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»Wenn ich sie im Schlaf erdrosselt hätte — wozu ich eine Chance gehabt hatte —, dann hätte sich keiner dieser Greuel ereignet.«

»Wenn sich keiner dieser Greuel ereignet hatte, dann hätte sie es nicht verdient, erdrosselt zu werden. Das ist eine Art von Zeitreiseparadoxon, fürchte ich. Der Pfeil der Gerechtigkeit fliegt nur in eine Richtung. Du kannst es nicht bereuen, sie nicht am Anfang erdrosselt zu haben. Allerdings nehme ich an, daß du es bereuen kannst, sie nicht danach erdrosselt zu haben …«

»Nein … nein … ich werde das den Cetagandanern überlassen, falls die sie einholen, nachdem sie jetzt ihren Vorsprung hat.«

»Gregor, es tut mir leid, aber ich glaube einfach nicht, daß ein Kaiser Gregor der Wahnsinnige möglich ist. Es sind deine Berater, die dabei sind, verrückt zu werden.«

Gregor starrte auf den Tortenteller und seufzte. »Ich fürchte, es würde die Wachen beunruhigen, wenn ich versuchte, dir eine Sahnetorte in die Nase zu schieben.«

»Zutiefst. Du hättest das tun sollen, als wir acht und zwölf Jahre alt waren, damals wärst du damit davongekommen. Die Sahntetorte der Gerechtigkeit fliegt nur in eine Richtung«, kicherte Miles.

Sie erörterten dann einige ungewöhnliche und kindische Dinge, die man mit einem Tablett voller Sahnetorte anstellen könnte, und brachen dabei in Gelächter aus. Gregor brauchte mal eine gute Sahnetortenschlacht, vermutete Miles, wenn auch nur in Worten und in der Phantasie.

Als das Gelächter endlich abebbte und der Kaffee kalt wurde, sagte Miles: »Ich weiß, bei Schmeicheleien kannst du senkrecht die Wand hochgehen, aber verdammt noch mal, du warst wirklich gut in deinem Job. Du mußt das wissen, auf irgendeiner Ebene innen drin, nach den Gesprächen in Vervain. Bleib da dran, ja?«

»Ich denke, ich werde dranbleiben.« Gregors Gabel fuhr kraftvoller in seinen letzten Bissen Nachtisch. »Und du bleibst auch bei dir dran, abgemacht?«

»Was immer es auch sein mag. Ich werde heute nachmittag Simon Illyan treffen, genau wegen dieses Themas«, sagte Miles. Er entschloß sich, doch auf das letzte Stück Torte zu verzichten.

»Du klingst nicht gerade, als seist du deswegen aufgeregt.«

»Ich nehme an, er kann mich nicht degradieren: es gibt keinen Rang unterhalb des Fähnrichs.«

»Du gefällst ihm, was sonst?«

»Er schaute nicht erfreut aus, als ich ihm meinen Einsatzbericht ablieferte. Er schaute mürrisch drein. Sagte nicht viel.« Miles blickte mit einem plötzlichen Verdacht schnell auf Gregor. »Du weißt etwas, nicht wahr? Raus mit der Sprache!«

»Ich darf mich nicht in die Befehlskette einmischen«, sagte Gregor salbungsvoll. »Vielleicht steigst du in ihr auf. Ich habe gehört, daß das Kommando auf Kyril offen ist.«

Miles lief ein Schauder über den Rücken.

Der Frühling war in Vorbarr Sultana so schön wie der Herbst, befand Miles. Er hielt einen Augenblick inne, bevor er zum Haupteingang des großen massiven Gebäudes des Hauptquartiers des Kaiserlichen Sicherheitsdienstes einbog. Der Erdahorn stand immer noch da, unten an der Straße, um die Ecke. Die Nachmittagssonne schien von hinten auf seine jungen Blätter und ließ sie zartgrün leuchten. Die einheimische Vegetation von Barrayar brachte meist nur langweilige Rot- und Brauntöne hervor. Würde er je die Erde besuchen? Vielleicht.

Miles legte den Wachen an der Tür passende Ausweise vor. Ihre Gesichter waren vertraut, sie gehörten zu derselben Mannschaft, die zu beaufsichtigen er während jener endlosen Periode im letzten Winter geholfen hatte — vor nur ein paar Monaten? Es schien länger her zu sein.

Er konnte immer noch ihre Gehaltssummen aufsagen. Sie tauschten Höflichkeiten miteinander aus, aber da sie gute Sicherheitsleute waren, stellten sie nicht die Frage, die in ihren Augen leuchtete: Wo sind Sie gewesen, Sir? Miles wurde für den Weg zu Illyans Büro keine Sicherheitsbegleitung zugeteilt, ein gutes Zeichen.

