Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging. Die Fackel nahm sie mit.
Richard stand in der Dunkelheit und weinte. Nach einer Weile zwang er sich, damit aufzuhören und dachte an Kahlan. Das war etwas, was Denna ihm nicht nehmen konnte. Wenigstens nicht heute abend. Kahlan war in Sicherheit und hatte Leute, die sie beschützten. Der Gedanke tat Richard gut. Er sah sie vor sich, in diesem Augenblick, irgendwo bei einem Nachtlager, mit Siddin und Rachel, um die sie sich kümmerte, denen sie Geschichten erzählte, die sie zum Lachen brachte. Die Vorstellung brachte ihn zum Lächeln. Er genoß die Erinnerung an ihren Kuß, das Gefühl ihres Körpers, der sich an seinen schmiegte. Kahlan brachte ihn selbst dann noch zum Lächeln und machte ihn glücklich, wenn er nicht bei ihr war. Was aus ihm wurde, spielte keine Rolle. Sie war in Sicherheit. Nichts sonst zählte. Kahlan, Zedd und Chase waren in Sicherheit, und sie hatten das letzte Kästchen. Darken Rahl würde sterben und Kahlan überleben.
Was spielte es für eine Rolle, was aus ihm wurde, wenn erst alles vorbei war? Er konnte ebensogut tot sein. Dafür würden Denna und Darken Rahl schon sorgen. Er mußte nur die Schmerzen aushalten, bis es soweit war. Das war zu schaffen. Was spielte es für eine Rolle? Nichts, was Denna tat, kam der Qual gleich, zu wissen, nicht bei Kahlan sein zu können. Der Frau, die er liebte. Der Frau, die er liebte und die einen anderen erwählen würde. Er war froh, daß er tot sein würde, wenn es soweit war. Vielleicht ließ sich die Sache beschleunigen. Denna wütend zu machen, war schließlich nicht schwer. Wenn er sich beim nächsten Mal bewegte, wenn sie ihm den Strafer ins Ohr bohrte, wäre er für immer geschädigt. Vielleicht wäre er dann nutzlos für sie. Vielleicht würde sie ihn dann töten. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte er sich so allein gefühlt.
»Ich liebe dich, Kahlan«, flüsterte er in die Dunkelheit.
Wie Denna versprochen hatte, wurde der nächste Tag schlimmer. Sie wirkte ausgeruht und schien darauf bedacht, einen Teil ihrer Kraft darauf zu verschwenden, ihn abzurichten. Er wußte, daß er auf eine Sache Einfluß hatte. Er wartete darauf, daß sie den Strafer wieder an sein Ohr legte, damit er mit aller Kraft seinen Kopf herumreißen und sich ernsthaften Schaden zufügen konnte. Doch sie tat es nicht, ganz so als spürte sie, was er vorhatte. Das gab ihm einen Funken Hoffnung. In diesem Punkt konnte er sie beeinflussen. Er hatte sie dazu gebracht, den Strafer nicht auf diese Weise zu benutzen. Sie besaß nicht die vollkommene Kontrolle, die sie zu haben glaubte, er konnte sie noch immer zwingen, etwas nach seinem Willen zu tun. Das machte ihm Mut. Der Gedanke, daß er seinen Selbstrespekt, seine Würde in seine geheime Kammer gesperrt hatte, verlieh ihm die Kraft, das zu tun, was erforderlich war. Er überließ sich ganz ihren Wünschen.
Nur wenn sie sich zum Essen an den Tisch setzte, legte Denna ein paarmal Pause ein. Sie beobachtete ihn, während sie langsam Obst aß, und lächelte vor sich hin, wenn er stöhnte. Er bekam nichts zu essen, nur Wasser aus einer Tasse, die sie ihm hinhielt, nachdem sie mit dem Essen fertig war.
Am Ende des Tages hakte sie die Kette wieder an den Balken und zwang ihn, die Nacht im Stehen zu verbringen. Er gab sich nicht die Mühe, nach dem Warum zu fragen, es war egal. Sie machte, was sie wollte, und er konnte nichts dagegen tun.
Als sie am Morgen mit der Fackel zurückkehrte, konnte er sich gerade noch auf den Beinen halten. Sie schien guter Laune zu sein.
»Ich möchte ein fröhliches ›Guten Morgen‹ hören«, lächelte sie. »Zeig mir, wie glücklich du bist, deine Herrin zu sehen.«
Er gab sein Bestes, mußte sich aber darauf konzentrieren, wie wunderschön ihr Zopf war. Sie umarmte ihn, und an den Stellen, wo sie sich an ihm rieb, flammte der Schmerz wieder auf. Als sie fertig war und er vor Schmerzen zitterte, zog sie die Kette von dem Dorn und warf sie auf den Boden.
»Du lernst, ein gutes Schoßhündchen zu sein. Du hast dir zwei Stunden Schlaf verdient.«
Er brach auf dem Boden zusammen und war eingeschlafen, bevor ihre Schritte verhallten.
