»Den Wind befehligt! Was bedeutet das?«
»Ich habe nicht die geringste Idee.«
Kahlan wurde nachdenklich, senkte den Blick und polkte an dem Felsen herum. »Zedd, was steht über mich im Buch der Prophezeiungen?«
Sie hob den Kopf und sah, daß er sie beobachtete. »Tut mir leid, Liebes, das kann ich dir nicht verraten. Du hättest solche Angst, daß du nie wieder schlafen würdest.«
Sie nickte. »Ich komme mir töricht vor, weil ich mich wegen Shotas Prophezeiung töten wollte. Nur, damit sie sich nicht bewahrheitet, meine ich. Du mußt mich für dumm halten.«
»Kahlan, das können wir erst wissen, wenn sie sich erfüllt. Aber du solltest dir nicht töricht vorkommen. Durchaus möglich, daß sie sich wortwörtlich erfüllt, daß Richard der einzige ist, der eine Chance hat, weil du uns verraten und dadurch Rahl zum Sieg verhelfen wirst. Es kann aber auch sein, daß du all das tust, um uns zu retten.«
Sie sah ihn finster an. »Wie auch immer, es gefällt mir nicht.«
»Prophezeiungen sind nicht dazu da, daß Menschen sie erfahren. Sie können mehr Ärger bereiten, als du dir vorstellen kannst, es hat schon Kriege wegen ihnen gegeben. Die meisten Prophezeiungen verstehe selbst ich nicht. Gäbe es noch die Zauberer von früher, die Experten, vielleicht könnten sie uns helfen. Ohne ihre Anleitung läßt man Shotas Prophezeiung am besten auf sich beruhen. Auf der ersten Seite eines dieser Bücher heißt es: ›Betrachte diese Prophezeiungen mit dem Verstand, doch nicht mit dem Herzen.‹ Das sind die einzigen Worte auf einer ganzen Seite, in einem Buch halb so groß wie ein großer Tisch. Die Buchstaben sind vergoldet. So wichtig ist es.«
»Die Prophezeiung von Shota ist irgendwie anders als die in den Büchern, oder?«
»Ja. Prophezeiungen, die unmittelbar vom einem zum anderen gegeben werden, haben den Zweck, diesem Menschen zu helfen. Shota wollte Richard helfen. Doch sogar sie selbst wird nicht wissen, wie die Hilfe aussehen soll, sie ist nur der Kanal. Vielleicht hat sie eines Tages eine Bedeutung für Richard und hilft ihm. Unmöglich zu sagen. Ich hatte gehofft, es zu verstehen, damit ich ihm helfen kann. Er mag keine Rätsel. Unglücklicherweise gehört sie zu der Sorte der gespaltenen Prophezeiungen. Daher kann sie keine Hilfe sein.«
»Gespalten, heißt das, sie kann sich auf verschiedene Weise bewahrheiten?«
»Ja. Es könnte bedeuten, was es sagt, oder auch so ziemlich alles andere. Gespaltene Prophezeiungen sind fast immer nutzlos. Kaum besser, als würde man einfach raten. Richard hatte recht, sich nicht davon leiten zu lassen. Ich würde gerne glauben, daß es an der guten Ausbildung hegt, die er von mir bekommen hat, es könnte aber auch sein Instinkt sein. Er verfügt über die Instinkte eines Suchers.«
»Zedd, warum erklärst du ihm diese Dinge nicht, wie du sie mir erklärt hast? Hat er kein Recht, das alles zu erfahren?«
Zedd starrte lange in die Nacht hinaus. »Schwer zu erklären. Richard hat ein gewisses Gespür.« Er machte ein seltsam konzentriertes Gesicht. »Hast du jemals mit dem Bogen geschossen?«
Kahlan mußte lachen. Sie zog die Knie an, verschränkte ihre Finger über ihnen und stützte ihr Kinn darauf. »Mädchen dürfen so etwas eigentlich nicht. Ich habe es zum Zeitvertreib gemacht, als ich jung war. Bevor ich die Beichten abnahm.«
Zedd lachte kurz auf. »Hast du das Ziel jemals spüren können? Hast du jemals das Rauschen in deinem Kopf ignorieren und die Stille hören können, und hast du jemals gewußt, wohin der Pfeil fliegen wird?«
Sie nickte, den Kopf immer noch auf den Händen. »Nur ein paarmal. Aber ich weiß, was du meinst.«
