Richard mußte sich auf ihr Haar konzentrieren, mußte kämpfen, um seine Wut im Zaum zu halten. Er wußte, was Darken Rahl wissen wollte, er würde nach dem Buch der Gezählten Schatten fragen. Das Kästchen war in Sicherheit. Kahlan war in Sicherheit. Alles andere war egal. Denna konnte ihn töten, es war ihm egal. Im Grunde würde sie ihm damit einen Gefallen tun.
Denna umkreiste ihn, betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. »Solltest du dich als brauchbar erweisen, mein Kleiner, erwähle ich dich vielleicht sogar zu meinem Gatten.« Sie blieb vor ihm stehen, schob ihr Gesicht ganz dicht an seines heran und grinste ihn mit gespielter Schüchternheit an. »Als lebenslänglichen Gatten einer Mord-Sith.« Durch das Grinsen sah man ihre Zähne. »Ich hatte schon viele Gatten. Aber laß dich von der Aussicht nicht allzusehr erregen, mein Kleiner«, hauchte sie. »Ich bezweifele, daß dir diese Erfahrung Vergnügen bereiten wird. Falls du sie überlebst, was bis jetzt noch keiner geschafft hat. Alle meine Gatten sind nach kurzer Zeit verschieden.«
Deswegen brauchte er sich vermutlich kaum Sorgen zu machen. Darken Rahl wollte das Buch. Falls er keine Möglichkeit fand, zu fliehen, würde Darken Rahl ihn auf die gleiche Weise töten, auf die er auch seinen Vater und Giller getötet hatte. Aus Richards Eingeweiden würde er bestenfalls erfahren, wo das Versteck war, nämlich in seinem Kopf, und wie sehr er sich auch in seine Eingeweide vertiefen mochte, daß er dadurch an das Buch gelangen könnte, war ausgeschlossen. Hoffentlich lebte er lange genug, um Darken Rahls überraschtes Gesicht zu sehen, wenn er seinen verhängnisvollen Fehler erkannte.
Kein Buch. Kein Kästchen. Darken Rahl war ein toter Mann. Das war das einzige, was zählte.
Und was den Verrat an ihm anbetraf, so beschloß er, es einfach nicht zu glauben. Darken Rahl kannte die Gesetze der Magie. Und jetzt wandte er das erste an, um ihm angst zu machen, es könnte tatsächlich so sein. Der erste Schritt zum Glauben. Richard beschloß, sich vom ersten Gesetz der Magie nicht täuschen zu lassen. Er kannte Zedd, Chase und Kahlan. Er würde Darken Rahl niemals mehr Glauben schenken als seinen Freunden.
»Übrigens, wo hast du eigentlich das Schwert der Wahrheit her?«
Er sah ihr geradewegs in die Augen. »Ich habe es seinem Vorbesitzer abgekauft, Herrin Denna.«
»Tatsächlich? Was hast du dafür bezahlen müssen?«
Richard hielt ihrem Blick stand. »Alles, was ich hatte. Wie es scheint, hat es mich auch meine Freiheit und möglicherweise mein Leben gekostet.«
Denna lachte. »Du hast Mumm. Ich liebe es, Männer zu brechen, die Mumm haben. Weißt du, warum Meister Rahl mich ausgesucht hat?«
»Nein, Herrin Denna.«
»Weil ich unbarmherzig bin. Ich bin vielleicht nicht so grausam wie einige der anderen, aber es macht mir Spaß, einen Mann zu brechen. Ich liebe es, meinen Hündchen weh zu tun, mehr als alles andere auf der Welt. Es ist mein Lebenszweck.« Sie zog lächelnd eine Braue hoch. »Ich gebe niemals auf, und ich werde niemals müde und lasse niemals nach. Niemals.«
»Ich fühle mich geehrt, Herrin Denna, mich in den Händen der Besten zu wissen.«
Sie drückte ihm den Strafer an den Riß in der Oberlippe und ließ ihn dort, bis er auf den Knien war und ihm die Tränen aus den Augen liefen. »Das ist die letzte Respektlosigkeit, die ich jemals von dir hören möchte.« Sie nahm den Strafer fort und rammte ihm ihr Knie in den Mund. Er landete mit ausgestreckten Armen auf dem Rücken. »Was hast du jetzt zu sagen?«
»Bitte, Herrin Denna«, brachte er unter größten Mühen hervor, »bitte vergebt mir.«
»Na schön, steh auf. Es wird Zeit, mit deiner Ausbildung zu beginnen.«
Sie ging zum Tisch und holte etwas. Dann zeigte sie auf eine Stelle des Fußbodens. »Stell dich da hin! Sofort!«
Richard bewegte sich, so schnell es ging. Er konnte sich nicht aufrichten, die Schmerzen ließen das nicht zu. Er stellte sich auf die Stelle, schwer atmend, schwitzend. Sie reichte ihm einen Gegenstand, an dem eine Kette befestigt war. Es war ein Halsband aus Leder, in der gleichen Farbe, die auch sie trug.
