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Doch als er begann, den warmen, glatten Glaspfad des Propheten entlangzuschreiten, da schrie Measure ihn an, griff nach ihm. Doch bevor er den Jungen berühren konnte, hatten die Roten ihn schon gepackt und zurückgerissen; er schrie Alvin zu, er solle zurückkommen, er solle nur nicht auf dieses Wasser hinausgehen…

Alvin hörte ihn und hatte schreckliche Angst. Doch der leuchtende Mann wartete auf ihn unter dem Schlund des Tornados. In seinem Inneren spürte Al eine Sehnsucht, wie Moses sie empfunden hatte, als er den brennenden Busch schaute — ich muß unbedingt stehenbleiben und diese Dinge anschauen, hatte Moses sich gesagt, und das sagte Alvin sich nun auch, ich muß hingehen und schauen, was es ist. Denn das war nichts, was im natürlichen Universum zu geschehen pflegte, es gab keine Beschwörung und keinen Zauber, keine Hexerei, von denen er je gehört hätte, die einen Tornado herbeirufen und einen sturmgepeitschten See in Glas verwandeln konnten.

Was immer dieser rote Mann da tat, es war das Wichtigste, was Al in seinem Leben jemals gesehen hatte. Und der Prophet liebte ihn. Das war etwas, an dem Al nicht zweifeln konnte. Der leuchtende Mann hatte einmal am Fußende seines Bettes gestanden und ihn belehrt. Al erinnerte sich, daß sich der leuchtende Mann damals auch eine Wunde zugefügt hatte. Was immer der Prophet tat, er benutzte dazu sein eigenes Blut und seinen eigenen Schmerz. Al war von Ehrfurcht erfüllt, als er auf das Wasser hinausschritt.

Hinter ihm löste sich der Pfad auf und verschwand. Al spürte, wie die Wellen an seinen Fußsohlen leckten. Es jagte ihm Angst ein, doch solange er vorwärts schritt, geschah ihm nichts. Und schließlich stand er vor dem Propheten, der die Arme ausstreckte und Alvins Hände in seine nahm. »Stelle dich neben mich«, rief der Prophet. »Stelle dich hierher ins Auge des Landes und schau!«

Dann sank der Tornado schnell in die Tiefe, das Wasser sprang empor, erhob sich um sie wie eine Mauer. Sie standen genau in der Mitte des Tornados, wurden in die Höhe gewirbelt…

Bis der Prophet eine blutige Hand vorstreckte und die Wasserfontäne berührte, worauf auch diese so glatt und hart wurde wie Glas. Nein, nicht wie Glas. Es war so klar und so sauber wie ein Tropfen Tau auf einem Spinnweben. Es gab keinen Sturm mehr, nur noch Al und den leuchtenden Mann in der Mitte eines Turmes aus Kristall, der hell war und durchsichtig.

Nur, daß Al nicht wie durch ein Fenster hinaus auf den See oder den Sturm oder das Ufer schauen konnte. Statt dessen erblickte er andere Dinge.

Er schaute einen Planwagen, der in einem reißenden Fluß gefangen war, einen Baum, der wie ein Rammbock herantrieb, und einen jungen Mann, der auf den Baum zusprang, ihn herumriß und vom Wagen ablenkte. Und dann sah er den Mann, wie er sich im Wurzelwerk des Baumes verhedderte und gegen einen Felsen geschmettert wurde, herumwirbelte und flußabwärts trieb, während er die ganze Zeit darum kämpfte, am Leben zu bleiben, noch eine kleine Weile zu atmen, weiterzuatmen, weiterzuatmen …

Er schaute eine Frau, die ein Kind gebar, und ein kleines Mädchen, das danebenstand und die Hand vorstreckte und ihren Bauch berührte. Das Mädchen rief etwas, und die Hebamme schob die Hand hinein und zog den Kopf des Säuglings hervor. Die Mutter begann zu bluten. Das kleine Mädchen griff nach unten und riß dem Baby etwas vom Gesicht; das Baby schrie. Der Mann im Fluß hörte diesen Schrei irgendwie, wußte, daß er nun lange genug gelebt hatte, und starb.

Al wußte nicht, was er davon halten sollte. Bis er die flüsternde Stimme des Propheten an seinem Ohr vernahm: »Das erste, was du hier siehst, ist der Tag, an dem du geboren wurdest.«

Das Baby war Alvin Junior; der Mann, der gestorben war, war sein Bruder Vigor gewesen. Doch wer war das Mädchen, das ihm den Mutterkuchen vom Gesicht gerissen hatte? Al hatte sie noch nie in seinem Leben gesehen.

