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Er legte das Kästchen in Kahlans Schoß. Sie nahm es in die Hand und lächelte ihn an, wie sie ihn noch nie angelächelt hatte. Noch bevor er wußte, wie ihm geschah, hatte er sich vorgebeugt und Kahlan ein dicken Kuß gegeben. Sie bekam große Augen und erwiderte den Kuß nicht. Plötzlich wurde ihm mit Schrecken bewußt, was er getan hatte.

»Oh. Tut mir leid«, sagte er.

Sie lachte. »Es sei dir verziehen.«

Richard und Zedd umarmten sich lachend. Chase lachte schon vom Zusehen. Richard konnte es kaum fassen. Noch vor so kurzer Zeit hätte er beinahe aufgegeben, hatte er nicht mehr gewußt, was er noch tun oder wohin er noch gehen sollte, um Rahl aufzuhalten. Und jetzt hatten sie das Kästchen gefunden.

Er stellte es auf einen Stein, wo sie es alle im Schein des Feuers bewundern konnten, während sie das beste Abendessen verspeisten, das sie gehabt hatten, so weit Richard zurückdenken konnte. Richard und Kahlan berichteten Chase von ihren Abenteuern. Zu Richards großer Freude nervte es Chase, daß er damals in Southhaven Bill sein Leben verdankte. Chase berichtete ihm, wie er eine Armee von tausend Mann über das Rang’ShadaGebirge geführt hatte. Die langatmigen Geschichten über Dummheit und Bürokratie im Feld schienen ihm Spaß zu machen.

Rachel hatte sich in Chase’ Schoß zusammengerollt. Sie futterte, und er erzählte. Richard fand es erstaunlich, daß sie sich zum Schutz ausgerechnet den Furchterregendsten von allen ausgesucht hatte. Als er endlich mit seiner Geschichte fertig war, sah sie auf und fragte: »Chase, wo soll ich mich nun bis zum Winter verstecken?«

Er sah sie mit finsterem Blick an. »Du bist zu häßlich, dich kann man nicht allein herumlaufen lassen. Du würdest bestimmt von einem Gar gefressen.« Sie mußte lachen. »Ich habe noch andere Kinder, die sind auch alle häßlich. Da paßt du genau hin. Ich denke, ich nehme dich mit in mein Haus. Du kannst bei mir bleiben.«

»Wirklich, Chase?« wollte Richard wissen.

»Ich bin oft genug nach Hause gekommen und habe mich von meiner Frau mit einem neuen Kind überraschen lassen müssen. Ich denke, es wird Zeit, daß ich den Spieß einmal herumdrehe.« Er schaute auf Rachel hinunter, die sich an ihn klammerte wie an ein lebensrettendes Floß. »Aber ich habe ein paar Regeln. An die mußt du dich halten.«

»Ich tue alles, was du sagst, Chase.«

»Siehst du, da haben wir es schon, das ist die erste Regel. Keines meiner Kinder darf mich Chase nennen. Wenn du zur Familie gehören willst, mußt du mich Vater nennen. Und was dein Haar anbelangt, das ist viel zu kurz. Alle meine Kinder haben langes Haar, und das gefällt mir. Du wirst dir die Haare ein wenig wachsen lassen müssen. Außerdem bekommst du auch eine Mutter. Auf die mußt du hören. Und du mußt mit deinen neuen Geschwistern spielen. Meinst du, du schaffst das alles?«

Sie nickte, schmiegte sich an ihn und brachte kein Wort hervor. Tränen glitzerten in ihren Augen.

Aufgeregt aß jeder, bis er satt war. Selbst Zedd schien genug zu bekommen. Richard fühlte sich gleichzeitig erschöpft und voller Kraft, jetzt wo er endlich das Kästchen in den Händen hielt. Den schwierigen Teil hatten sie hinter sich, sie hatten das Kästchen vor Rahl gefunden. Jetzt mußten sie es nur noch bis zum Winter verstecken.

»Unsere Suche hat wochenlang gedauert«, meinte Kahlan. »Bis zum ersten Tag des Winters ist es noch ein Monat. Noch heute morgen schien das kaum genug Zeit, das Kästchen zu finden. Jetzt, wo wir es haben, ist es wie eine Ewigkeit. Was sollen wir tun, bis alles vorbei ist?«

Chase meldete sich als erster. »Wir selbst können das Kästchen beschützen, und wir haben tausend Mann zu unserem Schutz. Ein Vielfaches davon, sobald wir wieder jenseits der Grenze sind.«

Sie sah Zedd an. »Hältst du das für klug? Wir wären leicht zu entdecken. Tausend Mann, meine ich. Wäre es nicht besser, wir versteckten uns irgendwo allein?«

Zedd lehnte sich zurück und rieb sich den vollen Bauch. »Allein könnten wir uns besser verstecken, aber wir wären im Falle der Entdeckung auch angreifbarer. Vielleicht hat Chase recht. Eine Streitmacht von dieser Größe bietet eine Menge Schutz, und wenn wir wirklich müssen, können wir immer noch irgendwo Unterschlupf suchen.«

»Wir sollten frühzeitig aufbrechen«, meinte Richard.

