Herrscher entmachten. Andere Zeiten oder nicht, Richard fand dies alles unglaublich, schwer zu rechtfertigen. »Wer gab den Konfessoren das Recht dazu?«
Sie blickte ihn hart an. »Was tun wir beide, du und ich, eigentlich jetzt? Ist das so anders als das, was man in der Vergangenheit getan hat? Einen Herrscher entmachten?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Noch heute haben die Herrscher der Länder einen gesunden Respekt vor den Konfessoren, wenn nicht sogar ausgesprochene Angst. Besonders vor der Mutter Konfessor. Sie alle sind darauf bedacht, nicht aufzufallen. Mit dem Sucher ist es ziemlich das gleiche. War es zumindest früher, bevor wir beide geboren wurden. Damals waren Sucher noch gefürchteter und respektierter als Konfessoren.« Sie sah ihn bedeutungsschwer an. »Auch sie haben Könige entthront. Jetzt jedoch, seit das Schwert zu einer politischen Gefälligkeit verkommen ist, ist ihr Ansehen gesunken. Sie gelten kaum mehr als Bauern oder Diebe.«
»Ich bin nicht sicher, ob sich das geändert hat«, meinte Richard mehr zu sich selbst als zu ihr. »Die meiste Zeit komme ich mir vor, als wäre ich nicht mehr als eine Figur, die von anderen herumgeschoben wird. Selbst von Zedd und…«
Er sprach nicht weiter. Das tat sie für ihn. »Und von mir.«
»So meine ich das nicht. Ich wünsche mir manchmal bloß, ich hätte nie vom Schwert der Wahrheit gehört. Gleichzeitig aber kann ich unmöglich zulassen, daß Rahl gewinnt. Ich bin also zum Handeln verdammt. Ich glaube, ich habe keine Wahl, und genau das hasse ich.«
Kahlan machte ein wehmütiges Gesicht und schlug die Beine übereinander. »Richard, hoffentlich begreifst du jetzt, daß es für mich genau dasselbe war. Auch ich habe keine Wahl. Bei mir ist es sogar noch schlimmer, denn ich wurde mit dieser Kraft geboren. Wenn alles vorüber ist, kannst du wenigstens das Schwert zurückgeben, wenn du willst. Ich bleibe mein Leben lang Konfessor.« Sie zögerte, dann fügte sie hinzu: »Jetzt, wo ich dich kennengelernt habe, würde ich alles dafür geben, eine ganz normale Frau sein zu können.«
Richard wußte nicht, wohin mit seinen Händen. Er nahm ein Stöckchen und zeichnete Linien in den Sand. »Ich verstehe noch immer nicht, warum man euch ›Konfessoren‹ nennt. Was bedeutet das?« Er hatte große Schwierigkeiten, sie anzusehen.
Kahlan machte ein gequältes Gesicht. Sie tat ihm leid. »Das ist unsere Arbeit. Wir sind die endgültigen Gebieter über die Wahrheit. Aus diesem Grund haben uns die Zauberer in längst vergessener Zeit die Kraft gegeben. Auf diese Weise dienen wir den Menschen.«
»Endgültige Gebieter über die Wahrheit.«
Sie nickte. »Wir beide sind durch unsere Ziele verbunden. In gewisser Weise stellen wir die Kehrseiten desselben Zaubers dar. Die Zauberer in alter Zeit waren eher wie Herrscher. Die allgegenwärtige Korruption machte sie zunehmend unzufrieden. Sie haßten all den Lug und Trug. Sie suchten nach einer Möglichkeit, zu verhindern, daß die Korrupten ihre Macht benutzen, um das Volk zu täuschen und zu unterwerfen. Diese skrupellosen Herrscher brauchten ihre politischen Gegner nur eines Verbrechens zu bezichtigen und sie dafür hinrichten zu lassen. So hatten sie sie gleichzeitig entehrt und vernichtet. Die Zauberer suchten einen Weg, das zu beenden. Einen Weg, der keinen Raum für Zweifel ließ. Also schufen sie einen Zauber, dem sie ein Eigenleben einhauchten. Aus einer Gruppe ausgewählter Frauen schufen sie die Konfessoren. Die Frauen wurden sorgfältig ausgesucht, denn der Zauber führte ein Eigenleben, sobald er einmal in diesen Frauen zum Leben erweckt war — und er würde auf ihre Nachkommen übergehen, für immer.« Abwesend betrachtete sie den Stock, mit dem Richard Linien in den Staub zeichnete. »Wir benutzen unsere Kraft, um die Wahrheit herauszufinden. Vorausgesetzt, die Wahrheit ist wichtig genug. Heutzutage stellen wir damit meist sicher, ob ein zum Tode Verurteilter wirklich schuldig ist. Wir berühren die zum Tode Verurteilten, und wenn sie dann uns gehören, lassen wir sie gestehen.«
Richard hatte sich vorgebeugt. Der Stock bewegte sich nicht mehr. Er mußte sich zwingen, weiterzuzeichnen, als sie fortfuhr.