»Ich werde es dir zeigen«, sagte der Prophet. »Dieses Bild bleibt nur ein paar Momente, und ich muß auch selbst noch einige Dinge schauen, aber ich werde es dir zeigen.« Er nahm Alvin bei der Hand, und gemeinsam stiegen sie durch die Glassäule empor.

Es fühlte sich nicht wie Fliegen an, nicht wie das Emporschnellen eines Vogels; es war, als gäbe es weder Oben noch Unten. Der Prophet zog ihn in die Höhe, doch Al begriff nicht, wie er sich selbst aufsteigen ließ. Aber das spielte auch keine Rolle. Dazu gab es zuviel zu sehen. Er konnte in alle beliebigen Richtungen schauen und durch die Turm wand etwas anderes sehen. Bis er begriff, daß jeder Augenblick der Zeit, jedes menschliche Wesen durch diese Turmmauer sichtbar sein mußte. Wie sollte man sich da zurechtfinden? Wie sollte man nach einer bestimmten Geschichte in den Hunderten, Tausenden, Millionen von Augenblicken der vergangenen Zeit suchen?

Der Prophet hielt an, zog den Jungen in die Höhe, bis er sehen konnte, was der Prophet schaute, bis ihre Wangen sich aneinanderpreßten und ihr Atem sich vermischte.

Laut hämmerte der Herzschlag des Propheten in Alvins Ohr.

»Schau«, sagte der Prophet.

Alvin erblickte eine Stadt, die im Sonnenlicht schimmerte. Es schienen Türme aus Eis oder klarem Glas zu sein, denn als die Sonne hinter der Stadt unterging, wurde ihr Licht um kein bißchen matter, und die Stadt warf auch keine Schatten auf das sie umgebende Weideland. In der Stadt waren Menschen, die sich wie helle Schatten hin und her bewegten, die ohne Treppen oder Flügel die Türme hinauf- und hinabstiegen. Doch wichtiger als das, was er sah, war, was er fühlte, wie er diesen Ort betrachtete. Keinen Frieden, nein, an seinem Gefühl war nichts Ruhiges. Er war aufgeregt, sein Herz pumpte so schnell wie das eines Pferdes in vollem Galopp. Die Menschen dort waren nicht vollkommen — manchmal waren sie zornig, manchmal traurig. Doch niemand hungerte, und niemand war unwissend, und niemand mußte etwas tun, nur weil ein anderer ihn dazu zwang. »Wo liegt diese Stadt?« flüsterte Alvin.

»Ich weiß es nicht«, sagte der Prophet. »Jedesmal, wenn ich hierher komme, sehe ich sie in einer anderen Gestalt. Manchmal diese hohen, dünnen Türme, manchmal große Kristallkuppeln, manchmal Menschen, die auf einem Meer aus Kristallen im Feuer leben. Ich glaube, daß diese Stadt in der Vergangenheit viele Male erbaut wurden. Ich glaube, daß sie noch einmal erbaut werden wird.«

»Wirst du sie erbauen? Ist das das Ziel von Prophetstown?«

Dem Propheten traten Tränen in die Augen — sie strömten aus dem gesunden Auge. »Der rote Mann kann diesen Ort nicht allein erbauen«, sagte er. »Wir sind Teil des Landes, und diese Stadt ist mehr als das Land allein. Das Land ist Gut und Böse, Leben und Tod zusammen, die grüne Stille.«

Alvin dachte an sein Gefühl der grünen Musik, sagte aber nichts, weil der Prophet Dinge aussprach, die er hören wollte, und Al war klug genug, um zu wissen, daß es manchmal besser war, zuzuhören als zu reden.

»Aber diese Stadt«, fuhr der Prophet fort, »diese Kristallstadt ist Licht ohne Dunkelheit, Sauberkeit ohne Schmutz, Gesundheit ohne Krankheit, Stärke ohne Schwäche, Überfluß ohne Hunger, Trank ohne Durst, Leben ohne Tod.«

»Die Leute dort sind aber nicht alle glücklich«, wandte Alvin ein. »Sie leben nicht ewig.«

»Ah«, sagte der Prophet. »Du siehst nicht dasselbe wie ich.«

»Was ich sehe, ist, daß sie sie erbauen.« Al furchte die Stirn. »An einem Ende erbauen sie die Stadt und am anderen Ende bricht sie zusammen.«

»Ah«, meinte der Prophet, »die Stadt, die ich schaue, wird nie fallen.«

»Aber was ist denn das für ein Unterschied? Wie kommt es, daß wir beide nicht dasselbe sehen?«

»Ich weiß es nicht, Schabenjunge. Ich habe dies noch nie jemandem gezeigt. Und nun geh zurück, warte unten auf mich. Ich muß noch einige Dinge schauen, bevor die Zeit wieder beginnt.«