Ihr Gesicht blieb unverändert. »Frag den Sucher. Zu ihm hat sie gesprochen. Ich war währenddessen mit Schlangen bedeckt.«
»Schlangen.« Zedd machte ein erstauntes Gesicht. »Shota muß dich gemocht haben, ich habe sie schon Schlimmeres tun sehen.«
Kahlan hielt seinem Blick stand. »Sie hat mir Schlimmeres angetan.«
»Ich habe Richard gefragt. Er will mir nichts sagen. Du mußt es tun.«
»Du willst, daß ich mich zwischen zwei Freunde stelle? Du bittest mich, sein Vertrauen zu hintergehen? Nein danke.«
»Richard ist klug. Er ist vielleicht der klügste Sucher, den ich je gesehen habe, aber von den Midlands weiß er nur sehr wenig. Er hat nur einen winzigen Teil von ihnen zu Gesicht bekommen. In gewisser Weise ist das sein bester Schutz, sein größter Vorteil. Er hat herausgefunden, wo das letzte Kästchen ist, indem er zu Shota gegangen ist. Kein Sucher aus den Midlands hätte das getan. Du hast dein ganzes Leben hier verbracht, du kennst viele der Gefahren. Es gibt Geschöpfe hier, die die Magie des Schwertes der Wahrheit gegen ihn richten könnten. Es gibt hier Geschöpfe, die ihm die magischen Kräfte heraussaugen und ihn damit töten würden. Es gibt alle möglichen Gefahren. Wir haben nicht die Zeit, ihm alles beizubringen, was er wissen sollte, deswegen müssen wir ihn beschützen, damit er seine Aufgabe erledigen kann. Ich muß wissen, was Shota gesagt hat, damit ich beurteilen kann, ob es wichtig ist, ob wir ihn beschützen müssen.«
»Zedd, bitte. Er ist mein einziger Freund. Ich bin auch dein Freund. Hilf mir, ihn zu beschützen. Ich will ihn vor all dem bewahren, was du mir gesagt hast.«
Sie sah ihn bedeutsam an. »Er hat eine unwahrscheinliche Begabung, Dinge herauszufinden, die man ihm vorenthalten möchte.«
Zedd lächelte wissend, dann wurde sein Gesicht härter. »Mutter Konfessor, dies ist keine Bitte, sondern ein Befehl. Ich erwarte, daß Ihr ihn befolgt.«
Kahlan verschränkte die Arme und wandte sich zornentbrannt halb von ihm ab. Es fiel ihr schwer zu glauben, daß er ihr das antat. Die Entscheidung war ihr genommen. »Shota meinte, Richard sei der einzige, der eine Chance hat, Darken Rahl aufzuhalten. Sie weiß weder wie noch warum, aber er ist der einzige, der eine Chance hat.«
Zedd wartete schweigend. »Sprich weiter.«
Kahlan biß die Zähne zusammen. »Sie meinte, du würdest versuchen, ihn umzubringen, das Zaubererfeuer gegen ihn einsetzen, und daß er eine Chance hätte, dich zu schlagen. Es bestünde die Möglichkeit, daß du scheiterst.«
Es wurde still ringsum. »Mutter Konfessor…«
»Sie meinte, auch ich würde meine Kraft gegen ihn richten. Doch gegen sie hätte er keine Chance. Ich werde nicht scheitern, vorausgesetzt, ich überlebe.«
Zedd mußte tief durchatmen. »Jetzt weiß ich, warum er mir nichts davon sagen wollte.« Er dachte einen Augenblick lang schweigend nach. »Wieso hat Shota dich nicht umgebracht?«
Kahlan wünschte, er würde aufhören, Fragen zu stellen. Sie drehte sich zu ihm um. »Sie hatte alles geplant. Du warst auch da. Na ja, eigentlich warst du es nicht wirklich, es war nur ein Abbild von dir, aber wir dachten, du seist es. Du, ich meine dein Bild, hat versucht, Shota zu töten. Richard wußte, sie war die einzige Möglichkeit, das Kästchen zu finden, also hat er sie beschützt. Er … hat dein Zaubererfeuer abgewehrt und Shota eine Gelegenheit gegeben … ihre Kraft gegen dich zu richten.«
Zedd zog eine Braue hoch. »Tatsächlich…«
Kahlan nickte. »Als Gegenleistung dafür, daß er sie ›gerettet‹ hat, gewährte sie ihm einen Wunsch. Er hat ihn benutzt, um uns zu retten. Er zwang sie, unser Leben zu schonen. Richard hat sich nicht überreden lassen. Shota war gar nicht glücklich darüber. Sie meinte, sie würde ihn töten, sollte er je nach Agaden zurückkommen.«
»Der Junge verblüfft mich immer wieder. Hat er tatsächlich das Wissen um den Aufenthaltsort des Kästchens meinem Leben vorgezogen?«
Sein Lächeln überraschte sie. Sie nickte. »Er ist geradewegs vor das Zaubererfeuer gesprungen und hat es mit dem Schwert abgewehrt.«
