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Je näher sie Tamarang kamen, desto häufiger mußten sie Straßen überqueren. Auf ihnen waren viele Flüchtlinge unterwegs, die ihr Hab und Gut auf dem Rücken oder auf kleinen Karren fortschleppten. Richard achtete darauf, daß sie nie zu lange den Blicken der Menschen ausgesetzt waren, und schob sich vor Kahlan, so oft es ging. Die Mutter Konfessor sollte nicht erkannt werden. Er war jedesmal erleichtert, wenn sie wieder in den Wäldern waren. Im Wald fühlte er sich am wohlsten, obwohl es auch dort alles andere als ungefährlich war.

Später waren sie gezwungen, die Straße zu nehmen, um den Callisidrin zu überqueren. Zum Durchwaten war er zu breit und reißend, daher benutzten sie die große Holzbrücke. Zedd und Richard nahmen Kahlan schützend in die Mitte, als sie sich durch die Menschenmenge auf der Brücke schoben. Kahlan behielt die Kapuze ihres Umhanges auf, damit niemand ihr langes Haar sehen konnte. Die meisten Menschen strömten Richtung Tamarang, wo sie Schutz und Sicherheit vor den plündernden Horden zu finden hofften, die angeblich aus Westland in das Land eingefallen waren. Nach Kahlans Ansicht konnten sie Tamarang Mitte des nächsten Tages erreichen. Von nun an waren sie die meiste Zeit gezwungen, die Straße zu benutzen. Richard wußte, wenn sie nachts vor Menschen sicher sein wollten, würden sie sich weit von der Straße entfernen müssen. Er behielt die Sonne im Auge, damit sie genügend Zeit hatten, sich tief im Wald zu verstecken, bevor es zu dunkel wurde.

»Fühlt sich das gut an?«

Rachel tat, als würde Sara antworten, und stopfte noch ein wenig Gras um ihre Puppe, um ganz sicherzugehen, daß ihr warm genug war. Das in das Tuch geknotete Brot legte sie daneben.

»Jetzt bist du erst mal warm. Ich muß etwas Holz sammeln, bevor es zu dunkel wird, und dann machen wir uns ein Feuer. Damit wir nicht frieren müssen.«

Sie ließ Sara und das Brot in der Launenfichte zurück und ging nach draußen. Die Sonne war untergegangen, aber es war noch hell. Die Wolken hatten eine hübsche rosa Farbe. Ab und zu blieb sie stehen, klemmte die Zweige unter den freien Arm, und betrachtete sie. Sie sah in ihrer Tasche nach, ob der Feuerstab noch da war. Gestern abend hätte sie ihn fast vergessen. Sie bekam Angst, wenn sie nicht nachsah und sich vergewisserte, daß sie ihn nicht liegengelassen hatte.

Sie hob den Kopf und sah die hübschen Wolken. Im selben Augenblick huschte ein großes, dunkles Etwas ein kleines Stück weiter den Hügel hinauf über die Wipfel der Bäume. Ein großer Vogel, dachte sie. Raben waren groß und schwarz. Es mußte einer dieser lärmenden Raben sein. Sie sammelte noch ein paar Äste. Dann entdeckte sie auf dem Boden einer Lichtung einige Blaubeersträucher. Es war bereits recht spät im Jahr, und die Beeren waren schon ziemlich trocken und verschrumpelt, aber immer noch genießbar. Eigentlich schmeckten sie köstlich. Für jede, die sie aß, steckte sie eine ein. Auf Händen und Knien rutschend, pflückte sie Beeren, naschte und steckte sie in ihre Tasche. Es wurde dunkler. Ab und zu hob sie den Kopf und betrachtete die hübschen Wolken. Sie waren dunkler geworden. Violett.

Als sich ihr Bauch langsam besser fühlte und ihre Tasche voll war, hob sie die Äste auf und ging zurück zur Launenfichte. Drinnen angekommen, knotete sie das Tuch um das Brot auf und schüttete die Beeren aus ihrer Tasche in das Tuch. Dann setzte sie sich hin, klaubte die Beeren aus dem Tuch, plauderte mit Sara und bot ihr an, die Beeren mit ihr zu teilen. Sara hatte keinen großen Hunger. Rachel hätte gerne einen Spiegel gehabt. Zu gerne hätte sie ihr Haar im Spiegel betrachtet. Ein paar Stunden zuvor hatte sie sich in einem dunklen Teich gesehen. Ihr Haar sah so wunderschön aus. Es war wirklich nett von Richard gewesen, es ihr zu schneiden.

Sie vermißte Richard. Sie wünschte, er wäre jetzt hier, würde mit ihr zusammen fortlaufen, sie an sich drücken. Wenn er einen drückte, war das das Schönste, was man sich vorstellen konnte. Er könnte Kahlan auch in den Arm nehmen, wenn sie nicht so gemein wäre. Kahlan würde schon merken, wie wunderbar das war. Aus irgendeinem Grund vermißte Rachel sie ebenfalls. Ihre Geschichten, ihre Lieder, die Finger, die sie an der Stirn berührt hatten. Warum mußte sie so gemein sein? Warum wollte sie Giller etwas antun? Giller war einer der nettesten Menschen auf der Welt. Er hatte ihr Sara geschenkt.

