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Kahlan schüttelte den Kopf. »Jemanden wie dich gibt es selten, Richard Cypher«, flüsterte sie ihm zu.

Kahlan spießte ihr ein großes Stück Fisch auf einen Stock und meinte, sie solle pusten, damit sie sich nicht den Mund verbrannte. Rachel pustete ein wenig, war aber zu hungrig, um lange zu warten. Der beste Fisch, den sie je gegessen hatte. Genauso gut wie das Stück Fleisch, das ihr die Köche damals gegeben hatten.

»Noch ein Stück?« fragte Kahlan. Rachel nickte. Dann zog sie ein Messer aus dem Gürtel. »Sollen wir eine Scheibe Brot zum Fisch essen?« Sie griff nach dem Brot.

Rachel stürzte sich auf das Brot und riß es fort, bevor Kahlan es anfassen konnte. Rachel drückte es mit beiden Armen an sich. »Nein!« Sie stieß sich mit den Hacken von Kahlan fort.

Richard hörte auf zu essen, Kahlan runzelte die Stirn. Rachel griff in ihre Tasche und packte den Feuerstab, den Giller ihr geschenkt hatte.

»Rachel, was ist denn?« fragte Kahlan.

Giller hatte gesagt, sie dürfe keinem vertrauen. Sie mußte sich etwas einfallen lassen. Was würde Giller sagen?

»Das ist für meine Großmutter!« Sie spürte, wie ihr eine Träne die Wange hinablief.

»Also gut«, sagte Richard, »wenn es für deine Großmutter ist, werden wir es nicht anrühren. Versprochen. Nicht wahr, Kahlan?«

»Natürlich. Tut mir leid, Rachel, das haben wir nicht gewußt. Ich verspreche es dir auch. Verzeihst du mir?«

Rachel nahm die Hand aus der Tasche und nickte. Der Kloß in ihrem Hals war zu groß, um zu sprechen.

»Rachel«, fragte Richard, »wo ist deine Großmutter?«

Rachel erstarrte, sie hatte eigentlich gar keine Großmutter. Sie versuchte sich an einen Ortsnamen zu erinnern, von dem sie mal gehört hatte. Ortsnamen, die die Berater der Königin erwähnt hatten. Sie nannte den ersten, der ihr in den Sinn kam.

»Horners Mill.«

Sie hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, als sie wußte, daß es ein Fehler war. Richard und Kahlan machten beide ein besorgtes Gesicht und sahen sich an. Einen Augenblick lang wurde es vollkommen still. Rachel wußte nicht, was passieren würde. Sie blickte rechts und links zwischen die Äste der Launenfichte.

»Rachel, wir werden das Brot deiner Großmutter nicht anrühren«, sagte Richard leise. »Versprochen.«

»Komm, iß noch ein Stück Fisch«, meinte Kahlan. »Laß das Brot dort drüben liegen, wir werden es nicht anfassen.«

Rachel rührte sich noch immer nicht. Sie dachte daran, wegzulaufen, so schnell sie konnte, doch sie wußte, die beiden konnten schneller rennen und würden sie fangen. Sie mußte tun, was Giller ihr gesagt hatte, und sich mit dem Kästchen bis zum Winter verstecken. Sonst würden all den Menschen die Köpfe abgeschlagen.

Richard hob Sara auf und setzte sie sich auf den Schoß. Er tat, als gäbe er ihr ein Stück Fisch. »Sara wird noch den ganzen Fisch aufessen. Du solltest herkommen und dir deinen Teil holen, wenn du noch etwas möchtest. Komm, du kannst dich bei mir auf den Schoß setzen und essen. Einverstanden?«

Rachel betrachtete ihre Gesichter und versuchte zu entscheiden, ob sie die Wahrheit sagten. Frauen mit langen Haaren logen oft. Sie sah Richard an. Er sah nicht so aus, als würde er lügen. Sie stand auf und lief zu ihm. Er zog sie zu sich auf den Schoß, dann setzte er ihr Sara auf den Schoß. Rachel schmiegte sich an ihn, während sie den Fisch aßen. Kahlan sah sie nicht an. Prinzessin Violet hatte gesagt, manchmal sei es ungehörig, Frauen mit langen Haaren anzusehen. Sie wollte nichts tun, was ihr eine Ohrfeige einbringen könnte. Oder sie zwang, Richards Schoß zu verlassen. Dort war es warm, und sie fühlte sich sicher.

