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»Natürlich tue ich das«, erwiderte Measure. »Ich wäre ein Narr, wenn ich es nicht täte, vor allem, da Eure Jungs mich ohnehin schon für einen Feigling halten.«

»Ich werde das Gatlopp vor Euch durchlaufen«, entschied Ta-Kumsaw. »Ich werde ihnen sagen, sie sollen mich ebenso kräftig schlagen wie Euch.«

»Das werden sie nicht tun«, widersprach Measure.

»Sie werden es tun, wenn ich es ihnen befehle«, erwiderte Ta-Kumsaw. Er mußte Measures ungläubige Miene bemerkt haben, denn er fügte hinzu: »Und wenn sie es nicht tun, werde ich das Gatlopp noch einmal durchlaufen.«

»Und wenn sie mich töten, werdet Ihr dann auch sterben?«

Es war nicht zu verkennen, daß die Feldarbeit Measure zwar kräftig, aber nicht zäh gemacht hatte. »Der Schlag, der Euch umbringen kann, würde mich wahrscheinlich nur verletzen.«

»Ihr gebt also zu, daß es nicht fair ist.«

»Fair ist es, wenn zwei Männer demselben Schmerz ins Auge sehen. Tapfer ist es, wenn zwei Männer demselben Schmerz ins Auge sehen. Ihr wollt es nicht fair haben, sondern leicht. Ihr seid ein Feigling. Ich wußte, daß Ihr es nicht tun würdet.«

»Ich werde es tun«, versetzte Measure.

»Und du!« rief Ta-Kumsaw und zeigte auf Alvin. »Du wirst nichts berühren, du wirst nichts heilen, du wirst nichts gesund machen, du wirst keinen Schmerz fortnehmen!«

Alvin sagte kein Wort, er blickte ihn nur an. Doch Measure kannte diesen Blick. Diese Miene setzte Alvin immer auf, wenn er keinerlei Absicht hatte, das zu tun, was man ihm sagte.

»Al«, sagte Measure. »Du solltest mir lieber versprechen, daß du dich nicht einmischen wirst.«

Al verkniff nur die Lippen und sagte nichts.

»Du solltest mir lieber versprechen, daß du dich nicht einmischen wirst, Alvin Junior, sonst kehre ich nicht nach Hause zurück.«

Alvin versprach es. Ta-Kumsaw nickte und ging fort, um mit seinen Shaw-Nee zu reden. Measure war übel vor Furcht.

»Warum fürchtet Ihr Euch, weißer Mann?« fragte der Prophet.

»Weil ich nicht dumm bin«, antwortete Measure. »Nur ein dummer Mann würde sich nicht vor dem Gatlopp fürchten.«

Der Prophet lachte nur und ging davon.

Die Krieger stellten sich in zwei Reihen auf. Sie trugen schwere Äste, die von Bäumen herabgefallen oder abgeschnitten worden waren. Measure sah zu, wie ein alter Mann Ta-Kumsaw die Halskette mit den Perlen abnahm, dann entkleidete er ihn auch noch seines Lendenschurzes. Ta-Kumsaw wandte sich an Measure und grinste. »Der weiße Mann ist nackt, wenn er keine Kleidung hat. Der rote Mann ist niemals nackt in seinem eigenen Land. Der Wind ist meine Kleidung, das Feuer der Sonne, der Staub der Erde, das Wasser des Regens. Alle diese trage ich am Leib. Ich bin die Stimme und das Antlitz des Landes.«

»Kommt endlich zur Sache«, erwiderte Measure.

»Ich kenne jemanden, der meint, daß ein Mann wie Ihr keine Poesie in der Seele hat«, sagte Ta-Kumsaw.

»Und ich kenne jede Menge Leute, die der Meinung sind, daß ein Mann wie Ihr nicht einmal eine Seele hat.«

Ta-Kumsaw funkelte ihn an, dann bellte er seinen Männern einige Worte zu und trat zwischen die Linien.

Er schritt langsam dahin, das Kinn emporgereckt und arrogant. Der erste Rote schlug ihn auf die Waden mit dem dünnen Ende eines Astes. Ta-Kumsaw riß ihm den Ast aus den Händen, drehte ihn um und ließ ihn erneut zuschlagen, diesmal gegen die Brust, ein harter Schlag, der Ta-Kumsaw die Luft aus den Lungen peitschte. Measure konnte das Grunzen hören. Die Männer standen am Abhang der Düne, so daß er nur langsam den Hügel hinaufkam. Ta-Kumsaw stockte nicht, als die Hiebe ihn trafen. Seine Männer hatten strenge, pflichtbewußte Mienen aufgesetzt. Sie halfen ihm dabei, seinen Mut unter Beweis zu stellen, deshalb fügten sie ihm Schmerzen zu, doch keine Hiebe, die ihn dauerhaft hätten schaden können. Das Schlimmste bekamen seine Waden, der Bauch und die Schultern ab. Doch die waren bald schon blutig genug. Ich bin wirklich ein prächtiger Narr, dachte Measure. Da stehe ich nun hier und messe meinen Mut mit dem des mutigsten Mannes in ganz Amerika.

