»So was ist ja krank«, murmelte ein Soldat.
»Es sind verdammte Schlangen«, kam von irgendwem eine Antwort. »Was hast du erwartet?«
»Ruhe«, befahl Rogero. »Hier entlang und dann die Rampe rauf.«
Iceni ließ die Soldaten für einen Moment links liegen und widmete sich wieder ganz dem Geschehen auf dem Schweren Kreuzer. »Wie sieht es aus?«, fragte sie Marphissa.
»Der Gegner hat gewendet und direkten Kurs auf das Schlachtschiff genommen. Bis zum Zusammentreffen sind es noch zwanzig Minuten. Wie schlagen sich die Schmutzfresser?«
»Bislang ganz gut. Geben Sie mir Bescheid, wenn es noch zehn Minuten sind. Ich will, dass das Feuer auf den Schweren Kreuzer und die Leichten Kreuzer konzentriert wird. Die Jäger könnten den ganzen Tag lang das Schlachtschiff unter Beschuss nehmen und würden doch nur ein paar Kratzer an der Hülle zustande bringen.«
»Ja, Madam Präsidentin.«
Iceni kehrte zu Rogero zurück, dessen Leute sich in einem neuen Korridor aufhielten, in dem sie langsamer als zuvor vorrückten. Seine Soldaten waren nun in Zweiergruppen unterwegs, die ein Stück vorauseilten, während die anderen ihnen Deckung gaben. Die Brücke befand sich tief im Inneren des Schiffs, wo sie gut geschützt und mit externen Sensoren verbunden war, sodass man von diesem Raum den gleichen Blick nach draußen hatte, als würde die Brücke sich außen auf der Hülle befinden und wäre ringsum von Fenstern gesäumt. Fenster auf einem Kriegsschiff. Witzige Idee, überlegte Iceni. Warum sollte man echte anstelle von virtuellen Fenstern in einem Raumschiff einbauen, wenn man damit doch nur die Hülle schwächt?
»Zehn Meter bis zum Rand der Brückenzitadelle«, meldete einer der Soldaten. »Wo zum Teufel stecken die?«
»Hoffentlich nicht dri-« Der Soldat, der das sagte, unterbrach sich, da genau in dem Augenblick aus dem Gang vor ihnen auf sie geschossen wurde. Mit einem Satz nach hinten brachte er sich aus der Schusslinie.
»Wir haben sie gefunden!«, brüllte irgendwer, während Rogeros Team das Feuer erwiderte. Der gegenseitige Beschuss sorgte einen Moment lang im Gang für so extreme Helligkeit, dass sich sein Sichtschutz fast ganz schwarz einstellte.
»Los!«, feuerte er seine Leute an, und sofort stürmten die Soldaten los. Der Beschuss durch die leichteren Waffen der Schlangen prallte von den gepanzerten Rüstungen ab oder sorgte schlimmstenfalls dafür, dass der eine oder andere ein wenig ins Taumeln geriet, während das Team insgesamt auf die Verteidiger losstürmte.
Was in den folgenden Sekunden geschah, bekam Iceni nicht im Detail mit, da die Bilder in so rascher Folge wechselten, dass ihr keine Zeit blieb zu begreifen, wie sie das Gezeigte interpretieren sollte. Rogero mit seinen Soldaten, Schüsse, Gestalten in leichter gepanzerter Rüstung, die zu Boden gingen, Gestalten, die aufsprangen und losrannten und dann gleich wieder hinfielen, manchmal in Stücke gerissen, da sie von einem verheerenden Geschoss getroffen worden waren.
»Areal gesichert.«
»Ausschwärmen und nach weiteren Schlangen suchen«, ordnete Rogero an, stieg über einen der toten Körper und spähte um eine Ecke. Am Ende eines kurzen Korridors fand sich die schwer gesicherte und massiv gepanzerte Hauptluke, die auf die Brücke führte. Vereinzelte Narben im Metall zeugten von den missglückten Versuchen, das Hindernis aus dem Weg zu räumen, während Schäden an den Schotten ringsum erkennen ließen, dass die aktiven Verteidigungsanlagen dort von den Schlangen zerstört worden waren, um ungehindert daran zu arbeiten, die Luke zu öffnen.
