Выбрать главу

Alvin brauchte nur daran zu denken, daß er in die Tiefe wollte, und schon sank er bis zum Boden, bis zum leuchtenden, klaren Boden. Boden? Es hätte ebensogut die Decke sein können. Hier strömte das Licht genauso empor wie durch die Außenwände, und er sah auch Bilder.

Er erblickte eine riesige Staubwolke, die immer schneller und schneller herumwirbelte, doch anstatt Staub auszusenden, saugte sie ihn ein, und plötzlich begann sie zu glühen, geriet in Brand und wurde zur Sonne. Alvin wußte etwas über Planeten, weil Thrower von ihnen gesprochen hatte, so daß er nicht überrascht war, als er glühende Lichtpunkte erblickte, die schon ziemlich bald matt wurden. Und nach einer Weile war da kein Staub mehr, der mit Dunkelheit vermischt war, sondern nur noch Planeten und leerer Raum. Er sah die Erde, sie war ganz winzig, doch dann kam er näher und merkte, wie groß sie doch war, wie schnell sie sich drehte, eine Seite vom Sonnenlicht beschienen, die andere Seite dunkel. Es schien, als würde er am Himmel stehen und auf die beschienen Seite hinabblicken, doch er konnte gleichzeitig alles sehen, was geschah. Erst war da kahler Fels, der Vulkane hervorspie; dann griffen Pflanzen aus dem Ozean nach Luft, wurden groß, wurden zu Farnen und Bäumen. Er sah Fische im Meer umherspringen, krabbelndes Leben am Ufer, wo die Flut es anspülte, und dann Insekten und andere kleine Lebewesen, die umherhüpften und an Blättern knabberten und einander fingen und auffraßen. Diese Tiere wurden immer größer und größer, und zwar so schnell, daß Alvin die Veränderungen nicht mehr richtig verfolgen konnte, während die Erde sich drehte und er zusah, bis riesige, monströse Kreaturen erschiene, von denen er noch nie gehört hatte, einige mit langen, schlangengleichen Hälsen und Zähnen und Kieferladen, die so aussahen, als könnten sie mit einem einzigen Biß ganze Bäume ausreißen. Und dann waren sie verschwunden, und es gab Elefanten und Antilopen und Tiger und Pferde, alles Leben auf der Erde, ähnlich dem, wie Al es kannte. Doch nirgendwo in alledem erblickte er den Menschen. Er schaute Affen und behaarte Wesen, die einander mit Steinen schlugen, Wesen, die auf den Hinterbeinen gingen, aber so dumm aussahen wie Frösche.

Und dann sah er doch Menschen, obwohl er sich zuerst nicht sicher war, weil sie schwarz waren, und er hatte in seinem ganzen Leben erst einen einzigen schwarzen Mann gesehen, einen Sklaven, der einem Hausierer aus den Kronkolonien gehörte, der vor zwei Jahren zufällig durch Vigor Church gekommen war. Aber sie sahen durchaus wie menschliche Wesen aus, schwarz oder nicht, und sie pflückten Früchte von Bäumen und Beeren von Sträuchern, fütterten einander, gefolgt von einer Schar kleiner Negerkinder. Zwei der Kleinen gerieten in Streit, worauf der größere den kleineren tötete. Da kam der Vater zurück und trat den Jungen, der den anderen getötet hatte, und schickte ihn fort. Dann nahm er den Toten auf und trug ihn zu der Mutter, und beide weinten, bis sie das tote Kind schließlich auf den Boden legten und mit Steinen bedeckten. Dann sammelten sie ihre Familie und zogen weiter, und nur wenig später aßen sie wieder, und die Tränen trockneten, und sie gingen einfach immer weiter. Das sind bestimmt Menschen, dachte Alvin. Genauso sind die Menschen.

Die Erde drehte sich weiter, und als sie ihre Umdrehung vollzogen hatte, waren alle möglichen Menschen zu sehen, schwarze in den heißen Ländern, hellhäutige in den kalten Ländern, und dazwischen gab es alle möglichen Mischformen. Bis auf Amerika. Als das im Licht der Sonne erschien, sah er überall so ziemlich dieselbe Rasse, alles Rote, ob im Norden oder Süden, ob in heißen oder kalten, feuchten oder trockenen Gebieten. Und verglichen mit dem Rest der Welt, war das Land friedlich. Es war seltsam für ihn anzusehen, denn als der große Teil der Landmassen vorbeizog mit all den verschiedenen Rassen und Völkern, veränderte sich alles mit jeder Umdrehung der Erde, bewegten sich ganze Länder von einem Ort an den anderen, verschoben sich ständig, und überall und unentwegt herrschten Kriege. In dem kleineren Land, Amerika, gab es zwar auch Kriege, doch da verlief alles langsamer und sanfter. Die Menschen lebten nach einem anderen Rhythmus. Das Land besaß seinen eigenen Herzschlag, sein eigenes Leben.

