Ohne das Warum zu begreifen, erwiderte er ihren Kuß mit der gleichen Leidenschaft und Wildheit. Der Schmerz veränderte seine Wahrnehmung für alles. Mit derartiger Lust hatte er noch niemanden geküßt. Verzweifelt hoffte er, sie würde aufhören. Verzweifelt wünschte er, sie würde weitermachen.
Die seltsame Kraft erwachte ein zweites Mal. Er versuchte, sie zu pakken, sie festzuhalten. Aber sie entglitt seinem Zugriff und war verschwunden.
Der Schmerz überwältigte ihn, als Denna ihre Lippen mit dem Strafer zwischen ihnen auf seine preßte, daß ihre Zähne knirschend aneinanderrieben. Sie preßte ihren Körper an ihn, hakte ein Bein um seins, klammerte sich an ihn. Ihre gequälten Schreie wurden verzweifelter. Er verging sich danach, sie zu umarmen. Als er das Bewußtsein zu verlieren drohte, ließ sie von ihm ab, ihre Fäuste noch immer in sein Haar gekrallt. Tränen liefen ihr über das Gesicht, als sie ihm aus kaum fünf Zentimeter Entfernung in die Augen sah. Sie rollte den Strafer mit der Zunge herum und hielt ihn vor Schmerzen zitternd mit den Zähnen fest, so als wollte sie ihm beweisen, daß sie stärker war als er. Langsam erschien ihre Hand und nahm den Strafer fort. Erleichtert verdrehte sie die Augen nach oben. Sie schnappte nach Luft.
Und kräuselte die Stirn. Tränen des Schmerzes und eines anderen Gefühls strömten ihr aus den Augen. Sie gab ihm einen Kuß. Die Zartheit und Sanftheit schockierte ihn.
»Jetzt sind wir miteinander verbunden«, hauchte sie zärtlich. »Verbunden im Schmerz durch den Strafer. Tut mir leid, Richard.« Mit zitternden Fingern strich sie ihm über die Wange, ihre Augen immer noch glasig vom Schmerz. »Es tut mir leid, was ich dir antun werde. Du bist mein Gatte auf Lebenszeit.«
Das Mitgefühl in ihrer Stimme verblüffte Richard. »Bitte, Herrin Denna. Bitte, laßt mich gehen. Oder helft mir wenigstens, Darken Rahl aufzuhalten. Ich verspreche Euch, ich werde bereitwillig Euer Gatte auf Lebenszeit, wenn Ihr mir helft, ihn aufzuhalten. Ich schwöre bei meinem Leben, wenn Ihr mir helft, werde ich bleiben, ohne daß die Magie mich hält. Für immer.«
Sie legte ihm eine Hand auf die Brust, um sich abzustützen, während sie sich erholte. »Glaubst du vielleicht, ich wüßte nicht, was ich dir antue?« Ihre Augen hatten einen leeren Glanz. »Deine Ausbildung und deine Dienste werden nur noch wenige Wochen dauern, dann stirbst du. Die Ausbildung einer Mord-Sith dauert Jahre. Alles, was ich dir angetan habe, und mehr, ist auch mir angetan worden, tausendfach. Eine Mord-Sith muß ihren Strafer besser kennen als sich selbst. Mein erster Lehrer hat mich zu seiner Gemahlin gemacht, als ich fünfzehn war, nachdem er mich seit meinem zwölften Lebensjahr ausgebildet hatte. Völlig ausgeschlossen, daß ich jemals sein Ausmaß an Grausamkeit oder seine Fähigkeit erlangen könnte, jemanden auf dem schmalen Grad zwischen Leben und Tod zu halten. Er hat mich ausgebildet, bis ich achtzehn war und ihn getötet habe. Dafür bin ich die darauffolgenden zwei Jahre jeden Tag mit dem Strafer gequält worden. Diesem hier. Genau derselbe, den ich bei dir benutze, wurde auch für meine Ausbildung benutzt. Er wurde mir mit meiner Ernennung zur Mord-Sith überreicht. Mein einziger Lebenszweck besteht darin, ihn zu benutzen.«
»Herrin Denna«, flüsterte er. »Das tut mir leid.«
Ihr Blick wurde wieder stählern. Sie nickte. »Das wird es allerdings. Es gibt niemanden, der dir helfen wird. Mich eingeschlossen. Du wirst feststellen, daß du als Gatte einer Mord-Sith keine zusätzlichen Privilegien gewinnst, nur zusätzliche Schmerzen.«
Richard hing hilflos in den Bandeisen, die Ungeheuerlichkeit all dessen hatte ihn überwältigt. Sie ein wenig zu verstehen, vergrößerte nur seine Hoffnungslosigkeit. Es gab für ihn kein Entrinnen. Er war der Gemahl einer Wahnsinnigen.
