Nein, dachte er, während er, schon im Pyjama, in der Küche saß und wartete, daß seine Frau aus dem Bad käme, damit er seine Pflicht täte: wie ein gelangweilter Arzt, der eine Injektion verabreicht, ein Milchmann, der stur seine Ware abliefert, ein Briefträger, der die Post einwirft, eine Arbeitsbiene, die sich müht, ihren Pollen abzustreifen - in einer unbequemen Lage, die Dr. Reisman Schenkelspreizstellung nannte, wobei Michael, die sanft gebräunten Beine Leslies auf den Schultern, in die nach oben sich öffnende Vagina hineinstoßen durfte, in einer Lage, die größtmögliche Empfängnischancen garantierte.
Garantierte! Nach Dr. Reisman und der Zeitschrift Good House keeping.
Nachdenklich trat er an den Küchentisch und sah die heutige Privatpost durch. Nichts als Rechnungen. Und dazwischen Felix Sommers' erster Spendenaufruf. Michael goß sich ein Glas Milch ein und setzte sich wieder an den Tisch.
Liebes Gemeindemitglied,
fast siebenhundert Gründe sprechen dafür, daß die Gemeinde des Tempels Emeth eine neue Heimstätte bekommen soll. Sie und Ihre Familie sind einer davon.
Die Zahl dieser Gründe nimmt ständig zu, und ihr Wachstum wird sich in naher Zukunft vervielfachen.
Innerhalb eines Zeitraumes von wenig mehr als drei Jahren hat die Zahl unserer Gemeindemitglieder sich verdoppelt. In zwölf Nachbargemeinden, die keinen Tempel ihr eigen nennen, entstehen zur Zeit Hunderte neuer Wohnungen. Bei Aufnahme auch nur eines Bruchteils der heute noch abseits stehenden Familien ist zweifellos mit einem ähnlich starken Wachstum während der kommenden Jahre zu rechnen ...
Im Badezimmer wurde die Brause abgedreht. Das Klicken der Metallringe verriet Michael, daß der Vorhang zurückgeschoben wurde. Dann hörte er Leslie aus der Wanne steigen.
... Nun liegen die Dinge leider aber so, daß wir gegenwärtig nicht einmal den Bedürfnissen unserer derzeitigen Mitglieder Rechnung tragen können.
Unserer Hebräischen Schule ermangelt einfach alles, was eine Erziehungsanstalt erst zu einer solchen macht. Unser Gotteshaus ist nichts als eine große Halle ohne Betbänke und muß uns für Bankette ebenso dienen wie als Vortragssaal, als Karnevalsdiele und als Unterrichtsraum. Die hohen Feiertage zwingen uns dazu, täglich zwei Gottesdienste abzuhalten und dadurch gerade bei den feierlichsten Anlässen Verwandte von Verwandten zu trennen. Viel zu viele Familien- ssimchess wie Trauungen und bar-mizwes müssen außerhalb des Tempels stattfinden. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Unsere Speiseräume sind zu klein und zu schäbig; die Küche ist eng und mangelhaft ausgestattet; die Helfer sind dadurch in der Arbeit gehindert.
Aus all dem geht klar hervor, daß wir ein neues Haus brauchen. Ein Architekt ist schon beauftragt, es für uns zu entwerfen. Damit aber unser Traum Gestalt annehme, bedarf es des Opfers jedes einzelnen. Wollen nicht auch Sie sich Gedanken machen über die angemessene Höhe Ihres persönlichen Beitrages? Ein Mitglied des Bauausschusses wird Sie in den nächsten Tagen besuchen. Wenn Sie geben, denken Sie daran, daß es nicht für Fremde ist, sondern für uns und unsere Kinder.
Ihr ergebener Felix Sommers m. p., Vorsitzender des Bauausschusses
Dem Brief lag eine Pappskala mit kleinem Schiebefenster bei, das die Aufschrift »Ihr Jahreseinkommen« trug. Michael schob das Fenster bis zur Elftausender-Marke und mußte so erfahren, daß ihm bei seinem Einkommen dreieinhalbtausend Dollar zugemutet wurden. Unangenehm überrascht, warf er den Brief auf den Tisch.
Gleichzeitig hörte er Leslie ins Schlafzimmer eilen; gleich darauf knarrte das Bett.
»Michael«, rief sie leise.
Nein, man konnte von niemandem ein Drittel des Einkommens verlangen. Wie viele Gemeindemitglieder würden da mitmachen können? Offensichtlich verlangte man mehr, als man erwartete, um dadurch die tatsächlichen Spenden über das normale Ausmaß zu steigern.
Das machte ihm Sorgen; es ist kein guter Start, dachte er. »Michael«, rief Leslie von nebenan.
»Jawohl«, sagte er.
