Weiße Kalksteinklippen ragten zu beiden Seiten des Flusses auf, zerfurchte Steilwände identischer Hügel, die sich über das Wasser zu grätschen schienen. Richard sprang ab, ehe sein Pferd noch zum Stehen gekommen war. Er sah sich um und band es an einen Färberbaum, dessen rote Beeren bereits eingetrocknet und verschrumpelt waren. Als er das steile Ufer hinabkletterte, rutschten seine Stiefel über loses Geröll. Mitten durch den Erdrutsch aus Steinen und Staub führte ein schmaler Pfad. Er folgte ihm und gelangte zur breiten Öffnung einer Höhle.
Mit einer Hand am Heft des Schwertes warf er einen Blick hinein. Er suchte den Künstler oder wen auch immer. Niemand war zu sehen. Gleich hinter dem Höhleneingang begannen die Wandzeichnungen. Jede freie Stelle war mit ihnen bedeckt, bis tief hinein in die Dunkelheit.
Richard war überwältigt. Es waren Hunderte, vielleicht Tausende. Manche waren klein, nicht größer als eine Hand, andere waren größer, so groß wie er. Jede stellte eine andere Szene dar. In den meisten Zeichnungen war nur eine Person dargestellt, ein paar zeigten Szenen mit vielen Menschen. Sie stammten deutlich sichtbar von verschiedener Hand. Einige waren sehr realistisch wiedergegeben, mit Schatten und Schlaglichtern: Menschen mit gebrochenen Gliedmaßen oder beim Trinken aus Schalen mit einem Totenschädel und gekreuzten Knochen darauf oder neben Feldern mit verdorrter Ernte. Andere Zeichnungen offenbarten nur wenig Talent. Deren Figuren waren nicht viel mehr als einfache Strichmännchen. Die dargestellten Szenen jedoch waren nicht weniger gruselig. Die künstlerische Begabung des Zeichners spielte vermutlich keine Rolle. Was zählte, war die Botschaft.
Richard entdeckte einige Zeichnungen von verschiedener Hand, doch über das gleiche Thema. Eine Person, manchmal von einer Art Karte umgeben, immer jedoch mit einem Kreis, auf dem irgendwo ein Schädel und gekreuzte Knochen zu sehen waren.
Sperrzauber.
Aber wie sollte er seinen finden? Überall waren Zeichnungen. Er wußte nicht, wie die Zeichnung seines Zaubers aussah. Mit wachsender Panik suchte er die Höhlenwände ab, drang immer tiefer in die Dunkelheit vor. Im Vorübergehen strich er mit der Hand über die Zeichnungen, versuchte, jede einzelne zu betrachten, um seine nicht zu übersehen. Die Zahl der Zauber war überwältigend. Seine Augen schweiften ohne klares Ziel auf der Suche nach etwas Vertrautem hin und her.
Richard arbeitete sich in die Dunkelheit vor. Möglicherweise hatten die Zeichnungen irgendwo ein Ende, und vielleicht befand sich dort die letzte Zeichnung. Es war zu dunkel, um etwas zu erkennen. Er ging zum Eingang zurück, um eine der Schilfrohrfackeln zu holen, die er dort gesehen hatte.
Er war noch nicht weit gekommen, als er gegen die unsichtbare Mauer stieß. Mit wachsender Panik stellte er fest, daß er in der Höhle gefangen war. Die Zeit lief ihm davon. Die Fackeln waren außer Reichweite.
Er rannte zurück in die Dunkelheit, suchte die Wände ab. Er konnte die Zeichnungen kaum mehr erkennen, und immer noch war kein Ende zu sehen. Ihm kam ein Gedanke, der ihm überhaupt nicht behagte.
Sollte die Not je groß genug sein. Der Stein der Nacht.
Er hatte keine Zeit zu verlieren und zerrte den Lederbeutel aus seinem Bündel. Er betrachtete ihn in seiner Hand und überlegte, ob ihm der Stein helfen oder nur noch mehr Ärger bescheren würde. Noch mehr Ärger konnte er nicht gebrauchen. Er mußte an die Male denken, als der Stein den Beutel verlassen hatte. Jedesmal hatte es eine Weile gedauert, bis die Schattenwesen erschienen waren. Wenn er den Stein nur einen kurzen Augenblick herausholte, einen Blick in die Dunkelheit warf und ihn wieder zurücksteckte, hätte er vielleicht gerade genug Zeit, bevor ihn die Schattenwesen entdeckten. Er wußte nicht, ob es eine gute Idee war.
Sollte die Not je groß genug sein.
Er ließ den Stein in seine Hand fallen. Licht erfüllte die Höhle. Richard verschwendete keine Zeit mit einzelnen Zeichnungen, sondern eilte rasch tiefer hinein, um das Ende zu suchen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der erste Schatten Gestalt annahm. Er war immer noch ein gutes Stück entfernt, also lief er weiter.
