»Tatsächlich.« Er warf einen Blick über die Schulter. »Hier unten. Ich frage mich, was das gewesen sein kann. Wahrscheinlich war ich so müde, daß ich nichts davon mitbekommen habe.«
Als die Wurzeln gar waren, zerstampfte Richard sie und gab ein wenig Zucker hinzu. Kahlan verteilte den Brei und streute eine große Handvoll Beeren über jeden Teller.
»Warum weckst du ihn nicht?« meinte sie.
Richard grinste. »Paß auf.«
Er schlug ein paarmal mit dem Löffel gegen die Blechschüssel. Ein kurzes Schnaufen, dann saß Zedd blitzartig kerzengerade.
Der alte Mann blinzelte. »Frühstück?«
Die beiden kicherten, mit dem Rücken zu ihm.
»Du bist heute morgen gut gelaunt«, meinte sie und sah zu ihm hinüber.
»Zedd ist wieder bei uns«, antwortete er.
Richard ging hin und reichte Zedd eine Schale mit Brei, dann ließ er sich mit seiner Portion auf einem niedrigen Felsvorsprung nieder. Kahlan machte es sich auf dem Boden bequem, schlug sich eine Decke um die Füße und balancierte dabei die Schale in einer Hand. Zedd wickelte sich zum Essen nicht einmal aus der Decke. Richard aß langsam und wartete auf eine günstige Gelegenheit, derweil Zedd seinen Brei hinunterschlang.
»Gut!« verkündete Zedd und stand auf, um sich eine zweite Portion aus dem Topf zu holen.
Richard wartete, während sein Freund sich seinen Nachschlag aus dem Topf löffelte, dann sagte er: »Kahlan hat mir gesagt, was geschehen ist. Sie hat mir erzählt, daß du sie gezwungen hast, dir von Shota zu erzählen.«
Kahlan erstarrte wie vom Blitz getroffen.
Zedd zuckte hoch und wirbelte zu ihr herum. »Wieso hast du ihm davon erzählt! Ich dachte, du wolltest nicht, daß er…«
»Zedd … ich habe kein Sterbenswörtchen…«
Zedd verzog das Gesicht. Langsam drehte er sich zu Richard um, der sich über seine Schale beugte und den Brei in den Mund löffelte.
Er sah nicht einmal auf. »Sie hat mir nichts verraten. Aber du gerade eben.«
Richard schob den letzten Löffel in den Mund, schluckte, leckte den Löffel sauber und ließ ihn klirrend in die Blechschale fallen.
Er hob den Kopf und blickte dem Zauberer ruhig und mit einem triumphierenden Blick in die Augen. »Das erste Gesetz der Magie«, verkündete Richard mit dem Anflug eines Lächelns. »Man beginnt etwas zu glauben, wenn man möchte, daß es wahr ist … oder es befürchtet.«
»Ich hab’s dir doch gesagt«, fauchte Kahlan Zedd an. »Ich habe dir gesagt, er wird dahinterkommen.«
Zedd achtete nicht auf sie. Er stand immer noch da und starrte Richard mit schiefem Blick an.
»Ich habe über gestern abend nachgedacht«, erklärte Richard und stellte die Schale weg. »Ich denke, du hast recht. Du solltest wissen, was Shota gesagt hat. Schließlich bist du ein Zauberer. Vielleicht kann uns irgend etwas helfen, Darken Rahl aufzuhalten. Du würdest ohnehin keine Ruhe geben, bis du nicht weißt, was geschehen ist. Eigentlich hatte ich es dir heute erzählen wollen, aber dann dachte ich, du würdest es doch irgendwie aus Kahlan herausbekommen.«
Kahlan ließ sich lachend auf die Decke fallen.
