Der Sklavenhändler kniete neben dem Bett nieder. Robin hätte ihn in diesem Moment mit der ausgestreckten Hand berühren können, doch nicht das war ihr Problem: Ihr Herz hämmerte so laut, dass Omar es eigentlich kaum überhören konnte.
»Lass sie gehen«, stammelte Naida. »Das Christenmädchen... lass sie... gehen. Die Haschisch-Anbeter werden über uns kommen! Du musst sie fortschicken.«
»Arme Nana«, sagte Omar. »Du hast Fieber. Trink das. Das wird die Dämonen vertreiben, die dich quälen.« Wieder wechselte er seine Position. Robin vermutete, dass er sich auf die Bettkante gesetzt hatte, um Naida in den Arm zu nehmen und ihr den Schlaftrunk einzuflößen. Für eine kleine Weile wurde seine Stimme so leise, dass Robin die Worte nicht verstehen konnte, aber sie klang jetzt so sanft und besorgt wie die eines Sohnes, der am Bett seiner sterbenskranken Mutter sitzt. Schließlich beugte sich Omar vor und stellte einen schlanken silbernen Becher auf den Boden direkt neben dem Bett. »Du musst jetzt schlafen, Nana«, sagte er.
»Nein«, stammelte Naida. »Dummer Junge. Du weißt nicht, was du... was du tust. Du musst nach dem Imam schicken. Er soll die heiligsten Suren des Korans und den Namen des Propheten auf Papierstreifen schreiben. Du musst sie an allen Türen und Fenstern befestigen, Junge...«, Naidas Stimme wurde schwächer, »... dann werden die Schatten nicht...« Ihre Stimme wurde leiser und verebbte schließlich vollends, und nur einen Augenblick später beruhigten sich auch ihre keuchenden Atemzüge. Robin hoffte, dass sie eingeschlafen war.
Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass Omar nun ebenfalls aufstehen und gehen würde, doch der Sklavenhändler blieb noch eine schiere Ewigkeit reglos sitzen. Schließlich beugte er sich im Sitzen vor. Seine Finger tasteten über den Boden, näherten sich Robins Gesicht bis auf wenige Zoll und fanden endlich den Silberbecher, nach dem sie gesucht hatten. Robin zitterte am ganzen Leib. Endlich erhob sich Omar und schritt gemächlich auf die Tür zu.
Er verließ den Raum jedoch nicht sofort, sondern blieb noch einmal stehen und wandte sich ganz langsam um. Trotz der Dunkelheit konnte Robin aus ihrem Versteck heraus deutlich sein Gesicht erkennen. Gerne hätte sie den Ausdruck, der darauf lag, als Berechnung gedeutet, als Herablassung oder Gnadenlosigkeit, aber alles, was sie in den Zügen des schlanken Arabers las, war tiefste Qual und unendliches Mitleid, und das im wortwörtlichen Sinne. Was Omar sah, bereitete ihm mindestens so große Qual wie Fieber und Schmerzen der alten Sklavin. Robin verstand diesen Mann nicht mehr. Seine Worte waren nicht gelogen gewesen, weder die, die er am Morgen zu ihr gesagt hatte, noch die soeben gesprochenen. Aber war es denn möglich, dass ein Mensch gleichzeitig so grausam und gnadenlos wie ein Teufel und so sanftmütig und zärtlich wie ein liebender Sohn sein konnte?
Endlich drehte sich Omar ruckartig um und verließ den Raum. Robin wartete einen Moment mit angehaltenem Atem und hämmerndem Herzen auf das Geräusch eines von außen vorgelegten Riegels, doch zu ihrer Erleichterung vernahm sie nichts anderes als Omars sich rasch entfernende Schritte. Trotzdem blieb sie noch geraume Zeit in ihrem Versteck unter dem Bett liegen.
Endlich richtete sie sich auf und beugte sich noch einmal über Naida. Die Sklavin war eingeschlafen. Ihre Lippen bebten und ihre Hände, die über der dünnen seidenen Bettdecke lagen, mit der Omar sie sorgsam zugedeckt hatte, zitterten sichtbar. Immerhin ließ der Trank sie schlafen und ersparte ihr wenigstens für einige wenige, kostbare Stunden die schlimmste Qual. Dennoch zog sich Robins Herz in ihrer Brust zusammen, als sie in Naidas eingefallenes Gesicht hinabsah. Wieder glomm der Gedanke, Omar zu töten, in ihr auf. Und gleichzeitig verspürte sie den Wunsch, die sonderbaren Gefühle, die sie dem Sklavenhändler plötzlich entgegenbrachte, niederzukämpfen.
