»Er soll hingerichtet werden. Auf der Stelle.«
Dennas Stimme war kalt wie die Nachtluft. »Geht zurück in Euer Schloß, Königin Milena, solange Ihr es noch habt.«
Richard sah, daß die Königin ein Messer in der Hand hielt. Die Wache neben ihr löste seine Streitaxt und packte sie fest mit der Faust. Für einen Augenblick herrschte kristallklare Stille.
Die Königin schlug mit den Handrücken nach Denna und ging mit dem Messer auf Richard los. Denna hatte keine Mühe, ihr den Strafer gegen ihren fetten Busen zu drücken und sie zurückzuhalten.
Als die Wache an ihm vorbeischoß, um mit der Axt auf Denna loszugehen, erwachte die seltsame Kraft mit Gebrüll. Richard nahm all seinen Mumm zusammen und wurde eins mit ihr. Er schlang der Wache seinen linken Arm um die Kehle und stieß sein Messer ins Ziel. Denna sah sich gelangweilt um, als der Mann seinen Todesschrei herausbrüllte. Mit einem Lächeln in den Augen drehte sie sich wieder zur Königin um, die zitternd, wie gelähmt mit dem Strafer zwischen ihren Brüsten dastand. Denna drehte den Stab. Die Königin sackte auf dem Boden zusammen.
Wütenden Blicks entdeckte Denna die Berater der Königin. »Das Herz der Königin hat versagt.« Sie zog eine Braue hoch. »Völlig überraschend. Bitte richtet dem Volk von Tamarang mein Beileid über den Tod ihrer Herrscherin aus. Ich schlage vor, ihr sucht einen neuen Herrscher, der den Wünschen Meister Rahls etwas mehr Beachtung schenkt.«
Sie verneigten sich knapp. Richards zum Leben erwachte Kraft flackerte noch einmal auf und war verschwunden. Die Anstrengung, die Wache zu überwältigen, hatte ihn völlig erschöpft. Seine zitternden Beine wollten ihn nicht mehr tragen. Der Boden schwankte und schlug ihm entgegen.
Denna packte seine Kette dicht am Kragen und riß seinen Kopf vom Boden. »Ich habe dir nicht befohlen, dich hinzulegen! Dazu hattest du keine Erlaubnis! Auf die Beine!«
Er war bewegungsunfähig. Sie rammte ihm den Strafer in den Bauch, fuhr damit über die Brust bis zum Hals. Richard wand sich in schmerzhaften Zuckungen, konnte seinen Körper aber nicht zwingen, ihr zu gehorchen.
»Leider…«, hauchte er.
Sie merkte, daß er sich nicht bewegen konnte, und wandte sich an die Wachen. »Tragt ihn rein.«
Sie stieg hinter ihm ein, rief dem Fahrer zu, er solle losfahren, und zog die Tür zu.
»Bitte, Herrin Denna«, lallte er, »vergebt mir, daß ich Euch enttäuscht habe, daß ich es nicht geschafft habe, mich hinzustellen, wie Ihr es verlangt habt. Tut mir leid. Ich werde mir in Zukunft mehr Mühe geben. Bitte bestraft mich, damit ich es besser mache.«
Sie packte die Kette dicht am Kragen und zerrte ihn vom Sitz. Ihre Knöchel wurden weiß, die Lippen über den zusammengebissenen Zähnen waren zu einem höhnischen Grinsen verzogen. »Wage es nicht, mir unter den Händen wegzusterben, noch nicht. Du bist noch nicht fertig.«
Er hatte die Augen geschlossen. »Wie Ihr befehlt … Herrin Denna.«
Sie ließ die Kette los, packte ihn an den Schultern, legte ihn auf den Sitz und gab ihm einen Kuß auf die Stirn. »Du hast die Erlaubnis, dich jetzt etwas auszuruhen, mein Geliebter. Es ist ein weiter Weg. Du hast reichlich Zeit.«
Richard registrierte, wie sie ihm die Haare zurückstrich, das Holpern der Kutsche, die über die Straße raste. Dann war er eingeschlafen.
Von Zeit zu Zeit erwachte er halb, ohne jedoch ganz das Bewußtsein zu erlangen. Manchmal saß Denna neben ihm, und er durfte sich an sie lehnen, während sie ihm Essen in den Mund löffelte. Das Schlucken war schmerzhaft und verlangte fast mehr Überwindung, als er aufbringen konnte. Bei jedem Löffel zuckte er zusammen. Sein Hunger war nicht stärker als die Schmerzen in seinem Hals, und er drehte den Kopf vom Löffel weg. Denna redete leise aufmunternd auf ihn ein, drängte ihn, ihretwillen etwas zu essen. Das war das einzige, auf das er reagierte.
