Gegen ihren Willen schlief sie ein und hatte wunderbare Träume.
Mitten in der Nacht, als Richard Kahlan weckte, wachte sie auf, tat aber weiter so, als würde sie schlafen.
»Willst du weiter bei ihr schlafen?« flüsterte er ganz leise.
Rachel hielt den Atem an.
»Nein«, antwortete Kahlan flüsternd, »ich übernehme die Wache.«
Rachel hörte, wie sie ihren Umhang überzog und nach draußen ging. Sie lauschte, in welche Richtung Kahlans Schritte sich entfernten. Richard tat noch etwas Holz ins Feuer, dann legte er sich dicht neben ihr hin. Sie sah, wie es unter der Fichte heller wurde. Richard beobachtete sie, sie spürte seinen Blick in ihrem Rücken. Gerne hätte sie ihm erzählt, wie gemein Kahlan in Wirklichkeit war, und ihn gebeten, mit ihr fortzulaufen. Er war so nett, es gab nichts Schöneres auf der ganzen Welt, als wenn er einen drückte. Er zog die Decke um sie fester, stopfte sie unter ihr Kinn. Rachel wartete, bis sie seinen gleichmäßigen Atem hörte und wußte, daß er eingeschlafen war. Dann schlüpfte sie unter der Decke hervor.
7
Kahlan drehte sich erwartungsvoll um, als er sich, einen Ast zur Seite schlagend, einen Weg unter die Launenfichte bahnte und sich vor dem Feuer zu Boden fallen ließ. Er zerrte sein Bündel heran und begann, irgendwelche Dinge hineinzustopfen.
»Und?«
Richard warf ihr einen wütenden Blick zu. »Ich habe ihre Spuren gefunden, nach Westen, den Weg zurück, den wir gekommen sind. Hundert Meter weiter stoßen sie auf den Pfad. Sie sind mehrere Stunden alt.« Er deutete auf den Boden hinten in der Launenfichte. »Dort ist sie raus. Sie hat uns in großem Abstand umkreist. Ich bin schon Männern gefolgt, die nicht gefunden werden wollten, und deren Spuren waren leichter zu verfolgen gewesen. Sie geht über Wurzeln und Steine und ist oft zu klein, um einen Abdruck zu hinterlassen. Hast du ihre Arme gesehen?«
»Die langen Striemen, ja. Sie stammen von einer Rute.«
»Nein, ich meine die Kratzer.«
»Ich habe keine Kratzer gesehen.«
»Eben. Ihr Kleid war ganz zerrissen, sie muß durch Dornengestrüpp gekommen sein. Aber auf den Armen hatte sie keinen einzigen Kratzer. Sie ist zart, also paßt sie auf, daß sie nirgendwo drankommt. Ein Erwachsener würde sich einfach durchschieben und eine Spur aus abgebrochenen und verhedderten Asten hinterlassen. Sie berührt fast nie etwas. Du hättest die Spur sehen sollen, die ich hinterlassen habe, ein Blinder hätte ihr folgen können. Sie huscht durchs Unterholz wie Luft. Ich habe es eine Weile nicht einmal gemerkt, als sie wieder auf dem Pfad war. Ihre Füße sind nackt, sie tritt nicht gerne in Wasser oder Matsch, dabei wird ihr kalt, also geht sie nur über die trockenen Stellen, wo man nichts erkennt.«
»Ich hätte es sehen müssen, als sie gegangen ist.«
Kahlan war offenbar der Ansicht, er wollte ihr die Schuld geben. Verzweifelt stieß er hervor: »Du kannst nichts dafür, Kahlan. Hätte ich Wache gestanden, ich hätte sie auch nicht bemerkt. Sie wollte nicht gesehen werden. Sie ist ziemlich gerissen.«
Danach fühlte sie sich auch nicht besser. »Aber du kannst ihre Spur aufnehmen, oder?«
Er sah sie von der Seite an. »Ja.« Er faßte sich an die Brust. »Das habe ich in meiner Hemdentasche gefunden.« Er zog eine Braue hoch. »Dicht neben meinem Herzen.« Dann zog er Rachels mit einer Schlingpflanze zusammengebundene Haarlocke hervor. »Damit ich an sie denke.«
Kahlan war aschfahl, als sie sich erhob. »Es ist meine Schuld.« Sie ging aus der Launenfichte heraus. Er versuchte, sie am Arm zu packen, doch sie riß sich los.
Richard stellte seinen Rucksack zur Seite und ging ihr nach. Kahlan war ein Stück weiter stehengeblieben, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und drehte ihm den Rücken zu. Sie stand da im Licht einer strahlenden Morgendämmerung und starrte in den Wald.