»Es geht nur so«, erklärte Sommers ihm anderntags, als Michael gegen den Wortlaut des Spendenaufrufs protestierte. »Auch andere Gemeinden haben diese Erfahrungen gemacht.«
»Nein«, sagte Michael. »Das gehört sich nicht, Felix. Machen wir uns nichts vor.«
»Jedenfalls, wir haben einen Spezialisten dafür aufgenommen, dessen Beruf es ist, Baukapitalien auf reelle Weise zu beschaffen.
Ich glaube, wir sollten ihm dabei völlig freie Hand lassen.« Michael nickte erleichtert.
Am übernächsten Tag erschien der Experte im Tempel Emeth.
Seine Geschäftskarte wies ihn als Archibald S. Kahners aus, von der Firma Hogan, Kahners & Cantwell, Kapitalbeschaffung für Kirchen-, Synagogen- und Spitalsbau, 1611, Industrial Banker Building, Philadelphia, Pennsylvania, 10133.
Nachdem er den Einlaßknopf gedrückt hatte, machte er sich ans Ausladen dreier großer Kisten, die im Gepäcksraum des neuen schwarzen Buick-Kombi verstaut waren. In drei Etappen wurden sie ins Haus geschafft. Die Packen waren schwer, und nach der dritten Tour war man in Schweiß geraten. Sobald alle Kisten in Michaels Büro standen, ließ Kahners sich in einen Stuhl fallen und schloß die Augen. Wie ein aus den Fugen gegangener Lewis Stone, dachte Michaeclass="underline" grauhaarig, mit rötlichem Gesicht und ein wenig zu dick, so daß der Hals schon etwas zu sehr über den Kragen des gutgeschnittenen Hemdes hinaustrat. Schuhe und grauer Tweedanzug - bestes Material - sollten betont englisch wirken.
»Was wir auf keinen Fall wollen, ist eine Hochdruck-Kampagne, Mr.
Kahners«, sagte Michael. »Wir wollen die Gemeindemitglieder nicht vor den Kopf stoßen.«
»Mein lieber Rabbi - äh -«, sagte Kahners, woraus Michael ersah, daß jener seinen Namen vergessen hatte.
»Kind.«
»Natürlich - Kind. Mein lieber Rabbi Kind, darf ich Ihnen sagen: die Firma Hogan, Kahners & Cantwell hat schon die Kapitalien für den Bau von zweihundertdreiundsiebzig katholischen und protestantischen Kirchen beschafft, und für dreiundsiebzig Spitäler, und für hundertdreiundneunzig Synagogen und Tempel. Schauen Sie, es ist unser Geschäft, große Beträge zu beschaffen, und wir haben todsichere Methoden entwickelt, die den Erfolg garantieren. Und darum, Rabbi - äh -, also, ich glaube, Sie überlassen alles Weitere am besten mir.«
»Und wie kann ich Ihnen dabei behilflich sein, Mr. Kahners?« »Sie machen mir eine Liste von sechs Namen. Ich möchte mich mit den sechs Leuten zusammensetzen, die mir alles über Ihre Gemeindemitglieder erzählen können. Also, was jeder so im Jahr verdient, was er ist, wie alt er ist, wie er wohnt, wie viele und welche Wagen er hat, auf welche Schule er seine Kinder schickt, wohin er auf Urlaub fährt und so weiter. Und außerdem brauche ich noch eine Liste der hiesigen Spender für den United Jewish Appeal.«
Michael sah abermals auf die Geschäftskarte. »Werden auch Mr.
Hogan und Mr. Cantwell Sie in Ihrer Kampagne hier unterstützen?«
»John Hogan ist schon seit zwei Jahren tot. Seither bearbeitet ein Angestellter die katholische Sparte.« Kahners blickte an sich hinunter und bemerkte dabei einen Schmutzfleck auf seinem grauen Anzug sowie ein winziges Stück braunes Papier von den Pappkartons auf seiner Krawatte. Er schnipste das Papier weg und bearbeitete den Fleck mit dem Taschentuch, wodurch der Fleck nur noch größer wurde. »Und meinen protestantischen Partner brauche ich nicht. Es handelt sich doch nur um vierhunderttausend Dollar«, sagte er.
Der Vervielfältigungsapparat und die beiden Schreibmaschinen trafen schon am nächsten Morgen ein, und am Nachmittag desselben Tages saßen die beiden Sekretärinnen bereits hinter ihren Klapptischchen und tippten Namenslisten. Das Geklapper trieb Michael aus seinem Büro, und er machte sich auf seine Seelsorgegänge. Als er dann um fünf Uhr nachmittags den Tempel wieder betrat, lag dieser verlassen und in gähnender Stille. Papiere bedeckten den Boden, die Aschenbecher quollen über, und die Kaffeebecher hatten zwei häßliche Ringe auf seinem Mahagonischreibtisch hinterlassen.