Выбрать главу

Kahlan taxierte sie kühl. »Bedauerlicherweise seid Ihr mir zuvorgekommen. Ich wünschte nur, ich hätte das Vergnügen gehabt, es selbst tun oder wenigstens dabeisein zu können. Doch letzten Endes zählen nur die Ergebnisse. Ein Streit, wie ich vermute?«

Die Farbe kam zurück in Königin Milenas Gesicht. »Er hat etwas gestohlen, das mir gehört.«

»Verstehe. Nun, ich hoffe, Ihr habt es zurückbekommen. Guten Tag.« Sie wollte gehen, blieb aber noch einmal stehen. »Königin Milena, ich werde wiederkommen und mich davon überzeugen, daß Ihr Eure übertrieben ehrgeizigen Befehlshaber in ihre Schranken gewiesen habt und sie nicht fälschlicherweise unschuldige Menschen hinrichten.«

Kahlan machte kehrt und ging. Richard und Zedd, der Siddin an der Hand hielt, schlossen sich ihr an.

Richard wirbelten verzweifelte Gedanken durch den Kopf. Steif ging er neben Zedd, der Kahlan durch die sich verbeugenden Menschenmassen und zur Stadt hinaus folgte. Was sollten sie jetzt machen? Shota hatte ihn gewarnt, daß die Königin das Kästchen nicht mehr lange besitzen würde. Sie hatte recht behalten. Wo mochte es jetzt sein? Er konnte schlecht zu Shota zurückgehen und sie fragen. Wem könnte Giller das Kästchen anvertraut haben? Wie sollten sie es finden? Er fühlte sich verzweifelt und niedergeschlagen. Ihm war nach Aufgeben zumute. Und Kahlan ging es, ihren hängenden Schultern nach, ganz ähnlich. Niemand sagte etwas. Nur Siddin plapperte unablässig, doch den verstand Richard nicht.

»Was erzählt er?« fragte er Zedd.

»Er sagt, er sei tapfer gewesen, genau wie Kahlan ihm gesagt hatte, aber jetzt sei er froh, daß Richard mit dem Zorn gekommen ist, um ihn nach Hause zu bringen.«

»Ich glaube, ich weiß, wie er sich fühlt. Zedd, was sollen wir jetzt tun?«

Zedd blickte ihn verwirrt an. »Woher soll ich das wissen? Du bist der Sucher.«

Großartig. Er hatte sein Bestes gegeben, und doch hatten sie das Kästchen noch immer nicht. Und er sollte es finden. Er kam sich vor, als wäre er geradewegs vor eine Wand gelaufen, von deren Existenz er nichts gewußt hatte. Sie gingen immer weiter, doch wohin sie als nächstes sollten, wußten sie nicht.

Die untergehende Sonne stand golden zwischen den Wolken. Richard glaubte weit vor ihnen etwas zu erkennen. Er schloß auf zu Kahlan. Sie hatte es auch gesehen. Für diese Nacht hatten alle Menschen die Straße bereits verlassen.

Es dauerte nicht lange, bis er wußte, was es war. Vier Pferde kamen auf sie zugaloppiert. Nur eins davon trug einen Reiter.

11

Richard griff nervös zum Heft, als er die vier Pferde in der Staubwolke sah, die sich im Licht der untergehenden Sonne golden verfärbte. Kurz darauf erreichte ihn das Geräusch donnernder Hufe. Der einsame Reiter saß tief über sein Roß gebeugt und trieb es voran. Richard überprüfte den lockeren Sitz des Schwertes durch ein kurzes Herausziehen, dann ließ er es zurückgleiten. Der dunkelgekleidete Reiter kam näher. Richard kannte ihn.

»Chase!«

Der Grenzposten brachte die Pferde vor ihnen zum Stehen. Der Staub legte sich, und er blickte auf sie herab. »Anscheinend seid ihr wohlauf.«

»Chase, wie schön, dich zu sehen!« strahlte Richard. »Wie hast du uns gefunden?«

Er machte ein beleidigtes Gesicht. »Ich bin ein Grenzposten.« Offenbar hielt er das für eine ausreichende Erklärung. »Habt ihr gefunden, was ihr gesucht habt?«

»Nein«, mußte Richard mit einem Seufzer gestehen. Dann sah er die kleinen Arme, die sich an Chase’ Seite klammerten. Ein winziges Gesicht lugte hinter seinem schwarzen Umhang hervor. »Rachel? Bist du das?«

Ihr Gesicht schob sich weiter vor, und sie fing an zu grinsen. »Richard! Ich bin ja so froh, dich wiederzusehen. Ist Chase nicht prima? Er hat mit einem Gar gekämpft und mich gerettet. Sonst wäre ich gefressen worden.«

»Ich habe nicht mit ihm gekämpft«, brummte Chase. »Ich habe ihm lediglich einen Bolzen durch den Schädel gejagt, das ist alles.«

