»Ich schlage vor, wir spazieren einfach rein, und ich kümmere mich um Giller. Er ist mein Schüler. Ich werde ihn dazu bringen, mir zu verraten, was gespielt wird. Ich bin immer noch Zauberer der ersten Ordnung. Er wird tun, was ich sage, und mir das Kästchen geben.«
Kahlan holte ihr Konfessorenkleid aus dem Rucksack. »Wir werden Giller hiermit beikommen. Er ist mein Zauberer und wird tun, was ich sage, denn er kennt die Konsequenzen.«
Richard atmete tief durch und rieb sich die Augen. »Ihr wollt beide ein Huhn verspeisen, das wir noch nicht einmal gerupft haben. Wir wissen noch nicht einmal, wem es gehört.«
»Was soll das heißen?« fragte Kahlan.
Richard beugte sich vor. Wenigstens hörten sie ihm endlich zu. »Selbst im allergünstigsten Fall wird Tamarang D’Hara wohlwollend gesonnen sein. Im schlimmsten Fall ist Rahl selbst dort. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Vielleicht haben sie etwas dagegen, wenn wir einfach hereinspazieren und sagen, was wir wollen. Tamarang verfügt über ein komplettes stehendes Heer, um uns klarzumachen, wie sehr sie etwas dagegen haben. Was dann? Sollen wir uns zu dritt auf eine Auseinandersetzung mit ihrer Armee einlassen? Wie kommen wir auf diese Weise an das Kästchen? Wie sollen wir auf diese Weise auch nur an Giller herankommen? Wenn wir kämpfen müssen, dann besser auf dem Weg nach draußen und nicht schon auf dem Weg nach drinnen.«
Richard erwartete einen Einwand von den beiden, die dasaßen, als müßten sie eine Standpauke über sich ergehen lassen, doch niemand sagte etwas, also fuhr er fort.
»Vielleicht wartet Giller sogar darauf, daß jemand kommt, dem er helfen kann, mit dem Kästchen zu fliehen. Andererseits ist er vielleicht gar nicht bereit, sich so ohne weiteres davon zu trennen. Aber das wissen wir erst, wenn wir bis zu ihm vorgedrungen sind, oder?« Er wandte sich an Zedd. »Du hast gesagt, das Kästchen besäße eine Zauberkraft, die ein Zauberer oder Rahl spüren kann. Andererseits kann ein Zauberer dies durch ein magisches Netz vereiteln und so verhindern, daß das Kästchen entdeckt wird. Vielleicht hat Königin Milena deswegen einen Zauberer haben wollen, damit sie das Kästchen vor Rahl verbergen und als Tauschobjekt benutzen kann. Wenn wir große Verwirrung stiften und Giller Angst einjagen können — egal, wie er über uns denkt, Angst hat er vielleicht trotzdem –, könnten wir diese Gelegenheit zur Flucht nutzen. Vielleicht wartet Rahl ja auch nur darauf, daß das Wild aus seinem Versteck gescheucht wird, damit er zuschlagen kann.«
Zedd wandte sich an Kahlan. »Ich denke, der Sucher hat in einigen Punkten durchaus recht. Vielleicht sollten wir ihn ausreden lassen?«
Kahlan lächelte schwach. »Ich glaube, du hast recht, guter Zauberer.« An Richard gewandt, fragte sie: »Wie lautet dein Vorschlag?«
»Du hattest schon mit dieser Königin Milena zu tun, richtig? Was ist sie für ein Mensch?«
Kahlan brauchte nicht lange nachzudenken. »Tamarang ist ein kleines und recht unbedeutendes Land. Königin Milena dagegen ist so prunksüchtig und überheblich, wie eine Königin nur sein kann.«
»Nur eine kleine Schlange, die jedoch zur tödlichen Gefahr für uns werden kann«, merkte Richard an.
Kahlan nickte. »Aber mit einem großen Kopf.«
»Kleine Schlangen müssen vorsichtig sein, solange sie nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben. Als erstes müssen wir sie beunruhigen. Vielleicht ist sie dann so verunsichert, daß sie vergißt, uns zu beißen.«
»Wie meinst du das?« wollte Kahlan wissen.
»Du sagst, du hättest schon mit ihr zu tun gehabt. Konfessoren bereisen die Länder, um Beichten abzunehmen, Gefängnisse zu inspizieren, um alles mögliche herauszufinden. Sie würde doch die Grenzen nicht für einen Konfessor schließen, oder?«
»Nicht, solange sie noch halb bei Verstand ist«, gluckste Zedd.