Sie gewann ihr Lächeln und Stirnrunzeln zurück. »Wieso warst du so dumm, das zu tun? Du mußt doch wissen, daß ich dich dafür quälen werde.«
Einen Augenblick lang betrachtete er ihr verwirrtes Gesicht. »Welchen Unterschied macht das, Herrin Denna? Quälen werdet Ihr mich sowieso. Ich kann mir nicht vorstellen, was Ihr mir noch Schlimmeres antun könntet.«
Sie verzog spöttisch den Mund. »Oh, mein Geliebter, deine Phantasie ist sehr begrenzt.«
Er spürte, wie sie seine Gürtelschnalle aufriß.
Sie knirschte mit den Zähnen. »Es wird Zeit, daß wir ein paar neue Stellen an deinem Körper finden, wo ich dir weh tun kann. Es wird Zeit, festzustellen, woraus du wirklich gemacht bist.« Der Blick in ihren Augen ließ ihn gefrieren. »Danke, mein Geliebter, daß du mir einen Grund dafür gegeben hast. Einem anderen habe ich das noch nie angetan, aber mir ist es oft genug angetan worden. Das war es, was mich im Alter von vierzehn Jahren zerbrochen hat. Heute nacht«, hauchte sie, »wird keiner von uns beiden Schlaf finden.«
13
Selbst ein Eimer kalten Wassers auf seiner nackten Haut brachte ihn kaum zu Bewußtsein. Nur schwach erkannte er die kleinen, rotschlierigen Rinnsale, die von ihm fort durch die Ritzen des Steinfußbodens rannen, an den sich sein Gesicht schmiegte. Jeder noch so flache Atemzug war eine unmenschliche Anstrengung. Träge überlegte er, wie viele Rippen sie ihm gebrochen hatte.
»Zieh dich an. Wir gehen«, rief sie von oben herab.
»Ja, Herrin Denna«, hauchte er. Seine Stimme war vom Brüllen so heiser, daß sie ihn mit Sicherheit nicht hören konnte und ihn für sein Nichtantworten quälen würde, und doch, mehr brachte er nicht hervor.
Als der Strafer ausblieb, bewegte er sich ein wenig, entdeckte seinen Stiefel, streckte die Hand danach aus und zog ihn zu sich. Er setzte sich auf, brachte den Kopf jedoch nicht über seine Schultern. Der hing schlaff herab. Unter größten Mühen begann er, den Stiefel anzuziehen. Die klaffenden Wunden an seinen Füßen trieben ihm die Tränen in die Augen, sobald er am Stiefel zog.
Ihr Knie traf ihn am Kinn und warf ihn flach auf den Rücken. Sie stürzte auf ihn, hockte auf seiner Brust und bearbeitete sein Gesicht mit den Fäusten.
»Was ist los mit dir? Bist du blöd? Erst die Hosen, dann die Stiefel. Muß ich dir alles erklären?«
»Ja, Herrin Denna, nein, Herrin Denna, vergebt mir, Herrin Denna, danke, Herrin Denna, daß Ihr mich gefoltert habt, danke, daß Ihr mich ausgebildet habt«, seiberte er vor sich hin.
Atemlos vor Wut hockte sie auf seiner Brust. Nach einer Weile wurde ihr Atem ruhiger.
»Komm. Ich helfe dir.« Sie beugte sich vor und gab ihm einen Kuß. »Komm, mein Geliebter. Du kannst dich unterwegs ausruhen.«
»Ja, Herrin Denna.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauchen.
Sie küßte ihn ein zweites Mal. »Komm schon, mein Geliebter. Jetzt wird alles besser, wo ich dich gebrochen habe. Du wirst sehen.«
Im Dunkeln wartete eine geschlossene Kutsche auf sie. Pferdeatem trieb langsam dampfend in der kalten, stillen Luft. Richard stolperte ein paarmal, als er hinter ihr ging, und versuchte, die Kette im rechten Maß durchhängen zu lassen. Er hatte absolut keine Vorstellung, wie lange es her war, daß sie ihn zu ihrem Gemahl erkoren hatte, es war ihm auch egal. Eine Wache öffnete den Kutschenschlag.
Denna warf das Kettenende auf den Boden. »Steig ein.«
Richard krallte sich in den Türrahmen. Undeutlich hörte er, wie jemand sich wutschnaubend näherte. Durch ein kurzes Reißen an der Kette gab Denna ihm zu verstehen, daß er bleiben sollte, wo er war.
»Denna!« Es war die Königin, gefolgt von ihren Beratern.
»Herrin Denna«, korrigierte sie.
Die Königin schien schlechter Laune zu sein. »Wo wollt Ihr mit ihm hin?«
»Das braucht Euch nicht zu kümmern. Es wird Zeit, daß wir uns auf den Weg machen. Wie geht es der Prinzessin?«
Die Königin machte ein finsteres Gesicht. »Noch wissen wir nicht, ob sie überleben wird. Den Sucher übernehme ich. Dafür wird er büßen.«
»Der Sucher ist Eigentum von mir und Darken Rahl. Er wird bestraft werden, und ich werde seine Bestrafung so lange fortsetzen, bis entweder Meister Rahl ihn tötet oder ich. Nichts, was du ihm antun könntest, käme dem gleich, was ihm bereits angetan wurde.«