Der flackernde Schein der Fackeln bohrte sich in die Dunkelheit. Hinter dem Geflecht aus Bandeisenstreifen zu beiden Seiten drückten sich Männer in die hintersten Winkel, ihre Augen vor der plötzlichen Helligkeit mit den Händen schützend. Kahlan sprach leise Zedds Namen und gab ihm zu verstehen, daß sie etwas wollte. Er schien zu begreifen, nahm einer der Wachen seine Fackel ab und hielt sie so vor Kahlan, daß die Männer in den Zellen sie sehen konnten.
Laute ehrfürchtigen Erstaunens drangen aus der Dunkelheit, als die Männer sahen, wer sie war.
Kahlan sprach eine der Wachen an. »Wie viele von ihnen sind zum Tode verurteilt?«
Er strich sich verlegen das feiste, unrasierte Kinn. »Wieso? Alle natürlich.«
»Alle?« wiederholte sie.
Er nickte. »Verbrechen gegen die Krone.«
Nach einer kurzen Weile löste sie den Blick von ihm und wandte sich an die Gefangenen. »Habt ihr alle Kapitalverbrechen begangen?«
Nach einem Augenblick des Schweigens erschien ein hohlwangiger Mann und umklammerte das Gitter. Er spie sie an. Kahlan hielt Richard mit einer raschen Handbewegung zurück, bevor er Gelegenheit hatte, sich zu bewegen.
»Ihr kommt, um das schmutzige Werk der Königin zu vollenden, Konfessor? Ich spucke auf Euch und Eure dreckige Königin.«
»Ich bin nicht im Auftrag der Königin hier. Ich bin hier im Auftrag der Wahrheit.«
»Der Wahrheit! Die Wahrheit ist, daß keiner von uns auch nur das Geringste getan hat! Außer vielleicht, das Wort gegen die neuen Gesetze zu erheben. Seit wann ist es ein Kapitalverbrechen, sich zu beschweren, wenn die eigene Familie verhungert oder erfriert? Die Steuereintreiber der Königin sind gekommen und haben den größten Teil meiner Ernte gestohlen. Sie haben mir kaum genug übriggelassen, um meine Familie zu ernähren. Als ich das wenige, das ich entbehren konnte, verkaufen wollte, kamen sie und meinten, ich würde überhöhte Preise verlangen. Ich habe nichts anderes versucht, als zu überleben. Und trotzdem soll ich wegen Wucherei geköpft werden. Diese Männer, die man hier mit mir zusammen eingesperrt hat, sind alles unschuldige Bauern, Händler oder Kaufleute. Wir sollen alle dafür sterben, daß wir versucht haben, uns durch unsere Arbeit den Lebensunterhalt zu verdienen.«
Kahlan betrachtete die in der Ecke kauernden Männer. »Möchte einer von euch die Beichte ablegen, um seine Unschuld zu beweisen?«
Leises Getuschel. In der Dunkelheit erhob sich ein drahtiger Mann und trat vor. Mit angsterfüllten Augen blickte er sie aus der Düsternis an. »Ja. Ich. Ich habe nichts verbrochen, und doch soll ich geköpft werden und meine Frau und Kinder sich selbst überlassen. Ich werde die Beichte ablegen.« Er streckte den Arm durch das Gitter. »Bitte, Mutter Konfessor, nehmt mir die Beichte ab.«
Noch mehr Männer standen auf, kamen vor. Sie alle baten darum, die Beichte ablegen zu dürfen. Bald standen alle am Gitter und flehten, die Beichte ablegen zu dürfen. Kahlan und Zedd wechselten einen bitteren Blick.
»In meinem ganzen Leben habe ich nur drei Männer gesehen, die die Beichte ablegen wollten«, flüsterte sie dem Zauberer zu.
»Kahlan?« Die vertraute Stimme kam aus der Zelle auf der anderen Seite, aus der Dunkelheit.
Kahlan krallte die Finger in das Gitter. »Siddin? Siddin!« Sie wirbelte herum zu den Wachen. »Diese Männer haben alle der Mutter Konfessor die Beichte abgelegt. Ich stelle fest, daß sie alle unschuldig sind. Öffnet das Gitter!«
»Augenblick mal. Ich kann unmöglich all diese Männer freilassen.«
Richard wirbelte herum und zog dabei im Bogen das Schwert. Krachend riß das Schwert einen Spalt in die Eisenbänder, Splitter heißen Stahls und Funken füllten die Luft. Er drehte sich blitzartig und trat die Tür hinter den verblüfften Wachen zu. Er hielt ihnen das Schwert vors Gesicht, bevor es einem von ihnen gelang, die Axt aus seinem Gürtel zu reißen.
