Es ist uns klar.
«Sie müssen sich überlegen, wo Sie anschließend hinwollen.«
Ich würde sie liebend gern in meine Wohnung bringen, aber darüber haben wir noch nicht gesprochen.
«Wie viele Frauen sind hier?«frage ich.
«Heute fünf. Kelly, Sie werden Ihr eigenes Zimmer mit Bad haben. Das Essen ist in Ordnung, drei Mahlzeiten am Tag. Sie können allein in Ihrem Zimmer essen oder zusammen mit den anderen. Bei uns gibt es weder medizinische noch juristische Beratung. Wir veranstalten keine therapeutischen Sitzungen. Alles, was wir anzubieten haben, sind Liebe und Schutz. Sie sind hier vollkommen sicher. Niemand wird Sie finden. Und auf dem Gelände patrouilliert ein bewaffneter Wachmann.«
«Darf er mich besuchen?«fragt Kelly, mit einem Kopfnicken auf mich deutend.
«Wir erlauben nur einen Besucher zur Zeit, und jeder Besuch muß vorher vereinbart werden. Rufen Sie vorher an, und vergewissern Sie sich, daß Sie nicht verfolgt werden. Die Nacht können Sie nicht hier verbringen, tut mir leid.«
«Das geht in Ordnung«, sage ich.
«Noch Fragen? Wenn nicht, führe ich Kelly jetzt herum. Sie dürfen heute abend wiederkommen.«
Der Hinweis ist klar und deutlich. Ich verabschiede mich von Kelly und verspreche ihr, später am Abend zurückzukehren. Sie bittet mich, eine Pizza mitzubringen.
Während ich davonfahre, ist mir, als hätte ich sie im Untergrund abgeliefert.
Ein Reporter von einer Zeitung in Cleveland erwischt mich auf dem Flur vor dem Gerichtssaal und möchte mit mir über Great Benefit reden. Ob ich gehört hätte, daß der Generalstaatsanwalt von Ohio gegen die Gesellschaft ermitteln soll? Ich sage nichts. Er folgt mir in den Gerichtssaal. Deck sitzt allein am Tisch der Anklage. Die Anwälte der Verteidigung auf der anderen Seite erzählen sich Witze. Keine Spur von Kipler. Alles wartet.
Butch hat Cliff Riker die Papiere ausgehändigt, als er gerade zur Mittagspause gehen wollte. Riker ist ausfällig geworden. Butch erklärte sich bereit, seine Fäuste zu gebrauchen, und Riker verschwand eiligst. Auf der Vorladung steht mein Name, und von jetzt an werde ich auf der Hut sein.
Andere Leute dritten herein, als es auf zwei Uhr zugeht. Booker erscheint und setzt sich zu uns. Cooper Jackson, Hurley und Grunfeld kehren von einem ausgedehnten Lunch zurück. Sie haben mehrere Drinks intus. Der Reporter setzt sich in die hinterste Reihe. Niemand will mit ihm reden.
Es gibt massenhaft Theorien über die Beratungen von Geschworenen. In einem Fall wie diesem sollte eine schnelle Einigung zugunsten der Anklage zustande kommen. Wenn es lange dauert, bedeutet das, daß sich die Jury festgefahren hat. Ich höre mir diese unbegründeten Spekulationen an und kann einfach nicht stillsitzen. Ich gehe hinaus, um ein Glas Wasser zu trinken, dann zur Toilette, dann zur Snackbar. Herumlaufen ist besser, als im Gerichtssaal zu sitzen. In meinem Magen herrscht Chaos, und mein Herz hämmert wie ein Kolben.
Booker kennt mich besser als irgend jemand sonst, und er leistet mir Gesellschaft. Er ist ebenfalls nervös. Wir wandern ziellos auf den marmorverkleideten Fluren herum und schlagen die Zeit tot. Und warten. In aufreibenden Zeiten tut es gut, wenn man Freunde um sich hat. Ich danke ihm für sein Kommen. Er sagt, das hätte er um nichts auf der Welt versäumen wollen.
Um halb vier bin ich überzeugt, daß ich verloren habe. Es hätte eine Volltrefferentscheidung sein müssen, eine simple Angelegenheit, bei der es nur darum ging, einen Prozentsatz zu bestimmen und die Summe zu errechnen. Vielleicht war ich zu zuversichtlich. Mir fällt eine fürchterliche Geschichte nach der anderen über erbärmlich niedrige Urteile in diesem County ein. Ich bin im Begriff, zu einer Zahl in einer Statistik zu werden, ein weiteres Beispiel dafür, weshalb ein Anwalt in Memphis jedes halbwegs vernünftige Vergleichsangebot annehmen sollte. Die Zeit vergeht nervenaufreibend langsam.
Dann höre ich, wie irgend jemand weit entfernt meinen Namen ruft. Es ist Deck, vor der Tür des Sitzungssaals, der mich hektisch zu sich winkt.»Oh, mein Gott«, sage ich.