Mit dem Strafer geweckt zu werden, war ein Alptraum ganz eigener Art. Der kurze Schlaf hatte nur wenig zu seiner Erholung beigetragen. Er brauchte viel mehr, als sie ihm zugestanden hatte. Er schwor sich, alles daranzusetzen, diesen Tag ohne einen Fehler zu überstehen. Vielleicht würde sie ihm dann erlauben, eine ganze Nacht zu schlafen. Er gab sich alle Mühe, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, und hoffte, sie zu erfreuen. Außerdem hoffte er, etwas zu essen zu bekommen. Er hatte nichts mehr gegessen, seit er gefangengenommen worden war. Er überlegte, was er sich mehr wünschte, Schlaf oder etwas zu essen. Am meisten jedoch wünschte er sich das Ende der Schmerzen. Oder den Tod.
Er war am Ende seiner Kräfte und spürte, wie ihm das Leben entglitt. Er sehnte das Ende immer mehr herbei. Denna schien zu spüren, daß seine Widerstandskraft nachließ, und trat etwas kürzer. Sie ließ ihm mehr Zeit, sich zu erholen, machte längere Pausen. Ihm war es egal. Er wußte, es würde niemals enden, er war verloren. Er gab seinen Lebenswillen auf, seinen Willen weiterzumachen, durchzuhalten. Sie gurrte ihm tröstliche Worte ins Ohr, streichelte sein Gesicht, während er in den Bandeisen hing und sich ausruhte. Sie redete ihm aufmunternd zu, riet ihm, nicht aufzugeben, und versprach, es würde einfacher werden, wenn er erst gebrochen war. Er hörte einfach nur zu, nicht einmal weinen konnte er mehr.
Als sie endlich die Fesseln vom Balken löste, glaubte er, es müsse wieder Nacht sein. Er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Er wartete darauf, daß sie die Kette entweder einhakte oder auf den Boden warf und ihm sagte, er könne schlafen. Sie tat nichts dergleichen. Statt dessen hakte sie sie über den Stuhl, befahl ihm, sich hinzustellen, und ging. Als sie wiederkam, hatte sie einen Eimer in der Hand.
»Auf die Knie, Kleiner.« Sie setzte sich neben ihm auf einen Stuhl, holte eine Bürste aus dem heißen Seifenwasser und begann, ihn abzuschrubben. Die harten Borsten erzeugten einen ganz eigenen Schmerz, wenn sie sich in seine Wunden bohrten. »Wir haben eine Einladung zum Abendessen. Ich muß dich zurechtmachen. Eigentlich gefällt mir der Geruch von deinem Schweiß und deiner Angst, aber ich fürchte, das könnte die Gäste beleidigen.« Sie ging mit einer seltsamen Zärtlichkeit zu Werke. Er fühlte sich daran erinnert, wie sich jemand um seinen Hund sorgen würde. Er kippte gegen sie, unfähig, sich aufrecht zu halten. Wenn er die Kraft gehabt hätte, er hätte sich nicht an sie gelehnt, aber er hatte sie nicht. Sie ließ ihn, wo er war, und schrubbte weiter. Er überlegte, von wem die Einladung zum Abendessen stammen mochte, fragte aber nicht nach.
Denna sagte es ihm trotzdem. »Königin Milena hat uns höchstpersönlich gebeten, ihr und ihren Gästen beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. Eine ziemliche Ehre für eine niedere Kreatur wie dich, meinst du nicht auch?«
Er nickte bloß. Zum Sprechen fehlte ihm die Kraft.
Königin Milena. Sie befanden sich also in ihrem Schloß. Eigentlich keine Überraschung. Wohin sonst hätten sie ihn in der kurzen Zeit bringen können? Als sie fertig war, erlaubte sie ihm, eine Stunde zu schlafen, um sich für das Abendessen auszuruhen. Er schlief zu ihren Füßen.
Statt mit dem Strafer weckte sie ihn mit dem Stiefel. Fast hätte er angesichts ihrer Barmherzigkeit losgeheult, und er hörte sich selbst überschwenglich für ihre Liebenswürdigkeit danken. Sie gab ihm Anweisungen, wie er sich zu verhalten hatte. Seine Kette würde an ihrem Gürtel festgehakt sein, er hatte sie im Blick zu behalten, durfte mit niemandem sprechen, es sei denn, er würde gefragt, und auch dann nur, wenn er sich erst mit einem Blick zu ihr ihres Einverständnisses versichert hatte. Am Tisch durfte er nicht sitzen, sondern hatte sich auf den Boden zu hocken, und wenn er sich benahm, würde er etwas zu essen bekommen.
Er versprach, alles zu tun, was sie verlangte. Die Vorstellung, auf dem Boden sitzen zu dürfen, erschien ihm wundervoll. Er könnte sich ausruhen, brauchte nicht zu stehen, niemand würde ihm weh tun. Und endlich würde er etwas zu essen bekommen. Er nahm sich vor, alles zu tun, um nicht ihr Mißfallen zu erregen oder sie daran zu hindern, ihm etwas zu essen zu geben.