Richard tat es, bis ihm so übel wurde, daß er die Hand zurückziehen mußte. Zedd schien es durch Richard hindurch ebenfalls zu fühlen. Mittlerweile befanden sie sich am Brückenpfeiler. Mit jeder Berührung wich das Ding ein Stück zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
»Verdammt! Verdammt noch mal!«
»Was ist das?« wollte Richard wissen.
Zedd blickte zu Kahlan und Chase hinüber, bevor er antwortete. »Es handelt sich um einen Sperrzauber.«
»Was ist ein Sperrzauber?«
»Dieser miese Künstler hat ihn gezeichnet, dieser James. Um dich herum. Du hast ihn bei der ersten Berührung aktiviert. Mit jeder Berührung zieht er sich fester wie eine Schlinge. Wenn wir ihn nicht beseitigen können, wird er so lange schrumpfen, bis du das einzige bist, das in ihm enthalten ist. Du wirst dich nicht mehr bewegen können.«
»Und dann?«
Zedd richtete sich auf. »Die Sperre ist giftig. Wenn der Zauber sich wie ein Kokon ganz um dich geschlossen hat, wird er dich entweder zerquetschen, oder das Gift bringt dich um.«
Kahlan packte Zedd am Ärmel seines Gewandes. Panik stand in ihren Augen. »Wir müssen zurück! Wir müssen ihn befreien!«
Zedd riß sich los. »Natürlich müssen wir das. Wir werden die Zeichnung finden und sie ausradieren.«
»Ich weiß, wo sich die heiligen Höhlen befinden«, schlug Kahlan vor, packte ihren Sattelknauf und stellte einen Fuß in den Steigbügel.
Der Zauberer machte kehrt und holte sein Pferd. »Wir dürfen keine Zeit verlieren. Reiten wir los.«
»Nein«, sagte Richard.
Alles drehte sich um und starrte ihn an.
»Es bleibt uns nichts anderes übrig, Richard«, sagte Kahlan.
»Sie hat recht, mein Junge. Es gibt keine andere Möglichkeit.«
»Nein.« Er blickte in ihre verblüfften Gesichter. »Genau das wollen sie doch. Du hast gesagt, dieser Künstler könne weder dich noch Kahlan mit einem Fluch belegen, also hat er es mit mir getan, in dem Glauben, uns auf diese Weise alle zurückzuholen. Das Kästchen ist zu wichtig. Das Risiko dürfen wir nicht eingehen.« Er sah Kahlan an. »Erklär mir einfach, wo diese Höhlen sind. Und Zedd, du sagst mir, wie man diesen Zauber loswird.«
Kahlan packte die Zügel von ihrem und Richards Pferd und zog sie ein Stück vor. »Um das Kästchen können sich Zedd und Chase kümmern, ich komme mit dir.«
»Nein, das wirst du nicht! Ich reite allein. Das Schwert wird mich beschützen. Das Kästchen ist das einzige, was zählt, es ist unsere wichtigste Pflicht. Sein Schutz hat absoluten Vorrang. Sag mir einfach, wo die Höhlen sind und wie man den Zauber bricht. Ich reite euch nach, sobald ich damit fertig bin.«
»Richard, ich finde…«
»Nein! Es geht jetzt darum, Darken Rahl aufzuhalten, und nicht um irgendeinen von uns. Dies ist keine Bitte, sondern ein Befehl!«
Sie richteten sich auf. Zedd und Kahlan sahen sich an. »Sag ihm, wo die Höhlen sind.«
Verärgert gab Kahlan Zedd die Zügel ihres Pferdes und schnappte sich einen Stock vom Boden. Sie zeichnete eine Karte in den Staub der Straße und fuhr mit dem Stock an einer der Linien entlang. »Das hier ist der Callisidrin, und das hier ist die Brücke. Dies hier ist die Straße, hier ist Tamarang und das Schloß.« Sie zeichnete eine Straße nördlich der Stadt ein. »Hier, in diesen Hügeln nordöstlich der Stadt, gibt es einen Fluß, der zwischen Zwillingshügeln hindurchfließt. Sie befinden sich ungefähr eine Meile südlich einer kleinen Brücke, die den Fluß überquert. Zum Fluß hin sind die Hügel schroff und steil. Die heiligen Höhlen befinden sich in den Klippen auf der Nordostseite des Flusses. Dort hat der Künstler seinen Zauber gezeichnet.«
Zedd nahm ihr den Stock aus der Hand und brach zwei fingerlange Stücke ab. Eins davon rollte er zwischen den Handflächen. »Hier, damit kannst du den Fluch auslöschen. Ohne ihn zu sehen, kann ich dir nicht sagen, welchen Teil du auslöschen mußt, aber das müßte sich eigentlich feststellen lassen. Es handelt sich um eine Zeichnung, du kannst dir bestimmt einen Reim darauf machen. Das ist schließlich der Sinn eines gezeichneten Fluches. Du mußt in der Lage sein, dir einen Reim darauf zu machen, sonst wirkt er nicht.«
Das Stöckchen, das Zedd zwischen seinen Handflächen gerollt hatte, fühlte sich nicht mehr an wie Holz. Es war weich und klebrig. Richard steckte es ein. Zedd rollte das andere Stück zwischen seinen Handflächen. Er reichte es Richard; es war ebenfalls nicht mehr aus Holz. Es war schwarz, fast wie Holzkohle, aber härter.