Der Anschluss für das lokale Komm-Netz war allerdings unversehrt geblieben. Rogero schloss eine drahtlose Verbindung an. »An die Brücke, hier spricht Colonel Rogero. Die Schlangen hier draußen sind tot.«
Es dauerte einen Moment, dann kam ein zögerliches: »Colonel.«
»Sub-CEO. Wir haben die Bezeichnungen für unsere Dienstgrade geändert, weil wir nicht länger der Herrschaft des Syndikats unterstehen. Haben Sie die Kontrolle über das interne Überwachungssystem? Wir wissen nicht, wie viele Schlangen sich an Bord befinden und wo sie sich aufhalten.«
Eine andere Stimme ging dazwischen. »Team Drei hat das Feuerkontrollzentrum erreicht. Wir nehmen jetzt Kontakt mit denen auf, die sich dort aufhalten.«
»Team Zwei nimmt sich einen weiteren Verteidigungsposten der Schlangen kurz vor dem Maschinenkontrollzentrum vor.«
Dann ertönte wieder die Stimme von der Brücke, diesmal war sie laut und aufgeregt: »Hauptantrieb! Sie müssen zum Hauptantrieb!«
»Unsere Leute sind fast am Maschinenkontrollzentrum angek-«, begann Rogero.
»Nein! Zum Hauptantrieb! Die Schlangen können die Maschinen nicht ans Laufen bringen, aber sie können die Brennstoffzellen zur Explosion bringen! Damit haben sie gedroht, wenn wir nicht kapitulieren!«
»Schön, dass wir das auch erfahren«, brummte Rogero. »Team Zwei, Team Drei, neue Befehle. Lassen Sie ein paar Leute zurück, um das Maschinenkontrollzentrum und das Feuerkontrollzentrum zu bewachen, der Rest macht sich so schnell wie möglich auf den Weg zu den Lagerräumen für die Brennstoffzellen und sucht da nach Hinweisen auf einen Sabotageakt. Die Schlangen haben damit gedroht, die Zellen in die Luft zu jagen.«
»Wonach sollen wir genau Ausschau halten, Colonel?«
»Nach Sprengladungen, Zündschnüren, Zündern, Nuklearwaffen, eben nach allem, was da nicht hingehört.«
»Sir, wir wissen nicht, was nicht in ein Brennstoffzellenlager gehört …«
Iceni schaltete sich ein und wandte sich an Rogero und Marphissa gleichzeitig. »Wir richten für Ihre Soldaten eine Verbindung zu den Ingenieuren auf den Kriegsschiffen ein. Wenn Ihre Leute da unten eingetroffen sind, können Ingenieure sich ansehen, was da nicht hingehört.«
»Verstanden«, gab Rogero zurück. »Je eher, umso besser.«
»Ich habe hier ein Gefecht auszutragen!«, fauchte Marphissa, während sie in rascher Folge Befehle eingab. »Uns bleiben noch elf Minuten bis zum Kontakt mit der anderen Flotte … jetzt nur noch zehn Minuten. Komm, verbinden Sie die Ingenieure der Schweren Kreuzer mit dem Komm-Netz der Bodenstreitkräfte. Alle anderen richten ihre Aufmerksamkeit auf die gegnerische Flotte!«
Zehn Minuten. Iceni warf einen prüfenden Blick auf ihr Display, auf dem sich die beiden Flotten diesmal in einem leichten Winkel zueinander näherten, da die andere Streitmacht es mehr auf das Schlachtschiff als auf Icenis Flotte abgesehen hatte. Das machte sie deshalb leider nicht ungefährlicher, zumal Icenis eigener Leichter Kreuzer CL-773 immer noch bemüht war, in die Formation zurückzukehren.
Weit abgeschlagen dahinter war das dem Untergang geweihte Handelsschiff zu sehen, das bereits vor Hitze glühte, während es in die oberen Schichten der Atmosphäre des Gasriesen eintauchte. Ein Teil des Schiffs brach heraus und wirbelte tiefer in die Atmosphäre, wobei es einen grellen feurigen Schweif hinter sich herzog. Iceni wandte sich von diesem Anblick ab und hoffte, dass an Bord niemand mehr lebte, der die Zerstörung dieses Schiffs mitmachen musste.
Marphissa biss sich auf die Lippe, während sie die herannahende Flotte musterte. »Solange die CL-773 fehlt, haben wir genauso viele Leichte Kreuzer wie sie, und bei den Jägern verfügen wir über einen mehr, also sieben zu sechs. Unser einziger echter Vorteil besteht darin, dass wir drei Schwere Kreuzer vorweisen können und die anderen nur einen.«
»Worauf wollen Sie hinaus?«, fragte Iceni.
»Sie hatten mir befohlen, die Zielerfassung auf die Leichten Kreuzer und den Schweren Kreuzer zu konzentrieren. Dann feuern wir aber zu breit gestreut, womit es unwahrscheinlich wird, dass wir bei diesem Vorbeiflug auch nur ein einziges Schiff zerstören können. Ich möchte das Feuer entweder auf den einzelnen Schweren Kreuzer oder die drei Leichten Kreuzer konzentrieren.«