Richard stand auf. Nur mit Mühe konnte er sich dazu zwingen, Kahlan anzusehen. Sie weinte. »Vielen Dank, Brophy.« Er mußte einen Augenblick warten, weil er Angst hatte, seine Stimme würde versagen. »Es ist spät. Wir schlafen besser, morgen ist ein wichtiger Tag. Ich übernehme meine Wache. Gute Nacht.«
Brophy erhob sich. »Ihr drei schlaft. Ich stehe heute nacht Wache.«
Richard schluckte den Kloß in seinem Hals. »Ich weiß das zu schätzen, aber ich übernehme trotzdem meine Wache. Wenn du willst, kannst du mir den Rücken freihalten.«
Richard machte kehrt und wollte gehen.
»Richard«, rief Zedd ihm nach. Richard blieb stehen, ohne sich umzudrehen. »Was war das für ein Knochen, den dir dein Vater gegeben hat?«
Richards Gedanken rasten in panischer Angst. Bitte, Zedd, wenn du je eine meiner Lügen geglaubt hast, dann diese. »Du müßtest dich doch erinnern. So ein kleiner, runder. Du hast ihn doch gesehen, ich bin ganz sicher.«
»Oh. Ja, richtig. Gute Nacht.«
Das erste Gesetz der Magie. Danke, mein alter Freund, dachte er für sich, daß du mir beigebracht hast, wie ich Kahlans Leben beschützen kann.
Er ging hinaus in die Nacht. Sein Kopf pochte vor Schmerzen.
10
Die Stadt Tamarang war zu klein für die Menschenmassen, die hineindrängten, es waren einfach zu viele. Menschen strömten aus allen Richtungen herbei, suchten Schutz und Sicherheit, hatten das Land um die bebauten Viertel überschwemmt. Zelte und Hütten waren auf dem nackten Boden vor den Stadtmauern aus dem Boden geschossen und erstreckten sich bis in die Hügel. Am Morgen strömten die Menschen von den Hügeln in das improvisierte Marktviertel vor den Toren der Stadt. Menschen aus anderen Orten, Dörfern und Städten standen in planlos angelegten Straßen an windschiefen Ständen und verkauften, was immer sie zu bieten hatten. Straßenhändler boten alles feil von alten Kleidern bis hin zu elegantem Schmuck. An anderen Ständen stapelten sich Obst und Gemüse. Es gab Barbiere und Heiler und Wahrsager, Leute mit Papier, die Porträts zeichneten, oder Leute mit Egeln, die einem das Blut absaugen wollten. Überall wurden Wein und Schnaps verkauft. Trotz der Umstände ihrer Anwesenheit schienen die Menschen in festlicher Stimmung. Die scheinbare Sicherheit und der reiche Vorrat an Getränken, wie Richard vermutete. Überall wurde ausgiebig über die Wunder des Vater Rahl gesprochen. Inmitten kleiner Menschenaufläufe standen Erzähler und verkündeten die letzten Neuigkeiten, die neuesten Abscheulichkeiten. Das zerlumpte Volk stöhnte und wehklagte über die Grausamkeiten, begangen von Westländern. Rufe nach Rache wurden laut.
Richard entdeckte keine einzige Frau, deren Haar weiter als bis zum Kinn reichte.
Das eigentliche Schloß lag auf der Spitze eines steilen Hügels innerhalb der Stadtmauern und war von eigenen Befestigungsanlagen umgeben. Rings um die furchteinflößenden Burgmauern flatterten in gleichmäßigen Abständen die roten Banner mit dem Wolfskopf. Die riesigen Holztore der äußeren Stadtmauern waren geschlossen, offenbar um den Pöbel auf Distanz zu halten.
Berittene Patrouillen streiften durch die Straßen; ihre Rüstungen blitzten in der Mittagssonne, Lichtpunkte in einem Meer von lärmenden Menschen. Richard entdeckte eine Abteilung, die mit fliegendem Wolfskopfbanner über den Häuptern durch die neu angelegten Straßen fegte. Einige Menschen jubelten ihnen zu, manche verneigten sich, alle jedoch wichen zurück, als die Pferde vorbeigaloppierten. Die Soldaten beachteten sie nicht, ganz so, als wären sie Luft. Wer nicht schnell genug aus dem Weg ging, bekam einen Stiefel gegen den Kopf.
Doch vor Kahlan, der Mutter Konfessor, wichen die Leute noch respektvoller zurück, so wie eine Meute Straßenköter vor einem Stachelschwein.
