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»Will er, daß ich umgebracht werde oder so etwas?«

»Er hat mir versprochen, daß du es überleben wirst, Measure. Und unsere ganze Familie. Und er und Ta-Kumsaw auch.«

»Was ist dann so entsetzlich daran?«

»Ich weiß es nicht. Ich fürchte mich nur vor dem, was geschehen wird. Ich glaube, daß er mich mit Ta-Kumsaw schickt, um mein Leben zu retten.«

Ein letztes Mal wollte er es noch versuchen. »Alvin, wenn du mich liebst, dann komm jetzt mit mir.«

Alvin begann zu weinen. »Measure, ich liebe dich, aber ich kann nicht mitkommen.« Immer noch weinend, lief er die Düne hinunter. Measure wollte nicht abwarten, bis er außer Sichtweite war, deshalb setzte er sich in Bewegung. In Richtung Süden. Er würde keine Schwierigkeiten haben, den Weg zu finden. Aber er fühlte sich krank vor Trauer und vor Scham darüber, daß er sich dazu hatte überreden lassen, ohne seinen Bruder loszugehen.

Den ganzen Rest des Tages marschierte er weiter, um die Nacht in einer mit Laub gefüllten Grube zu verbringen. Am nächsten Nachmittag erreichte er einen Bach, der nach Süden floß. Der würde entweder in den Tippy-Canoe oder in den Wobbish münden. Da das Wasser zu tief war und die Böschung zu dicht bewachsen, ging er in einigem Abstand weiter den Bach entlang. Das Gehen war mühsam, und er wünschte sich immer wieder ein Pferd und einen guten Weg.

Doch so schwierig es auch war, durch den Wald zu laufen, er hielt durch. Teilweise, weil Alvin seine Füße für ihn widerstandsfähiger gemacht hatte. Teilweise auch, weil er inzwischen tiefer atmete als jemals zuvor. Doch es war mehr als das. In seinen Muskeln federte die Kraft auf eine Weise, wie er es noch nie in seinem Leben empfunden hatte. Noch nie hatte er sich so lebendig gefühlt wie jetzt. Und er dachte sich: Wenn ich jetzt ein Pferd hätte, würde ich mir wahrscheinlich wünschen, daß ich zu Fuß wäre.

Es war am späten Nachmittag des zweiten Tages, als er im Fluß, den er nicht sehen konnte, Geräusche hörte. Es gab keinen Zweifel — man führte Pferde durch den Strom. Das bedeutete Weiße, vielleicht sogar Leute aus Vigor Church, die noch immer nach ihm und Alvin suchten.

Er kletterte die Böschung zum Flußufer hoch, wobei er sich ziemlich schlimm zerkratzte. Sie ritten stromabwärts, von ihm fort, vier Männer zu Pferde. Erst als er selbst bereits im Fluß stand und sich fast die Lunge aus dem Leib schrie, bemerkte er, daß sie die grüne Uniform der US-Armee trugen. Noch nie hatte er davon gehört, daß Soldaten in dieses Gebiet gekommen wären. Es war das Land, das von den Weißen gemieden wurde, weil sie die Franzosen in Fort Chicago nicht aufstacheln wollten.

Sie hörten ihn sofort und rissen die Pferde herum, um ihn anzuschauen. Und beinahe ebenso schnell hatten drei von ihnen auch schon die Musketen angelegt.

»Nicht schießen!« rief Measure.

Die Soldaten ritten auf ihn zu, doch kamen sie nur sehr langsam voran, weil es ihren Pferden schwerfiel, gegen die Strömung zu laufen.

»Nicht schießen, um Gottes willen«, sagte Measure. »Ihr seht doch, daß ich nicht bewaffnet bin, ich habe nicht einmal ein Messer dabei!«

»Der spricht wirklich gut Englisch, nicht wahr?« meinte einer der Soldaten.

»Natürlich tue ich das! Ich bin doch schließlich ein Weißer!«

»Hat man so etwas schon einmal gehört«, meinte ein anderer Soldat. »Das ist das erste Mal, daß ich erlebe, daß einer von denen behauptet, weiß zu sein.«

Measure sah an sich herab. Die Sonne hatte seine Haut tatsächlich gerötet, aber sie war viel heller als die eines wirklichen roten Mannes. Gewiß, er trug einen Lendenschurz und sah ziemlich verwildert und schmutzig aus.

Die Männer gingen kein Risiko ein. Nur einer kam auf ihn zugeritten. Die anderen hielten sich ein Stück zurück, die Musketen immer noch feuerbereit angelegt für den Fall, daß Measure ein paar Leute dabei hatte, die am Flußufer einen Hinterhalt planten. Er sah, daß der Mann, der auf ihn zukam, sich zu Tode fürchtete und mal hierher schaute, mal dorthin, darauf wartend, daß ein Roter einen Pfeil auf ihn abschoß. Ganz schön idiotisch, dachte Measure, da man einen Roten im Wald ohnehin erst erkennen konnte, wenn sein Pfeil bereits in einem steckte.