Zedd rieb sich das Kinn. »Außerordentlich. Genau das hätte er auch tun sollen. Ich hatte immer Angst, er könnte im entscheidenden Augenblick versagen, aber ich glaube, das brauche ich nicht länger zu befürchten. Und weiter?«
Kahlan betrachtete ihre Hände. »Ich wollte, daß Shota mich tötet, doch sie weigerte sich, denn sie hatte ihm ja seinen Wunsch gewährt. Zedd, ich hielt die Vorstellung einfach nicht aus, ihm das … anzutun. Ich flehte ihn an, mich zu töten. Ich wollte nicht weiterleben und die Prophezeiung erfüllen und ihm weh tun.« Kahlan schluckte und verknotete ihre Finger. »Er lehnte ab. Also versuchte ich es selbst. Tagelang. Er nahm mir das Messer ab, fesselte mich nachts, behielt mich jede Sekunde im Auge. Ich glaubte, den Verstand zu verlieren. Hatte ich wohl auch vorübergehend. Schließlich überzeugte er mich, daß ich unmöglich wissen könnte, was die Prophezeiung bedeutet. Vielleicht sei er es sogar, der sich gegen uns stellte und getötet werden mußte, um Rahl zu bezwingen. Er machte mir klar, daß ich mich nicht nach einer Prophezeiung richten konnte, die wir noch nicht richtig begriffen hatten.«
»Tut mir sehr leid, meine Liebe, daß ich dich zwingen mußte, mir das zu erzählen. Aber Richard hat recht. Prophezeiungen sind gefährlich, wenn man sie zu wörtlich nimmt.«
»Doch die Prophezeiungen einer Hexe treffen doch immer zu, oder?«
»Ja«, meinte er leise und mit einem Achselzucken. »Nur nicht immer so, wie man glaubt. Manchmal erfüllen sie sich auch von selbst.«
Sie sah ihn verwirrt an. »Wirklich?«
»Natürlich. Stell dir, nur zur Verdeutlichung, einmal vor, ich würde versuchen, dich zu töten, um Richard davor zu bewahren, daß sich diese Prophezeiung erfüllt. Er merkt das, wir kämpfen, einer von uns gewinnt, sagen wir, er. Dieser Teil der Prophezeiung hat sich also erfüllt, also befürchtet er, der andere wird sich auch erfüllen, und glaubt, er müsse dich töten. Du willst nicht getötet werden, also berührst du ihn, um dich selbst zu schützen. Da hast du es, die Prophezeiung ist erfüllt. Das Problem ist, sie hat sich selbst erfüllt. Ohne sie wäre keines dieser Dinge geschehen. Von der Prophezeiung abgesehen, hat es keine äußeren Einflüsse gegeben. Prophezeiungen bewahrheiten sich immer, doch wissen wir selten, auf welche Weise.« Er sah sie an, als wollte er sich vergewissern, ob sie verstanden hatte.
»Ich dachte immer, man müsse Prophezeiungen ernst nehmen.«
»Soll man auch, aber nur, wer sich auf solche Dinge auch versteht. Prophezeiungen sind gefährlich. Wie du weißt, hüten die Zauberer ein Buch der Prophezeiungen. Als es sich in meiner Obhut befand, habe ich einige der einschlägigen Bücher noch einmal gelesen. Die meisten jedoch habe ich nicht verstanden. Früher gab es Zauberer, die nichts anderes taten, als die Bücher der Prophezeiungen zu studieren. Ich habe Prophezeiungen gelesen, die dich vor Angst blind machen würden. Manchmal wacht man nachts schweißgebadet auf. Manche Dinge, dir mir angst machen, scheinen sich auf Richard zu beziehen, manche beziehen sich ganz sicher auf ihn, doch ich weiß nicht, was sie letztendlich bedeuten, und ich wage es nicht, nur aufgrund dessen zu handeln, was ich gelesen habe. Wir können nicht immer wissen, was die Prophezeiungen bedeuten, deshalb müssen sie geheimgehalten werden. Manche könnten großen Ärger machen, wenn die Menschen sie erfahren.«
Kahlan hatte die Augen aufgerissen. »Richard kommt in den Büchern der Prophezeiungen vor? Ich habe noch nie jemanden getroffen, der darin vorkommt.«
Er sah sie ruhig an. »Du kommst auch darin vor.«
»Ich! Mein Name steht in den Büchern der Prophezeiungen!«
»Ja und nein. So funktioniert das nicht. Genau weiß man es selten. Aber in diesem Falle schon. Es stehen dort einige Bemerkungen über eine ›letzte Mutter Konfessor‹, wie sie dort genannt wird. Es kann aber kein Zweifel daran bestehen, wer die letzte Mutter Konfessor ist. Das bist du, Kahlan. Auch kann kein Zweifel daran bestehen, wer der Sucher ist, ›der den Wind gegen den Erben D’Haras befehligt‹. Das ist Richard. Und der Erbe D’Haras ist Rahl.«