Ihr weißes Kleid leuchtete in der Sonne. Sie ging aufrecht, als gehörte ihr die ganze Stadt. Sie hielt die Augen geradeaus und würdigte niemanden eines Blicks. Ihren Umhang zu tragen, hatte sie sich geweigert, weil er nicht angemessen sei. Außerdem wollte sie keinen Zweifel daran aufkommen lassen, wer sie war.
Die Menschen stürzten übereinander, in dem Bemühen, ihr auszuweichen. Wie eine Welle verbeugten sich alle, wenn sie vorbeiging. Getuschel machte sich breit. Kahlan achtete nicht auf die Verbeugungen. Zedd, der Kahlans Rucksack trug, ging neben Richard, zwei Schritte hinter ihr. Sowohl er als auch Richard ließen den Blick über die Menge schweifen. Seit er ihn kannte, hatte Richard Zedd nie einen Rucksack tragen gesehen. Zu behaupten, es sähe seltsam aus, wäre untertrieben. Richard hatte seinen Umhang hinter das Schwert der Wahrheit gehakt. Einige sahen ihn deswegen überrascht an, doch mit der Reaktion auf Kahlan war es nicht zu vergleichen.
»Ist es überall so, wohin sie auch kommt?« flüsterte Richard Zedd zu.
»Ich fürchte ja, mein Junge.«
Ohne Zögern schritt Kahlan über die massive Steinbrücke auf das Stadttor zu. Die Posten auf dieser Seite der Brücke traten zur Seite. Sie beachtete sie nicht. Richard ließ den Blick schweifen, für den Fall, daß sie einen Fluchtweg brauchten.
Die zwei Dutzend Posten am Stadttor hatten offenbar Befehl, niemanden hereinzulassen. Sie hatten in Hab-acht-Stellung gestanden. Jetzt sahen sie sich nervös an — einen Besuch der Mutter Konfessor hatten sie nicht erwartet. Metall klirrte, als einige zurückwichen und gegeneinanderstießen. Andere blieben hilflos stehen. Kahlan hielt an. Sie sah niemandem in die Augen. Sie starrte geradeaus auf die Tore der Stadt, als erwartete sie, daß sie sich in nichts auflösen würden. Die Posten direkt vor ihr drückten sich mit dem Rücken an das Holz und sahen ihren Hauptmann hilfesuchend an.
Zedd trat vor Kahlan und verbeugte sich tief, als wollte er sich dafür entschuldigen, daß er ihr im Wege stand, dann wandte er sich an den Hauptmann.
»Was ist mit dir? Bist du blind, Mann? Offne das Tor!«
Die dunklen Augen des Hauptmanns wanderten zwischen Kahlan und Zedd hin und her. »Tut mir leid, aber es darf niemand hinein. Und wie lautet dein Name …?«
Zedds Gesicht wurde leuchtend rot. Richard hatte alle Mühe, keine Miene zu verziehen. Die Stimme des Zauberers wurde zu einem leisen Fauchen. »Willst du etwa behaupten, man hätte dir aufgetragen, der Mutter Konfessor den Zutritt zu verwehren?«
Jede Selbstsicherheit schwand aus dem Blick des Hauptmanns. »Laut Befehl darf ich niemanden…«
»Öffne sofort das Tor!« blaffte Zedd ihn an, die Fäuste in die Hüften gestemmt. »Und schaffe augenblicklich eine angemessene Eskorte herbei!«
Fast wäre der Hauptmann aus seiner Rüstung gefahren. Er schrie ein paar Befehle, und sofort kamen Männer in seine Richtung gerannt. Die Tore schwenkten nach innen. Von hinten kamen Pferde herangedonnert, ritten um die kleine Gesellschaft herum und bildeten mit ihren Bannern voran eine Reihe vor Kahlan. Hinter ihr formierten sich weitere Reiter. Fußsoldaten eilten im Laufschritt herbei und formierten sich rechts und links in gebührendem Abstand.
Zum ersten Mal sah Richard ihre Welt, diese Einsamkeit. Kalt und schmerzhaft wurde ihm klar, warum sie einen Freund brauchte.
»Das soll eine angemessene Eskorte sein?« donnerte Zedd. »Na ja, fürs erste muß es genügen.« Er verneigte sich tief vor Kahlan. »Ich bitte um Vergebung, Mutter Konfessor, für die Unverfrorenheit dieses Mannes und seinen lächerlichen Versuch, eine Eskorte zusammenzustellen.«
Sie sah kurz zu Zedd hinüber und neigte kaum merklich den Kopf.
Ihr Körper in diesem Kleid brachte Richard zum Schwitzen.
Die Männer der Eskorte hielten, so gut es ging, ein wachsames Auge auf Kahlan gerichtet und warteten. Sie schlossen sich an, als sie weiterging. Rings um die Pferde wirbelte Staub auf, als sie durch das Tor ritten.