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Sie konnte ihn daran hindern, es laut auszusprechen, aber nicht, es zu denken.

Sie klammerte sich schluchzend an ihn, und er mußte an die Launenfichte kurz nach ihrer ersten Begegnung denken, als die Unterwelt sie fast wieder zurückgefordert hatte. Auch da hatte sie sich so an ihn geklammert, und er hatte geglaubt, sie sei nicht gewöhnt, daß jemand sie so umarmte. Jetzt wußte er, warum. Er legte seinen Kopf an ihren.

Eine winzige Flamme des Zorns flackerte in seiner verglühten Welt auf. »Hast du schon einen Gatten erwählt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Im Augenblick habe ich wichtigere Sorgen. Aber wenn wir gewinnen und ich überlebe … muß ich es tun.«

»Versprich mir eins.«

»Wenn ich kann.«

Seine Kehle war so heiß, er mußte zweimal schlucken, um sprechen zu können. »Versprich mir, ihn erst zu erwählen, wenn ich wieder in Westland bin. Ich möchte nicht wissen, wer es ist.«

Ein kurzes Schluchzen, dann antwortete sie. Sie krallte sich noch fester in sein Hemd. »Ich verspreche es.«

Lange Zeit stand er nur da, hielt sie fest, versuchte, sich zu beherrschen, dann zwang er sich zu einem Lächeln. »In einem Punkt irrst du dich.«

»Und das wäre?«

»Du hast behauptet, kein Mann könne über einen Konfessor gebieten. Du irrst dich. Ich gebiete sogar über die Mutter Konfessor. Du hast geschworen, mich zu beschützen, und ich habe dich als Führerin in meine Pflicht genommen.«

Sie schmiegte sich an seine Brust und lachte kurz und gequält auf. »Ich glaube, du hast recht. Gratuliere, du bist der erste Mann, der das geschafft hat. Und was verlangt mein Herr und Gebieter von seiner Führerin?«

»Daß sie mir keinen Ärger mehr macht und nicht versucht, sich das Leben zu nehmen. Ich brauche sie. Und sie wird uns zur Königin bringen und zu dem Kästchen und dann wieder sicher zurück.«

Kahlan nickte. »Dein Wunsch sei mir Befehl, Mylord.« Sie löste sich von ihm, legte ihm die Hände auf die Oberarme und drückte sie. Sie lächelte tränenüberströmt. »Du schaffst es immer wieder, daß es mir in den schlimmsten Augenblicken meines Lebens bessergeht.«

Er zuckte mit den Achseln und zwang sich zu einem Grinsen. Obwohl er innerlich das Gefühl hatte zu sterben. »Ich bin der Sucher. Ich kann tun, was ich will.« Er wollte noch etwas sagen, aber seine Stimme versagte.

Sie begann zu strahlen. Und schüttelte den Kopf. »Menschen wie dich gibt es nicht viele, Richard Cypher«, flüsterte sie.

Er wünschte sich nur, allein zu sein, damit er losheulen könnte. Oder sterben.

6

Mit dem Stiefel schob Richard kleine Erdhaufen über die erlöschende Glut des Feuers und erstickte so das einzig Warme an diesem kalt dämmernden neuen Tag. Der Himmel erstrahlte zu eisigem Blau, von Westen her ging ein beißender Wind. Nun, wenigstens hatten sie den Wind im Rücken. Neben seinem Stiefel lag der Stock, auf dem Kahlan das Kaninchen gegrillt hatte, das Kaninchen, das sie selbst gefangen hatte, mit einer Schlinge, die zu binden er ihr beigebracht hatte. Er wurde rot beim Gedanken, daß er, ein Waldführer, ihr solche Sachen gezeigt hatte. Der Mutter Konfessor, die bedeutender war als eine Königin. Königinnen verneigen ihr Haupt vor der Mutter Konfessor, hatte sie gesagt. Er kam sich so dumm vor wie noch nie zuvor in seinem Leben. Mutter Konfessor. Für wen hielt er sich eigentlich? Zedd hatte versucht, ihn zu warnen. Hätte er doch nur auf ihn gehört.

Der Leere drohte ihn zu verschlingen. Er dachte an seinen Bruder, an seine Freunde Zedd und Chase. Sie konnten die Leere zwar nicht füllen, aber sie waren wenigstens für ihn da. Richard sah, wie Kahlan ihr Bündel schulterte. Sie hatte niemanden. Ihre einzigen Freunde, die anderen Konfessoren, waren tot. Sie stand allein in der Welt, allein in den Midlands, umgeben von Menschen, die sie fürchteten und haßten und die sie trotzdem vor einer großen Gefahr zu retten versuchte. Und nicht einmal ihr Zauberer war da, der sie hätte beschützen können. Jetzt wußte er, warum sie Angst hatte, ihm alles zu erzählen. Er war ihr einziger Freund. Er kam sich noch dümmer vor, weil er nur an sich gedacht hatte. Wenn er nicht mehr sein konnte als ihr Freund, nun, dann wollte er eben genau das für sie sein. Auch wenn es ihn das Leben kostete.