Von Zeit zu Zeit kamen weitere Menschen aus der Alten Welt — hauptsächlich Fischer. Sie waren vom Kurs abgetrieben, von Stürmen in die Irre geführt worden, flüchteten vor Feinden. Sie kamen und führten eine Weile lang ihr Alte-Welt-Leben in Amerika, versuchten schnell zu bauen, sich schnell fortzupflanzen und soviel zu töten, wie sie nur konnten. Es war wie eine Krankheit. Doch dann schlossen sie sich entweder den Roten an und verschwanden, oder sie fanden den Tod. Keiner von ihnen behielt jemals die alten Sitten bei.

Bis heute, dachte Alvin. Als wir kamen, da waren wir einfach zu stark. Alvin spürte eine Hand auf seiner Schulter.

»Hier hast du also geschaut«, sagte der Prophet. »Was hast du gesehen?«

»Ich glaube, ich habe die Erschaffung der ganzen Welt geschaut«, meinte Al. »Genau wie in der Bibel. Ich glaube, ich habe gesehen…«

»Ich weiß, was du gesehen hast. Das sehen alle, die jemals an diesen Ort gekommen sind.«

»Ich dachte, du hättest gesagt, daß ich der erste sei, den du hierhergebracht hast.«

»Es gibt viele Tore, die zu diesem Ort führen. Manche schreiten durch das Feuer hinein. Andere durchs Wasser. Andere wiederum, indem sie in der Erde vergraben werden. Manche fallen durch die Luft. Sie gelangen an diesen Ort und sehen. Sie kehren zurück und berichten, was sie erinnern, soviel, wie sie verstanden haben, und erzählen davon, so gut sie dafür Worte finden, und andere lauschen ihnen und behalten soviel davon, wie sie verstehen können. Dies ist der Ort der Schau.«

»Ich will nicht mehr gehen«, sagte Alvin.

»Nein, und der andere will es auch nicht.«

»Wer? Ist denn hier noch jemand?«

Der Prophet schüttelte den Kopf. »Sein Körper nicht. Aber ich spüre ihn in mir, wie er durch mein Auge blickt.« Er berührte den Wangenknochen unter seinem gesunden Auge. »Nicht durch dieses, durch das andere.«

»Weißt du denn nicht, wer es ist?«

»Ein Weißer«, sagte er. »Es macht nichts. Wer immer es ist, er hat keinen Schaden angerichtet. Ich glaube, vielleicht… vielleicht wird er Gutes tun. Jetzt gehen wir.«

»Aber ich möchte doch alles über diesen Ort erfahren!«

Der Prophet lachte. »Du könntest ewig leben und dennoch nicht alles schauen. Es verändert sich schneller, als ein Mensch sehen kann.«

»Wie kann ich jemals hierher zurückkehren? Ich möchte alles sehen, alles!«

»Ich werde dich nie wieder hierherbringen«, sagte der Prophet.

»Warum nicht? Habe ich etwas falsch gemacht?«

»Sei still, Schabenjunge. Ich werde dich nie wieder hierher zurückbringen, weil ich selbst nie wieder hierher zurückkommen werde. Dies ist das letzte Mal, ich habe das Ende all meiner Träume geschaut.«

Zum ersten Mal begriff Alvin, wie traurig der Prophet aussah. Sein Gesicht wirkte fahl vor Trauer.

»Ich habe dich an diesem Ort geschaut. Ich habe gesehen, daß ich dich hierher bringen mußte. Ich habe dich in der Gewalt der Chok-Taw gesehen. Ich habe meinen Bruder ausgeschickt, um dich zu holen, um dich zurückzubringen.«

»Kannst du nie wieder hierher zurückkommen, weil du mich hierher gebracht hast?«

»Nein. Das Land hat sich entschieden. Das Ende wird bald kommen.« Er lächelte, aber er war ein grausiges Lächeln. »Euer Prediger, Reverend Thrower, der hat mal zu mir gesagt… Wenn dein Fuß krank wird, schneide ihn ab. Richtig?«

»Daran kann ich mich nicht erinnern.«

»Ich aber«, meinte der Prophet. »Dieser Teil des Landes ist bereits krank. Schneide ihn ab, damit der Rest des Landes leben kann.«

»Was meinst du damit?«

»Der rote Mann wird sich westlich des Mizzipy niederlassen. Der weiße Mann wird im Osten bleiben. Der rote Teil des Landes wird leben. Der weiße Teil des Landes wird tot sein und abgeschnitten. Voller Rauch und Metall, voller Gewehre und Tod. Die roten Männer, die im Osten bleiben, werden weiß werden. Und weiße Männer werden die Grenze des Mizzipy nicht überschreiten.«