»Gut, dann werden wir es so machen. Zieh dir dein Kleid an und tue deine Pflicht. Was man eben von einem Konfessor erwartet. Es gefällt ihr vielleicht nicht, aber sie wird dich gut behandeln wollen und dafür sorgen, daß du zufrieden bist. Sie wird dir zeigen, was du sehen willst, damit sie dich wieder loswird. Bestimmt wird sie jedes Aufsehen vermeiden wollen. Du inspizierst also ihr Verlies, lächelst oder machst ein besorgtes Gesicht, was auch immer, und bevor wir wieder aufbrechen, erklärst du ihr, du wolltest deinen früheren Zauberer sehen.«
»Meinst du wirklich, sie sollte alleine gehen?« protestierte Zedd.
»Nein. Wenn Kahlan ohne Zauberer reist, könnte die Königin versucht sein, das als Schwäche auszulegen. Und sie soll ja nicht auf dumme Gedanken kommen.«
Zedd verschränkte die Arme. »Dann spiele ich ihren Zauberer.«
»Nein, das wirst du nicht! Während wir hier sitzen und uns unterhalten, bringt Darken Rahl Menschen um, um dich zu finden.
Wenn du dich zu erkennen gibst, sitzen wir bis zum Hals in der Tinte, bevor wir mit dem Kästchen fliehen können. Wer weiß, welche Belohnung auf deine schrumpelige Haut ausgesetzt ist. Du wirst ihr Schutz sein, aber anonym bleiben. Du wirst…« Richard tippte nachdenklich gegen das Heft des Schwertes. Er senkte den Kopf. »Du wirst als Wolkenleser auftreten. Als Vertrauter des Konfessors in Abwesenheit eines Zauberers.« Richard registrierte Zedds Knurren mit einem Stirnrunzeln. »Ich bin sicher, du weißt, wie du das anzustellen hast.«
»Und dein Schwert willst du auch vor ihr verstecken und deine Identität?« wollte Kahlan wissen.
»Nein. Die Anwesenheit eines Suchers wird ihr zu denken geben, und sie wird ihre Krallen eingezogen lassen, bis wir wieder fort sind. Im Grunde soll sie mit einer ganz normalen Situation konfrontiert werden, einem Konfessor eben, damit sie keinen Alarm schlägt. Gleichzeitig soll sie etwas zum Nachdenken haben, einen Wolkenleser und einen Sucher, damit sie uns lieber ziehen läßt, als herauszufinden, welchen Ärger zu machen wir imstande sind. So wie du vorgehen willst, kommt es auf jeden Fall zum Kampf, bei dem einer oder alle von uns verletzt werden können. Auf meine Weise ist das Risiko gering, in einen Kampf hineingezogen zu werden, und sollte es doch dazu kommen, dann sind wir schon auf dem Weg nach draußen — und zwar mit dem Kästchen.« Er warf den beiden einen ernsten Blick zu. »Ihr erinnert euch doch an das Kästchen? Falls ihr es vergessen haben solltet, darum geht es, nicht um Gillers Kopf auf einem Silbertablett. Es spielt keine Rolle, auf wessen Seite er steht. Wir müssen nur das Kästchen beschaffen, sonst nichts.«
Kahlan verschränkte stirnrunzelnd die Arme, Zedd rieb sich das Kinn und starrte ins Feuer. Richard ließ sie eine Weile darüber nachdenken. So wie sie vorgehen wollten, würden sie auf jeden Fall Arger bekommen, und zwar sehr bald, das mußten die beiden einsehen.
Zedd wandte sich wieder an ihn. »Du hast natürlich recht. Ich bin einverstanden.« An Kahlan gewandt fragte er: »Mutter Konfessor?«
Sie musterte einen Augenblick lang sein Gesicht, bevor sie zu Richard aufschaute. »Einverstanden. Aber ihr beide müßt das Gefolge des Konfessors spielen. Zedd kennt das Protokoll, du nicht.«
»Ich bin hoffentlich nicht lange dort. Erklär mir einfach, was ich wissen muß, um mich eine Weile lang über Wasser zu halten.«
Kahlan atmete tief durch. »Nun, das Wichtigste wird sein, daß du aussiehst, als würdest du zu meiner Eskorte gehören, und daß du … dich respektvoll verhältst.« Sie räusperte sich und sah verlegen zur Seite. »Tu einfach so, als sei ich die wichtigste Persönlichkeit, der du je begegnet bist, und behandle mich dementsprechend, dann wird niemand Fragen stellen. Unter Konfessoren ist es üblich, daß sie ihrem Gefolge gewisse Freiheiten einräumen. Solange du dich respektvoll zeigst, wird sich niemand etwas dabei denken, wenn du etwas ein wenig Unpassendes tust. Auch wenn du mein Benehmen … seltsam finden solltest, spiel einfach mit. Einverstanden?«