»Wißt Ihr denn nicht, daß es einfach nur dumm ist, uns hier gefangenzuhalten? Es ist ja schließlich nicht so, als wären wir ohne jede Spur verschwunden, müßt Ihr wissen. Inzwischen müssen sie unsere Pferde gefunden haben, auf denen Euer Name steht.«
Es war das erste Mal, daß Measure merkte, daß Ta-Kumsaw nichts von den Pferden wußte. »Mein Name steht nicht auf Pferden.«
»Auf ihren Sätteln, Häuptling. Habt Ihr das nicht gewußt? Die Chok-Taw, die uns gefangennahmen — wenn das nicht Eure Jungs waren, und dessen bin ich mir nicht so sicher, wenn Ihr es genau wissen wollt —, die haben Euren Namen in den Sattel auf meinem Pferd geritzt und dem Pferd dann ein paar Stiche verpaßt, damit es wegläuft. Und in Alvins Sattel haben sie den Namen des Propheten geritzt.«
Ta-Kumsaws Gesicht verfinsterte sich, seine Augen glühten wie Blitze. »Alle Weißen«, sagte Ta-Kumsaw, »werden denken, daß ich euch entführt habe.«
»Habt Ihr das denn nicht gewußt?« fragte Measure. »Ich dachte, ihr Roten wüßtet immer alles, so wie ihr euch ständig aufführt. Ich habe sogar mal versucht, es einigen von Euren Jungs zu erzählen, aber die haben mir einfach nur den Rücken zugekehrt. Und dabei hat die ganze Zeit keiner von euch davon gewußt?«
»Ich habe es nicht gewußt«, sagte Ta-Kumsaw. »Aber ein anderer schon.« Und er stolzierte davon, so gut das in dem lockeren Sand ging; dann drehte er sich um. »Kommt mit, ich will Euch dabeihaben!«
Also folgte Measure ihm zu dem mit Baumrinde bedeckten Wigwam, wo der Prophet seine Bibelstunde gab, oder was immer er den lieben langen Tag tun mochte. Ta-Kumsaw machte keinen Hehl aus seinem Zorn. Er sagte kein Wort, statt dessen schritt er einfach nur um den Wigwam und trat die Steine beiseite, die ihn im Sand beschwerten. Dann packte er ein Ende und begann, daran zu reißen. »Dafür braucht man zwei Männer«, sagte er.
Measure kauerte sich neben ihn, bekam den Wigwam zu packen und zählte bis drei. Dann gab er einen Ruck. Ta-Kumsaw tat es nicht, so daß der Wigwam sich nur sechs Zoll hob und wieder zu Boden fiel.
Measure grunzte vor Anstrengung und sah Ta-Kumsaw finster an. »Warum habt Ihr nicht mit angehoben?«
»Ihr habt nur bis drei gezählt«, erwiderte Ta-Kumsaw.
»Genau, so zählt man ja auch, Häuptling! Eins, zwei, drei!«
»Ihr Weißen seid Narren! Jeder weiß doch, daß Vier die starke Zahl ist!«
Ta-Kumsaw zählte bis vier. Diesmal gelang es ihnen gemeinsam, den Wigwam umzustürzen. Inzwischen wußten natürlich alle in seinem Inneren, was los war, doch niemand sagte irgend etwas. Und als der Wigwam wie eine umgestürzte Schildkröte auf dem Rücken lag, erblickten sie den Propheten und Alvin und ein paar Rote, die mit gekreuzten Beinen auf Decken im Sand saßen, während der einäugige Rote immer noch weiterredete, als wäre überhaupt nichts passiert.
Ta-Kumsaw begann auf Shaw-Nee zu brüllen, und der Prophet antwortete ihm, zuerst ganz milde, doch dann wurde er immer lauter. Es war ein ausgemachter Streit, ein Gebrüll, wie es nach Measures Erfahrung in Handgreiflichkeiten enden mußte. Doch nicht bei diesen beiden Roten. Sie brüllten sich nur eine halbe Stunde lang an, und dann standen sie da, stierten einander wortlos an. Das Schweigen dauerte nur wenige Minuten, aber es kam Measure wie eine Ewigkeit vor.
»Verstehst du, was hier vorgeht?« fragte Measure.
»Ich weiß nur, daß der Prophet gesagt hat, daß Ta-Kumsaw heute kommen und sehr zornig sein würde.«
»Na, wenn er es gewußt hat, warum hat er nicht etwas dagegen unternommen? Was nützt es schon, die Zukunft zu kennen, wenn man nichts dagegen tut?«
»Oh, er tut schon Dinge«, sagte Alvin. »Nur, daß er den Leuten nicht unbedingt sagt, was er tut. Er will sichergehen, daß alles seinen rechten Weg läuft.«
»Worum geht es denn jetzt? Warum streiten die sich?«
»Das solltest eigentlich du mir erzählen, Measure. Du hast ihm doch dabei geholfen, den Wigwam umzustürzen.«
»Keine Ahnung. Ich habe ihm nur davon erzählt, wie man seinen und den Namen des Propheten in unsere Sättel geritzt hat.«
»Das hat er schon gewußt«, sagte Alvin.
