Iceni verfolgte mit, wie sich das Symbol des Shuttles von ihrem Schweren Kreuzer löste und innerhalb von Sekunden von den beiden übrigen Shuttles gefolgt Kurs auf das Schlachtschiff nahm, das mittlerweile das gesamte Display ausfüllte.
»Wir werden beschossen«, meldete der Gefechts-Spezialist aufgeregt. »Höllenspeere vom Schlachtschiff!«
»Wie viele?«, wollte Marphissa wissen.
»Ein Werfer … drei … vier Werfer insgesamt. Sie feuern keine Salven ab, sie müssen demnach lokal kontrolliert werden.«
»Die Schlangen«, sagte Marphissa. »Sub-Exec Kontos’ Leute haben immer noch die Feuerkontrolle in ihrer Gewalt, also bleiben den Schlangen nur so viele Werfer, wie sie manuell bedienen können, um mit Höllenspeeren auf uns zu zielen und zu feuern.«
»Vier Werfer sind aber immer noch zu viel, wenn wir nur drei Shuttles haben!«, gab Iceni zurück.
»Die C-555 wurde getroffen!«, berichtete der Ablauf-Spezialist. »Sie zielen auf die Schweren Kreuzer.«
Plötzlich begann Iceni erleichtert zu lachen. »Diese Idioten! Die haben die Shuttles noch gar nicht bemerkt!« Ihr Schwerer Kreuzer und die übrigen Schiffe drehten sich wieder, um weiter eine Kurve um den Gasriesen zu fliegen, wobei sie sich dankbar der Unterstützung durch die Schwerkraft des riesigen Planeten bedienten, um zu beschleunigen.
Das Schlachtschiff befand sich bereits hinter ihnen, was aber nichts an seiner erschreckenden Größe änderte. Die Shuttles hatten inzwischen fast seine Hülle erreicht. »Denken Sie daran, Relaisbojen abzusetzen«, befahl Iceni. »Ich will in der Lage sein, die Spezialstreitkräfte zu beobachten, wenn wir bereits außer Sichtweite sind. Konnten Sie Sub-Exec Kontos erreichen?«
»Nein, Madam Präsidentin. Wir setzen zwei Bojen aus, sobald wir den Sichtkontakt verlieren.«
»Shuttles sind angekommen«, warf der Ablauf-Spezialist ein. »Sie berichten, dass sie sicher auf der Hülle festgemacht haben.«
»Sie befinden sich innerhalb der den Höllenspeeren eigenen Feuerzone«, ergänzte der Waffen-Spezialist. »Damit sind die Shuttles vor allem Abwehrfeuer sicher.«
Auf ihrem Display betrachtete Iceni einen Moment lang das Bild des manövrierunfähig geschossenen Handelsschiffs, das unkontrolliert am Schlachtschiff vorbeitrudelte und unausweichlich auf den Gasriesen zuhielt, in dessen Atmosphäre es schließlich eintauchen würde. Falls noch jemand auf dem Schiff lebte, war dessen Ende unvermeidbar. Ändern kann ich daran auch nichts. Sie sind zu weit hinter uns, und keines meiner Schiffe könnte sie noch rechtzeitig erreichen … selbst wenn ich die Schlangen vor einem solchen Schicksal bewahren wollte.
Trotzdem ist das ein schrecklicher Tod.
»Geben Sie mir ein Display, das mit den Sturmteams der Bodenstreitkräfte verbunden ist«, befahl Iceni. Augenblicke später tauchte ein neues Display gleich neben ihr auf. Sie musste nur den Kopf ein wenig zur Seite drehen und kleine individuelle Schirme berühren, um miterleben zu können, wo sich die Teamführer aufhielten und was sie gerade machten. Die Schirme flackerten, dann stabilisierten sie sich wieder. »Was war denn das?«
»Etwas auf dem Schlachtschiff hat versucht, die Verbindung zu stören«, erklärte der Komm-Spezialist. »Wir haben aber die Verbindung stabilisieren können.«
»Geben Sie mir … Wo ist?« Schließlich hatte Iceni die richtige Taste gefunden und betätigte sie, daraufhin wurde das Bild vergrößert, das von Rogeros Rüstung übertragen wurde. Auch konnte sie dann seiner Komm-Leitung zuhören.
Der Blickwinkel war ungewohnt, da sie vom Vakuum aus auf eine leicht gebogene Wand sah, an der weitere Gefechtsrüstungen festzukleben schienen. »Öffnen Sie die Schleuse«, hörte sie Rogeros Befehl.
