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Zedd kratzte sich an Kinn und Hals. »Gut. Und nun gib mir dein Messer, damit ich dieses Ding wieder abrasieren kann. Es juckt wie tausend Ameisen.«

»Mein Messer? Wozu brauchst du mein Messer? Warum läßt du ihn nicht einfach ebenso verschwinden, wie du ihn herbeigezaubert hast?«

Kahlan lachte kurz auf, wurde aber sofort wieder ernst, als Zedd sie ansah.

»So funktioniert das nicht. Weiß doch jeder, daß das so nicht funktioniert«, spottete Zedd. Er wandte sich an Kahlan. »Oder etwa nicht? Sag du es ihm.«

»Mit Magie kann man nur etwas verändern, was bereits vorhanden ist. Man kann nichts ungeschehen machen.«

»Das verstehe ich nicht.«

Zedd blinzelte ihn scharf an. »Deine erste Lektion, solltest du dich doch noch entscheiden, Zauberer zu werden. Wir alle drei verfügen über magische Kräfte. Additive magische Kräfte. Diese Art der Magie benutzt, was bereits vorhanden ist, fügt ihm etwas hinzu oder verändert es auf irgendeine Weise. Kahlans Magie macht sich den Funken der Liebe in einem Menschen zunutze, wie klein er auch sein mag, und fügt ihm etwas hinzu, bis er zu etwas anderem geworden ist. Die Magie des Schwertes der Wahrheit macht sich deinen Zorn zunutze, fügt ihm etwas hinzu, gewinnt daraus eine Kraft, bis etwas Neues entsteht. Und ich tue das gleiche. Ich hole mir, was immer ich brauche, aus der Natur und verändere es. Ich kann einen Käfer in eine Blume verwandeln, eine Angst in ein Ungeheuer, ich kann einen gebrochenen Knochen zusammenwachsen lassen, die Hitze aus der Luft ziehen und sie vermehren, vervielfältigen, bis Zaubererfeuer entsteht. Ich kann meinen Bart wachsen lassen. Aber verschwinden lassen kann ich ihn nicht.« Ein Stein, so groß wie seine Faust, stieg in die Luft. »Ich kann Dinge hochheben. Sie verändern.« Der Stein zerplatzte zu Staub.

»Dann kannst du alles«, flüsterte Richard.

»Nein. Ich kann den Stein anheben, zermalmen oder schweben lassen, aber verschwinden lassen kann ich ihn nicht. Wo sollte er hin? Das nennt man subtraktive Magie, das Zunichtemachen von Materie. Meine Magie ist von dieser Welt wie die Kahlans oder des Schwertes. Alle Magie dieser Welt ist additiv. Darken Rahl beherrscht sie ebenso wie ich.« Zedds Gesicht verfinsterte sich. »Subtraktive Magie kommt aus der Unterwelt. Darken Rahl beherrscht auch sie. Ich nicht.«

»Ist sie ebenso mächtig wie additive Magie?«

»Subtraktive Magie ist das Gegenteil der additiven. Sie verhalten sich wie Tag und Nacht. Die Magie der Ordnung beinhaltet beides. Additive sowie subtraktive. Sie kann der Welt etwas hinzufügen oder die Welt in ein Nichts verwandeln. Um die Kästchen öffnen zu können, muß man beide Arten von Magie beherrschen. Die Menschen haben sich darüber niemals Gedanken gemacht, weil niemand in der Lage war, sich die subtraktive Magie zunutze zu machen. Darken Rahl jedoch beherrscht sie ebenso, wie ich die additive beherrsche.«

»Und wie ist es deiner Ansicht nach dazu gekommen?« erkundigte sich Richard stirnrunzelnd.

»Ich habe keine Ahnung. Aber ich mache mir deswegen große Sorgen.«

Richard atmete tief durch. »Ich glaube trotzdem, daß du dich umsonst aufregst. Ich habe doch nur einen harmlosen Trick angewandt.«

Zedd funkelte ihn ernst an. »Ich gäbe dir recht, wenn ich ein normaler Mensch wäre. Aber ich bin ein Zauberer. Die Magie schützt mich vor den Gesetzen der Magie. Du hättest meine Magie nicht durchdringen können, außer mit deiner eigenen Zauberkraft. Ich habe so manchen zum Zauberer ausgebildet. Was du gerade getan hast, hätte ich ihnen erst beibringen müssen. Sie hätten es nicht tun können, ohne es vorher gelernt zu haben. Ganz selten jedoch wird jemand bereits mit der Gabe geboren. Ich war so jemand. Und du, Richard, hast die Gabe auch. Früher oder später wirst du lernen müssen, sie zu beherrschen.« Er streckte die Hand aus. »Und jetzt gib mir das Messer, damit ich mich von diesem lächerlichen Bart befreien kann.«

Richard drückte Zedd den Griff in die Hand. »Die Klinge ist stumpf. Ich habe damit nach Wurzeln gegraben. Zum Rasieren ist sie zu stumpf.«

»Tatsächlich?« Zedd packte die Klinge zwischen Daumen und Zeigefinger und zog sie hindurch. Dann drehte er das Messer herum und hielt es vorsichtig mit Daumen und zwei Fingern. Richard sah verblüfft zu, wie er sich rasierte. Mit leichtem Schnitt fiel ein Bartbüschel zu Boden.

