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Selbst Gregor schien alles mit neuen Augen zu sehen. »Raumstationen sind wirklich langweilig, weißt du? Alle diese Korridore«, bemerkte er und blickte an einem Springbrunnen vorbei, wobei seine Augen einem sich schlängelnden Pfad aus Ziegeln folgten, der in einer Orgie aus Blumen verschwand. »Ich hatte aufgehört zu sehen, wie schön Barrayar war, weil ich es jeden Tag anschaute. Ich mußte vergessen, um mich zu erinnern. Seltsam.«

»Es gab Momente, da konnte ich mich nicht erinnern, auf welcher Raumstation ich war«, stimmte Miles mit einem Mund voller Torte und Sahne zu. »Der Luxushandel ist eine andere Sache, aber die Stationen in der Hegen-Nabe tendierten zum bloß Zweckmäßigen.« Er verzog das Gesicht bei den Assoziationen dieses letzten Wortes.

Das Gespräch kreiste um die neuesten Ereignisse in der HegenNabe. Gregors Gesicht hellte sich auf, als er erfuhr, daß auch Miles niemals einen tatsächlichen Kampfbefehl im Taktikraum der Triumph ausgegeben hatte, außer daß er die innere Sicherheitskrise behandelt hatte, wie von Tung beauftragt.

»Die meisten Offiziere haben ihre Aufgaben erledigt, wenn die Aktion beginnt, weil der Kampf zu schnell vor sich geht, als daß die Offiziere ihn noch beeinflussen könnten«, versicherte ihm Miles. »Wenn du einmal einen guten Taktikcomputer aufgestellt hast — und wenn du Glück hast, einen Mann mit einer magischen Nase —, dann ist es besser, deine Hände in den Hosentaschen zu lassen. Ich hatte Tung, du hattest … hm.«

»Und hübsche tiefe Taschen«, sagte Gregor. »Ich denke noch immer darüber nach. Es erschien mir fast unwirklich, bis ich danach die Krankenstation besichtigte. Und erkannte, dieser oder jener Lichtpunkt bedeutete den Verlust des Armes dieses Mannes, die Lunge jenes Mannes erstarrt …«

»Du mußt bei diesen kleinen Lichtern aufpassen. Sie erzählen so beruhigende Lügen«, stimmte Miles zu. »Wenn du sie läßt.«

Er spülte einen weiteren klebrigen Happen mit Kaffee hinunter, machte eine Pause und bemerkte dann: »Du hast Illyan nicht die Wahrheit gesagt über deinen kleinen Sturz von dem Balkon, nicht wahr.« Das war eine Feststellung, keine Frage.

»Ich erzählte ihm, ich sei betrunken gewesen und dann hinabgeklettert.« Gregor betrachtete die Blumen. »Woher wußtest du das?«

»Er spricht über dich nicht mit geheimem Schrecken in den Augen.«

»Ich habe ihn gerade dazu gebracht … mir ein bißchen Raum zu geben. Ich möchte es jetzt nicht vermasseln. Du hast es ihm auch nicht erzählt — dafür danke ich dir.«

»Keine Ursache.« Miles trank noch mehr Kaffee. »Tu mir deinerseits einen Gefallen. Sprich mit jemandem.«

»Mit wem? Nicht mit Illyan. Nicht mit deinem Vater.«

»Wie wäre es mit meiner Mutter?«

»Hm.« Gregor biß zum erstenmal in seine Torte, in die er mit seiner Gabel Furchen gezogen hatte.

»Sie könnte die einzige Person auf Barrayar sein, die automatisch Gregor den Mann vor Gregor den Kaiser setzt. Alle unsere Ränge sehen für sie wie optische Täuschungen aus, glaube ich. Und du weißt, sie kann ihre Meinung für sich behalten.«

»Ich werde darüber nachdenken.«

»Ich möchte nicht der einzige sein, der … der einzige. Ich weiß, wann ich den Boden unter den Füßen verliere.«

»Das weißt du?« Gregor hob seine Augenbrauen, einer seiner Mundwinkel zog sich nach oben.

»O ja. Ich laß es mir nur normalerweise nicht anmerken.«

»Also gut. Ich werde mit ihr reden«, sagte Gregor.

Miles wartete.

»Ich gebe dir mein Wort«, fügte Gregor hinzu.

Miles entspannte sich, grenzenlos erleichtert. »Danke.« Er faßte ein drittes Tortenstück ins Auge. Die Portionen waren irgendwie klein. »Fühlst du dich jetzt besser?«

»Viel besser, danke.« Gregor begann wieder, Furchen in seine Sahne zu pflügen.