»Rachel«, sagte Richard. »Es tut mir leid, aber wir können dich unmöglich nach Horners Mill lassen. Dort ist es nicht sicher.«

»In Ordnung. Dann gehe ich eben woandershin.«

»Ich fürchte, es ist nirgendwo sicher, Rachel«, meinte Kahlan. »Wir nehmen dich mit, dann bist du in Sicherheit.«

»Wohin?«

Kahlan lächelte. »Nach Tamarang. Wir wollen die Königin besuchen.« Rachel hörte auf zu kauen. Sie bekam keine Luft. »Wir nehmen dich mit. Ich bin sicher, die Königin wird jemanden finden, der sich um dich kümmert, wenn ich sie darum bitte.«

»Bist du sicher, Kahlan?« flüsterte Richard. »Was ist mit dem Zauberer?«

Kahlan nickte und antwortete ihm leise: »Wir werden uns erst um sie kümmern, und dann ziehe ich Giller das Fell über die Ohren.«

Rachel zwang sich, zu schlucken, damit sie wieder Luft bekam. Sie hatte es geahnt! Sie wußte, einer Frau mit langen Haaren konnte man nicht trauen! Fast hätte sie losgeheult; sie hatte gerade angefangen, Kahlan zu mögen. Richard war so nett. Wieso sollte er zu Kahlan nett sein? Wieso war er überhaupt bei so einer Frau? Sie würde Giller weh tun. Bestimmt war es genauso wie mit Prinzessin Violet. Sie war nett zu ihr, damit die Prinzessin ihr nichts tat. Er hatte bestimmt auch Angst, daß man ihm etwas tat. Richard tat ihr leid. Wenn er Kahlan doch nur fortlaufen könnte, wie sie Prinzessin Violet weggelaufen war. Vielleicht konnte sie Richard von dem Kästchen erzählen, dann könnten sie Kahlan vielleicht zusammen weglaufen.

Nein. Giller hatte gesagt, sie dürfe niemandem trauen. Vielleicht hatte er zu große Angst vor Kahlan und erzählte es ihr. Sie mußte tapfer sein, für Giller. Für all die anderen Leute. Sie mußte fort von hier.

»Darum kümmern wir uns morgen früh«, sagte Kahlan. »Wir sollten jetzt etwas schlafen, damit wir morgen beim ersten Licht aufbrechen können.«

Richard nickte und drückte Rachel an sich. »Ich übernehme die erste Wache. Schlaf du ein bißchen.«

Er hob Rachel hoch und reichte sie Kahlan. Rachel mußte sich auf die Zunge beißen, um nicht loszuschreien. Kahlan drückte sie fest an sich. Rachel warf einen Blick auf ihr Messer. So etwas hatte nicht einmal die Prinzessin. Jammernd streckte sie die Arme nach Richard aus. Mit einem Lächeln legte Richard ihr Sara in die Hände. Das hatte sie zwar nicht gewollt, trotzdem drückte sie die Puppe fest an sich und biß ihr in den Fuß, um nicht loszuheulen.

Richard fuhr ihr durchs Haar. »Dann bis morgen, Kleine.«

Und schon war er verschwunden. Sie war allein mit Kahlan. Sie preßte die Augen fest zusammen, sie mußte tapfer sein und durfte nicht weinen. Aber dann tat sie es doch.

Kahlan drückte sie fest an sich. Rachel zitterte. Finger strichen ihr durchs Haar. Kahlan wiegte Rachel, die dabei auf eine dunkle Lücke zwischen den Ästen auf der anderen Seite der Launenfichte starrte. Kahlans Brust machte seltsame, kleine Bewegungen. Rachel merkte verwundert, daß auch sie weinte. Kahlan schmiegte ihre Wange an Rachels Kopf. Fast begann sie zu glauben … doch dann fiel ihr ein, was Prinzessin Violet manchmal sagte, daß strafen mehr schmerzte, als bestraft zu werden. Voller Entsetzen überlegte sie, was Kahlan im Sinn hatte, daß sie so weinte. Nicht einmal Prinzessin Violet weinte, wenn sie jemanden bestrafte. Rachel weinte bitterlich und fing an zu zittern.

Kahlan ließ sie los und wischte sich die Tränen von den Wangen. Rachel war zu wackelig auf den Beinen, um wegzulaufen.

»Ist dir kalt?« flüsterte Kahlan. Ihre Stimme klang, als weinte sie noch immer.

Rachel hatte Angst, sie würde auf jeden Fall geschlagen werden, ganz gleich, was sie sagte. Sie nickte und war auf alles vorbereitet. Statt dessen nahm Kahlan eine Decke aus ihrem Bündel und wickelte sie um die beiden. Vermutlich, um ihr die Flucht zu erschweren.

»Komm, leg dich her. Ich erzähle dir eine Geschichte. Wir wärmen uns gegenseitig, einverstanden?«

Rachel lag mit dem Rücken zu Kahlan, die sich um sie schmiegte und einen Arm über sie legte. Das war angenehm, aber ein Trick, das wußte sie. Kahlans Gesicht war dicht an ihrem Ohr, und während sie so dalagen, erzählte Kahlan ihr eine Geschichte von einem Fischer, der sich in einen Fisch verwandelte. Die Worte formten Bilder in ihrem Kopf, und für eine Weile vergaß sie ihre Sorgen. Einmal lachten Kahlan und sie sogar zusammen. Als sie mit der Geschichte fertig war, gab Kahlan ihr einen Kuß auf den Kopf und streichelte ihr über die Schläfen. Sie tat, als wäre Kahlan in Wirklichkeit gar nicht gemein. So tun als ob konnte nicht schaden. Noch nie hatte sich etwas so schön angefühlt wie diese Finger und das Lied, das Kahlan ihr ins Ohr sang. So mußte es sein, wenn man eine Mutter hat.