Als sie nahe genug waren, wehte der Wind noch etwas anderes herüber als das Geräusch flatternder Planen und klappernden Blechs: den fauligen Gestank des Todes. Richard sah nach, ob sein Schwert griffbereit in der Scheide steckte.
Aus schwammigen und aufgedunsenen Leichen, die jeden Augenblick zu platzen drohten, sickerte eine Flüssigkeit, die Schwärme von Fliegen anzog. In den Ecken und an den Wänden der Gebäude lagen die Toten aufgetürmt wie Herbstlaub, das der Wind zusammengeweht hatte. Die meisten hatten entsetzliche Verletzungen, einige waren von gebrochenen Lanzen durchbohrt. Die Stille schien zu leben. Eingetretene, zertrümmerte Türen hingen schief an einer Angel oder lagen zusammen mit persönlichen Gegenständen und zerbrochenen Möbeln in den Straßen. In sämtlichen Gebäuden waren die Fenster zerbrochen. Einige der Häuser waren nicht mehr als erkaltete, verkohlte Trümmerhaufen aus Balken und Schutt. Richard und Kahlan hielten sich die Umhänge vor Nase und Mund, um sich gegen den Gestank zu schützen. Die Leichen zogen ihre Blicke an.
»Rahl?« fragte er sie.
Sie betrachtete von weitem einige übereinander gestapelte Leichen. »Nein. Das ist nicht Rahls Art, zu töten. Das hier war eine Schlacht.«
»Sieht mir eher nach einem Gemetzel aus.«
Sie nickte. »Erinnerst du dich noch an die Toten bei den Schlammmenschen? So sieht es aus, wenn Rahl tötet. Es ist immer dasselbe. Das hier ist etwas anderes.«
Sie liefen weiter durch den Ort, hielten sich dicht bei den Häusern und von der Straßenmitte fern. Gelegentlich mußten sie über eine Blutlache steigen. Sämtliche Geschäfte waren geplündert, und was man nicht davon geschleppt hatte, war zerstört worden. Aus einem Laden war ein Ballen hellblauen Stoffs mit gleichmäßig verteilten dunklen Punkten über die Straße gerollt, so als hätte man ihn hinausgeworfen, als hätte ihn sein Besitzer durch seinen Tod wertlos gemacht. Kahlan zupfte ihn am Ärmel und zeigte auf etwas. Auf die Wand eines Hauses hatte man mit Blut eine Nachricht geschmiert. Tod allen Gegnern Westlands.
»Was hältst du davon?« flüsterte sie, als könnten die Toten sie hören.
Er starrte auf die triefenden Buchstaben. »Keine Ahnung.« Er wollte weiter, drehte sich aber noch zweimal stirnrunzelnd nach den Worten auf der Wand um.
Ein Karren vor einem Getreidegeschäft weckte Richards Aufmerksamkeit. Der Karren war zur Hälfte mit Kleinmöbeln und Kleidungsstücken beladen, der Wind zerrte an den Ärmeln von Kinderkleidern. Er und Kahlan sahen sich an. Es gab doch wohl Überlebende, und diese hatten offenbar vor, abzureisen.
Vorsichtig trat er durch den türlosen Rahmen des Getreidegeschäfts, Kahlan blieb ihm dicht auf den Fersen. Sonnenlicht fiel als Lichtbalken durch Tür und Fenster ins Innere, beschien geplatzte Kornsäcke und zerbrochene Fässer. Richard und Kahlan blieben hinter der Tür stehen, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Im Staub waren frische Fußspuren zu sehen, kleine meist. Er folgte ihnen mit dem Blick hinter die Ladentheke. Er packte das Schwert am Heft, ohne es zu ziehen, und trat vor die Theke. Dahinter kauerten zitternde Menschen.
»Ich tue euch nichts«, sagte er ruhig. »Kommt raus.«
»Bist du ein Soldat der Friedensarmee des Volkes und gekommen, um uns zu helfen?« fragte eine Frauenstimme hinter der Theke.
Richard und Kahlan sahen sich stirnrunzelnd an. »Nein«, erwiderte sie, »wir sind … nur auf der Durchreise.«
Eine Frau mit schmutzigem, tränenverschmiertem Gesicht und kurzem dunklen, verfilzten Haar hob den Kopf. Ihr tristbraunes Kleid war zerlumpt. Richard nahm die Hand vom Schwert, um ihr keine Angst zu machen. Ihre Lippen zitterten, und sie blinzelte sie aus tiefliegenden Augen an, während sie den anderen ein Zeichen gab, herauszukommen. Es waren sechs Kinder, fünf Mädchen und ein Junge, eine weitere Frau und ein alter Mann. Nachdem sie hervorgekommen waren, klammerten sich die Kinder steif an die beiden Frauen. Die drei Erwachsenen würdigten Richard eines kurzen Blicks, dann starrten sie Kahlan ganz offen an. Sie rissen die Augen auf und wichen wie ein Mann an die Wand zurück. Richard legte verwirrt die Stirn in Falten, dann wußte er, warum sie so starrten: ihr Haar.
