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»Ta-Kumsaw braucht diesen wahnsinnigen Visionen nicht zu gehorchen! Ta-Kumsaw ist das Gesicht des Landes, die Stimme des Landes! Der Kardinalvogel hat es mir gesagt, und das weißt du auch, Lolla-Wossiky!«

Der Prophet flüsterte. »Lolla-Wossiky ist tot.«

»Die Stimme des Landes gehorcht keinem einäugigen Whisky-Roten.«

Das traf den Propheten ins Herz, doch er zeigte keine Regung. »Du bist die Stimme des Zorns des Landes. Du wirst gegen eine mächtige Armee von Weißen in die Schlacht ziehen. Ich sage dir, daß dies geschehen wird, noch bevor der erste Schnee fällt. Wenn der weiße Junge Alvin nicht bei dir ist, wirst du geschlagen werden und dabei sterben.«

»Und wenn er bei mir ist?«

»Dann wirst du leben«, antwortete der Prophet.

»Ich komme gern mit«, sagte Alvin. Als Measure widersprechen wollte, berührte Alvin ihn am Arm. »Du kannst Ma und Pa sagen, daß es mir gutgeht. Aber ich will wirklich gehen. Der Prophet hat mir gesagt, daß ich von Ta-Kumsaw mehr lernen kann als von jedem anderen Menschen auf der Welt.«

»Dann komme ich auch mit dir«, entschied Measure. »Ich habe Ma und Pa mein Wort gegeben.«

Der Prophet musterte Measure kalt. »Ihr werdet zu Eurem eigenen Volk zurückkehren.«

»Dann kommt Alvin auch mit mir.«

»Ihr seid es nicht, der das entscheidet«, versetzte der Prophet.

»Aber Ihr, wie? Und warum? Weil Eure Jungs die ganzen Pfeile haben?«

Ta-Kumsaw streckte die Hand vor und legte sie Measure auf die Schulter. »Ihr seid kein Narr, Measure. Irgend jemand muß zurückkehren und Euren Leuten sagen, daß Ihr und Alvin nicht tot seid.«

»Woher weiß ich denn, daß er nicht tot ist, wenn ich ihn zurücklasse?«

»Ihr wißt es, weil ich Euch sage, daß kein roter Mann diesem Jungen etwas antun wird, solange ich lebe.«

»Und solange er bei Euch ist, kann Euch auch keiner was anhaben, ist es das? Mein kleiner Bruder ist eine Geisel, das ist doch alles…«

Measure erkannte, daß Ta-Kumsaw und Tenskwa-Tawa so zornig waren, wie sie nur sein konnten, ohne ihn gleich umzubringen; und er wußte, daß er selbst zornig genug war, um irgend jemandem das Gesicht einzuschlagen, selbst wenn er sich die Hand dabei brechen würde. Und vielleicht wäre es sogar dazu gekommen, wäre Alvin nicht aufgestanden und hätte mit seinen zehn Jahren das Kommando übernommen.

»Measure, du weißt besser als jeder andere, daß ich auf mich selbst aufpassen kann. Erzähl Pa und Ma einfach, was ich mit den Chok-Taw gemacht habe, dann werden sie schon einsehen, daß ich das kann. Sie wollten mich doch ohnehin fortschicken, nicht wahr? Um bei einem Schmied in die Lehre zu gehen. Nun, jetzt werde ich eben eine Weile bei Ta-Kumsaw in die Lehre gehen. Jedermann weiß, daß Ta-Kumsaw der größte Mann in ganz Amerika ist, vielleicht abgesehen von Tom Jefferson. Wenn ich Ta-Kumsaw irgendwie am Leben halten kann, dann ist das meine Pflicht. Und wenn du verhindern kannst, daß es zum Krieg kommt, indem du nach Hause zurückkehrst, dann ist das deine Pflicht. Siehst du das nicht ein?«

Measure sah es tatsächlich ein, und er pflichtete ihm sogar bei. Er wußte aber auch, was es bedeutete, seinen Eltern gegenüberzutreten. »In der Bibel gibt es eine Geschichte von Joseph, dem Sohn von Jakob. Er war der Lieblingssohn seines Vaters, aber seine Brüder haßten ihn und verkauften ihn in die Sklaverei. Und dann nahmen sie einige seiner Kleider und tauchten sie in Ziegenblut und zerrissen sie, und kamen zu seinem Vater und sagten: Schau mal, er wurde von Löwen gefressen. Und sein Vater hat sich die Kleider zerrissen und wollte niemals mehr aufhören zu trauern.«

»Aber du wirst ihnen doch erzählen, daß ich eben nicht tot bin.«

»Ich werde ihnen erzählen, daß ich gesehen habe, wie du ein Kriegsbeil weich wie Butter gemacht hast, wie du auf dem Wasser gegangen und in einem Tornado durch die Luft geflogen bist. Es wird sie sicherlich beruhigen, zu wissen, daß du mit diesen Roten hier ein ganz normales Leben führst, wie jeder andere Junge auch…«

Ta-Kumsaw unterbrach ihn. »Ihr seid ein Feigling«, sagte er. »Ihr fürchtet Euch davor, Eurem Vater und Eurer Mutter die Wahrheit zu sagen.«

»Ich habe ihnen mein Versprechen gegeben«, erwiderte Measure.

