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Kahlan unterbrach sie. »Wir werden jetzt aufbrechen.«

Das Gesicht der Königin leuchtete auf. »Ihr wollt gehen? Das ist aber schade. Wir hatten uns alle darauf gefreut, Ihr würdet uns die Ehre erweisen, mit uns zu speisen. Und Ihr wollt wirklich schon aufbrechen?«

»Ich habe noch andere dringende Geschäfte. Bevor ich gehe, möchte ich noch meinen Zauberer sprechen.«

»Euren Zauberer?«

»Giller«, zischte sie.

Einen winzigen Augenblick lang zuckten die Augen der Königin Richtung Decke. »Also … das ist im Augenblick … nicht möglich.«

Kahlan beugte sich vor. »Dann macht es möglich. Und zwar sofort.«

Die Königin wurde aschfahl. »Bitte glaubt mir, Mutter Konfessor, in seiner gegenwärtigen Verfassung wollt Ihr Giller bestimmt nicht sehen.«

»Sofort«, wiederholte Kahlan.

Richard lockerte das Schwert in seiner Scheide gerade so viel, daß es die Königin mitbekommen mußte.

»Also gut. Er befindet sich … oben.«

»Ihr werdet hier warten, bis ich mit ihm fertig bin.«

Die Königin senkte den Blick. »Natürlich, Mutter Konfessor.« Sie wandte sich an einen der Männer in den Pantalons. »Zeig ihr den Weg.«

Der Mann führte sie die große Freitreppe hinauf in das obere Stockwerk, durch mehrere Gänge, dann eine Wendeltreppe hinauf in das oberste Zimmer eines Turmes. Schließlich machte er mit eingeschüchtertem Blick vor einer schweren Holztür auf dem Treppenabsatz halt. Kahlan schickte ihn fort. Er verbeugte sich und war froh, gehen zu dürfen. Richard öffnete die Tür. Sie traten ein, und er schloß sie hinter ihnen wieder.

Kahlan verschlug es den Atem. Sie verbarg ihr Gesicht an Richards Schulter. Zedd verbarg Siddins Gesicht in seinem Gewand.

Das Zimmer war völlig demoliert. Das Dach war verschwunden, als wäre es fortgesprengt worden, der Himmel war zu sehen, das Sonnenlicht fiel hinein. Nur ein paar nackte Balken waren übriggeblieben. Von einem der Balken baumelte ein Strick.

An seinem Ende hing Gillers nackter Leichnam, leicht schaukelnd, verkehrt herum. Man hatte ihm einen Fleischerhaken durch den Knöchel getrieben. Ohne das offene Dach wäre der Gestank nicht auszuhalten gewesen.

Zedd übergab Siddin an Kahlan und begann, die Leiche ignorierend, langsam in dem kreisrunden Raum umherzugehen, das Gesicht nachdenklich in Falten gelegt. Gelegentlich blieb er stehen, berührte Möbelsplitter, die in die Wand getrieben worden waren, als wäre der Stein aus Butter.

Richard stand wie gelähmt da und starrte auf Gillers toten Körper.

»Richard, komm und sieh dir das an«, rief Zedd.

Der Zauberer streckte die Hand aus und fuhr mit dem Finger durch eine rußige, schwarze Stelle in der Wand. Genaugenommen waren es zwei. Sie befanden sich dicht nebeneinander. Zwei verkohlte Stellen in der Gestalt zweier Männer in Hab-acht-Stellung — so als wären sie gegangen und hätten ihre Schatten zurückgelassen. Dicht über ihrem Ellenbogen hatte sich anstelle des schwarzen Flecks ein Streifen goldfarbenen Metalls in den Mauerstein gebrannt.

Zedd drehte sich um und sah ihn fragend an. »Zaubererfeuer.«

Richard konnte es nicht fassen. »Soll das heißen, das sind Männer gewesen?«

Zedd nickte. »Er hat sie glatt in die Wand eingebrannt.« Er zerrieb die rußige Schmiere mit den Fingerspitzen und lächelte. »Aber das hier war mehr als einfaches Zaubererfeuer.« Richard runzelte die Stirn. Zedd zeigte auf den schwarzen Flecken an der Wand. »Probier mal.«

»Wozu?«

Zedd klopfte Richard mit den Knöcheln auf den Schädel. »Damit du etwas lernst.«

Richard verzog das Gesicht, als er wie Zedd mit dem Finger durch die schwarze Schmiere fuhr. »Es schmeckt süß!«

Zedd grinste selbstgefällig. »Das hier ist mehr als nur schlichtes Zaubererfeuer. Giller hat seine ganze Lebensenergie hineingesteckt. Er hat sein Leben für das Feuer geopfert. Das hier, das war das Lebensfeuer eines Zauberers.«

»Er ist dabei gestorben, als er dieses Zaubererfeuer entfacht hat?«

»Genau. Und es schmeckt süß. Das bedeutet, daß er sein Leben geopfert hat, um ein anderes zu retten. Hätte er es nur für sich getan, zum Beispiel um sich die Folter zu ersparen, würde es bitter schmecken. Giller hat es für jemand anderes getan.«

Zedd blieb vor Gillers Leiche stehen, verscheuchte die Fliegen, drehte den Kopf verkehrt herum, um besser sehen zu können. Mit einem Finger schob er einen knotigen Darm zur Seite, damit er Gillers Gesicht sehen konnte. Er richtete sich auf.

