Schon in den ersten zehn Minuten des Grabens brach er sich einen halben Fingernagel ab. Der Schmerz war ziemlich schlimm, und er wußte, daß er blutete. Würden sie ihn jetzt hinauszerren, würden sie sofort erkennen, daß er einen Tunnel graben wollte. Doch es war seine einzige Chance. Also grub er weiter, trotzte dem Schmerz, und hielt dann und wann inne, um eine Kartoffel hinauszuwerfen, die in sein Loch hinabgerollt war.
Schon bald nahm er seinen Lendenschurz ab und benutzte ihn für die Arbeit. Er lockerte das Erdreich mit den Händen, häufte es auf das Tuch und hob es damit aus dem Loch. Das war zwar nicht so gut wie ein Spaten, aber immer noch um einiges besser, als das Erdreich mit den Händen herauszuheben. Wieviel Zeit hatte er noch? Waren es Tage? Waren es Stunden?
11. Der Rotenjunge
Es war keine Stunde später, nachdem Measure gegangen war. Ta-Kumsaw stand auf einer Düne, der weiße Junge Alvin neben ihm. Und vor ihm Tenskwa-Tawa. Lolla-Wossiky. Sein Bruder. Der Junge, der einst geweint hatte, weil die Bienen starben. Ein Prophet. Angeblich. Der den Willen des Landes verkündete. Angeblich. Der von Feigheit sprach, von Aufgabe, Niederlage, Vernichtung.
»Dies ist der Eid des friedlichen Landes«, sagte der Prophet. »Keine der Waffen des weißen Mannes anzunehmen, keines der Werkzeuge des weißen Mannes, keine der Kleidungen des weißen Mannes, keine Nahrung des weißen Mannes, und auch keines der Versprechen des weißen Mannes. Vor allem aber, niemals ein Leben zu nehmen, das sich nicht selbst dem Tod entbietet.«
Die Roten, die bei ihm standen, hatten all dies schon gehört, genau wie Ta-Kumsaw. Die meisten, die mit ihnen zum Mizogan gekommen waren, hatten den Eid der Schwäche, den ihnen der Prophet abforderte, bereits abgelehnt. Sie leisteten einen anderen Eid, den Eid des Zorns des Landes, den Eid, den Ta-Kumsaw ihnen anbot. Jeder Weiße sollte nach dem Gesetz des roten Mannes leben oder das Land verlassen, oder sterben. Die Waffen des weißen Mannes durften verwendet werden, doch nur, um Rote vor Mord und Diebstahl zu schützen. Kein roter Mann würde einen Gefangenen martern oder töten — ob es ein Mann war, eine Frau oder ein Kind. Vor allem aber sollte der Tod keines Roten ungerächt bleiben.
Ta-Kumsaw wußte, daß alle Roten Amerikas, sofern sie nur seinen Eid schworen, den weißen Mann noch immer würden besiegen können. Die Weißen waren überhaupt nur so weit gekommen, weil die Roten sich nie unter einem Führen vereinigen konnten. Die Weißen hatten sich immer mit dem einen oder dem anderen Stamm verbünden können, der sie dann durch den pfadlosen Wald führte, um ihre Feinde aufzuspüren. Wären Rote nicht übergelaufen — wie die unsäglichen Irrakwa, die Halbweißen Cherriky —, der weiße Mann hätte in diesem Land nicht überleben können.
Nachdem der Prophet seine Herausforderung ausgesprochen hatte, war es nur noch eine Handvoll, die seinen Eid ableisten mochte und mit ihm zurückkehren wollte. Er wirkte traurig, dachte Ta-Kumsaw. Er kehrte jenen, die blieben, den Rücken zu — den Kriegern, die gegen den weißen Mann kämpfen würden.
»Diese Männer sind deine«, sagte der Prophet. »Ich wünschte, es wären nicht so viele.«
»Ja, es sind meine, aber ich wünschte, es wären nicht so wenige.«
»Oh, du wirst noch genügend Verbündete finden. Chok-Taw, Cree-Ek, Chicky-Saw, die heimtückischen Semmy-Noll der Oky-Fenoky. Genug, um die größte Armee des roten Mannes aufzustellen, die dieses Land jemals gesehen hat, und alle werden sie nach dem Blut der Weißen dürsten.«
»Kämpfe an meiner Seite in dieser Schlacht«, forderte Ta-Kumsaw ihn auf.
»Du wirst deine Sache verlieren, weil du töten wirst«, erwiderte der Prophet. »Ich dagegen werde siegen.«
»Indem du stirbst.«
»Wenn das Land meinen Tod fordert, werde ich gehorchen.«
»Und all dein Volk mit dir.«
Der Prophet schüttelte den Kopf. »Ich habe geschaut, was ich geschaut habe. Das Volk meines Bundes ist ebensosehr Teil des Landes wie der Bär oder der Büffel, das Eichhörnchen oder der Biber. Alle diese Tiere haben stillgestanden, um deinen Pfeil zu empfangen, nicht wahr? Oder sie haben deinem Messer den Hals hingestreckt. Oder für deinen Tommy-hawk den Kopf auf den Boden gelegt.«
»Es sind Tiere, Fleisch.«
»Sie sind lebendig, sie sollen so lange leben, bis sie sterben, und wenn sie sterben, tun sie es, damit andere leben können.«
»Ich nicht. Nicht mein Volk. Wir werden dem Messer des weißen Mannes nicht den Hals hinhalten.«
Der Prophet nahm Ta-Kumsaw an der Schulter, Tränen strömten seine Wangen herab. Er preßte seine Wange an die seines Bruders, benetzte sie.