»Wirklich?«

Jetzt wurde eine Kreuzschraffierung daraus. »Ich weiß es nicht. Anders als der arme Trottel, den sie herumführten und der mich spielte, während ich weg war, habe ich mich für das alles eigentlich nicht freiwillig gemeldet.«

»In diesem Sinne sind alle Vor Dienstpflichtige.«

»Jeder andere Vor könnte weglaufen und würde nicht vermißt.«

»Würdest du mich nicht ein bißchen vermissen?«, sagte Miles wehmütig.

Gregor kicherte.

Miles blickte im Garten umher. »Der Posten hier scheint nicht sonderlich hart zu sein, verglichen mit der Insel Kyril.«

»Versuch es allein im Bett um Mitternacht, wenn du dich fragst, wann deine Gene anfangen werden, Monster in deinem Geist zu erzeugen. Wie bei Großonkel Yuri dem Wahnsinnigen. Oder Prinz Serg.« Er warf Miles heimlich einen scharfen Blick zu.

»Ich … weiß über Prinz Sergs … hm … Probleme«, sagte Miles vorsichtig.

»Jedermann scheint davon gewußt zu haben. Außer mir.«

Also war das der Auslöser des ersten echten Selbstmordversuchs des depressiven Gregor gewesen. Der Schlüssel drehte sich im Schloß, klick! Miles versuchte, nicht triumphierend zu wirken, nachdem er plötzlich diese Einsicht gewonnen hatte.

»Wann hast du das herausgefunden? «

»Während der Konferenz auf Komarr. Ich war schon vorher auf Hinweise gestoßen … hatte sie feindlicher Propaganda zugeschrieben.«

Der Tanz auf dem Balkon war dann also eine unmittelbare Reaktion auf den Schock gewesen. Gregor hatte niemanden gehabt, bei dem er sich hätte abreagieren können …

»Ist es wahr, daß er wirklich high wurde, wenn er folterte …«

»Nicht alle Gerüchte, die über Kronprinz Serg erzählt werden, sind wahr«, fiel ihm Miles hastig ins Wort. »Obwohl der wahre Kern … schlimm genug ist. Meine Mutter weiß es. Sie war Augenzeugin von verrückten Dingen, die selbst ich nicht weiß, bei der Invasion von Escobar. Aber sie wird es dir erzählen. Frag sie direkt, dann wird sie es dir direkt erzählen.«

»Das scheint auch in der Familie zu liegen«, räumte Gregor ein.

»Sie wird dir erzählen, wie verschieden du von ihm bist — am Blut deiner Mutter gibt es nichts auszusetzen, ich habe nie etwas gehört —, auf jeden Fall trage ich fast so viele Gene von Yuri dem Wahnsinnigen in mir wie du, durch die eine oder andere Abstammungslinie.«

Gregor grinste. »Gilt das als beruhigend?«

»Mm, mehr nach der Theorie, daß Elend Gesellschaft liebt.«

»Ich fürchte die Macht …« Gregors Stimme wurde leise, nachdenklich.

»Du fürchtest nicht die Macht, du fürchtest es, Leute zu verletzen. Wenn du diese Macht ausübst«, folgerte Miles plötzlich.

»Hm. Ziemlich nah getroffen.«

»Nicht ins Schwarze?«

»Ich fürchte, ich könnte es genießen. Das Verletzen. Wie er.«

Er meinte Prinz Serg. Seinen Vater.

»Quatsch«, sagte Miles. »Ich habe beobachtet, wie mein Großvater jahrelang versucht hat, dich dazu zu bringen, die Jagd zu genießen. Du wurdest gut, vermutlich, weil du gedacht hast, es sei deine Pflicht als Vor, aber du mußtest dich jedesmal fast übergeben, wenn du nur halb getroffen hattest und wir irgendein verwundetes Tier aufspüren mußten. Du magst irgendeine andere Perversion in dir haben, aber nicht Sadismus.«

»Was ich gelesen … und gehört habe«, sagte Gregor, »ist so entsetzlich faszinierend. Ich kann nicht anders, ich muß darüber nachdenken. Ich bekomme es nicht aus dem Kopf.«

»Dein Kopf ist voller Greuel, weil die Welt voller Greuel ist. Schau auf die Greuel, die Cavilo in der Hegen-Nabe angerichtet hat.«