Rachel brach die Äste, so gut es ging, damit sie zwischen die Steine paßten, die sie im Kreis zusammengelegt hatte. Nachdem sie sie sorgfältig gestapelt hatte, holte sie den Feuerstab heraus.

»Brenne für mich.«

Sie legte den Feuerstab neben die Beeren auf das Tuch, wärmte sich die Hände und aß ein paar Beeren. Dabei erzählte sie Sara von ihrem Kummer und wie gerne sie sich von Richard in den Arm nehmen lassen würde, wie sehr sie wünschte, daß Kahlan nicht so gemein wäre, daß sie hoffte, sie würde Giller nichts tun, wie gerne sie etwas anderes als Beeren zu essen hätte.

Ein Insekt stach ihr in den Hals. Sie stieß einen kleinen Quiekser aus und schlug es tot. Als sie ihre Hand zurückzog, klebte ein wenig Blut daran. Und eine Mücke.

»Sieh mal, Sara. Diese dämliche Mücke hat mich gestochen. Sie war schon voller Blut.«

Sara schien besorgt wegen des Stichs. Rachel aß noch ein paar Beeren.

Wieder stach ihr eine Mücke in den Hals. Rachel schlug sie tot, diesmal ohne zu quieksen. Auf ihrer Hand klebte wieder ein Blutfleck.

»Das hat weh getan!« meinte sie zu Sara. Mit finsterer Miene warf sie die zerquetschte Mücke ins Feuer.

Als die nächste Mücke ihr in den Arm stach, zuckte sie nur noch zusammen. Sie schlug sie platt. Rachel versuchte die Mücken zu verscheuchen, die ihr Gesicht umschwirrten. Wieder stachen ihr zwei in den Hals und hatten sich mit Blut vollgesogen, bevor sie sie totschlagen konnte. Die Stiche waren so schmerzhaft, daß ihr die Tränen in die Augen traten.

»Haut ab!« schrie sie und fuchtelte mit den Händen herum.

Einige waren unter ihr Kleid gesirrt, stachen sie in Brust und Rücken. Andere stachen sie in den Hals.

Rachel begann zu schreien, während sie auf die Mücken eindrosch und versuchte, sie loszuwerden. Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen. Eine Mücke stach ihr von innen ins Ohr, und sie schrie noch lauter. Kreischend und heulend versuchte sie, mit dem Finger das Sirren aus ihrem Ohr zu bohren, die Mücke herauszubekommen. Sie schrie und schlug wild um sich.

Schrill kreischend stolperte Rachel unter dem Baum hervor und wischte sich die Mücken aus den Augen. Mit den Armen um sich schlagend, rannte sie los, versuchte sich die Mücken vom Leib zu halten. Die Mücken folgten ihr unerbittlich.

Plötzlich blieb sie wie erstarrt stehen.

Mit aufgerissenen Augen blickte sie an dem riesigen pelzbedeckten Körper empor. Der Bauch war rosa und war voller Mücken.

Vor den fahlen Farben des Abendhimmels breitete das Ungetüm langsam seine riesigen Flügel aus. Die Flügel hatten keine Federn, sondern waren mit einer Haut überzogen. Rachel sah die fetten, pulsierenden Adern.

Sie nahm allen Mut zusammen und stopfte ihre zitternde Hand in die Tasche. Der Feuerstab war nicht da. Ihre Beine waren wie angewurzelt. Nicht einmal die Mücken, die sie stachen, spürte sie noch. Sie hörte ein Geräusch wie von einer schnurrenden Katze, nur viel lauter. Ihr Blick wanderte höher.

Grün glühende Augen funkelten sie an. Das Schnurren wurde zum tiefen Knurren.

Das Maul öffnete sich, das Knurren wurde lauter, hinter klaffenden Lippen wurden lange, gekrümmte Reißzähne sichtbar.

Davonlaufen konnte sie nicht. Sie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Nicht einmal schreien konnte sie. Zitternd blickte sie mit aufgerissenen Augen in das eklige grüne Funkeln. Sie hatte vergessen, wie man die Füße bewegt.

Eine große Kralle langte nach ihr.

Etwas Warmes rann ihr die Beine hinab.

9

Richard verschränkte die Arme und lehnte sich an einen Felsen. »Das reicht!«

Zedd und Kahlan drehten sich um, als hätten sie vergessen, daß er auch da war. Wenigstens eine halbe Stunde lang hatte er ihrer Streiterei am Feuer gelauscht, jetzt war er es leid. Genaugenommen war er einfach nur müde. Das Abendessen war längst erledigt, und sie sollten etwas schlafen, statt dessen versuchten sie zu entscheiden, was sie morgen tun sollten, wenn sie Tamarang erreicht hatten. Jetzt hörten sie endlich mit der Streiterei auf und legten ihm ihre Standpunkte dar.