«Nicht aufregen«, sagt Booker, dann stürmen wir beide zum Gerichtssaal. Ich hole tief Luft, spreche ein Stoßgebet und gehe hinein. Drummond und die vier anderen sitzen auf ihren Stühlen. Dot sitzt an meinem Tisch. Alle anderen sind auf ihren Plätzen. Die Geschworenen kehren in den Saal zurück, während ich durch die Pforte in den Schranken gehe und mich neben meiner Mandantin niederlasse. Den Gesichtern der Geschworenen ist nichts zu entnehmen. Als alle sitzen, fragt Seine Ehren:»Hat die Jury ein Urteil gefällt?«
Ben Charnes, der junge schwarze College-Absolvent und Sprecher der Jury, sagt:»Das hat sie, Euer Ehren.«
«Ist es meinen Anordnungen entsprechend auf Papier niedergeschrieben?«
«Ja, Sir.«
«Bitte stehen Sie auf, und lesen Sie es vor.«
Charnes erhebt sich langsam. Er hat ein Blatt Papier in der Hand, das sichtbar zittert, aber nicht so heftig wie meine Hände. Das Atmen fällt mir schwer. Ich bin so benommen, daß ich fürchte, ohnmächtig zu werden. Dot dagegen ist erstaunlich gelassen. Sie hat ihren Kampf gegen Great Benefit gewonnen. Sie haben vor Gericht und in aller Öffentlichkeit zugegeben, daß sie ein Unrecht begangen haben. Das ist das einzige, worauf es ihr ankam.
Ich bin entschlossen, keine Miene zu verziehen und keinerlei Gefühle zu zeigen, einerlei, wie das Urteil ausfällt. Das tue ich auf die Weise, die man mir beigebracht hat. Ich kritzele auf meinem Notizblock herum. Ein rascher Blick nach links verrät mir, daß alle fünf Anwälte der Verteidigung dieselbe Strategie befolgen.
Charnes räuspert sich und liest:»Wir, die Geschworenen, geben der Klage statt und verhängen einen Schadenersatz in Höhe von zweihunderttausend Dollar. «Dann folgt eine Pause. Alle Augen ruhen auf dem Blatt Papier. Bisher keine Überraschungen. Er räuspert sich abermals, dann sagt er:»Und wir, die Geschworenen, geben der Klage statt und verhängen eine Geldstrafe von fünfzig Millionen Dollar.«
Hinter mir höre ich ein Aufkeuchen, und ich bemerke ein allgemeines Versteifen am Tisch der Verteidigung, aber sonst ist ein paar Sekunden lang alles ruhig. Die Bombe landet, explodiert, und nach einer kurzen Verzögerung bricht bei allen eine rasche Suche nach tödlichen Verletzungen aus. Nachdem keine entdeckt worden sind, ist es möglich, wieder zu atmen.
Ich schreibe diese Summen tatsächlich auf meinen Block, aber das Gekritzel ist unleserlich. Ich weigere mich zu lächeln, obwohl ich mir, um das zu schaffen, ein Loch in die Unterlippe beiße. Es gibt eine Menge Dinge, die ich gern täte. Ich würde liebend gern auf den Tisch springen und einen Freudentanz aufführen. Ich würde liebend gern zur Bank der Geschworenen rennen und ihnen die Füße küssen. Ich würde liebend gern zum Tisch der Verteidigung stolzieren und ihnen ein paar gemeine, höhnische Worte an den Kopf werfen. Ich würde liebend gern aufs Podium springen und Tyrone Kipler umarmen.
Aber ich bewahre Haltung und flüstere nur meiner Klientin» Herzlichen Glückwunsch «zu. Sie sagt nichts. Ich schaue zum Richtertisch hinauf, und Seine Ehren betrachtet das schriftliche Urteil, das der Gerichtsdiener ihm ausgehändigt hat. Ich schaue zu den Geschworenen, und die meisten von ihnen schauen mich an. Jetzt ist es mir unmöglich, nicht zu lächeln. Ich nicke und bedanke mich wortlos.
Ich zeichne ein Kreuz auf meinen Block, und darunter schreibe ich den Namen — Donny Ray Black. Ich schließe die Augen und rufe mir mein Lieblingsbild von ihm wieder ins Gedächtnis. Ich sehe ihn, wie er während des Softballspiels auf dem Klappstuhl sitzt, Popcorn ißt und lächelt, nur weil er dort ist. In meiner Kehle bildet sich ein Klumpen, und meine Augen werden feucht. Er hätte nicht sterben müssen.
«Das Urteil scheint in Ordnung zu sein«, sagt Kipler schließlich. In allerbester Ordnung, würde ich sagen. Er wendet sich an die Geschworenen, dankt ihnen für die Erfüllung ihrer Bürgerpflicht, teilt ihnen mit, daß ihre bescheidenen Schecks nächste Woche zur Post gehen werden, bittet sie, mit niemandem über den Fall zu reden, sagt, sie könnten jetzt gehen. Unter der Aufsicht des Gerichtsdieners verlassen sie zum letzten Mal den Saal. Ich werde sie nie wiedersehen. Im Augenblick würde ich am liebsten jedem von ihnen eine glatte Million schenken.