»Es muß dir schwergefallen sein, mir das zu erzählen«, sagte er, während er das Schwert an seiner Hüfte zurechtzurrte.

Sie zog den Umhang fester, um sich vor den kalten Böen zu schützen. Ihr Gesicht hatte wieder diesen ruhigen Ausdruck angenommen, der nichts verriet, bis auf jene Andeutung von Schmerz, die er jetzt bemerkte, da er sie etwas besser kannte. »Es wäre einfacher gewesen, mich umzubringen.«

Er sah ihr einen Augenblick lang nach, als sie kehrtmachte und losging, dann folgte er ihr. Er fragte sich, ob er noch bei ihr wäre, wenn sie ihm das alles gleich am Anfang verraten hätte. Würde er sich in ihrer Nähe fürchten wie jeder andere auch? Vielleicht hatte sie mit Recht Angst gehabt, es ihm früher zu erzählen. Andererseits hätte sie ihm damit seine jetzigen Gefühle erspart.

Gegen Mittag erreichten sie eine Wegkreuzung, die mit einem Stein, anderthalbmal so hoch wie Richard, markiert war. Richard blieb stehen und betrachtete die in die glatte Oberfläche geschnittenen Symbole.

»Was bedeutet das?«

»Sie geben den Weg in verschiedene Orte und Dörfer an, und dazu die Entfernungen«, sagte sie und wärmte sich die Hände unter den Achseln. Sie deutete mit dem Kopf auf einen der Wege. »Das ist der beste Weg, wenn wir niemandem begegnen wollen.«

»Wie weit ist es noch?«

Sie sah auf den Stein. »Normalerweise benutze ich die Straßen und nicht diese wenig begangenen Wege. Die Entfernung auf den Wegen ist auf dem Stein nicht angegeben, nur die auf den Straßen. Aber ich würde sagen, noch ein paar Tage.«

Richard trommelte mit den Fingern auf das Heft des Schwertes. »Gibt es hier Orte in der Nähe?«

Sie nickte. »In ein oder zwei Stunden sind wir in Horners Mill. Warum?«

»Wir könnten Zeit sparen, wenn wir Pferde hätten.«

Sie blickte den Weg zum Ort hinauf, als könnte sie ihn bereits irgendwie sehen. »Horners Mill ist eine Holzfällersiedlung, es gibt dort ein Sägewerk. Sie haben eine Menge Pferde dort, trotzdem ist es vielleicht keine so gute Idee. Ich habe gehört, daß sie auf der Seite D’Haras stehen.«

»Warum sehen wir es uns nicht wenigstens an? Wir könnten einen ganzen Tag sparen, wenn wir Pferde hätten. Ich habe etwas Silber und ein oder zwei Goldstücke. Vielleicht können wir welche kaufen.«

»Wenn wir vorsichtig sind, können wir wohl einen Blick riskieren. Aber komm nicht auf die Idee, dein Silber oder Gold zu zeigen. Es trägt den Stempel Westlands, und die Leute hier betrachten jeden von jenseits der Grenze als Bedrohung. Alte Geschichten und Aberglaube.«

»Und wie willst du die Pferde bekommen? Willst du sie etwa stehlen?«

Sie zog eine Braue hoch. »Hast du schon vergessen? Du reist mit der Mutter Konfessor. Ich brauche sie nur darum zu bitten.«

Richard versuchte, sein Unbehagen, so gut es ging, hinter einem leeren Gesichtsausdruck zu verbergen. »Sehen wir es uns also an.«

Horners Mill lag direkt am Ufer des Callisidrin, mit dessen Wasser man die Holzmühle betrieb und auf dem man auch die Stämme transportierte. Abflußkanäle zogen sich durch das Gelände, und die baufälligen Gebäude des Sägewerks überragten die anderen Bauten. Markierte Holzstapel lagen Reihe auf Reihe unter wandlosen Schutzdächern, weitere warteten unter Planen auf ihren Abtransport über den Fluß oder die Straße. Am Hang oberhalb des Sägewerkes drängten sich dicht an dicht die Häuser. Sie sahen aus, als hätten sie ihr Dasein als behelfsmäßige Unterkünfte begonnen, aus denen im trägen Lauf der Jahre bedauerlicherweise feste geworden waren.

Selbst aus der Ferne erkannten Richard und Kahlan, daß etwas nicht stimmte. Im Sägewerk rührte sich nichts, die Straßen waren verlassen. Der ganze Ort hätte vor Leben brodeln, die Läden, der Hafen, die Straßen hätten voller Menschen sein müssen. Doch nirgendwo gab es ein Zeichen von Leben. Bis auf ein paar Planen, die im Wind flatterten, und ein paar quietschende und klappernde Blechschilder an den Gebäuden des Sägewerks lastete statt dessen eine drückende Stille über dem Ort.