Ta-Kumsaw erreichte das Ende der Reihe, drehte sich um und sah Measure vom Gipfel der Düne aus an. Sein Körper troff vor Blut, und er lächelte. »Kommt zu mir, tapferer weißer Mann«, rief er.

Measure zögerte nicht. Er schritt sofort auf das Gatlopp zu. Es war eine Stimme von hinten, die ihn wieder stehenbleiben ließ. Der Prophet, der etwas auf Shaw-Nee rief. Die Roten sahen ihn an. Als er fertig war, spuckte Ta-Kumsaw aus. Measure, der nicht wußte, was der Prophet gesagt hatte, ging wieder los. Als er den ersten Roten erreichte, erwartete er einen mindestens ebenso harten Schlag, wie ihn Ta-Kumsaw erhalten hatte. Doch nichts geschah. Er machte einen weiteren Schritt vorwärts. Wieder nichts. Vielleicht wollten sie ihm zum Zeichen ihrer Verachtung in den Rücken schlagen, doch er stieg die Düne immer weiter hoch, und noch immer gab es keinen einzigen Schlag, keine Bewegung.

Er wußte, daß er hätte erleichtert sein sollen, statt dessen war er jedoch wütend. Sie hatten Ta-Kumsaw dabei geholfen, seinen Mut zu beweisen, und nun machten sie Measures Spießrutenlaufen zu einem Gang der Schande anstelle der Ehre. Er wirbelte herum und sah den Propheten an, der am Fuße der Düne stand, den Arm auf Alvins Schulter gelegt.

»Was habt Ihr ihnen gesagt?« wollte Measure wissen.

»Ich habe ihnen gesagt, daß jeder behaupten würde, daß Ta-Kumsaw und der Prophet diese Jungen entführt und ermordet haben, wenn sie Euch töten sollten. Ich habe ihnen gesagt, daß man sich bei Euch zu Hause erzählen würde, man habe Euch gemartert, falls sie Euch auch nur eine Wunde zufügen sollten.«

»Und ich sage Euch, daß ich eine faire Chance haben will, um zu beweisen, daß ich kein Feigling bin!«

»Das Gatlopp ist eine törichte Einrichtung für Männer, die ihre Pflicht vernachlässigt haben.«

Measure beugte sich vor und riß einem der Roten die Keule aus der Hand. Er schlug sich immer und immer wieder damit auf die eigenen Waden, versuchte, Blut zu ziehen. Es tat weh, doch nicht sehr schlimm, denn ob er wollte oder nicht, stets zuckten seine Arme bei dem Gedanken zurück, er solle sich selbst Schmerz zufügen. Also drückte er dem Krieger wieder den Ast in die Hand und verlangte: »Schlagt mich!«

»Je größer ein Mann ist, um so mehr Menschen dient er«, sagte der Prophet. »Ein kleiner Mann dient nur sich selbst. Größer ist es, der eigenen Familie zu dienen. Noch größer ist es, dem eigenen Stamm zu dienen. Und danach dem eigenen Volk. Am größten aber ist es, allen Menschen und allen Ländern zu dienen. Zeigt Mut für Euch selbst. Für Eure Familie, für Euren Stamm, für Euer Volk, für mein Volk — für das Land und alle Menschen darin durchlauft Ihr diese Gatlopp ohne eine Wunde.«

Langsam dreht sich Measure um, schritt die Düne zu Ta-Kumsaw empor, unberührt. Wieder spuckte Ta-Kumsaw auf den Boden, diesmal vor Measures Füße.

»Ich bin kein Feigling«, sagte Measure.

Ta-Kumsaw ging davon. Er ging, rutschte, glitt die Düne hinab. Die Krieger des Gatlopp schritten ebenfalls fort. Measure stand oben auf der Düne, voller Scham, er war wütend und fühlte sich benutzt.

»Geht!« rief der Prophet. »Geht nach Süden!«

Er reichte Alvin einen Beutel, worauf dieser die Düne emporkletterte und ihn Measure gab. Measure öffnete ihn. Er enthielt Pemmican und getrockneten Mais, den er unterwegs lutschen konnte.

»Kommst du mit?« fragte Measure.

»Ich gehe mit Ta-Kumsaw«, sagte Alvin.

»Ich hätte es durch das Gatlopp schaffen können«, sagte Measure.

»Ich weiß«, erwiderte Alvin.

»Wenn er es mich nicht durchlaufen lassen wollte«, fuhr Measure fort, »warum hat der Prophet es dann überhaupt geschehen lassen?«

»Das verrät er nicht«, sagte Alvin. »Aber es wird etwas Entsetzliches passieren. Und er will, daß es passiert. Wenn du vorher gegangen wärst… Aber wenn du jetzt gehst, wirst du genau das tun, was er will.«