Zedd richtete sich auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Mist! Richard, weißt du eigentlich, was du gerade getan hast?«
»Zauberei«, grinste Richard. »Ein gut ausgeführter Trick ist Zauberei.« Er zuckte mit den Achseln. »Hat man mir jedenfalls gesagt.«
Zedd nickte langsam. »Allerdings.« Er reckte einen seiner dünnen Finger in die Höhe, und in seine stechenden, haselbraunen Augen kam Leben. »Du hast einen Zauberer mit seinem eigenen Gesetz hereingelegt. Das ist keinem meiner Zauberer jemals gelungen.« Er kam näher. Er fing an zu strahlen. »Verdammt, Richard! Du hast es! Du besitzt die Gabe, mein Junge. Du kannst ein Zauberer der ersten Ordnung werden wie ich.«
Richard legte die Stirn in Falten. »Ich will aber kein Zauberer werden.«
Zedd achtete nicht auf ihn. »Du hast die erste Prüfung bestanden.«
»Du hast gerade selbst gesagt, daß kein anderer Zauberer das je geschafft hat. Wie können sie Zauberer sein, wenn sie die Prüfung nicht bestanden haben?«
Zedd machte ein verächtliches Gesicht. »Es waren Zauberer dritter Ordnung. Einer, Giller, ist ein Zauberer zweiter Ordnung. Keiner von ihnen hat die Prüfungen für einen Zauberer erster Ordnung bestanden. Ihnen fehlte die Gabe. Sie waren bestenfalls berufen.«
Richard grinste verlegen. »Es war doch bloß ein Trick. Mach die Sache nicht größer, als sie war.«
»Ein ganz besonderer Trick.« Zedd kniff die Augen zusammen. »Ich bin sehr stolz auf dich.«
»Und wie viele dieser Prüfungen gibt es, wenn dies die erste ist?«
Zedd zuckte mit den Achseln. »Oh, ich weiß nicht. Vielleicht ein paar hundert oder so. Aber du hast die Gabe, Richard.« Für einen Augenblick legte sich ein sorgenvoller Schatten über sein Gesicht, so als hätte er das nicht erwartet. »Du mußt es beherrschen lernen, sonst…« Sein Blick strahlte wieder auf. »Ich bringe es dir bei. Du könntest ein Zauberer erster Ordnung werden.«
Richard merkte, wie ihn Zedds Gerede einlullte. Er mußte den Kopf schütteln, um ihn wieder klar zu bekommen. »Ich habe dir doch gesagt, ich will kein Zauberer werden.« Leise fügte er hinzu: »Wenn das hier vorbei ist, will ich nie wieder etwas mit Magie zu tun haben.« Er spürte, wie Kahlan ihn anstarrte. Sein Blick schwankte zwischen den beiden erstaunten Gesichtern hin und her. »Es war nur ein dummer, kleiner Trick, mehr nicht.«
»Bei einem anderen wäre es das gewesen, ja. Aber nicht bei einem Zauberer.«
Richard verdrehte die Augen. »Ihr zwei seid…«
Zedd beugte sich aufgeregt vor und schnitt ihm das Wort ab. »Kannst du den Wind beherrschen?«
Richard lehnte sich ein Stück zurück. »Natürlich kann ich das«, ging er auf das Spiel ein. Er reckte beide Hände in den Himmel. »Komm zu mir, Bruder Wind! Sammle dich! Blas eine Böe nur für mich!« Er breitete theatralisch die Arme aus.
Kahlan raffte erwartungsvoll ihren Umhang um sich. Nichts geschah. Die beiden wirkten ein wenig enttäuscht.
»Was ist los mit euch beiden?« brummte er. »Habt ihr unreife Beeren gegessen?«
Zedd meinte zu ihr: »Das wird er noch lernen müssen.«
Kahlan ließ sich Zedds Worte durch den Kopf gehen und meinte zu Richard: »Nur wenige bekommen das Angebot, Zauberer zu werden, Richard…«
Zedd rieb sich die Hände. »Verdammt! Hätte ich doch bloß die Bücher bei mir. Ich wette einen Drachenzahn, daß sie etwas hierüber zu sagen hätten.« Sein Gesicht verfinsterte sich. »Und natürlich ist da noch die Sache mit den Schmerzen … Und…«
Richard wurde es langsam unbehaglich. »Was bist du eigentlich für ein Zauberer? Du hast ja nicht mal einen Bart.«
Zedd wurde aus seinen Gedanken gerissen und runzelte die Stirn. »Was?«
»Einen Bart. Wo ist dein Bart? Das frage ich mich schon, seit ich weiß, daß du ein Zauberer bist. Zauberer haben einen Bart, mußt du wissen.«
»Wer hat dir denn das erzählt?«
»Ich … ich weiß nicht. Das weiß doch jeder. Zauberer haben einen Bart. Das ist allgemein bekannt. Mich überrascht, daß du das nicht weißt.«
Zedd zog ein Gesicht, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. »Aber ich kann Barte nicht ausstehen. Sie jucken.«
Richard zuckte mit den Achseln. »Offenbar weißt du doch nicht soviel über Zauberer, wenn du davon noch nie etwas gehört hast.«
Zedd verschränkte trotzig die Arme. »Einen Bart, ja?« Er rieb sich mit Daumen und Zeigefingern das Kinn. Mit einer zupfenden Bewegung schien er sich einen Schnäuzer aus der Oberlippe zu ziehen. Richard verfolgte mit großen Augen das Geschehen, bis der schneeweiße Bart bis auf Zedds Brust reichte.
Zedd warf seinen Kopf in den Nacken und sah Richard herausfordernd an. »Genügt das, mein Junge?«
Richard merkte, daß sein Mund offenstand. Er machte ihn zu, aber außer einem Nicken brachte er nichts zustande.