Laß nicht zu, daß sie Dir Schmerz bereiten, Michael. Hilf mir, sie aus unserer Welt zu vertreiben. Du weißt, daß Dein Gott mein Gott ist, und daß ich Dein Weib und Deine Frau bin, im Fleisch und im Geist und in der Wahrheit. Ich verbringe die Zeit damit, auf meinem Bett zu liegen und die Augen zu schließen und an das zu denken, was sein wird, wenn ich dieses Haus verlasse - und an die vielen guten Jahre, die ich mit Dir gelebt habe. Küß die Kinder von mir. Ich liebe Dich so sehr,
Leslie
Er las den Brief viele Male.
Es war bemerkenswert, daß sie den Familiennamen des jungen vergessen hatte. Phillipson hatte er geheißen. Roger Phillipson. Sie hatte ihm den Namen nur einmal genannt, aber er hatte ihn nie mehr vergessen. Und vor sieben Jahren, während er im Haus eines Amtskollegen in Philadelphia auf das Abendessen wartete und das Gedenkbuch zur Zehn-Jahres-Feier der Harvard-Klasse seines Gastgebers durchblätterte, war ihm der Name plötzlich in die Augen gesprungen: er stand unter einem Gesicht, das mit der Aufrichtigkeit des Versicherungsagenten lächelte. Teilhaber: Folger, Folger, Phillipson, Paine & Yeager Versicherungsgesellschaft, Walla Walla, Wash., Gattin: eine geborene Sowieso aus Springfield, Mass. Drei Töchter mit nordischen Namen, im Alter von sechs, vier und eineinhalb Jahren. Hobbies: Segeln, Fischen, jagen, Statistik. Klubs, Universität, Lions, Rotary, noch zwei, drei andere. Lebenszieclass="underline" beim fünfzigsten Klassentreffen Fußball zu spielen. Ein paar Wochen später, zum Jom Kippur in seinem eigenen Tempel, hatte er bereut und fastend Buße getan und Gott um Vergebung gebeten für die Gefühle, die er gegen den lächelnden Mann auf dem Bild gehegt hatte. Er hatte für Roger gebetet und ihm ein langes Leben und ein kurzes Gedächtnis gewünscht.
Michaels Besorgnis um Max war nach dem Brief eher noch größer geworden.
In dieser Nacht, wach liegend in seinem Messingbett, versuchte er sich zu erinnern, wie sein Sohn als Baby und als kleiner junge ausgesehen hatte. Max war ein häßliches Kind gewesen, das nur durch sein Lächeln manchmal verschönt wurde. Seine Ohren lagen nicht flach am Kopf an, sie waren abstehend wie -wie heißen die Dinger nur, Schalldämpfer? Seine Wangen waren voll und weich gewesen.
Und heute, dachte Michael, sucht man in seiner Brieftasche nach einer Marke und entdeckt, daß er ein Brocken von einem Mann mit sexuellen Wünschen ist. Er brütete noch immer über dieser Entdeckung.
Seine Phantasie wurde dadurch beflügelt, daß Max vor zwanzig Minuten mit Dessainae Kaplan nach Hause gekommen war. Michael hörte, daß sie im Wohnzimmer waren. Leises Lachen. Und vielerlei andere Geräusche. Welches Geräusch macht das Herausziehen einer Brieftasche? Michael ertappte sich dabei, daß er mit gespannten Sinnen auf dieses Geräusch lauschte. Laß die Brieftasche, wo sie ist, mein Sohn, bat er stumm. Dann begann er plötzlich zu schwitzen.
Aber wenn du schon so blöd sein mußt, mein Sohn, dachte er, dann paß wenigstens auf und hol die Brieftasche heraus.
Sechzehn, dachte er.
Endlich stand er auf, zog seinen Schlafrock und Hausschuhe an. Auf der Stiege konnte er sie deutlicher hören.
»Ich will nicht«, sagte Dessamae. »So komm doch, Dess.«
Michael blieb auf halbem Weg stehen, stand wie erstarrt im dunklen Stiegenhaus. Einen Augenblick später hörte er ein leises Geräusch, regelmäßig und rhythmisch. Am liebsten wäre er davongelaufen. »Das ist so angenehm... Ah, ist das gut.«
»So?«
»Hmmm. . . Hey -«
Sie lachte kehlig. »Jetzt kratz du mir den Rücken, Max.«
Du alter Dreckskerl, sagte Michael zu sich, du schäbiger Voyeur in mittleren Jahren. Fast stolpernd, eilte er die Stiegen hinunter und stand plötzlich im Wohnzimmer, blinzelnd in der Helle. Sie saßen mit gekreuzten Beinen auf dem Teppich vor dem Kamin. Dessamae hielt den elfenbeinernen chinesischen Rückenkratzer in der Hand.