»Er hat eine Nachricht hinterlassen.«

»Eine Nachricht?« fragte Kahlan. »Was für eine Nachricht?«

»Auf seinem Gesicht liegt ein Lächeln. Ein Lächeln, gefroren im Tod, das jedem, der sich in diesen Dingen auskennt, verrät, daß er nicht preisgegeben hat, was man von ihm verlangte.« Richard kam näher, als Zedd auf den Schnitt quer über den Unterleib zeigte. »Siehst du, wie dieser Schnitt verläuft? Das hat jemand getan, der den Anthropomanzie-Zauber praktiziert, also Antworten aus der Untersuchung lebender Eingeweide bekommt. Darken Rahl führt seinen Schnitt ganz ähnlich aus wie sein Vater.«

Richard mußte an seinen eigenen Vater denken und daß Rahl ihm genau dies angetan hatte.

»Bist du sicher, es war Darken Rahl?« wollte Kahlan wissen.

Zedd zuckte mit den Achseln. »Wer sonst? Darken Rahl ist der einzige, dem ein Zaubererfeuer nichts anhaben kann. Außerdem ist dieser Schnitt seine Unterschrift. Sieh her. Siehst du das Ende der Wunde? Siehst du, wie sie hier abknickt?«

Kahlan mußte den Blick abwenden. »Und?«

»Das ist der Haken. Sollte er zumindest sein. Er muß in einem spitzen Winkel zurücklaufen. Der Haken wird geschnitten, während die Zauberformeln gesprochen werden, und er verbindet den Fragenden mit dem Befragten. Der Haken zwingt sie, die Antwort auf die gestellte Frage preiszugeben. Aber siehst du das hier? Der Haken wurde begonnen, aber nicht zu Ende geführt.« Zedd lächelte traurig. »In diesem Augenblick hat Giller sein Leben dem Feuer geopfert. Er hat gewartet, bis Rahl fast fertig war, dann, im allerletzten Augenblick, hat er ihm versagt, was er wissen wollte. Vermutlich den Namen desjenigen, der das Kästchen hat. Ohne Leben waren die Eingeweide wertlos für Rahl.«

»Ich hätte nie gedacht, daß Giller einer solchen selbstlosen Handlung fähig wäre«, sagte Kahlan ergriffen.

»Zedd«, fragte Richard ängstlich, »wie hat Giller das geschafft, diese Schmerzen auszuhalten und gleichzeitig noch zu lächeln?«

Zedd sah ihn auf eine Weise an, die es ihm eiskalt den Rücken hinunterlaufen ließ. »Von Zauberern verlangt man, daß sie den Schmerz kennen. Sie müssen ihn sehr, sehr gut kennen. Nur um dir diese Lektion zu ersparen, eine Lektion, die nur wenige überleben, bin ich gerne bereit, deine Entscheidung zu akzeptieren, kein Zauberer zu werden.«

Richard mußte schlucken, als er den glasigen Blick in Zedds Augen sah, hinter denen eine Erinnerung vorüberzog.

Zart legte Zedd Giller die Hand auf die Wange. »Gut gemacht, mein Schüler. Ein ehrenvolles Ende.«

»Ich wette, Darken Rahl war fuchsteufelswild«, meinte Richard. »Zedd, ich glaube, wir sollten machen, daß wir von hier verschwinden. Das sieht mir zu sehr nach einem Köder an einem Haken aus.«

Zedd nickte. »Wo immer das Kästchen stecken mag, hier ist es nicht. Wenigstens hat Rahl es nicht — noch nicht.« Er streckte die Hand aus. »Gib mir den Jungen. Wir müssen auf demselben Weg verschwinden, auf dem wir gekommen sind. Wir wollen ihnen nicht verraten, weshalb wir wirklich hier sind.«

Zedd flüsterte Siddin etwas ins Ohr, und der Junge schlang seine Arme dem Zauberer freudestrahlend um den Hals.

Königin Milena war immer noch blaß. Sie zupfte nervös an einem Zipfel ihres Umhanges herum, als Kahlan entschlossen, aber gefaßt auf sie zutrat.

»Vielen Dank für Eure Gastfreundschaft«, sagte Kahlan. »Wir werden jetzt aufbrechen.«

Die Königin senkte das Haupt. »Es ist mir immer ein Vergnügen, die Mutter Konfessor zu sehen.« Ihre Neugier siegte über ihre Angst. »Was ist mit … Giller?«