»Öffnet das Gitter, oder ich schlitze euch in Stücke und besorge mir so den Schlüssel!«
Der Wachmann mit dem Schlüssel beeilte sich und kam zitternd der Aufforderung nach. Die Tür schwenkte auf, Kahlan trat ein und verschwand in der Dunkelheit. Als sie zurückkam, hielt sie den verängstigten Siddin in den Armen und drückte seinen Kopf an ihre Schulter. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr, um ihn zu beruhigen. Siddin stammelte etwas in der Sprache der Schlammenschen. Freudestrahlend brachte sie ihn mit ein paar Worten zum Lachen. Als sie herauskam, öffnete der Wachmann die Tür der anderen Zelle. Sie stützte Siddin mit einer Hand, während sie den Wachmann mit der anderen am Kragen packte.
»Die Mutter Konfessor stellt fest, daß all diese Männer unschuldig sind.« Ihre Stimme war hart wie das Eisen, das sie umgab. »Sie werden auf meinen Befehl freigelassen. Ihr drei werdet sie aus der Stadt und in Sicherheit bringen.« Er war einen Kopf kleiner als sie, und sie zog ihn dicht zu sich heran. »Wenn du irgendeinen Fehler machst, hast du dich vor mir zu verantworten.«
Er nickte heftig. »Ja, Mutter Konfessor. Ich verstehe. Es wird geschehen, was Ihr verlangt. Mein Wort darauf.«
»Dein Leben«, verbesserte sie ihn.
Sie ließ ihn los. Die Gefangenen strömten aus den Zellen, sanken weinend auf die Knie, ergriffen den Saum ihres Kleides und küßten ihn. Sie scheuchte sie fort.
»Genug. Macht euch auf den Weg, alle. Und denkt immer daran, Konfessoren dienen niemandem. Nur der Wahrheit.«
Alle schworen, es nicht zu vergessen, und folgten den Wachen nach draußen. Richard sah, daß ihre Hemden zerrissen oder mit verkrustetem Blut verschmiert waren und der Rücken vieler mit Schwären bedeckt war.
Bevor sie den Raum betraten, in dem die Königin wartete, blieb Kahlan stehen und schob Siddin Zedd in die Arme. Sie strich ihm übers Haar, strich ihren Rock glatt, seufzte und setzte ein freundliches Gesicht auf.
»Denkt immer dran, weshalb wir hier sind, Mutter Konfessor«, gab der Zauberer zu bedenken.
Sie nickte kurz, reckte ihr Kinn vor und schritt in den Raum der Königin. Königin Milena hatte sich nicht von der Stelle gerührt, ihr Gefolge war noch bei ihr. Der Blick der Königin fiel auf Siddin.
»Ich nehme an, Ihr habt alles in bester Ordnung vorgefunden, Mutter Konfessor?«
Kahlans Gesicht blieb ruhig, aber ihre Stimme klang schneidend scharf. »Wieso befindet sich dieses Kind in Eurem Verlies?«
Die Königin breitete entschuldigend die Hände aus. »Ich weiß es nicht genau. Wenn ich mich recht erinnere, hat man ihn beim Stehlen erwischt und dort untergebracht, bis seine Eltern ausfindig gemacht werden können, das ist alles. Ich versichere Euch, mehr steckt nicht dahinter.«
Kahlan sah sie mit kaltem Blick an. »Ich habe festgestellt, daß alle Gefangenen unschuldig sind und angeordnet, sie freizulassen. Ich nehme an, Ihr freut Euch, weil ich Euch davor bewahrt habe, Unschuldige hinzurichten, und werdet ihre Familien für die Unannehmlichkeiten, die durch dieses ›Versehen‹ entstanden sind, entschädigen. Sollte sich ein ›Versehen‹ dieser Art wiederholen, werde ich bei meinem nächsten Besuch nicht nur das Gefängnis räumen lassen, sondern auch den Thron.«
Richard wußte, Kahlan spielte kein Theater, um an das Kästchen zu kommen, sie tat ihre Arbeit. Dafür hatten Zauberer Konfessoren geschaffen. Das war ihr wahres Ich. Die Mutter Konfessor.
Die Königin bekam große Augen. »Aber … ja, natürlich. Einige meiner Befehlshaber in der Armee sind etwas übereifrig, sie müssen das veranlaßt haben. Ich habe davon nichts gewußt. Danke … Ihr habt uns vor einem schweren Fehler bewahrt. Ich werde persönlich dafür sorgen, daß alles Euren Wünschen gemäß ausgeführt wird. Natürlich hätte ich selbst das gleiche getan, wenn…«