Dann ergriff die Königin vorsichtig die Hand der Mutter Konfessor und küßte sie mit den frisch gereinigten Lippen.
»Treue allen Konfessoren, bei meiner Krone, meinem Land, meinem Leben.«
Richard hatte selten jemanden so aalglatt lügen gehört.
Endlich bewegte Kahlan die Augen. Sie blickte auf den gebeugten Kopf der Königin herab. »Steh auf, mein Kind.«
Mehr als eine Königin, allerdings, dachte Richard. Er mußte daran denken, wie er Kahlan das Fallenstellen, das Spurenlesen, das Ausgraben von Wurzeln gezeigt hatte und spürte, wie er tiefrot wurde.
Königin Milena hatte Mühe, wieder auf die Beine zu kommen. Um ihre Lippen spielte ein Lächeln. Um ihre Augen nicht. »Wir haben keinen Konfessor bestellt.«
»Nichtsdestotrotz bin ich hier.« Kahlans Stimme hätte aus Eis sein können.
»Ja, nun, das ist … äh … großartig. Einfach … großartig.« Ihr Gesicht leuchtete auf. »Wir werden ein Bankett geben. Genau, ein Bankett. Ich werde sofort Herolde mit den Einladungen aussenden. Alle werden kommen. Ich bin sicher, sie werden höchst erfreut sein, mit der Mutter Konfessor speisen zu können. Es ist eine große Ehre.« Sie drehte sich um und zeigte auf die Männer in den rotgelben Pantalons. »Dies sind meine Rechtsberater.« Die Männer reagierten mit einer tiefen Verbeugung. »Ich kann mich nicht an alle Namen erinnern.« Mit der Hand deutete sie auf zwei Männer in goldenen Roben. »Dies sind Silas Tannic und Branding Gadding, die Obersten Berater der Krone.« Die beiden nickten kurz. »Und hier mein Finanzminister, Lord Rondel, und meine Sterndeuterin, Lady Kyley.« Einen Zauberer im silbernen Gewand konnte Richard im Gefolge der Königin nicht entdecken. Mit einer abfälligen Handbewegung deutete die Königin auf einen schäbig gekleideten Mann im Hintergrund. »Und James, mein Hofkünstler.«
Aus den Augenwinkeln sah Richard, wie Zedd erstarrte. James hielt seinen lüsternen Blick auf Kahlan geheftet, während er sich halbherzig verneigte. Die rechte Hand fehlte ihm. Sein aalglattes Grinsen ließ Richard instinktiv nach dem Schwert greifen, bevor er merkte, was er tat. Ohne hinzusehen, packte Zedd ihn am Handgelenk und zog seine Hand zurück. Richard sah sich um. Niemand hatte etwas bemerkt. Alle Augen ruhten auf der Mutter Konfessor.
Kahlan drehte sich zu den beiden um. »Zedicus Zorander, Wolkenleser, vertraulicher Berater der Mutter Konfessor« — Zedd verbeugte sich dramatisch — »und Richard Cypher, der Sucher, Beschützer der Mutter Konfessor.« Richard ahmte Zedds Verbeugung nach.
Die Königin musterte ihn, zog eine Braue hoch und machte ein säuerliches Gesicht. »Ein recht magerer Schutz für eine Mutter Konfessor.«
Richard verzog keine Miene. Kahlan blieb gelassen. »Es ist das Schwert, das schneidet, der Mann spielt keine Rolle. Sein Verstand ist vielleicht klein, sein Arm dagegen nicht. Er neigt jedoch dazu, das Schwert vorschnell zu gebrauchen.«
Die Königin wirkte wenig überzeugt. Hinter der königlichen Gesellschaft kam ein kleines Mädchen das Geländer heruntergerutscht. Sie trug ein rosa Samtkleid und Schmuck, der viel zu üppig war für sie. Sie schlenderte an die Seite der Königin und warf ihr langes Haar über die Schulter, ohne sich zu verneigen.
»Meine Tochter, Prinzessin Violet. Violet, Liebes, dies ist die Mutter Konfessor.«
Prinzessin Violet sah Kahlan tadelnd an. »Dein Haar ist zu lang. Vielleicht sollten wir es dir abschneiden.«
Richard entdeckte ein winziges Lächeln der Genugtuung im Gesicht der Königin. Er beschloß, es sei an der Zeit, das Ausmaß ihrer Besorgnis ein wenig zu vergrößern.
Das Schwert der Wahrheit blitzte auf. Sein metallisches Klirren hallte durch den gewaltigen Saal und wurde durch den Stein noch verstärkt. Er hielt die Schwertspitze einen Zentimeter vor die Nasenspitze der Prinzessin und ließ sich von dem Zorn durchströmen, damit seine Worte dramatischer klangen.
»Verneige dich vor der Mutter Konfessor«, zischte er, »oder stirb.«
Zedd tat gelangweilt. Kahlan wartete ab. Niemand hatte die Augen so weit aufgerissen wie die Prinzessin, die auf die Schwertspitze starrte. Sie fiel auf die Knie und senkte den Kopf. Als sie sich wieder erhob, sah sie Richard fragend an, als wollte sie wissen, ob die Verneigung in Ordnung gewesen war.