»Nun, Richard spürt das Ziel auf diese Weise fast nach Belieben. Manchmal glaube ich, er könnte es sogar mit geschlossenen Augen treffen. Wenn ich ihn frage, wie er das macht, zuckt er mit den Achseln und kann es nicht erklären. Er sagt, er spüre einfach, wohin der Pfeil fliegen wird. Er kann es immer. Aber wenn ich anfange, ihm zu erzählen, wie schnell der Wind, wieviel Fuß die Scheibe entfernt ist oder daß der Bogen vergangene Nacht draußen gestanden hat und es feucht war, so daß der Zug beeinträchtigt ist, trifft er nicht mal mehr ein Scheunentor. Das Denken beeinträchtigt das Gefühl. Mit Menschen macht Richard es genauso. Auf der Suche nach einer Antwort ist er unnachgiebig. Wie ein Pfeil ist er auf das Kästchen zugesteuert. Er ist vorher nie in den Midlands gewesen, trotzdem hat er einen Weg durch die Grenze gefunden, die Antworten bekommen, die er brauchte, um das Ziel ausfindig zu machen. Das zeichnet den echten Sucher aus. Das Problem ist, wenn ich ihm zu viel verrate, folgt er nicht mehr seinem Gefühl, sondern tut das, was ich seiner Ansicht nach von ihm will. Ich muß ihm die richtige Richtung auf das Ziel vorgeben und ihn dann losziehen lassen. Finden muß er es selbst.«
»Klingt ziemlich zynisch. Schließlich ist er ein Mensch und kein Pfeil. Er tut das doch nur, weil er so viel von dir hält. Er würde alles tun, um dir zu gefallen. Du bist für ihn ein Vorbild. Er liebt dich sehr.«
Er sah sie traurig an. »Ich könnte unmöglich stolzer auf ihn sein oder ihn mehr lieben, aber wenn er Darken Rahl nicht aufhält, bin ich ein totes Vorbild. Manchmal bleibt Zauberern nichts anderes übrig, als die Menschen zu benutzen, wenn sie etwas Wichtiges erreichen wollen.«
»Ich schätze, ich weiß, wie du dich fühlst, ihm nicht sagen zu können, was du gerne möchtest.«
Zedd erhob sich. »Tut mir leid, daß es dadurch für euch beide so schwer wird. Vielleicht wird es jetzt einfacher, wenn ich bei euch bin. Gute Nacht, Liebes.« Er zog los, in die Dunkelheit.
»Zedd?« Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um — eine dunkle Silhouette vor dem mondbeschienenen Wald. »Du hattest mal eine Frau?«
»Ja, hatte ich.«
Sie räusperte sich und schluckte. »Wie war das? Wenn man jemanden mehr liebt als sich selbst und bei diesem Menschen sein kann und die eigene Liebe erwidert wird?«
Zedd blieb lange still und schweigend stehen und sah sie in der Dunkelheit an. Sie wartete und wünschte, sie könnte sein Gesicht sehen. Er wollte sich offenbar vor der Antwort drücken.
Kahlan reckte das Kinn empor. »Zauberer Zorander, dies ist keine Bitte, sondern ein Befehl. Ihr werdet die Frage beantworten.«
Sie wartete. Dann war seine leise Stimme zu hören. »Es war, als hätte ich meine fehlende Hälfte gefunden, als wäre ich vollständig, ganz, zum ersten Mal in meinem Leben.«
»Danke, Zedd.« Sie war froh, daß er ihre Tränen nicht sehen konnte. Sie hatte Mühe, ihre Stimme zu kontrollieren. »Es hat mich einfach interessiert.«
8
Richard wachte auf, als er Kahlan zurückkommen und Holz aufs Feuer werfen hörte. Das erste Licht kroch gerade über die Gipfel der fernen Berge und tauchte sie in einen rosigen Schimmer. Die dunklen Wolken dahinter ließen die schneebedeckten Bergspitzen um so deutlicher hervortreten. Zedd lag mit weit offenen Augen auf dem Rücken und schnarchte. Richard rieb sich den Schlaf aus den Augen und gähnte.
»Wie war’s mit etwas Tavawurzbrei?« flüsterte er, um Zedd nicht zu wecken.
»Klingt gut«, flüsterte sie zurück.
Richard zog die Wurzeln aus seinem Bündel und machte sich daran, sie mit seinem Messer zu schälen, während Kahlan einen Topf holen ging.
Nach dem Kleinschneiden warf er die Wurzeln ins Wasser, das sie aus einem Schlauch in den Topf geschüttet hatte. »Das sind die letzten. Wir müssen heute abend wieder nach Wurzeln graben, aber ich bezweifle, ob wir Tava finden. Nicht in dieser felsigen Gegend.«
»Ich habe ein paar Beeren gepflückt.«
Sie wärmten sich die Hände am Feuer. Mehr als eine Königin, überlegte er. Er versuchte sich eine Königin in feinen Gewändern und mit einer Krone beim Beerenpflücken vorzustellen.
»Ist dir auf deiner Wache irgend etwas aufgefallen?«
Sie schüttelte den Kopf. Dann schien ihr etwas einzufallen, und sie hob den Kopf. »Da war ein seltsames Geräusch. Hier unten, dicht beim Lager. Wie ein Knurren, gefolgt von einem unterdrückten Schrei. Ich hätte dich fast geweckt, aber es war so schnell wieder vorbei, wie es angefangen hatte, und ich habe danach nichts mehr gehört.«