»Nach einer Berührung wird auch der übelste Mörder sich unserem Willen beugen und seine Verbrechen gestehen. Manchmal sind sich die Gerichte nicht sicher, ob sie den Richtigen haben. Man ruft also einen Konfessor, um die Wahrheit herauszufinden. In den meisten Ländern ist es Gesetz, daß niemand ohne Geständnis hingerichtet werden darf, damit auf jeden Fall der Richtige hingerichtet wird und man keinen Unschuldigen umkommen läßt. Einige Völker der Midlands bedienen sich nicht der Konfessoren, die Schlammmenschen zum Beispiel. Sie wollen keine Einmischung von außen, wie sie es sehen. Trotzdem fürchten sie uns, denn sie wissen, wozu wir fähig sind. Wir respektieren die Wünsche dieser Völker. Es gibt kein Gesetz, das ihnen die Inanspruchnahme unserer Dienste vorschreibt. Trotzdem werden wir sie im Falle des Verdachts einer Täuschung dazu zwingen. Die meisten Länder jedoch nehmen unsere Dienste in Anspruch. Sie finden es praktisch.
Konfessoren waren es, die als erste die Intrigen und den Verrat zu Rahls Gunsten aufgedeckt haben. Dazu haben Zauberer Konfessoren in erster Linie erschaffen, um die Wahrheit herauszufinden. Und den Posten des Suchers ebenfalls. Darken Rahl war gar nicht glücklich, daß wir ihm auf die Schliche gekommen sind.
In seltenen Fällen bittet ein ohne Konfessor zum Tode Verurteilter darum, einen zu rufen, damit er zum Beweis seiner Unschuld ein wahrheitsgemäßes Geständnis ablegen kann. Das ist überall in den Midlands das Recht der Verurteilten.« Ihre Stimme wurde sanfter, leiser. »Das hasse ich am meisten. Kein Schuldiger würde einen Konfessor rufen, er würde nur seine Schuld beweisen. Noch bevor ich diese Männer berühre, weiß ich, daß sie unschuldig sind, und doch muß ich es tun. Hättest du je den Blick in ihren Augen gesehen, wenn ich sie berühre … du würdest es verstehen. Wenn man uns also ruft und diese Männer unschuldig sind, läßt man sie…«
Es schnürte Richard die Kehle zusammen. Er versuchte zu schlucken. »Wie viele Geständnisse hast du … abgenommen?«
Sie schüttelte langsam den Kopf. »Unzählig viele. Mein halbes Leben habe ich in Gefängnissen und Verliesen verbracht, bei den abscheulichsten und bösartigsten Tieren, die du dir denken kannst, und doch sehen die meisten nicht anders aus als ein freundlicher Ladenbesitzer oder der eigene Bruder, Vater, Nachbar. Sobald ich sie berührt habe, beichten sie mir all ihre Untaten. Anfangs hatte ich lange Zeit solche Alpträume, daß ich Angst hatte, zu schlafen. Die Dinge, die sie getan hatten … du kannst es dir nicht vorstellen…«
Richard warf das Stöckchen fort, nahm ihre Hand und drückte sie leicht. Sie fing an zu weinen. »Kahlan, du brauchst doch nicht…«
»Ich kann mich noch an den ersten Mann erinnern, den ich getötet habe.« Ihre Lippen bebten. »Er verfolgt mich immer noch in meinen Träumen. Er hat mir gestanden, was er seinen Nachbarn und den drei Töchtern angetan hat … die älteste war gerade fünf … nachdem er mir die grausigsten Dinge gebeichtet hatte, die du dir vorstellen kannst, sah er mich aus großen Augen an und sagte: ›Wie lautet dein Wunsch, Herrin?‹…. und ohne nachzudenken sagte ich: ›Ich wünsche mir deinen Tod.‹« Mit zittrigen Fingern wischte sie sich eine Träne von der Wange. »Er brach auf der Stelle tot zusammen.«
»Was haben die Leute gesagt?«
»Was könnten sie einem Konfessor sagen, auf dessen Befehl hin gerade ein Mensch vor ihren Augen tot zusammengebrochen war? Sie alle wichen zurück und machten Platz, als wir abzogen. Nicht jeder Konfessor bringt so etwas fertig. Sogar meinem Zauberer hatte es vor Angst die Sprache verschlagen.«
Richard runzelte die Stirn. »Dein Zauberer?«
Sie nickte und wischte sich die restlichen Tränen aus dem Gesicht. »Die Konfessoren haben ihre Macht von den Zauberern. Das war zu einer Zeit, als sie noch mehr mit der Verwaltung der Länder befaßt waren. Zu jener Zeit versuchten sie sich als Herrscher, sie wollten sämtliche Länder regieren. Mit der Zeit ließen sie davon wegen katastrophaler Fehlentwicklungen ab und wurden mehr Schutzherren als Regierende für die Völker. Für die Konfessoren fühlten sie sich trotzdem verantwortlich, denn sie konnten ihnen die Bürde der Kraft nicht nehmen, die sie ihnen aufgelastet hatten, noch sahen sie vorher, daß der Zauber, den sie geschaffen hatten, zu einer fürchterlichen Fehlentwicklung werden würde. Sie sahen es als ihre Pflicht an, uns zu schützen, da wir überall gefürchtet und gehaßt wurden. Fast immer reisen Konfessoren unter dem Schutz eines Zauberers. Rahl ist es gelungen, uns von den Zauberern zu trennen, und nun gibt es auch keine Zauberer mehr. Bis auf Zedd und Giller.«