Einer der Soldaten platzierte mit großer Sorgfalt ein etwa handtellergroßes Objekt auf der Hülle, dann wartete er, während Informationen über die Anzeige des Geräts liefen. »Zugangscode geknackt«, meldete der Soldat. »Widerrufscode blockiert. Autoverschluss ausgeschaltet, lokaler Verschluss ausgeschaltet.«
Ein großer Teil der Wand sank ein Stück weit ein und glitt zur Seite. Beim Durchschreiten der Schleuse konnte Iceni an deren Rand sehen, wie dick allein die äußere Panzerung des Schlachtschiffs war.
»Rein«, befahl Rogero. »Volle Gefechtsbereitschaft, Feuern nach eigenem Ermessen.«
Elf
Sie hatte Rogeros Plan gelesen und wusste, welches Ziel jedes seiner Teams hatte. Eine Gruppe sollte sich zum Maschinenkontrollzentrum begeben, um die Crew zu retten. Das zweite Team hatte das Feuerkontrollzentrum zum Ziel, während die dritte Gruppe einschließlich Rogero die Brücke einnehmen sollte.
Zunächst mussten noch zwei weitere Luftschleusen überwunden werden, um in das eigentliche Innere des Schlachtschiffs zu gelangen. Dabei passierten sie etliche Schichten aus massiver Panzerung und platzierten in regelmäßigen Abständen winzige Komm-Relais, damit ihre Signale auch weiter nach außen übertragen wurden, selbst wenn sich die Schleusentore hinter ihnen schließen sollten. Die Soldaten trafen auf niemanden, als sie die letzte Schleuse durchschritten und sich in den gleichfalls menschenleeren Korridoren wiederfanden, die sich in alle Richtungen erstreckten.
Ein Soldat hob den Arm und zeigte auf etwas. »Da oben ist eine Überwachungskamera montiert, die den Schleusenzugang beobachtet. Das gehört nicht zur Standardausrüstung auf Schlachtschiffen.«
»Ausrüstung der Schlangen«, sagte Rogero. »Die wissen jetzt, dass wir da sind. Beeilen wir uns.«
Rogero begab sich in die Mitte seiner Gruppe, als die drei Einheiten sich auf den Weg zu ihrem jeweiligen Ziel machten. »Sub-Executive Kontos, hier spricht Colonel Rogero vom unabhängigen Sternensystem Midway. Wir befinden uns jetzt im Inneren des Schiffs und sind unterwegs zu Ihnen. Können Sie mich hören?«
Keine Antwort.
Iceni sah einen Schwarm von Symbolen über Rogeros Blickfelddisplay laufen. »Team Zwei ist auf Widerstand gestoßen«, meldete eine etwas blechern klingende Frauenstimme über das Komm-System, das die Soldaten zu einem Netzwerk zusammenschloss, bei dem alle Elemente mobil waren. »Keine Vipern. Wiederhole: keine Vipern.«
»Versuchen Sie, ein paar lebend zu fassen«, befahl er. »Vielleicht können sie uns sagen, wie viele von ihnen sich an Bord befinden und ob es hier irgendwelche Vipern gibt.«
»Negativ. Sind bereits alle tot.« Die Teamführerin hörte sich nicht so an, als bedauere sie das. »Rücken weiter vor zum Ziel.«
»Wie groß ist dieses verdammte Schiff?«, fragte einer der Soldaten mehr an sich selbst gewandt, als sie um eine Ecke bogen und sich im nächsten endlos erscheinenden Gang wiederfanden, der in regelmäßigen Abständen von Schotten unterbrochen wurde, deren gepanzerte Luken alle offen standen.
»Hier kann man ja tagelang rumirren«, meinte ein anderer. »Wie kommt es eigentlich, dass keine dieser Luken geschlossen worden ist, Colonel?«
»Die werden von der Brücke aus kontrolliert«, antwortete Rogero. »Teil des Schutzsystems gegen Meuterer. Die Schlangen können immer nur eine Luke nach der anderen manuell bedienen. Hier links«, fügte er hinzu, als sie einen quer verlaufenden Korridor erreichten.
»Aber der Plan in unserem System besagt …«
»… dass die Brücke genau geradeaus vor uns liegt. Und jetzt raten Sie mal, wo die Schlangen wohl auf uns warten werden.«
»Team Drei ist auf Widerstand gestoßen. Ein Soldat ausgefallen.«
»Team Zwei in einen Hinterhalt geraten. Vier … fünf Schlangen. Eine davon lebt noch.«
»Bringen Sie sie zum Reden«, ordnete Rogero an, dessen Stimme trotz der mitschwingenden Anstrengung tonlos klang, während sein Team durch wieder einen anderen Korridor ging.
»Team Drei hat Widerstand überwunden. Vier Schlangen tot.«
»Team Zwei meldet, Gefangener verstorben, bevor er zum Reden gebracht werden konnte. Sieht nach antrainiertem Suizid aus.«