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Ein Fichtenast bewegte sich wie von alleine und ließ sie auffahren. Dann sah sie eine große Hand, die ihn zurückhielt. Dann die blinkende Klinge eines langen Schwertes. Sie starrte mit aufgerissenen Augen, unfähig, sich zu bewegen.

Ein Mann steckte seinen Kopf herein. »Na, wen haben wir denn hier«, grinste er.

Rachel hörte ein jämmerliches Geräusch und mußte feststellen, daß es aus ihrer eigenen Kehle stammte. Noch immer war sie unfähig, sich zu rühren. Eine Frau steckte neben dem Mann ihren Kopf herein. Sie schob sich an dem Mann vorbei. Rachel drückte Sara an sich.

»Steck das Schwert weg«, fuhr die Frau ihn an. »Du machst ihr angst.«

Rachel zog das teilweise aufgeknotete Bündel mit dem Brot dicht an ihren Körper. Sie wollte weglaufen, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Die Frau schob sich unter die Launenfichte, kam zu ihr und hockte sich hin. Der Mann war dicht hinter ihr. Rachel blickte ihr ins Gesicht, dann sah sie im Schein des Feuers ihre langen Haare. Ihre Augen wurden noch größer, und ihr entfuhr ein zweiter leiser Schrei. Zumindest funktionierten ihre Beine wieder, wenigstens ein bißchen. Im Nu hatte sie sich nach hinten geschoben. Das Brot zog sie mit. Frauen mit langen Haaren bedeuteten immer Ärger. Keuchend biß sie Sara in den Fuß. Mit jedem Atemzug entwich ihr ein verängstigtes Wimmern. Sie drückte Sara an sich, so fest es ging. Nur mit Mühe gelang es ihr, den Blick vom Haar der Frau zu lösen, und sie suchte nach einer Fluchtmöglichkeit.

»Ich tue dir nichts«, sagte die Frau. Ihre Stimme klang nett. Aber Prinzessin Violet sagte das auch manchmal, kurz bevor sie sie ohrfeigte.

Die Frau streckte die Hand vor und berührte Rachel am Arm. Sie stieß einen Schrei aus und sprang zurück.

»Bitte«, sagte sie mit Tränen in den Augen, »du darfst Sara nicht verbrennen.«

»Wer ist denn Sara?« wollte der Mann wissen.

Die Frau drehte sich um und sagte ihm, er solle still sein. Als sie sich wieder umdrehte, glitt ihr langes Haar von den Schultern. Rachel konnte nicht den Blick davon lassen. Wenn eine Frau mit langem Haar in einer netten Stimme sprach, log sie wahrscheinlich. Trotzdem, ihre Stimme klang wirklich nett.

»Bitte«, jammerte sie, »kannst du uns nicht einfach in Ruhe lassen?«

»Uns?« Die Frau sah sich um. Dann sah sie Sara. »Ach, ich verstehe. Das ist also Sara?« Rachel nickte und biß noch fester in Saras Fuß. Wenn sie der Frau mit dem langen Haar nicht antwortete, würde sie eine feste Ohrfeige bekommen, das wußte sie. »Das ist aber eine hübsche Puppe«, sagte sie mit einem Lächeln. Rachel wünschte, sie würde nicht lächeln. Wenn Frauen mit langem Haar lächelten, bedeutete das gewöhnlich Arger.

Der Mann schob den Kopf vorbei an der Frau. »Ich heiße Richard. Und du?«

Seine Augen gefielen ihr. »Rachel.«

»Rachel. Ein hübscher Name. Aber eins muß ich dir sagen, du hast die häßlichsten Haare, die ich je gesehen habe.«

»Richard!« protestierte die Frau. »Wie kannst du nur so was sagen!«

»Aber es stimmt doch. Wer hat es denn so verhunzt, eine alte Hexe?«

Rachel kicherte.

»Richard!« protestierte die Frau wieder. »Du machst ihr bloß angst.«

»Unsinn! Rachel, ich habe eine kleine Schere in meinem Rucksack, und ich kann ziemlich gut Haare schneiden. Soll ich dir dein Haar zurechtmachen? Ich könnte es wenigstens gerade schneiden. Wenn du es so läßt, verscheuchst du noch einen Drachen damit.«

Rachel kicherte. »Ja, gerne. Ich hätte gerne gerade geschnittenes Haar.«

»Also schön, komm her und setz dich auf meinen Schoß. Das haben wir gleich.«

Rachel stand auf, ging um die Frau herum und behielt ihre Hände im Auge. Sie hielt sich so fern von ihr, wie es in der Launenfichte möglich war. Richard faßte sie mit seinen großen Händen an der Hüfte und setzte sie auf seinen Schoß. Er zupfte ein paar Strähnen heraus. »Dann wollen wir mal sehen.«

Rachel ließ die Frau nicht aus den Augen. Sie hatte Angst, geschlagen zu werden. Er zeigte mit der Schere auf sie.