»Du hast gerade subtraktive Magie gebraucht! Du hast etwas von der Klinge weggenommen, um sie schärfer zu machen!«

Zedd zog eine Braue hoch. »Nein, ich habe benutzt, was bereits vorhanden war, und die Klinge umgestaltet, damit sie wieder scharf wird.«

Kopfschüttelnd machte Richard sich an das Einsammeln der Haare, während Zedd sich den Bart abrasierte. Kahlan half beim Wegräumen.

»Weißt du, Zedd«, meinte Richard, als er die Schale zusammenpackte, »ich glaube, du wirst zu eigenbrötlerisch. Du brauchst jemanden, wenn das alles vorüber ist. Jemanden, der sich um dich sorgt und dir den Kopf zurechtrückt. Der etwas Tageslicht in deine Phantasie läßt. Ich glaube, du brauchst eine Frau.«

»Eine Frau?«

»Bestimmt. Ich glaube, genau das brauchst du. Vielleicht solltest du dir Adie noch einmal genauer ansehen.«

»Adie?«

»Ja, Adie«, wiederholte Richard mit Nachdruck. »Du erinnerst dich doch an sie. Die Einbeinige.«

»Oh, Adie habe ich in sehr guter Erinnerung.« Er setzte eine Unschuldsmiene auf. »Aber Adie hat zwei gesunde Beine, nicht bloß eins.«

Richard und Kahlan sprangen auf. »Was?«

»Ja«, grinste Zedd und wandte sich ab. »Ist wohl nachgewachsen, wie es scheint.« Er bückte sich und holte einen Apfel aus Richards Rucksack. »Ganz plötzlich.«

Richard packte Zedd am Ärmel und zog ihn herum. »Zedd, hast du etwa…«

Der Zauberer lächelte. »Bist du ganz sicher, daß du kein Zauberer werden möchtest?« Er biß in den Apfel. Richards erstauntes Gesicht schien ihn zu amüsieren. Zedd reichte ihm das Messer, dessen Klinge so scharf war wie ehedem.

Kopfschüttelnd machte Richard sich an die Arbeit. »Ich will nur nach Hause und als Waldführer arbeiten. Sonst nichts.« Er überlegte kurz und fragte: »Zedd, ich bin in deiner Nähe aufgewachsen, und die ganze Zeit wußte ich nicht, daß du ein Zauberer bist. Du hast keine Magie benutzt. Wie hast du das ausgehalten? Warum hast du es nicht getan?«

»Nun ja, es ist nicht ganz ungefährlich, Magie zu benutzen. Und schmerzhaft.«

»Nicht ganz ungefährlich? Wieso?«

Zedd sah ihn einen Augenblick lang an. »Du hast doch auch schon Magie benutzt, mit dem Schwert. Erzähl mir, wie es war.«

»Aber das war das Schwert, das ist etwas anderes. Worin besteht die Gefahr für einen Zauberer, der Magie benutzt? Welche Schmerzen muß er erleiden?«

Zedd lächelte ihn schlau an. »Hat die erste Lektion gerade erst hinter sich, und schon will er die zweite.«

Richard richtete sich auf. »Gut, dann laß es eben.« Er wuchtete sich den Rucksack auf den Rücken. »Ich will nichts weiter, als Waldführer sein.«

Mit dem Apfel in der Hand zog Zedd in Richtung Pfad los. »Das hast du mir schon gesagt.« Er biß ein großes Stück vom Apfel ab. »Und jetzt möchte ich, daß du mir alles erzählst, was passiert ist, seit man mich bewußtlos geschlagen hat. Laß nichts aus, wie nebensächlich es dir auch vorkommen mag.«

Richard und Kahlan wurden rot und sahen sich an. »Ich erzähle es ihm nicht, wenn du es nicht tust«, flüsterte er.

Sie legte ihm die Hand auf den Arm und hielt ihn zurück. »Ich schwöre es, kein Sterbenswörtchen über das, was im Haus der Seelen geschehen ist.«

Ein Blick in ihre Augen genügte, um zu wissen, daß sie gewillt war, ihr Wort zu halten.

Den Rest des Tages marschierten sie über holprige Pfade und hielten sich fernab der Straßen. Dabei erzählten die beiden alles, was sich zugetragen hatte, seit jenem Tag, als sie an der Grenze angegriffen worden waren. An den unmöglichsten Stellen der Erzählung bat Zedd sie, zu früheren Ereignissen zurückzukehren. Mit gegenseitiger Unterstützung gelang es Richard und Kahlan, das Garn der Schlammenschengeschichte zu spinnen, ohne zu erwähnen, was zwischen ihnen im Haus der Seelen geschehen war.