»Du kannst nichts dafür, Kahlan.«
Sie nickte. »Meine Haare waren schuld. Hast du nicht gemerkt, wie verängstigt sie meine Haare angeschaut hat? Ich habe diesen Blick schon tausendmal gesehen. Hast du eine Ahnung, wie es ist, Menschen, sogar Kindern, ständig angst zu machen?« Er antwortete nicht. »Richard? Schneidest du mir die Haare?«
»Was?«
Sie drehte sich mit einem flehenden Blick zu ihm um. »Schneidest du sie mir ab?«
Er sah ihren Augen an, wie schwer ihr das fiel. »Warum hast du sie dir nicht schon selbst abgeschnitten?«
Sie wandte sich ab. »Kann ich nicht. Die Magie läßt nicht zu, daß ein Konfessor sich selbst die Haare abschneidet. Die Schmerzen sind einfach zu groß.«
»Wie ist das möglich?«
»Erinnerst du dich an die Qualen, die du aufgrund der Zauberkraft des Schwertes erleiden mußtest, als du zum ersten Mal einen Mann getötet hast? Es sind die gleichen Schmerzen. Sie machen einen Konfessor bewußtlos, bevor er die Aufgabe erledigen kann. Ich habe es nur einmal versucht. Jeder Konfessor versucht es. Aber nur einmal. Wenn unser Haar geschnitten werden muß, macht es jemand anderes. Aber niemand würde es wagen, es ganz abzuschneiden.« Sie drehte sich wieder zu ihm um. »Tust du das für mich? Schneidest du mir meine Haare ab?«
Er wich ihrem Blick aus, schaute in den heller werdenden, schieferblauen Himmel und versuchte zu begreifen, was er empfand, versuchte zu verstehen, wie sie sich fühlen mußte. Es gab noch immer so viel, was er nicht von ihr wußte. Ihr Leben, ihre Welt, alles war ihm ein Rätsel. Eine Zeitlang hatte er alles wissen wollen. Jetzt wußte er, das war unmöglich. Die Kluft zwischen ihnen war voller Magie. Magie, offenbar ausdrücklich dafür geschaffen, sie voneinander zu trennen.
Er sah ihr in die Augen. Sie wartete. »Nein.«
»Verrätst du mir, warum nicht?«
»Weil ich dich respektiere, so wie du bist. Die Kahlan, die ich kenne, würde niemanden täuschen wollen, indem sie vorgibt, weniger zu sein, als sie ist. Selbst wenn es dir gelänge, den einen oder anderen zu täuschen, es würde nichts ändern. Du bist, wer du bist, die Mutter Konfessor. Wir alle können nicht mehr oder weniger sein, als wir nun mal sind.« Er lächelte. »Das hat mir eine kluge Frau, eine Freundin von mir, einmal gesagt.«
»Jeder Mann würde springen, wenn er die Chance hätte, einem Konfessor die Haare zu schneiden.«
»Ich nicht. Ich bin dein Freund.«
Sie nickte, die Arme immer noch über der Brust verschränkt. »Sie friert bestimmt. Sie hat nicht mal eine Decke mitgenommen.«
»Sie hat auch nichts zu essen mitgenommen, dabei hatte sie solchen Hunger.«
Endlich rang sich Kahlan ein Lächeln ab. »Sie hat mehr gegessen als wir beide zusammen. Wenigstens ist ihr Bauch voll. Richard, wenn sie nach Horners Mill kommt…«
»Sie geht nicht nach Horners Mill.«
Kahlan kam näher. »Aber dort lebt doch ihre Großmutter.«
Richard schüttelte den Kopf. »Sie hat gar keine. Sie hat nicht mal gezögert, als ich sagte, sie könnte nicht nach Horners Mill. Sie meinte einfach, dann würde sie eben woanders hingehen. Sie hat überhaupt nicht darüber nachgedacht, sich nicht nach ihrer Großmutter erkundigt, nicht widersprochen. Sie läuft vor irgend etwas fort.«
»Sie läuft fort? Vielleicht vor dem Kerl, der ihr die blauen Flecken an den Armen beigebracht hat?«
»Und auf dem Rücken. Sie ist jedesmal zusammengezuckt, wenn ich einen berührt habe, aber gesagt hat sie nichts. So sehr wollte sie in den Arm genommen werden.« Kahlan legte besorgt die Stirn in Falten. »Ich würde sagen, sie ist auf der Flucht vor dem, der ihr Haar so zugerichtet hat.«
»Ihr Haar?«
Er nickte. »Damit sollte sie gebrandmarkt werden, vielleicht sogar als Eigentum. Niemand richtet jemandem die Haare so zu, es sei denn, um jemanden zu brandmarken. Gerade in den Midlands, wo dem Haar soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das war Absicht, als Zeichen der Macht über sie. Deswegen habe ich es ihr geschnitten.«