dinge vielleicht anders entwickelt.«