Es war kaum hell, als sie aufbrachen. Die Reiter ritten zur Straße, und Brophy verschwand in den Wäldern, von wo aus er sie im Auge behielt und gelegentlich vorauslief. Der waffenstarrende Chase führte sie im Trab an, Rachel klammerte sich an ihn. Kahlan hatte wieder ihre Waldkleidung angelegt und ritt neben Zedd, Siddin auf dem Schoß.

Richard hatte drauf bestanden, daß Zedd das Kästchen trug; es war in ein Tuch gehüllt und an seinem Sattelknauf befestigt. Richard folgte als letzter und behielt alles im Auge, während sie rasch in die kalte Morgenluft hineinritten. Jetzt, mit dem Kästchen, fühlte er sich verletzbar. Es schien, als brauchte jemand sie nur anzusehen und wüßte Bescheid.

Richard hörte das Wasser des Callisidrin, noch ehe sie die letzte Biegung vor der Brücke hinter sich hatten. Zum Glück war die Straße menschenleer. Chase gab seinem Pferd die Sporen und näherte sich der großen Holzbrücke im Galopp, die übrigen gaben ihren Pferden die Fersen, um Schritt zu halten.

Richard wußte, was Chase vorhatte. Brücken, hatte der Grenzposten ihm immer wieder eingetrichtert, waren für jeden Unvorsichtigen das sichere Verderben. Richard sah sich nach allen Richtungen um, während die anderen vor ihm hinübergaloppierten. Alles schien ruhig.

Genau mitten auf der Brücke prallte er in vollem Galopp gegen etwas, das gar nicht dort war.

Benommen setzte Richard sich auf, verblüfft, daß er auf dem Boden saß und seine große Mähre mit den anderen Pferden weiterlaufen sah, bis sie bei ihnen stehenblieb und sich umdrehte. Verwirrt sahen die anderen sich um, als Richard sich benommen und wie betäubt mühevoll aufrappelte. Er bürstete sich ab und wollte hinkend seinem Pferd nachsetzen. Bevor er die Mitte der Brücke erreicht hatte, prallte er zum zweiten Mal gegen das Hindernis. Es war, als liefe er gegen eine Wand aus Stein, aber zu sehen war nichts.

Zum zweiten Mal fand er sich auf dem Boden sitzend wieder. Die anderen standen um ihn herum, als er wieder auf die Beine kam.

Zedd war abgestiegen, hielt die Zügel in einer Hand und half Richard mit der anderen auf. »Was ist passiert?«

»Ich weiß nicht«, brachte Richard hervor. »Es ist, als wäre ich gegen eine Mauer gelaufen, mitten auf der Brücke. Wahrscheinlich bin ich einfach nur heruntergefallen, das ist alles. Ich glaube, es geht schon wieder.«

Zedd sah sich um und führte ihn mit einer Hand am Ellenbogen weiter. Er war noch nicht weit gekommen, als er wieder dagegen stieß, aber diesmal bewegte er sich langsam, er wurde nicht zu Boden gestoßen, sondern nur ein paar Schritte zurück. Zedd wirkte ernsthaft besorgt. Richard streckte die Hände vor und tastete die feste, glatte Wand ab, die nur ihn, nicht aber die anderen, am Weitergehen hinderte. Bei der Berührung wurde ihm schwindelig und übel. Zedd spazierte vor und zurück durch die unsichtbare Barriere.

Der Zauberer blieb dort stehen, wo die Mauer zu sein schien. »Geh zurück bis zum Ende der Brücke, und dann komm auf mich zu.«

Seine Beule abtastend, marschierte Richard zum Anfang der Brücke zurück. Kahlan sprang dicht neben Zedd vom Pferd. Brophy erschien an ihrer Seite und wollte wissen, was es für Schwierigkeiten gab. Diesmal hielt Richard beim Gehen die Hände vor sich ausgestreckt.

Er hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als er gegen etwas Festes stieß und nicht weiterkam. Bei der Berührung wurde ihm schlecht, er mußte zurückweichen.

Zedd rieb sich das Kinn. »Verdammt!«

Die anderen gingen zu Richard, da er nicht mehr zu ihnen kommen konnte. Zedd führte ihn ein zweites Mal ein Stück nach vorn. Beim Aufprall wich er ein Stück zurück.

Zedd ergriff Richards linke Hand. »Berühr es mit der anderen Hand.«