»Komm und suche mich am anderen Ufer des Mizzipy auf, wenn all dies vollbracht ist«, sagte, der Prophet.
»Ich werde es nicht zulassen, daß das Land geteilt wird«, erwiderte Ta-Kumsaw. »Der Osten gehört nicht dem weißen Mann.«
»Der Osten wird sterben«, antwortete der Prophet. »Folge mir nach Westen, wohin der weiße Mann niemals kommen wird.«
Ta-Kumsaw erwiderte nichts.
Der weiße Junge Alvin berührte die Hand des Propheten. »Tenskwa-Tawa, bedeutet das, daß ich nie nach Westen kommen kann?«
Der Prophet lachte. »Weshalb, glaubst du, schicke ich dich mit Ta-Kumsaw? Wenn irgend jemand einen weißen Jungen zu einem Roten machen kann, so Ta-Kumsaw.«
»Ich will ihn nicht haben«, sagte Ta-Kumsaw.
»Nimm ihn oder stirb«, gab der Prophet zur Antwort. Dann schritt er die Düne hinunter zu seinem Dutzend Männer, die mit ihren blutigen Handflächen, mit denen sie den Eid besiegelt hatten, auf ihn warteten. Sie schritten am Ufer des Sees davon, ihren Familien entgegen. Morgen würden sie wieder in Prophetstown sein, bereit, niedergemetzelt zu werden.
Ta-Kumsaw wartete, bis der Prophet hinter einer Düne verschwunden war. Dann rief er den Hunderten, die übriggeblieben waren, zu: »Wann wird der weiße Mann jemals Frieden haben?«
»Wenn er geht!« riefen sie. »Wenn er stirbt!«
Ta-Kumsaw lachte und breitete die Arme aus. Er spürte ihre Liebe und ihr Vertrauen wie die Hitze der Sonne an einem Wintertag. Er wußte, daß keine Aufgabe vor ihm lag, die er nicht meistern konnte. Nur der Verrat würde ihm den Sieg streitig machen können. Und Ta-Kumsaw vermochte tief ins Herz eines Menschen hineinzublicken. Er wußte, wann er vertrauen konnte, wußte, wenn der andere ein Lügner war. Hatte er Gouverneur Harrison nicht von Anfang an durchschaut? Ein solcher Mann konnte sein Innerstes nicht vor ihm verbergen.
Nur wenige Minuten später machten auch sie sich auf. Ein paar Dutzend Männer führten die Frauen und Kinder an einen anderen Ort, wo sie sich für eine kurze Zeit niederlassen würden. Nie blieben sie länger als drei Tage an einer Stelle — eine dauerhafte Siedlung wie Prophetstown war eine Einladung zu einem Massaker.
Ta-Kumsaw führte sie durch den Wald. Der weiße Junge lief dicht hinter ihm. Bewußt wählte Ta-Kumsaw ein mörderisches Tempo, doppelt so schnell wie zuvor, als sie den Jungen und seinen Bruder an den Mizogan gebracht hatten. Es waren noch zweihundert Meilen bis Fort Detroit, und Ta-Kumsaw war entschlossen, diese Strecke an einem einzigen Tag hinter sich zu legen. Kein weißer Mann vermochte dies — und auch kein Pferd eines Weißen. Alle fünf Minuten eine Meile, immer weiter, während der Wind seinen Haarknoten peitschte. Auch nur eine halbe Stunde in diesem Tempo zu laufen, hätte einen gewöhnlichen Mann normalerweise umgebracht, nur daß der rote Mann die Kraft des Landes anrief, um ihm zu helfen. Der Boden preßte sich gegen seine Füße, vermehrte seine Kraft. Die Sträucher teilten sich, um Platz zu machen. Ta-Kumsaw jagte so schnell über Bäche und Flüsse, daß seine Füße ihren Boden nicht berührten und gerade nur tief genug einsanken, um im Wasser selbst Halt zu finden. Sein Verlangen, nach Fort Detroit zu kommen, war so stark, daß das Land darauf reagierte, indem es ihn nährte und ihm Kraft gab. Und nicht Ta-Kumsaw allein, sondern jeder Mann hinter ihm; jeder Rote, der das Gefühl des Landes in seinem eigenen Inneren kannte, fand dieselbe Kraft wie sein Anführer, ging denselben Pfad entlang, Schritt um Schritt, wie eine große Seele, die einen langen, geraden Pfad durch den Wald entlangeilte.