»Aber du hättest es getan. Er ist der tapferste Mann, den ich je gesehen habe.«

Chase verzog gequält das Gesicht und verdrehte die Augen. »Habt ihr jemals ein häßlicheres Kind gesehen?« Er lehnte sich zurück und sah sie an. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß ein Gar dich fressen will.«

Rachel schlang glucksend die Arme um ihn. »Sieh mal, Richard.« Sie hielt ihm einen Fuß hin und zeigte ihre Schuhe. »Chase hat einen Bock geschossen. Er meinte, es sei ein Fehler, weil er zu groß war, also hat er ihn bei einem Mann eingetauscht. Aber zum Tauschen hatte der Mann nur diese Schuhe und diesen Umhang. Sind sie nicht prima? Chase hat gesagt, ich darf sie behalten.«

Richard strahlte sie an. »Ja, sie sind wirklich sehr hübsch.« Er sah Rachels Puppe und das Bündel mit dem Brot zwischen ihr und Chase stecken. Er sah auch, wie ihr Blick immer wieder zu Siddin hinüberwanderte, so als hätte sie ihn schon einmal gesehen.

Kahlan legte Rachel eine Hand aufs Bein. »Warum bist du weggelaufen? Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht.«

Rachel zuckte zusammen, als Kahlan sie berührte. Sie schlang einen Arm um Chase und stopfte eine Hand in ihre Tasche. Kahlans Frage beantwortete sie nicht, statt dessen starrte sie Siddin an. »Warum ist er bei euch?«

»Kahlan hat ihn gerettet«, erklärte Richard. »Die Königin hatte ihn in den Kerker gesperrt. Aber kleine Jungen gehören da nicht hin, daher hat sie ihn herausgeholt.«

Rachel sah zu Kahlan hinunter. »War die Königin da nicht sehr wütend?«

»Ich erlaube niemandem, Kinder weh zu tun«, sagte Kahlan. »Nicht einmal einer Königin.«

»Steht hier nicht einfach so herum. Ich habe euch Pferde mitgebracht. Steigt auf. Ich war sicher, ich würde euch heute einholen. An eurem Lagerplatz von vergangener Nacht, gleich auf dieser Seite des Callisidrin, wartet ein Wildschwein am Spieß auf euch.«

Mit einer Hand am Sattel und den anderen Arm um Siddin geschlungen, warf Zedd sich auf ein Pferd. »Wildschwein! Du Narr! Ein Wildschwein unbewacht zurückzulassen! Jeder, der vorbeikommt, könnte es einfach mitnehmen!«

»Was meinst du, warum ihr euch beeilen sollt? Es wimmelt dort von Wolfsspuren. Ich glaube allerdings nicht, daß er sich in die Nähe eines Feuers traut.«

»Laß bloß den Wolf in Ruhe«, warnte Zedd. »Er ist ein Freund der Mutter Konfessor.«

Chase sah erst Kahlan an, dann Richard, bevor er sein Pferd wendete und vorausritt in die untergehende Sonne. Jetzt, wo Chase wieder bei ihnen war, schöpfte Richard neuen Mut. Endlich hatte er wieder das Gefühl, daß alles möglich war. Kahlan stieg auf, nahm Siddin zu sich, und die beiden ritten lachend und schwatzend los.

Zedd verschwendete keine Zeit, als er im Lager angekommen war. Sofort sah er nach dem gerösteten Wildschwein und verkündete, es sei bereit, verspeist zu werden. Er zog seinen Umhang zurecht, setzte sich hin und wartete mit einem Grinsen auf seinem faltigen Gesicht, daß jemand mit einem Messer es anschnitt. Strahlend schmiegte sich Siddin an Kahlan, als sie sich gesetzt hatte. Richard und Chase machten sich daran, das Wildschwein anzuschneiden. Rachel wich Chase nicht von der Seite. Sie beobachtete ihn, behielt Kahlan im Auge, ihre Puppe auf dem Schoß und das in ein Tuch gehüllte Brot dicht neben sich.

Richard löste ein großes Stück heraus und reichte es Zedd. »Was ist also passiert? Mit meinem Bruder, meine ich.«

Chase schmunzelte. »Als ich ihm sagte, was du mir aufgetragen hast, meinte er, er würde dir helfen, wenn du in Schwierigkeiten bist. Er hat die Armee zusammengezogen, die wir dann größtenteils auf Verteidigungspositionen entlang der Grenze verteilt haben. Das Kommando haben die Grenzposten übernommen. Nach dem Fall der Grenze wollte er nicht zurückbleiben und warten. Er hat tausend seiner besten Männer in die Midlands geführt. Im Augenblick haben sie im Rang’Shada-Gebirge ihr Lager aufgeschlagen und warten nur darauf, dir zu Hilfe zu eilen.«

Richard hörte auf, das Wildschwein zu zerlegen, und machte ein überraschtes Gesicht. »Tatsächlich? Das hat mein Bruder wirklich gesagt? Er ist gekommen, um mir zu helfen? Mit einer ganzen Armee?«