Die drei Erwachsenen fielen auf die Knie, neigten die Köpfe und senkten den Blick. Die Kinder vergruben ihre Gesichter stumm in den Röcken der Frauen. Mit einem Seitenblick auf Richard gab Kahlan ihnen rasch ein Handzeichen, sie sollten sich wieder erheben. Sie hatten den Blick auf den Fußboden geheftet und bekamen ihre wilden Gebärden nicht mit.
»Steht auf«, sagte sie. »Das ist nicht nötig. Steht auf.«
Verwirrt hoben sie die Köpfe. Sie starrten auf ihre Hände, mit denen sie sie zum Aufstehen bewegen wollte. Nur sehr widerwillig folgten sie.
»Auf dein Geheiß, Mutter Konfessor«, sagte eine Frau mit schwacher Stimme. »Vergebt uns, Mutter Konfessor … wir haben Euch nicht gleich erkannt … wegen der Kleider. Vergebt uns, wir sind nur bescheidene Leute. Vergebt uns, daß wir…«
Kahlan schnitt ihr sacht das Wort ab. »Wie heißt du?«
Die Frau verneigte sich tief von der Hüfte an abwärts und verharrte so. »Ich bin Regina Clark, Mutter Konfessor.«
Kahlan faßte sie bei den Schultern und richtete sie auf. »Regina, was ist hier geschehen?«
Regina traten die Tränen in die Augen. Sie warf Richard einen scheuen Blick zu. Ihre Lippen bebten. Kahlan drehte sich zu ihm um.
»Richard«, sagte sie leise, »warum bringst du den alten Mann und die Kinder nicht nach draußen?«
Er hatte verstanden. Die Frauen hatten zuviel Angst, in seiner Gegenwart zu sprechen. Er half dem gebeugten Alten auf die Beine und scheuchte vier der Kinder nach draußen. Die beiden kleinsten Mädchen wollten nicht vom Rockzipfel der Mütter weichen. Mit einem Nicken gab Kahlan ihm zu verstehen, daß es in Ordnung war.
Die vier Kinder hockten sich dichtgedrängt und mit leerem Blick draußen auf die Stufen und stierten ins Nichts. Keines antwortete, als er sie nach ihrem Namen fragte, sie sahen ihn nicht einmal an, höchstens, um sich mit einem angstvollen Blick zu versichern, daß er nicht näher kam. Der Alte starrte nur leer vor sich hin, als Richard ihn nach seinem Namen fragte.
»Kannst du mir sagen, was hier passiert ist?« fragte Richard ihn.
Er riß die Augen auf und blickte über die Straße. »Westländer…«
Ihm kamen die Tränen. Mehr brachte er nicht heraus. Aus Angst, ihn zu sehr zu bedrängen, ließ Richard den Alten in Ruhe. Richard bot ihm ein Stück Trockenfleisch aus seinem Gepäck an, doch das ignorierte er. Die Kinder schreckten vor seiner Hand zurück, als er ihnen das gleiche Angebot machte. Er packte das Fleisch wieder ein. Das älteste Mädchen war fast erwachsen und sah ihn an, als würde er sie jeden Augenblick niedermetzeln oder auffressen. Noch nie hatte er so verängstigte Menschen gesehen. Er wollte sie und die anderen Kinder nicht noch mehr einschüchtern und blieb auf Distanz, lächelte beruhigend und versprach, ihnen nichts zu tun. Sie schienen ihm nicht zu glauben. Richard sah immer wieder zur Tür. Ihm war unbehaglich zumute, und er wünschte, Kahlan würde herauskommen.
Endlich kam sie. Ihr Gesicht war starr und wirkte eine Spur überspannt. Richard stand auf, und die Kinder liefen zurück ins Haus. Der Alte blieb, wo er war. Sie nahm Richard beim Arm und führte ihn ein Stück fort.
»Es gibt hier keine Pferde«, sagte sie mit starrem Blick geradeaus, während sie den Weg zurückgingen, den sie gekommen waren. »Ich glaube, am besten bleiben wir den Straßen fern und halten uns an die weniger benutzten Wege.«
»Kahlan, was ist?« Er warf einen Blick über die Schulter. »Was ist hier passiert?«
Im Vorübergehen warf sie einen wütenden Blick auf die blutige Botschaft an der Wand. Tod allen Gegnern Westlands.