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Sein Mitleid mit ihr, mit dem, was sie war und mit ihrer Ausweglosigkeit, machte sich qualvoll bemerkbar. Er spürte seinen eigenen schmerzlichen Verlust, auch wenn er jetzt erkannte, daß er gar nichts zu verlieren gehabt hatte. Sie hätte nie die seine, oder genauer, er der ihre werden können, es war alles nur eine Ausgeburt seiner Phantasie. Zedd hatte versucht, ihn zu warnen, ihm die Schmerzen zu ersparen. Warum hatte er nur nicht auf ihn gehört? Wieso mußte er so dumm sein und glauben, er wäre klug genug, es hinzubekommen? Er wußte, warum. Langsam erhob er sich und trat ans Feuer, damit sie seine Tränen nicht sah. Er schluckte, um wieder sprechen zu können.

»Wieso sprichst du immer von ›Töchtern‹? Warum immer Frauen? Was ist mit Männern, können Konfessoren keine männlichen Kinder gebären?« Seine Stimme klang wie ein Scharren auf Kies.

Lange lauschte er auf das Knacken des Feuers. Sie antwortete nicht. Er drehte sich um, als er sie weinen hörte. Sie schaute auf und streckte ihre Hand aus, damit er ihr aufhelfen konnte. Dann lehnte sie sich an den Stamm, strich sich die Haare aus dem Gesicht und verschränkte die Arme.

»Doch, Konfessoren können männliche Kinder gebären. Nicht so oft wie früher, aber es kommt noch immer vor.« Sie räusperte sich. »Aber die Kraft in ihnen ist stärker, sie brauchen keine Zeit, sich zu regenerieren. Manchmal wird ihnen die Kraft das Wichtigste und korrumpiert sie. Das ist der Fehler, den die Zauberer gemacht haben. Aus eben diesem Grund haben sie Frauen ausgesucht, doch haben sie nicht ausreichend bedacht, daß die Kraft ein Eigenleben entwickeln kann. Sie haben nicht vorhergesehen, daß die Kraft an Nachkommen vererbt werden und sich in Männern ganz anders zeigen würde. Vor langer Zeit vereinten einige männliche Konfessoren ihre Kräfte und errichteten ein grausames Regime. Es wurde die finstere Zeit genannt. Dieses Zeitalter glich ein wenig der heutigen mit Darken Rahl. Schließlich machten die Zauberer Jagd auf sie und töteten sie. Dabei starben auch viele Zauberer. Von da an zogen sich die Zauberer aus der Regierung der Länder zurück, es waren ohnehin zu viele umgekommen. Statt dessen versuchten sie nun, dem Volk zu dienen und zu helfen, wo sie konnten. Aber wenn sie es vermeiden können, lassen sie sich nicht mehr mit den Herrschern ein. Sie haben eine bittere Lektion gelernt.«

Kahlan wich seinem Blick aus, dann fuhr sie fort. »Aus irgendeinem Grund bedarf es des einzigartigen Mitgefühls einer Frau, die Kraft zu beherrschen und sich von ihrem korrumpierenden Einfluß frei zu machen. Den Grund dafür kennen auch die Zauberer nicht. Mit dem Sucher ist es ähnlich. Auch er muß genau der richtige sein, ausgewählt von einem Zauberer, oder er läßt sich von der Macht korrumpieren. Deswegen war Zedd auch so wütend, daß ihm der Rat der Midlands die Ernennung abgenommen hat. Die meisten männlichen Konfessoren, nicht alle, verlieren das Gefühl für die Ausgewogenheit ihrer Kraft. Ihnen fehlt die Fähigkeit, sie im entscheidenden Augenblick zurückzuhalten.« Sie sah ihn von unten an. »Wenn sie eine Frau wollten, haben sie einfach ihre Kraft benutzt und sie genommen. Viele. Ihnen fehlte jede Beherrschung oder Verantwortung für das, was sie taten. Nach dem, was man mir erzählt hat, waren die finsteren Zeiten eine einzige lange Nacht des Terrors. Das Regime herrschte viele Jahre. Die Zauberer mußten eine Menge Leute töten. Nach und nach töteten sie alle Nachkommen dieser Gier und verhinderten so, daß sich die Kraft unkontrolliert ausbreiten konnte. Zu behaupten, die Zauberer wären ungehalten darüber gewesen, wäre stark untertrieben.«

»Aber was passiert denn nun?« fragte er matt. »Was geschieht; wenn ein Konfessor ein männliches Kind trägt?«