Jedesmal, wenn ein Holpern ihn aus dem Schlaf riß, klammerte er sich schutzsuchend an sie, bis sie ihm sagte, es sei nichts und er wieder einschlief. Von der Landschaft, durch die sie reisten, sah er nichts, es war ihm auch einerlei. Solange sie nur bei ihm war, das war alles, was zählte. Nichts sonst hatte Bedeutung, nur seine Bereitschaft, ihren Befehlen zu gehorchen. Ein paarmal wachte er langsam auf und stellte fest, daß sie sich in die Ecke geschmiegt hatte und er ausgestreckt und zugedeckt mit dem Kopf auf ihrer Brust lag, während sie ihm übers Haar strich. Dann versuchte er ihr zu verheimlichen, daß er aufgewacht war, damit sie nicht aufhörte.
Wenn er in diesen Augenblicken ihre tröstliche Wärme spürte, spürte er auch, wie die Kraft in ihm erwachte. Er versuchte nicht, sie zu packen oder festzuhalten, er bemerkte sie bloß. Einmal erkannte er sie sofort. Die Zauberkraft des Schwertes. Er lag da, an Denna gelehnt, spürte, wie er sie brauchte, und die Magie richtete sich in seinem Innern auf. Er berührte sie, liebkoste sie, spürte ihre Stärke. Es glich der Kraft, die er angewandt hatte, wenn er mit dem Schwert hatte töten wollen, und doch anders, auf eine Weise, die er nicht begriff. Seine frühere Kraft spürte er nicht mehr. Über die verfügte jetzt Denna. Nicht aber über diese. Als er versuchte, die Magie zu greifen, löste sie sich auf wie Nebel. Irgendein schwacher Teil seines Verstandes wollte ihre Hilfe, aber da er sie weder beherrschen noch anwenden konnte, verlor er das Interesse daran.
Mit der Zeit begannen seine Wunden zu verheilen. Bei jedem Aufwachen war er ein wenig munterer. Als Denna verkündete, sie seien am Ziel, konnte er schon wieder ohne Hilfe stehen, wenn auch sein Kopf noch nicht wieder völlig klar war.
Es war dunkel, als sie ihn von der Kutsche fortführte. Er behielt beim Gehen ihre Füße im Auge, achtete darauf, daß die an ihrem Gürtel befestigte Kette angemessen durchhing. Obwohl er die Augen nicht von ihr ließ, nahm er den Ort, den sie betraten, doch wahr. Er war riesig. Tamarang wirkte im Vergleich zwergenhaft. Mauern verloren sich im Nichts der Weite, Türme und Dächer erhoben sich zu schwindelerregenden Höhen. Er war klar genug, zu erkennen, daß das ausufernde Gebäude elegant und anmutig konstruiert war. Es war beeindruckend, aber nicht grobschlächtig oder abstoßend.
Denna führte ihn durch Hallen aus poliertem Marmor und Granit. Säulen an den Seiten stützten majestätische Bögen. Je weiter sie kamen, desto deutlicher spürte er die Zunahme seiner Kraft. Noch vor ein paar Tagen hätte er nicht einmal so lange stehen können. Sie begegneten niemandem. Richard schaute hoch zu ihrem Zopf und mußte daran denken, wie hübsch ihr Haar war, wie glücklich er sich schätzen durfte, so eine phantastische Gemahlin zu haben. Beim Gedanken, für sie zu sorgen, wuchs seine Kraft. Bevor sie Gelegenheit hatte, wieder nachzulassen, griff jener entfernte Teil seines Verstandes nach ihr und hielt sie fest, während der Rest seines Verstandes über seine Gefühle für sie nachdachte. Die Erkenntnis, sie beherrschen zu können, unterband den Gedanken an sie, und er klammerte sich an die Hoffnung zu fliehen. Die Kraft verflog.
Sein Mut sank. Was spielte es für eine Rolle, überlegte er, er würde niemals fliehen, und warum sollte er überhaupt wollen? Er war Dennas Gatte. Wo sollte er hin? Was sollte er tun, ohne daß sie ihm sagte, was er tun sollte?
Denna ging durch eine Tür, die sie hinter ihm schloß. Ein Fenster mit spitzem Bogen war mit einem einfachen Vorhang geschmückt und zur Dunkelheit draußen geöffnet. Es gab ein Bett mit einer dicken Decke und fetten Kissen. Der Fußboden bestand aus poliertem Holz. Lampen standen brennend auf dem Tisch neben dem Bett sowie auf dem Tisch mit einem Stuhl auf der anderen Seite des Zimmers. Neben einer weiteren Tür hatte man Schränke aus dunklem Holz in die Wand eingelassen. Auf einem Waschtisch standen eine Schüssel und ein Krug.
Denna löste die Kette. »Hier wohne ich. Da du mein Gatte bist, sei es dir gestattet, hier zu schlafen, vorausgesetzt, du bist mir zu Gefallen.« Sie ließ die Schlaufe über den Pfosten am Fußende des Bettes gleiten. »Heute nacht kannst du hier schlafen. Auf den Boden.«