Ich werde den weißen Jungen tragen müssen, dachte Ta-Kumsaw. Doch die Schritte hinter ihm — denn Weiße machten beim Laufen Lärm — verklangen nicht, sie paßten sich seinem eigenen Rhythmus an.
Das war natürlich unmöglich. Die Beine des Jungen waren kürzer, er mußte mehr Schritte machen, um dieselbe Strecke hinter sich zu legen. Und doch: Minute um Minute, Meile um Meile, Stunde um Stunde hielt der Junge mit ihm Schritt.
Hinter ihnen ging zur Linken die Sonne unter. Die Sterne kamen heraus, doch kein Mond, und die Nacht war dunkel unter den Bäumen. Das Land selbst führte sie in der Dunkelheit sicher weiter. Mehrmals bemerkte Ta-Kumsaw in der Nacht, daß der Junge kein Geräusch mehr machte. Jedesmal rief er dem Mann, der hinter dem weißen Jungen Alvin lief, etwas auf Shaw-Nee zu, und jedesmal antwortete der Mann: »Er läuft.«
Der Mond kam heraus, warf Flecken matten Lichtes auf den Waldboden. Sie liefen durch Schauer, durch schwere Regenfälle, wieder durch Schauer, dann wurde das Land trocken. Nie verlangsamten sie ihr Tempo. Im Osten wurde der Himmel erst grau, dann rosa, dann blau, bis die Sonne wieder emporstieg. Sie stand bereits drei Hände breit über dem Horizont, als sie den Rauch von Kochfeuern erblickten, dann die schlaffe Lilienfahne und endlich das Kreuz der Kathedrale. Erst dann wurden sie langsamer, um sich auf einem Grasstück auszuruhen, das so dicht bei der Stadt lag, daß sie die Orgel in der Kathedrale spielen hören konnten.
Ta-Kumsaw blieb stehen, und hinter ihm hielt auch der Junge an. Wie war es Alvin, einem weißen Jungen, gelungen, wie ein roter Mann durch die Nacht zu wandern? Ta-Kumsaw kniete vor dem Jungen nieder. Obwohl Alvins Augen geöffnet waren, schien er nichts zu sehen. »Alvin«, sagte Ta-Kumsaw auf Englisch. Der Junge antwortete nicht. »Alvin, schläfst du?«
Einige der Krieger scharten sich um die beiden. Sie waren ebenso verwundert wie Ta-Kumsaw. Hatte Ta-Kumsaw den Jungen durch seine eigene Kraft zum Durchhalten befähigt? Oder hatte das Land unglaublicherweise einem weißen Kind von seiner Kraft gegeben?
»Ist er weiß wie seine Haut, oder ist er im Herzen rot?« fragte einer. Er sprach es auf Shaw-Nee, doch nicht mit der gewöhnlichen Betonung, sonder in der langsamen und heiligen Sprache der Schamanen.
Zu Ta-Kumsaws Überraschung antwortete Alvin dem Mann und sah ihn dabei an. »Weiß«, murmelte er. Er sprach Englisch.
»Spricht er unsere Sprache?« fragte der Mann.
Alvin schien die Frage zu verwirren. »Ta-Kumsaw«, sagte er. Er blickte zur Sonne hinauf. »Es ist Morgen. Habe ich geschlafen?«
»Nicht geschlafen«, sagte Ta-Kumsaw auf Shaw-Nee. Nun schien der Junge überhaupt nichts zu verstehen. »Nicht geschlafen«, wiederholte Ta-Kumsaw auf Englisch.
»Ich habe das Gefühl, als hätte ich geschlafen«, sagte er. »Nur daß ich hier aufrecht stehe.«
»Du fühlst dich nicht müde? Du willst dich nicht ausruhen?«
»Müde? Warum sollte ich müde sein?«
Ta-Kumsaw wollte es ihm nicht erklären. Wenn der Junge nicht wußte, was er getan hatte, dann war es ein Geschenk des Landes gewesen. Vielleicht war aber auch etwas daran, was der Prophet über ihn gesagt hatte: Daß Ta-Kumsaw ihn lehren sollte, ein Roter zu werden. Wenn er in einem solchen Gewaltmarsch mit erwachsenen Shaw-Nee Schritt halten konnte, dann konnte dieser Junge vielleicht als einziger Weißer auch lernen, das Land zu erspüren.
Ta-Kumsaw erhob sich und sprach mit den anderen. »Ich gehe in die Stadt und nehme nur vier Männer mit.«
»Und den Jungen«, sagte einer. Andere wiederholten seine Worte. Sie alle wußten, was der Prophet Ta-Kumsaw versprochen hatte, daß er nicht sterben würde, solange der Junge bei ihm blieb. Selbst wenn er versuchen wollte, den Jungen zurückzulassen, würden sie es nie zulassen.
»Und den Jungen«, willigte Ta-Kumsaw ein.