Sie räusperte sich und schluckte ihr Schluchzen hinunter. »Bringt ein Konfessor einen Jungen zur Welt, dann bringt man ihn an einen besonderen Ort in Aydindril, wo seine Mutter ihn auf den Stein setzt.« Sie verlagerte ihr Gewicht; offensichtlich fiel es ihr schwer, ihm das zu erzählen. Er nahm ihre zarte Hand in beide Hände, strich ihr über den Handrücken, auch wenn er zum ersten Mal das Gefühl hatte, kein Recht zu haben, sie in vertrauter Weise zu berühren. »Wie gesagt, ein Mann, der von einem Konfessor berührt worden ist, wird tun, was immer sie ihm sagt.« Er spürte, wie ihre Hand zitterte. »Die Mutter befiehlt ihrem Mann, was er zu tun hat … und er … legt dem Baby eine Stange auf die Kehle … und tritt auf beide Enden.«

Richard ließ ihre Hand los. Er raufte sich die Haare, drehte sich zum Feuer. »Jeden kleinen Jungen?«

»Ja«, gestand sie mit kaum hörbarer Stimme. »Auf keinen Fall darf riskiert werden, daß ein männlicher Konfessor überlebt, denn es könnte sein, daß er nicht in der Lage ist, die Kraft zu beherrschen, und sie zu seinen eigenen Zwecken mißbraucht. Es wäre die Rückkehr der finsteren Zeit. Die Zauberer und die anderen Konfessoren behalten jeden schwangeren Konfessor sorgfältig im Auge und tun alles, um sie zu trösten, sollte es sich um einen Jungen handeln, der dann…« Ihre Stimme versagte.

Plötzlich wurde Richard bewußt, daß er die Midlands haßte, und das mit einer Besessenheit, die nur der Darken Rahls nachstand. Zum ersten Mal begriff er, warum die Menschen in Westland ein Land ohne Magie gewollt hatten. Er wünschte sich dorthin zurück, fort von aller Zauberei. Tränen traten ihm in die Augen, so sehr vermißte er die Wälder Kernlands. Er schwor sich, sollte es ihm gelingen, Darken Rahl aufzuhalten, dafür zu sorgen, daß die Grenze wieder errichtet wurde. Zedd würde ihm zweifellos dabei helfen. Jetzt verstand Richard, warum Zedd aus den Midlands fortgewollt hatte. Und wenn die Grenze wieder errichtet wurde, würde Richard auf der anderen Seite sein. Sein Leben lang.

Aber da war noch die Geschichte mit dem Schwert. Er wollte es auf keinen Fall zurückgeben. Er nahm sich vor, es zu zerstören.

»Danke, Kahlan«, zwang er sich zu sagen, »daß du es mir erzählt hast. Ich hätte es nur ungerne von einem Fremden erfahren.« Seine Worte verwelkten zu Bedeutungslosigkeit. Der Sieg über Rahl war in seiner Vorstellung immer der Beginn eines neuen Lebens gewesen, ein Punkt, von dem aus es nur aufwärts ging und alles möglich war. Jetzt war es auf einmal das Ende. Nicht nur für Rahl, auch für ihn. Danach kam nichts mehr, danach war alles tot. Wenn er Rahl aufgehalten hatte und Kahlan in Sicherheit war, würde er in die Wälder Kernlands zurückkehren, allein. Sein Leben wäre vorbei.

Er hörte sie hinter sich weinen. »Wenn du mich verlassen willst, Richard, hab bitte keine Angst, es mir zu sagen. Ich würde es verstehen. Konfessoren sind daran gewöhnt.«

Er blickte einen Augenblick in das erlöschende Feuer, dann kniff er die Augen zu, zwang den Kloß in seiner Kehle hinunter, kämpfte gegen die Tränen an. Sprechen konnte er nicht. Ein Schmerz brannte in seiner Brust, jedesmal wenn er mühsam Luft holte.

»Bitte, Kahlan. Gibt es irgendeinen Weg«, fragte er, »egal, welchen …. daß wir … für uns…«

»Nein«, stöhnte sie.

Er rieb seine zitternden Hände. Er hatte alles verloren.

»Kahlan«, brachte er endlich hervor, »gibt es irgendeine Regel, ein Gesetz, das uns verbietet, Freunde zu sein?«

Sie antwortete unter lautem Schluchzen. »Nein.«

Wie betäubt drehte er sich zu ihr um und schlang die Arme um sie. »Im Augenblick könnte ich einen Freund gut gebrauchen«, sagte er leise.

»Ich auch«, sagte sie, weinend an seine Brust geschmiegt. Sie erwiderte seine Umarmung. »Aber mehr kann ich nicht sein.«

»Ich weiß«, sagte er, während ihm die Tränen über die Wangen liefen. »Trotzdem, Kahlan, ich liebe…«

Sie legte ihm den Zeigefinger auf den Mund und brachte ihn zum Schweigen. »Sprich es nicht aus«, schluchzte sie. »Bitte, Richard, sprich es niemals aus.«