»Hiermit«, meinte der Zauberer, »kannst du den Fluch übermalen und wenn nötig verändern.«
»Wie denn verändern?«
»Das kann ich dir nicht sagen, ohne ihn gesehen zu haben. Du wirst dir selbst ein Urteil bilden müssen. Und jetzt beeil dich. Ich finde, wir sollten trotzdem…«
»Nein, Zedd. Wir alle wissen, wozu Darken Rahl fähig ist. Nur das Kästchen zählt, und nicht einer von uns.« Er sah seinem alten Freund tief in die Augen. »Paß gut auf dich auf. Und auf Kahlan.« Er schaute hoch zu Chase. »Bring sie zu Michael. Michael kann das Kästchen besser beschützen als wir. Und wartet nicht auf mich. Ich hole euch wieder ein.« Richard blickte ihm scharf in die Augen. »Wenn nicht, soll niemand mich suchen kommen. Bringt einfach das Kästchen fort von hier. Verstanden?«
Chase sah ihn ernst an. »Bei meinem Leben.« Er gab Richard kurz einige Hinweise, wie er die Armee Westlands oben im Rang’Shada-Gebirge finden könnte.
Richard sah Kahlan an. »Paß auf Siddin auf. Keine Sorge, ich bin bald zurück. Und jetzt reitet endlich los.«
Zedd bestieg sein Pferd. Kahlan reichte dem Zauberer Siddin. Sie nickte Chase und Zedd zu. »Macht schon, reitet los. Ich komme in ein paar Minuten nach.«
Zedd wollte protestieren, aber sie schnitt ihm das Wort ab, er solle schon vorreiten. Sie sah den beiden Reitern und dem Wolf nach, wie sie über die Brücke und dann die Straße entlanggaloppierten, bevor sie sich zu Richard umdrehte.
Tiefe Sorgenfalten zerfurchten ihr Gesicht. »Richard, bitte, laß mich…«
»Nein.«
Mit einem Kopfnicken reichte sie ihm die Zügel seines Pferdes. Ihre grünen Augen waren voller Tränen. »In den Midlands gibt es Gefahren, von denen du keine Ahnung hast. Sei vorsichtig.« Eine Träne kullerte ihr über die Wange.
»Ich werde wieder bei dir sein, bevor du Zeit hast, mich zu vermissen.«
»Ich habe Angst um dich.«
»Ich weiß. Aber ich werde es schaffen.«
Sie sah ihn aus Augen an, in denen er sich hätte verlieren können. »Eigentlich sollte ich das nicht tun«, flüsterte sie. Kahlan schlang ihm die Arme um den Hals und gab ihm einen schnellen, verzweifelten Kuß.
Er nahm sie in die Arme und zog sie fest an sich, spürte ihre Lippen, hörte das leise Stöhnen, das sie ausstieß, spürte ihre Finger in seinem Haar, und für einen winzigen Augenblick vergaß er seinen eigenen Namen.
Wie benommen sah er zu, wie sie einen Stiefel in den Steigbügel stellte und sich in den Sattel schwang. Sie riß ihr Pferd herum, dicht neben ihn.
»Wage es nicht, irgendwelche Dummheiten zu machen, Richard Cypher. Versprich es mir.«
»Ich verspreche es.« Er verriet ihr nicht, daß die größte Dummheit für ihn darin bestand, sie in Gefahr zu bringen. »Keine Sorge, ich bin wieder bei dir, sobald ich den Fluch losgeworden bin. Paß auf das Kästchen auf. Es darf Rahl nicht in die Hände fallen. Das ist es, was zählt. Und jetzt reite los.«
Er stand da, hielt die Zügel seines Pferdes in der Hand und sah ihr nach, wie sie über die Brücke galoppierte und in der Ferne verschwand.
»Ich liebe dich, Kahlan Amnell«, hauchte er.
Mit einem ermutigenden Klaps auf die graue Stelle am Hals seines Rotbraunen lenkte Richard das kräftige Pferd nach Überqueren der kleinen Brücke von der Straße herunter, gab ihm die Sporen und eilte am Flußufer entlang. Das Pferd lief mühelos, sprengte mit den Hufen in das flache Wasser, sobald Gebüsch den Weg am Ufer versperrte. Rings um den Fluß erhoben sich sonnenbeschienene, meist kahle Hügel. Als das Ufer steiler wurde, führte er das Pferd auf höhergelegenes Gelände, wo er besser vorankam. Richard hielt Ausschau, ob ihm jemand folgte oder beobachtete, entdeckte jedoch niemanden. Die Hügel wirkten verlassen.