»Das ist Kahlan. Ich hatte am Anfang auch Angst vor ihr. Sie ist fürchterlich häßlich, stimmt’s?«

»Richard! Wer hat dir bloß beigebracht, so mit Kindern zu reden?«

Er grinste. »Ein Grenzposten, den ich gut kenne.«

Rachel kicherte, sie konnte nicht anders. »Ich finde sie nicht häßlich. Ich glaube, sie ist die hübscheste Lady, die ich je gesehen habe.« Es war die Wahrheit. Aber Kahlans Haar machte ihr mächtig angst.

»Danke, Rachel. Und du bist auch sehr hübsch. Hast du Hunger?«

Rachel durfte niemandem mit langen Haaren verraten, egal ob Lord oder Lady, daß sie hungrig war. Prinzessin Violet war der Ansicht, das gehöre sich nicht, und hatte sie einmal deswegen bestraft. Sie sah Richard ins Gesicht. Er lächelte sie an, aber trotzdem hatte sie noch zuviel Angst, Kahlan zu gestehen, was für großen Hunger sie hatte.

Kahlan legte ihr die Hand auf den Arm. »Ich wette, du bist hungrig. Wir haben ein paar Fische gefangen, und wenn wir dein Feuer benutzen dürfen, teilen wir sie mit dir. Was meinst du?« Ihr Lächeln war wirklich nett.

Rachel sah Richard an. Er zwinkerte ihr zu und seufzte. »Ich fürchte, ich habe mehr gefangen, als wir essen können. Wenn du uns nicht hilfst, müssen wir ein paar wegwerfen.«

»Na gut. Wenn du sie sonst wegwirfst, helfe ich euch, sie zu essen.«

Kahlan nahm ihren Rucksack ab. »Wo sind deine Eltern?«

Rachel fiel nichts anderes ein, also erzählte sie die Wahrheit. »Tot.«

Richards Hände hielten kurz inne, machten dann weiter. Kahlan sah plötzlich traurig aus, aber Rachel wußte nicht, ob es echt war. Die Hand, mit der sie sie am Arm drückte, fühlte sich weich an. »Tut mir leid, Rachel.« Rachel war gar nicht so traurig. Sie erinnerte sich kaum an ihre Eltern, nur an das Heim, in dem sie mit den anderen Kindern gelebt hatte.

Richard schnipselte an ihren Haaren herum, während Kahlan eine Pfanne herausholte und mit dem Braten der Fische begann. Richard hatte recht, es gab eine Menge Fische. Kahlan bestreute sie mit irgendwelchen Gewürzen, wie Rachel es bei den Köchen gesehen hatte. Es roch gut, und ihr Magen fing an zu knurren. Um sie herum rieselten kleine Haarschnipsel nieder. Sie mußte lächeln beim Gedanken, wie wütend Prinzessin Violet werden würde, wenn sie erführe, daß Rachel die Haare geschnitten bekam. Richard schnitt eine der längeren Locken ab und band eine dünne, zarte Schlingpflanze darum. Er legte sie ihr in die Hand. Sie sah ihn stirnrunzelnd an.

»Die mußt du aufbewahren. Wenn du dann irgendwann einen Jungen magst, kannst du ihm eine Locke von deinem Haar geben, und er kann sie in seiner Tasche gleich neben seinem Herzen tragen.« Er zwinkerte ihr zu. »Als Andenken an dich.«

Rachel kicherte. »Du bist der verrückteste Mann, den ich je gesehen habe.« Er mußte lachen. Kahlan lächelte. Rachel stopfte die Haarlocke in ihre Tasche. »Bist du ein Lord?«

»Tut mir leid, Rachel, aber ich bin bloß ein Waldführer.« Sein Gesicht bekam etwas Trauriges. Sie war froh, daß er kein Lord war. Er drehte sich um, kramte einen kleinen Spiegel aus der Tasche hervor und gab ihn ihr. »Sieh dich an und sag mir, was du davon hältst.«

Sie hielt ihn hoch und versuchte, sich im Spiegel zu finden. Es war der kleinste Spiegel, den sie je gesehen hatte, und sie brauchte eine ganze Weile, bis sie ihn richtig hielt, um sich im Schein des Feuers zu erkennen. Dann machte sie große Augen, und ihr kamen die Tränen.

Sie schlang die Arme um Richard. »Danke, Richard, danke. So hübsch haben meine Haare noch nie ausgesehen.« Er umarmte sie. Es fühlte sich mindestens genauso gut an wie bei Giller. Er strich ihr mit seiner großen, warmen Hand über den Rücken. Es war eine lange Umarmung, die längste, die sie je bekommen hatte, und sie wünschte, daß sie nie zu Ende ging. Dann war es doch soweit.