Ihre Stimme verlor alles Angenehme. »Leg es an.«
Richard war nicht danach, Fragen zu stellen. Er merkte, daß er zu glauben begann, er würde alles tun, nur um nicht mit dem Strafer berührt zu werden. Er schnallte sich das Halsband um den Nacken.
Denna ergriff die Kette. An deren Ende befand sich ein Metallring, den sie über eine Strebe der Stuhllehne gleiten ließ.
»Die Magie wird dich dafür bestrafen, gegen meinen Willen zu handeln. Wenn ich diese Kette irgendwo befestige, dann ist es mein Wunsch, daß sie dort bleibt, bis ich sie wieder abnehme.« Sie zeigte auf die offenstehende Tür. »Für die nächste Stunde möchte ich, daß du alles daransetzt, durch diese Tür zu gelangen. Wenn du nicht dein Bestes gibst, wirst du für den Rest der Stunde folgendes tun.« Sie drückte ihm den Strafer seitlich an den Hals, bis er vor Schmerzen schreiend auf die Knie sackte und sie anflehte, aufzuhören. Sie nahm den Strafer fort und befahl ihm, anzufangen. Dann lehnte sie sich an die Wand und verschränkte die Arme.
Als erstes versuchte er einfach, zur Tür zu gehen. Der Schmerz knickte ihm die Beine unter dem Körper weg, bevor er die Kette auch nur ein winziges bißchen unter Spannung setzen konnte, und ließ erst wieder nach, als es ihm gelang, rückwärts zurück zum Stuhl zu kriechen.
Richard versuchte den Ring zu greifen. Der magische Schmerz verkrampfte seinen Arm, bis er vor Anstrengung, den Ring packen zu wollen, zu zittern begann. Der Schweiß rann ihm übers Gesicht. Er versuchte, rückwärts an den Stuhl heranzukommen und sich dann umzudrehen, aber bevor seine Finger den Ring erreicht hatten, riß ihn der Schmerz wieder zu Boden. Er kämpfte gegen die Schmerzen an, reckte sich, wollte den Stuhl greifen, doch er kam nicht gegen die Schmerzen an. Vor Anstrengung brach er Blut spuckend zusammen. Als es vorbei war, hielt er sich mit einer Hand aufrecht. Tränen tropften ihm vom Gesicht, während er sich mit der anderen Hand zitternd den Bauch hielt. Aus den Augenwinkeln sah er, daß Denna die Arme löste und sich aufrichtete. Er versuchte es ein weiteres Mal.
Sein Plan war eindeutig zum Scheitern verurteilt. Er mußte sich etwas anderes einfallen lassen. Er zog das Schwert, in der Absicht, damit die Kette ein Stück anzuheben. Für einen winzigen Augenblick gelang es ihm unter größten Mühen, die Kette mit der Klinge zu berühren. Der Schmerz zwang ihn, das Schwert fallen zu lassen. Nur durch das Zurückstecken des Schwertes in die Scheide ließ sich der Schmerz unterbinden.
Er hatte eine Idee. Er legte sich auf den Boden und trat den Stuhl unter der Kette weg, bevor der Schmerz ihn paralysieren konnte. Der Stuhl schlitterte über den Boden, prallte gegen den Tisch und kippte um. Die Kette war frei. Das Siegesgefühl dauerte nur einen winzigen Augenblick. Jetzt, wo die Kette vom Stuhl heruntergeglitten war, erreichte der Schmerz einen ungekannten Grad. Schwer atmend, keuchend, zog er sich mit letzter Kraft an den Fingernägeln über den Steinboden. Mit jedem Zentimeter wuchs die Pein, bis er von ihr geblendet wurde. Seine Augen schienen aus dem Kopf gedrückt zu werden. Er war gerade mal einen halben Meter weit gekommen. Er wußte nicht, was er machen sollte. Der Schmerz verhinderte jede Bewegung, jeden Gedanken.
»Bitte, Herrin Denna«, brachte er unter größter Anstrengung hervor, »helft mir. Bitte helft mir.« Er stellte fest, daß er weinte, aber das war ihm egal. Er wollte nur, daß die Kette wieder auf dem Stuhl hing, damit der Schmerz nachließ.
Er hörte, wie ihre Stiefel auf ihn zukamen. Sie bückte sich, hob den Stuhl hoch, stellte ihn wieder hin und hängte den Ring wieder an den Stuhl. Der Schmerz ließ nach, und er wälzte sich auf den Rücken. Aber aufhören zu weinen konnte er nicht.
Sie stand über ihm, die Hände in die Hüften gestemmt. »Das waren erst fünfzehn Minuten, aber weil ich dir helfen mußte, fängt die Stunde von vorne an. Wenn ich dir noch mal helfen muß, werden es zwei Stunden werden.« Sie bückte sich und bohrte ihm den Strafer in den Magen. Schmerz schoß ihm durch den Unterleib. »Verstanden?«