Der Soldat kam nicht ganz heran. Er schlug einen Bogen, um sich ihm dann von der Seite zu nähern. Dann machte er eine Schlaufe in ein Seil und warf es Measure zu. »Leg dir das um die Brust unter die Arme«, sagte der Soldat.

»Wofür?«

»Damit ich dich führen kann.«

»Den Teufel werde ich tun«, antwortete Measure. »Wenn ich gewußt hätte, daß Ihr versuchen würdet, mich an einem Seil mitten durch einen Fluß zu zerren, dann wäre ich auf dem trockenen Land geblieben und allein nach Hause gegangen.«

»Wenn du nicht in fünf Minuten dieses Seil um dich gelegt hast, werden die Jungs dort hinten dir den Kopf wegpusten.«

»Wovon redet Ihr überhaupt?« versetzte Measure. »Ich bin Measure Miller. Ich bin vor fast einer Woche zusammen mit meinen kleinen Bruder Alvin gefangengenommen worden und will gerade nach Hause zurück nach Vigor Church.«

»Ach, das ist aber eine hübsche Geschichte«, meinte der Soldat. Er holte das Seil ein, das inzwischen klitschenaß war, und warf es erneut. Diesmal traf es Measure im Gesicht. Measure griff danach, hielt es mit der Hand fest. Der Soldat zückte seinen Degen. »Fertigmachen zum Feuern, Jungs!« rief der Soldat. »Es ist tatsächlich dieser Überläufer!«

»Überläufer! Ich…« Dann endlich merkte Measure, daß irgend etwas schrecklich schiefgelaufen war. Sie wußten, wer er war, und dennoch wollten sie ihn gefangennehmen.

Und mit drei Musketen und einem Degen konnten sie ihn wahrscheinlich auch recht leicht töten, wenn er versuchte davonzulaufen. Aber das war doch die US-Armee, nicht wahr? Wenn er erst einmal einen Offizier zu sprechen bekam, würde sich das alles schon bald aufklären. Also zog er sich das Seil über den Kopf und schob die Schlinge um seinen Brustkorb.

Es war nicht allzu schlimm, solange sie im Wasser waren; manchmal trieb er einfach weiter. Aber schon bald gingen sie wieder an Land und ließen ihn hinter sich herlaufen, während sie sich ihren Weg durch den Wald bahnten. Sie schlugen einen Bogen nach Osten, umgingen Vigor Church.

Measure versuchte etwas zu sagen, doch sie befahlen ihm zu schweigen. »Ich will dir was sagen — wir haben den Auftrag, Überläufer wie dich tot oder lebendig zurückzubringen. Ein Weißer, der gekleidet ist wie ein Roter — wir wissen genau, was du bist.«

Aus ihren Gesprächen konnte er einiges entnehmen. Sie waren im Auftrag von General Harrison auf einem Spähtrupp. Measure wurde ganz übel bei dem Gedanken, daß die Dinge sich so schlimm entwickelt hatten, daß sie diesen mit Branntwein handelnden Taugenichts in den Norden gerufen hatten. Und er war auch verdammt schnell zur Stelle gewesen.

Die Nacht verbrachten sie auf einer Lichtung. Sie machten so viel Lärm, daß es Measure schon wie ein Wunder erschien, daß sie am nächsten Morgen nicht von sämtlichen Roten im ganzen Land umringt werden.

Am nächsten Tag weigerte er sich geradeheraus, sich an einem Seil mitzerren zu lassen. »Ich bin fast nackt, ich habe keine Waffen, und ihr könnt mich jetzt entweder umbringen oder mich reiten lassen.« Und so saß er schließlich hinter einem der Soldaten auf dem Pferd und hielt die Arme um die Hüften des Mannes geschlungen. Bald erreichten sie ein Gebiet, in dem es Pfade und Wege gab, und kamen gut voran.

Kurz vor Mittag erreichten sie ein Armeelager. Es war keine besonders beeindruckende Armee, vielleicht hundert Uniformierte und zweihundert weitere, die gerade auf einem Exerzierplatz umhermarschierten. Measure wußte den Namen der Familie nicht mehr, die hier wohnte. Es waren neue Leute, die erst vor kurzem aus dem Gebiet um Carthage gekommen waren. Doch stellte sich heraus, daß es ohnehin keine Rolle spielte. General Harrison hatte ihr Haus zum Hauptquartier gemacht; die Späher führten ihn direkt zu ihm.