Detroit war kein Fort wie die armseligen Holzstakete der Amerikaner. Es war aus Stein gebaut wie die Kathedrale, mit riesigen Kanonen, die auf den Fluß hinauszeigten, der den Lake Huron, den Lake St. Clair und den Lake Canada miteinander verband; kleinere Kanonen wiesen landeinwärts, bereit, etwaige Angreifer zu Lande abzuwehren.
Aber es war die Stadt und nicht die Festung, die sie beeindruckte. Ein Dutzend Straßen mit Holzhäusern, Geschäften und Läden, und in der Mitte eine Kathedrale, so gigantisch, daß Reverend Throwers Kirche dagegen einfach lächerlich wirkte. Schwarzgewandete Priester, die aussahen wie Krähen, gingen in den Straßen ihren Geschäften nach. Die dunkelhäutigeren Franzosen begegneten den Roten nicht mit der gleichen Feindseligkeit, wie sie die Amerikaner oft an den Tag legten. Sie waren nun einmal keine Siedler und sahen daher in den Roten keine Rivalen um den Landbesitz. Die Franzosen hier dienten ihre Zeit ab, bis sie nach Europa zurückkehrten oder zumindest in die von Weißen besiedelten Ländereien von Quebec und Ontario auf der anderen Seite des Flusses. Allein die Trapper bildeten eine Ausnahme, doch für sie waren die Roten auch keine Feinde. Trapper begegneten den Roten vielmehr mit Ehrfurcht, sie versuchten zu erfahren, wie es den Roten gelang, ihr Wild so mühelos aufzuspüren, wo die Trapper doch solch verteufelte Schwierigkeiten damit hatten, zu wissen, wo sie ihre Fallen auslegen sollten. Sie dachten, wie es die Weißen immer taten, daß es nur irgendein Trick der Roten sei, und daß sie die roten Männer nur lange genug beobachten mußten, um ihn in Erfahrung zu bringen. Sie würden es niemals lernen. Wie konnte das Land auch einen Mann annehmen, der alle Biber in einem Teich tötete, nur um die Pelze zu erhalten, während er das Fleisch achtlos liegenließ und kein Biber mehr übrigblieb, um noch Junge zu gebären? Kein Wunder, daß die Bären diese Trapper töteten, wann immer sie konnten. Das Land selbst verließ sie.
Wenn ich die Amerikaner aus dem Land westlich der Berge vertrieben habe, dachte Ta-Kumsaw, dann werde ich die Yankees aus New England vertreiben und die Cavaliers aus den Kronkolonien. Und wenn sie alle fort sind, werde ich mich den Spaniern in Florida und den Franzosen in Kanada zuwenden. Heute werde ich mich eurer bedienen, doch schon morgen werde ich auch euch verjagen. Jeder Weißer der in diesem Land bleibt, wird nur hierbleiben können, wenn er tot ist. Und von diesem Tag an werden die Biber nur noch sterben, wenn das Land ihnen sagt, daß die Zeit zum Sterben gekommen sind.
Offiziell war de Maurepas der französische Kommandant von Detroit, doch Ta-Kumsaw mied ihn, wann immer er konnte. Es lohnte sich nur, mit Napoleon Bonaparte, seinem Stellvertreter, zu reden.
»Ich habe gehört, daß Ihr am Lake Mizogan wart«, sagte Napoleon. Natürlich sprach er Französisch, doch Ta-Kumsaw hatte das Französische zur gleichen Zeit wie das Englische gelernt, noch dazu von derselben Person. »Kommt, nehmt Platz.« Napoleon musterte den weißen Jungen Alvin mit vagem Interesse, sagte aber nichts zu ihm.
»Ich war dort«, erwiderte Ta-Kumsaw. »Wie auch mein Bruder.«
»Ah. Aber war auch eine Armee dort?«
»Der Keim einer Armee«, sagte Ta-Kumsaw. »Ich habe es aufgegeben, zu versuchen, Tenskwa-Tawa zu überzeugen. Ich werde einen Armee aus den anderen Stämmen zusammenstellen.«
»Wann denn?« fragte Napoleon ungeduldig. »Jedes Jahr kommt Ihr zwei-, dreimal zu mir, um mir zu erzählen, daß Ihr eine Armee aufstellen werdet. Wißt Ihr, wie lange ich hier schon warte? Vier Jahre, vier lange erbärmliche Jahre des Exils!«
»Ich weiß, wie viele Jahre es sind«, antwortete Ta-Kumsaw. »Ihr werdet Eure Schlacht bekommen.«
»Noch bevor mein Haar ergraut? Sagt es mir! Muß ich erst an Altersschwäche sterben, bevor Ihr einen allgemeinen Aufstand der Roten ausruft? Ihr wißt, wie hilflos ich bin. La Fayette und de Maurepas lassen mich nicht weiter als fünfzig Meilen von hier fort, sie wollen mir überhaupt keine Truppen zur Verfügung stellen. Erst muß es eine Armee geben, sagen sie. Die Amerikaner müssen erst eine Hauptstreitkraft haben, mit denen Ihr kämpfen könnt. Nun, das einzige, was diese erbärmlich unabhängigen Bastarde dazu bringen wird, sich zu vereinigen, seid Ihr.«