»Ihr seid ein Feigling. Ihr geht kein Risiko ein. Ihr meidet die Gefahr. Ihr wollt Alvin nur bei Euch haben, damit Ihr in Sicherheit seid!«

Das war zuviel für Measure. Er holte mit dem rechten Arm aus und wollte seine Faust in Ta-Kumsaws Gesicht rammen. Es überraschte ihn nicht, daß Ta-Kumsaw den Hieb blockierte — aber es war doch ein Schock für ihn, daß er Measures Handgelenk so mühelos packte und umdrehte. Measure wurde noch wütender, schlug Ta-Kumsaw in den Magen, und diesmal traf er auch. Doch der Bauch des Häuptlings war ungefähr so weich und nachgiebig wie ein Baumstumpf, und er packte auch Measures zweite Hand und hielt sie nun beide fest.

Also tat Measure, was alle guten Ringer konnten. Er rammte sein Knie direkt zwischen Ta-Kumsaws Beine.

Measure hatte das nur zweimal zuvor in seinem Leben getan, und jedesmal war der andere zu Boden gegangen und hatte sich gekrümmt wie ein halbzertretener Wurm. Ta-Kumsaw jedoch stand einfach nur da, starr, als würde er den Schmerz aufsaugen, und wurde wütender und wütender. Noch immer hielt er Measures Arme fest, und Measure glaubte, daß er nun wohl sterben müsse, in Stücke gerissen — so zornig sah Ta-Kumsaw aus. Plötzlich aber ließ Ta-Kumsaw Measures Arme fahren. Measure rieb sich die Handgelenke, wo die Handabdrücke des Häuptlings prangten und schmerzten. Der Häuptling sah wirklich zornig aus, doch sein Zorn galt Alvin. Er drehte sich zu dem Jungen um und sah so aus, als würde er ihm am liebsten bei lebendigem Leib die Haut abziehen.

»Du hast deine schmutzigen Weißentricks mit mir veranstaltet«, sagte er.

»Ich wollte nicht, daß einer von euch verletzt wird«, erklärte Alvin.

»Meinst du, ich wäre ein Feigling wie dein Bruder? Meinst du, daß ich mich vor dem Schmerz fürchte?«

»Measure ist kein Feigling!«

»Er hat mich mit den Tricks des weißen Mannes zu Boden geworfen.«

Measure empörte sich. »Ihr wißt genau, daß ich ihn nicht darum gebeten habe! Ich nehme es jetzt gerne mit Euch auf, wenn Ihr wollt! Ich werde ehrlich und offen mit Euch kämpfen!«

»Indem Ihr einen Mann mit dem Knie stoßt?« fragte Ta-Kumsaw. »Ihr wißt überhaupt nicht, wie man als Mann kämpft.«

»Ich kämpfe so mit Euch, wie Ihr wollt«, sagte Measure.

Ta-Kumsaw lächelte. »Dann also das Gatlopp.«

Inzwischen hatte sich eine ganze Schar von Roten um sie versammelt, und als sie das Wort Gatlopp hörten, begannen sie zu jauchzen und zu lachen.

Es gab nicht einen Weißen in ganz Amerika, der nicht davon gehört hatte, wie Dan Boone das Gatlopp gelaufen und immer weiter gelaufen war, als er das erste Mal vor den Roten floh; es gab aber auch andere Geschichten von Weißen, die dabei zu Tode geprügelt wurden. Geschichtentauscher hatte ab und zu davon erzählt, als er letztes Jahr zu Besuch gewesen war. Es ist wie ein Juryurteil, hatte er gesagt, wobei die Roten einen hart oder leicht schlagen, abhängig davon, wie sehr man ihrer Meinung nach den Tod verdient hat. Halten sie dich für einen tapferen Mann, schlagen sie hart zu, um dich mit Schmerz zu prüfen. Halten sie dich aber für einen Feigling, brechen sie dir die Knochen, so daß du das Spießrutenlaufen nicht überlebst. Der Häuptling kann ihnen auch nicht sagen, wie heftig sie schlagen sollen und wohin. Das ist so ziemlich das demokratischste und heimtückischste Justizsystem, das es je gegeben hat.

»Ich sehe, daß Ihr Euch davor fürchtet«, sagte Ta-Kumsaw.