»Hüte deine Zunge«, höhnte Richard. »Das nächste Mal werde ich sie dir rausschneiden.«
Mit einem Kopfnicken versteckte sie sich hinter ihrer Mutter. Richard steckte sein Schwert in die Scheide, drehte sich um und verneigte sich tief vor Kahlan, die ihn keines Blickes würdigte, dann kehrte er auf seinen Platz hinter ihr zurück.
Die Demonstration hatte auf die Königin den gewünschten Eindruck gemacht. Ihre Stimme verwandelte sich in einen süßlichen Singsang. »Ja, nun, wie gesagt, es ist großartig, Euch bei uns zu wissen. Wir alle sind höchst erfreut. Laßt Euch unser bestes Zimmer zeigen. Ihr müßt müde sein von der Reise. Vielleicht wollt Ihr vor dem Abendessen noch etwas ruhen, dann können wir uns alle nach dem Essen nett und lange…«
»Ich bin nicht zum Essen hier«, schnitt Kahlan ihr das Wort ab. »Ich bin gekommen, um Eure Kerker zu inspizieren.«
»Die Kerker?« Sie zog ein Gesicht. »Dort unten ist es schmutzig. Seid Ihr sicher, daß Ihr nicht lieber…«
Kahlan setzte sich in Bewegung. »Ich kenne den Weg.« Richard und Zedd schlossen sich an. Sie blieb stehen und drehte sich zur Königin um. »Ihr werdet hier warten, bis ich fertig bin.« Ihre Stimme war wie aus Eis. Die Königin wollte gerade mit einer Verbeugung ihr Einverständnis bekunden, als Kahlan auf dem Absatz kehrtmachte und mit wehendem Gewand von dannen schwebte.
Hätte Richard sie nicht so gut gekannt, ihm wäre bei der Begegnung vor Angst die Luft weggeblieben. Vielleicht war es sogar geschehen, genau wußte er es nicht.
Kahlan führte sie die Treppe hinunter und durch Räume hindurch, die immer weniger prächtig wurden, je tiefer sie in das Schloß vordrangen. Die Größe des Gebäudes verblüffte Richard.
»Ich hatte gehofft, Giller würde da sein«, meinte Kahlan. »Dann könnten wir uns das hier ersparen.«
»Ich auch«, brummte Zedd. »Du mußt dich bei der Inspektion beeilen und fragen, ob jemand die Beichte ablegen möchte, und wenn sie nein sagen, gehen wir wieder hinauf und fragen nach Giller.« Er lächelte sie an. »Bis jetzt, Liebes, hast du deine Sache großartig gemacht.« Sie erwiderte sein Lächeln. »Und Richard, halte dich von diesem Künstler fern, James.«
»Wieso? Hast du Angst, er könnte ein schlechtes Bild von mir malen?«
»Grins nicht so. Halte dich von ihm fern. Er könnte dir einen Fluch zeichnen.«
»Einen Fluch? Wieso braucht man einen Künstler, um jemanden mit einem Fluch zu belegen?«
»Weil es in den Midlands viele verschiedene Sprachen gibt. Man muß einen Fluch verstehen, wenn er wirken soll. Nur wenn du jemandes Sprache sprichst, kannst du ihn mit einem Fluch belegen. Eine Zeichnung dagegen versteht jeder. Er kann fast jedem einen Fluch zeichnen. Nicht Kahlan oder mir, aber dir. Geh ihm aus dem Weg.«
Ihre Schritte hallten, als die drei rasch die steinernen Stufen hinabstiegen. Aus den tief unter der Erde liegenden Mauern sickerte Wasser, an manchen Stellen waren sie mit Moder bedeckt.
Kahlan zeigte auf eine schwere Tür an der Seite. »Hier hindurch.«
Richard zog sie am Eisenring auf. Die Angeln aus Bandeisen quietschten. Fackeln leuchteten einen engen Gewölbegang aus, dessen Decke so niedrig war, daß er sich bücken mußte, um nicht anzustoßen. Nach Fäulnis stinkendes Stroh bedeckte den modrigen Boden. Gegen Ende des Ganges verlangsamte sie ihr Tempo und trat vor eine eiserne Tür, in die ein Gitter eingelassen war. Augen blickten sie an, als sie stehenblieb.
Zedd beugte sich hinter ihr vor. »Die Mutter Konfessor. Sie ist gekommen, um die Gefangenen zu sehen«, brummte er. »Macht die Tür auf.«
Richard hörte das Echo eines Schlüssels, der im Schloß gedreht wurde. Ein untersetzter Mann in verdreckter Uniform zerrte die Tür nach innen. Eine Axt hing an seinem Gürtel gleich neben den Schlüsseln. Er verbeugte sich vor Kahlan, wirkte aber verärgert. Ohne ein Wort führte er sie durch einen kleinen Raum direkt hinter der Tür, wo er an einem kleinen Tisch gesessen und gegessen hatte. Dann ging es weiter durch einen weiteren finsteren Gang bis vor eine andere Eisentür. Er hämmerte mit der Faust dagegen. Die beiden Wachen dahinter verbeugten sich überrascht. Die drei Wachen griffen sich Fackeln aus den eisernen Halterungen und führten sie durch einen kurzen Gang und durch eine dritte Eisentür, in der sich alle ducken mußten.