Lautlos trat sie vom Bett zurück, huschte zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit. Der Gang draußen war so dunkel und leer wie vorhin. Omar war gegangen, und auch der Wächter war nicht zurückgekehrt.
Du musst fliehen!, hatte Naida gesagt. Und das würde sie, jedoch nicht heute Nacht. Sie hatte mehr Glück als Verstand gehabt, unbehelligt so weit gekommen zu sein, und sie würde das Schicksal nicht noch weiter herausfordern.
Nicht heute. Aber bald.
Am nächsten Nachmittag, noch bevor Harun al Dhin zum Unterricht erschien, erhielt Robin ein Geschenk. Die beiden schweigsamen Sklavinnen, die sonst ihr Essen brachten, trugen ein mit feinstem Linnen abgedeckten, sehr großen, aber offensichtlich nicht sehr schweren Gegenstand herein. Ihnen folgte ein Angehöriger der Wache, der ein niedriges Tischchen mit einer kostbaren Intarsienplatte vor sich her balancierte, das er an der Wand unmittelbar neben dem Fenster abstellte. Robin verzichtete darauf, die Sklavinnen oder den Krieger irgendetwas zu fragen. Die einen konnten nicht antworten, der andere würde es ganz bestimmt nicht tun. Sie platzte innerlich fast vor Neugierde, beherrschte sich aber und wartete, bis die beiden jungen Frauen ihre Last auf dem Tischchen abgeladen hatten und die Kammer wieder verließen. Der Krieger blieb beim Hinausgehen noch einmal unter der Tür stehen und maß sie mit einem sonderbaren Blick.
»Was habt Ihr?«, fragte Robin.
»Mein Herr, Omar Khalid ben Hadschi Mustapha Khalid schickt Euch das zum Geschenk.« Der Krieger sprach schleppend und in so gebrochenem Arabisch, dass Robin alle Mühe hatte, ihn zu verstehen. »Ich soll Euch ausrichten, dass er hofft, Euch damit die langen Stunden des Alleinseins ein wenig zu versüßen.«
Robin warf einen verwirrten Blick auf den mit Leinentüchern abgedeckten Gegenstand, dann in das Gesicht des Wächters. Sie hatte das sichere Gefühl, dass er noch mehr sagen wollte, dann aber wandte er sich plötzlich um und verließ rasch den Raum. Als er die Tür hinter sich zuzog, konnte sie das Geräusch des Riegels hören, der von außen vorgelegt wurde. Der Laut versetzte ihr einen durchdringenden Stich, denn er schien gleichsam auch einen Riegel vor alle Fluchtpläne zu schieben, über die sie im Laufe der vergangenen Nacht gebrütet hatte. Aber was hatte sie eigentlich erwartet? Haruns Nachlässigkeit vom vergangenen Abend würde ganz bestimmt nicht zur Gewohnheit werden.
Sie verscheuchte den Gedanken, wandte sich ihrem Geschenk zu und musterte es einige Herzschläge lang misstrauisch. Omar Khalid ben Hadschi Mustapha Khalid. Robin musste lächeln. Was für ein Name! Was das anging, schienen die Araber nicht anders zu sein als ihre Erzfeinde, die Christen: Je höher der Rang eines Mannes war oder je wichtiger er sich selbst nahm, desto umständlicher und komplizierter schien sein Name zu werden. Warum aber sollte Omar ihr Geschenke schicken?
Vielleicht würde sich diese Frage von selbst beantworten, wenn sie erst einmal wusste, worum es sich bei dem Geschenk überhaupt handelte. Sie wollte schon hinübergehen, besann sich dann aber im letzten Moment auf Omars Warnung und machte noch einmal kehrt, um den Schleier anzulegen, ehe sie ans Fenster trat und das Leinentuch mit beiden Händen wegzog.
Darunter kam ein halb mannshoher, kunstvoll aus hellem Holz geflochtener Vogelkäfig zum Vorschein. Auf Robins Lippen erschien unwillkürlich ein Lächeln, als sie die beiden kleinen Vögel gewahrte, die nebeneinander auf einer Stange saßen und sie einen kurzen Moment aus ihren winzigen Äuglein scheinbar erschrocken anblickten, ehe sie das Sonnenlicht spürten und ein helles Tschilpen anstimmten.
Es waren Vögel von einer Art, wie Robin sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie hatten ein gelblichweißes Brustgefieder und ihre Flügel waren von schlichter graubrauner Farbe. Als Robin die Finger durch das engmaschige Holzgeflecht schob und bewegte, kamen sie zutraulich näher und zwitscherten und pfiffen noch aufgeregter mit ihren wohltönenden Stimmen. Fast schien es, als diskutierten sie heftig miteinander, was sie von ihrer neuen Umgebung und vor allem ihrer neuen Herrin zu halten hatten.