Jetzt kannte er den Weg.

Er folgte den vertrauten Wendungen in das Labyrinth, hinauf durch die Liftrohre. Der Hauptmann in Illyans äußerem Büro winkte ihn einfach durch und blickte dabei kaum von seiner Komkonsole auf. Das innere Büro war unverändert, Illyans übergroßes Komkonsolenpult war unverändert, Illyan selbst sah … eher müder aus, bleicher. Er sollte eigentlich hinausgehen und etwas von dieser Frühlingssonne aufschnappen, oder? Wenigstens war sein Haar nicht ganz weiß geworden, es war immer noch in etwa dieselbe Mischung von Braun und Grau. Sein Geschmack in Kleidungsfragen war immer noch so fad, daß es fast wie Tarnung aussah.

Illyan deutete auf einen Stuhl — ein weiteres gutes Zeichen, Miles setzte sich sofort hin —, beendete das, was auch immer ihn beschäftigt hatte, und blickte schließlich auf. Er beugte sich nach vorn, stützte seine Ellbogen auf die Komkonsole, verschränkte seine Finger und betrachtete Miles mit einer Art klinischer Mißbilligung, als wäre er ein Datenpunkt, der eine Kurve durcheinanderbrachte, und als müßte Illyan entscheiden, ob er seine Theorie noch retten konnte, indem er Miles als Fehler beim Experiment einstufte.

»Fähnrich Vorkosigan«, seufzte Illyan, »es scheint, Sie haben immer noch ein kleines Problem mit der Unterordnung.«

»Ich weiß, Sir. Ich bedaure.«

»Haben Sie je vor, etwas in dieser Richtung zu tun, außer zu bedauern?«

»Ich kann nichts machen, Sir, wenn mir Leute die falschen Befehle geben.«

»Wenn Sie nicht meine Befehle befolgen können, dann möchte ich Sie nicht in meiner Abteilung haben.«

»Nun ja … ich dachte, ich hätte die Befehle befolgt. Sie wollten eine militärische Einschätzung der Hegen-Nabe. Ich habe sie erstellt. Sie wollten wissen, woher die Destabilisierung kam. Ich habe es herausgefunden. Sie wollten die Dendarii Söldner aus der Nabe heraushaben. Die werden sie in etwa drei Wochen verlassen, wie ich höre. Sie fragten nach Ergebnissen. Sie haben sie bekommen.«

»Jede Menge«, murmelte Illyan.

»Ich gebe zu, ich hatte keinen direkten Befehl, Gregor zu retten, ich nahm einfach an, daß Sie das wollten, Sir.«

Illyan forschte in Miles’ Gesicht nach Ironie, und er preßte die Lippen zusammen, als er sie anscheinend fand. Miles versuchte, sein Gesicht ausdruckslos zu halten, obwohl es beträchtliche Mühe bedeutete, ausdrucksloser als Illyan zu erscheinen.

»Wie ich mich erinnere«, sagte Illyan (und Illyans Gedächtnis war eidetisch, dank einem illyricanischen Biochip), »habe ich diesen Befehl Hauptmann Ungari erteilt. Ihnen gab ich nur einen einzigen Befehl. Können Sie sich daran erinnern, was das war?«

Diese Frage wurde in dem gleichen ermutigenden Ton gestellt, den man gegenüber einem Sechsjährigen gebrauchen mochte, der gerade lernte, seine Schnürsenkel zu binden.

Der Versuch, Illyan an Ironie zu übertreffen, war so gefährlich wie der Versuch, ihn an Ausdruckslosigkeit zu übertreffen.

»Hauptmann Ungaris Befehlen zu gehorchen«, erinnerte Miles sich widerstrebend.

»Genau so.« Illyan lehnte sich zurück. »Ungari war ein guter, zuverlässiger Detektiv. Wenn du es verpfuscht hättest, dann hättest du ihn mit dir hinabgezogen. Der Mann ist jetzt halb ruiniert.«

Miles machte kleine abwehrende Gesten mit der Hand. »Er traf die korrekten Entscheidungen, für seine Ebene. Sie können ihm keinen Vorwurf machen. Es ist nur … die Dinge wurden zu wichtig für mich, als daß ich weiter einen Fähnrich hätte spielen können, als der Mann, der gebraucht wurde, Lord Vorkosigan war.« Oder Admiral Naismith.

»Hm«, sagte Illyan. »Und doch … wem soll ich dich jetzt zuweisen? Welchem loyalen Offizier wird als nächstem seine Karriere zerstört?«

Miles dachte darüber nach. »Warum unterstellen Sie mich nicht direkt sich selbst, Sir?«

»Danke«, sagte Illyan trocken.