Endlich hatte er die letzten Zeichnungen erreicht. Und die Schatten ihn — fast. Er stopfte den Stein zurück in den Lederbeutel. In der absoluten Dunkelheit hielt er mit aufgerissenen Augen den Atem an und wartete auf die qualvolle tödliche Berührung. Nichts geschah. Das einzige Licht war ein heller Punkt, der Eingang. Aber zum Erkennen der Zeichnungen reichte es nicht. Er mußte den Stein wieder herausholen.
Davor jedoch tastete er mit den Fingern durch die Taschen und entdeckte das klebrige, weiche Holzstück, das Zedd ihm gegeben hatte. Er nahm es fest in die Hand und holte den Stein wieder hervor. Das Licht blendete ihn eine Sekunde lang. Suchend drehte er den Kopf.
Dann sah er sie. Der Mann in der Zeichnung war so groß wie er selbst, der Rest der Zeichnung war wesentlich größer. Die Zeichnung war grob, und doch erkannte er sich sofort. Das Schwert in der rechten Hand trug das Wort Wahrheit. Um die Figur herum war eine Karte gezeichnet, ganz ähnlich der, die Kahlan auf den Boden gemalt hatte. Auf der einen Seite führten die Linien außerhalb der Umgrenzung am Callisidrin entlang und quer über die Brücke. Dort war er dagegen gelaufen.
Die Schatten riefen seinen Namen. Er sah auf und erblickte Hände, die nach ihm griffen. Er stopfte den Stein in den Beutel, preßte sich mit dem Rücken an die Wand, auf seine Zeichnung, und lauschte. Sein Herzschlag dröhnte in seinen Ohren. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, daß die Zeichnung zu groß war, um den ganzen Kreis rings um ihn auszulöschen. Wenn er nur einen Teil wegwischte, konnte er unmöglich wissen, wo sich die Lücke befand oder wie er die Lücke an der Stelle erzeugen sollte, die seinem Standort in der Höhle entsprach.
Er trat ein Stück zurück, um beim nächsten Mal, wenn er den Stein hervorholte, einen besseren Überblick zu haben. Er stieß an die unsichtbare Wand. Sein Herz schien einen Schlag auszusetzen. Die Wand hatte sich fast um ihn geschlossen. Er hatte keine Zeit mehr.
Er riß den Stein heraus und machte sich sofort daran, das Schwert auszuradieren, in der Hoffnung, damit seine Identität zu löschen und den Fluch von sich zu nehmen. Die Linien ließen sich nur unter großer Mühe entfernen. Er trat einen Schritt zurück, um besser sehen zu können, und stieß an die Wand. Die Schatten griffen nach ihm, riefen verführerisch seinen Namen.
Er steckte den Stein zurück in seine Tasche und stand schwer atmend in völliger Dunkelheit. Das Gefühl, eingesperrt zu sein, brachte ihn an den Rand der Panik. Das Schwert zu ziehen und während der Arbeit an der Zeichnung die Schatten zu bekämpfen, kam nicht in Frage. Er hatte schon einmal gegen die Schatten gekämpft, und es hatte ihm alles abverlangt. Seine Gedanken rasten. Er wußte nicht, was er tun sollte. Er hatte das Schwert fortgewischt, aber das hatte nicht gereicht. Offenbar erkannte der Zauber ihn noch immer. Er konnte unmöglich alle Linien fortwischen, die ihn umgaben. Er keuchte verzweifelt.
Hinter ihm flackerte Licht auf. Er wirbelte herum. Ein Mann mit einer der Schilfrohrfackeln kam auf ihn zu, ein öliges Grinsen auf seiner Visage. Es war James, der Künstler.
»Ich hab’ mir gedacht, daß ich dich hier finde. Ich bin gekommen, um zuzusehen. Kann ich dir irgendwie helfen?«
Seine Lache verriet Richard, daß er keinesfalls die Absicht hatte, ihm zu helfen. Im Licht der Fackel war die Zeichnung gut zu erkennen. Die unsichtbare Mauer drückte gegen seine Schulter und schob ihn gegen die Wand. Bei der Berührung durchfuhr ihn eine Welle aus Übelkeit und Schwindel. Er war jetzt nur noch einen Schritt von der Höhlenwand entfernt. In wenigen Augenblicken würde er eingeschlossen, zerdrückt oder vergiftet werden.
Richard wirbelte zur Zeichnung herum. Mit der einen Hand machte er sich an die Arbeit, mit der anderen kramte er in seiner Tasche. Er zog den Stock hervor, von dem Zedd behauptet hatte, mit ihm ließe sich die Zeichnung verändern.