»Guten Tag, Rabbi«, sagte sie. »Tag, Dad.«
Michael begrüßte sie - aber er konnte ihnen nicht in die Augen sehen. Er ging in die Küche und goß Tee auf. Als er bei der zweiten Tasse war, kamen die beiden ihm nach und leisteten ihm Gesellschaft. Später ging Max weg, um Dessamae nach Hause zu begleiten, und Michael kroch in sein Messingbett und tauchte in den Schlaf wie in ein warmes Bad.
Das Telephon weckte ihn. Er erkannte Dan Bernsteins Stimme. »Was ist los?«
»Nichts. Ich glaube, es ist nichts. Ist Leslie bei Ihnen?« »Nein«, sagte er, plötzlich schmerzhaft wach.
»Sie ist vor ein paar Stunden hier weggegangen.« Michael setzte sich im Bett auf.
»Es hat einen kleinen Auftritt zwischen zwei Patientinnen gegeben. Mrs.
Seraphin hat Mrs. Birnbaum mit so einem kleinen Taschenmesser verletzt. Gott weiß, wo sie es hergenommen hat. Wir versuchen gerade, der Sache auf den Grund zu kommen.«
Dr. Bernstein machte eine Pause und sagte dann hastig: »Leslie hatte mit der ganzen Geschichte überhaupt nichts zu tun. Aber das war der einzige Augenblick, wo sie unbemerkt hinauskommen konnte; es kann zu keiner anderen Zeit gewesen sein.« »Wie geht es Mrs. Birnbaum?«
»Alles in Ordnung. Solche Sachen passieren eben.«
»Warum haben Sie mich nicht sofort angerufen?« fragte Michael. »Man hat jetzt erst bemerkt, daß Leslie nicht da ist. Sie müßte schon dort sein, wenn sie nach Hause gegangen wäre«, bemerkte der Psychiater nachdenklich. »Sogar zu Fuß.«
»Besteht irgendeine Gefahr?«
»Ich glaube nicht«, sagte Dr. Bernstein. »Ich habe Leslie heute gesehen.
Sie ist in keiner Weise suizidgefährdet oder gemeingefährlich. Sie ist wirklich eine recht gesunde Frau. In zwei oder drei Wochen hätten wir sie nach Hause geschickt.«
Michael stöhnte. »Wenn sie jetzt zurückkommt - bedeutet das, daß die Internierung länger dauern wird?«
»Warten wir's ab. Es gibt Patienten, die aus sehr normalen Ursachen ausreißen. Wir müssen erst einmal sehen, was sie vorgehabt hat.«
»Ich werde sie suchen gehen.«
»Es sind ein paar Wärter unterwegs, die nach ihr Ausschau halten. Jetzt könnte sie freilich schon in einem Bus oder in einem Zug sitzen.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Michael. »Warum sollte sie das tun?« »Ich weiß ja nicht, warum sie weggegangen ist«, sagte Dr. Bernstein. »Wir müssen abwarten. Routinegemäß verständigen wir die Polizei.«
»Wie Sie glauben.«
»Ich rufe Sie an, sobald ich etwas weiß«, sagte Dan.
Michael hängte den Hörer ab, zog sich warm an und nahm die große Taschenlampe aus dem Werkzeugschrank.
Rachel und Max waren bereits zu Bett. Michael ging in das Zimmer seines Sohnes. »Max«, sagte er, »wach auf.« Er rüttelte Max an der Schulter, und der Junge schlug die Augen auf. »Ich muß noch weggehen.
Gemeindeangelegenheiten. Paß auf deine Schwester auf.«
Max nickte schlaftrunken.
Die Uhr unten im Vorraum zeigte halb zwölf. An der Tür zog er seine Stiefel an, dann ging er um das Haus herum zum Wagen. Sein Schritt knirschte im frischen Schnee.
Ein leises Geräusch in der Dunkelheit.
»Leslie?« fragte er und knipste die Taschenlampe an. Eine Katze sprang von der Abfalltonne und flüchtete ins Dunkel.
Er ließ den Wagen im Rückwärtsgang aus der Zufahrt rollen und fuhr dann sehr langsam die ganze Strecke vom Haus bis zum Spital ab. Dreimal hielt er an, um seine Scheinwerfer auf Schatten zu richten.
Er begegnete keinem Fußgänger und nur zwei Autos. Vielleicht hat sie jemand im Wagen mitgenommen, dachte er.
Auf dem Krankenhausgelände angekommen, parkte er an einer Stelle, die Aussicht auf den See gewährte, und stapfte dann durch den Schnee hinunter zum Strand und hinaus auf das Eis. Vor zwei Jahren waren zwei College-Studenten nach ihrer Aufnahme in eine Fraternity blindlings quer über den See gegangen, waren im dünnen Eis eingebrochen, und einer war ertrunken; der Neffe von Jake Lazarus, erinnerte sich Michael. Aber diesmal schien das Eis dick und tragfähig. Er ließ das Licht seiner Taschenlampe über die weiße Fläche spielen und sah nichts.