»Na, er hat sich jedenfalls nicht so benommen, als hätte er schon jemals davon gehört.«
»Ich habe es dem Propheten selbst erzählt, an jenem Abend, nachdem er mich in den Turm geführt hat.«
»Ist dir vielleicht mal der Gedanke gekommen, daß der Prophet Ta-Kumsaw nichts davon erzählt hat?«
»Warum nicht?« fragte Alvin. »Warum sollte er es ihm nicht erzählen?«
Measure nickte. »Ich habe so ein Gefühl, als wäre das genau die Frage, die Ta-Kumsaw seinem Bruder gerade stellt.«
»Das wäre doch verrückt, ihm nichts davon zu erzählen«, meinte Alvin. »Ich dachte, daß Ta-Kumsaw inzwischen jemanden losgeschickt haben müßte, um unseren Eltern zu sagen, daß es uns gutgeht.«
»Weißt du, was ich glaube, Al? Ich glaube, daß dein Prophet uns alle zum Narren gehalten hat. Ich habe zwar nicht die leiseste Ahnung, weshalb, aber ich glaube, daß er irgendeinen Plan verfolgt, und ein Teil dieses Planes besteht darin, uns von zu Hause fernzuhalten. Und da das wiederum bedeutet, daß unsere ganze Familie und die Nachbarn und alle anderen zu den Waffen greifen werden, kannst du es dir selbst zusammenreimen. Der Prophet möchte hier einen richtigen kleinen Krieg haben.«
»Nein!« widersprach Alvin. »Der Prophet sagt, daß kein Mensch einen anderen töten darf, der nicht sterben will, daß es genauso unrecht ist, einen Weißen zu töten, wie einen Bären oder einen Wolf, den man nicht essen will.«
»Vielleicht will er ja uns essen. Aber wenn wir nicht nach Hause kommen und unseren Leuten dort sagen, daß wir unversehrt sind, wird er seinen Krieg bekommen.«
In diesem Augenblick verstummten Ta-Kumsaw und der Prophet. Und es war Measure, der die Stille brach. »Na, seid ihr Jungs jetzt zu der Überzeugung gekommen, daß ihr uns doch nach Hause lassen wollt?« fragte er.
Der Prophet setzte sich sofort mit gekreuzten Beinen den Weißen gegenüber auf eine Decke. »Geht nach Hause, Measure«, sagte er.
»Nicht ohne Alvin.«
»O doch, ohne Alvin«, erwiderte der Prophet. »Wenn er in diesem Teil des Landes bleibt, wird er sterben.«
»Wovon redet Ihr da?«
»Von dem, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe!« sagte der Prophet. »Von Dingen, die kommen werden. Wenn Alvin jetzt nach Hause zurückkehrt, wird er in drei Tagen tot sein. Aber Ihr müßt gehen, Measure. Heute ist für Euch ein guter Tag, um zu gehen.«
»Was werdet Ihr mit Alvin tun? Meint Ihr etwa, daß er bei Euch sicherer wäre?«
»Nicht bei mir«, versetzte der Prophet. »Bei meinem Bruder.«
»Das alles ist eine törichte Idee!« rief Ta-Kumsaw.
»Mein Bruder wird viele Besuche machen. Bei den Franzosen in Detroit, bei den Irrakwa, bei der Appalachee-Nation, bei den Chok-Taw und den Cree-Ek, bei allen Roten und allen Weißen, die einen schlimmen Krieg verhindern könnten.«
»Wenn ich mit Roten spreche, Tenskwa-Tawa, dann werde ich zu ihnen davon sprechen, daß sie mit mir kommen sollen, um zu kämpfen, und daran, daß sie die weißen Männer über die Berge zurücktreiben sollen, zurück auf ihre Schiffe, zurück ins Meer!«
»Rede, was du willst«, sagte Tenskwa-Tawa. »Aber brich diesen Nachmittag auf und nimm den weißen Jungen mit, der wie ein roter Mann geht.«
»Nein«, sagte Ta-Kumsaw.
Trauer überzog Tenskwa-Tawas Gesicht, und er stöhnte heftig auf. »Dann wird das ganze Land sterben, nicht nur ein Teil davon. Wenn du nicht heute tust, was ich dir sage, dann wird der weiße Mann das ganze Land töten, von einem Ozean bis zum anderen, vom Norden bis zum Süden, das ganze Land wird tot sein! Und der rote Mann wird sterben, bis auf einige wenige, die noch auf winzigen Stücken häßlichen Wüstenlandes leben werden wie in Gefängnissen, ihr ganzes Leben lang, weil du nicht dem gehorcht hast, was ich in meiner Vision schaute!«