Ich erinnere mich, wie sie dasaß, an die geschlossene Tür gelehnt, erinnere mich an ihr herausfordernd erhobenes Gesicht, während ich mit den Fingerspitzen ihren Hals streichelte. Ich erinnere mich, wie sie meine Hände ergriff und sich auf die Brüste legte, wie mich ihre weißen Schenkel empfingen.
»Hast du so etwas schon einmal erlebt, Daniel?«
»Im Traum.«
»Und richtig?«
»Nein. Und du?«
»Nein. Auch nicht mit Clara Barceló?«
»Was weißt du denn von Clara Barceló?«
»Nichts.«
»Ich noch weniger.«
»Das glaube ich nicht.« Ich beugte mich über sie und schaute ihr in die Augen.
»Ich habe das noch nie mit jemandem gemacht.«
Bea lächelte. Meine Hand glitt zwischen ihre Schenkel, und ich stürzte mich auf ihre Lippen.
»Daniel?« sagte Bea beinahe unhörbar.
»Was?« Plötzlich pfiff ein kalter Luftzug unter der Tür hindurch, und in dieser unendlichen Sekunde, bevor der Wind die Kerzen ausblies, trafen sich unsere Blicke, und wir spürten, wie sich die Erwartung dieses Moments zerschlug. Wir wußten, daß sich jemand auf der andern Seite der Tür befand. Ich sah die Angst auf Beas Gesicht, und plötzlich hüllte uns Dunkelheit ein. Dann kam der Schlag an die Tür, als hätte eine stählerne Faust mit voller Wucht dagegen gehämmert.
Ich spürte, wie Bea in der Dunkelheit aufsprang, und nahm sie in die Arme. Wir wichen ans andere Ende des Raums zurück, gerade noch bevor der zweite Schlag die Tür traf und sie mit unglaublicher Gewalt an die Wand schleuderte. Bea schrie auf und barg ihren Kopf an mir. Einen Moment lang konnte ich nur die aus dem Korridor fließende blaue Dunkelheit und den spiralförmig aufsteigenden Rauch der erloschenen Kerzen sehen.
Ich spähte in den Korridor hinaus, in der Befürchtung — vielleicht auch im Wunsch —, daß da nur ein Fremder wäre, ein Vagabund, der sich in ein halbzerfallenes Haus hineingewagt hatte, um in unfreundlicher Nacht eine Zuflucht zu haben. Doch da war niemand, und ich sah bloß den bläulichen Schein der Fenster. Bea kauerte in einem Winkel des Bades und flüsterte zitternd meinen Namen.
»Da ist niemand«, sagte ich.
»Vielleicht war’s nur ein Windstoß.«
»Der Wind hämmert nicht mit der Faust an Türen, Daniel. Laß uns gehen.« Ich hob unsere Kleider auf.
»Da, zieh dich an. Wir wollen mal einen Blick riskieren.«
»Wir gehen besser gleich.«
»Sofort. Ich möchte nur eines herausfinden.« Schnell zogen wir uns im Dunkeln an. Ich nahm eine der Kerzen vom Boden auf und zündete sie wieder an. Ein kalter Luftzug wehte durchs Haus, als hätte jemand Türen und Fenster geöffnet.
»Siehst du? Es ist der Wind.« Bea schüttelte nur den Kopf. Die Flamme mit der Hand schirmend, gingen wir in den großen Saal zurück. Bea blieb dicht hinter mir, fast ohne zu atmen.
»Was suchen wir denn, Daniel?«
»Es dauert bloß eine Minute.«
»Nein, laß uns endlich gehen.«
»Also gut.« Wir kehrten zum Eingang zurück, da sah ich es. Die Holztür am Ende eines Gangs, die ich eine oder zwei Stunden zuvor vergeblich zu öffnen versucht hatte, war angelehnt.
»Was ist?« fragte Bea.
»Warte hier auf mich.«
»Daniel, bitte…« Mit der Kerze, die im kalten Windzug flackerte, ging ich in den Korridor hinein. Bea seufzte und folgte mir widerwillig. Vor der Tür blieb ich stehen. Man konnte marmorne Stufen erahnen, die in die Schwärze hinunterführten. Ich trat auf die Treppe. Bea blieb mit der Kerze auf der Schwelle stehen.
»Bitte, Daniel, laß uns endlich gehen…«
Stufe um Stufe stieg ich die Treppe hinunter. Der geisterhafte Schein der Kerze in der Höhe ließ den Umriß eines rechteckigen Raums mit ungetünchten Steinwänden voller Kruzifixe erkennen. Die klamme Kälte in diesem Raum verschlug einem den Atem. Vor mir zeichnete sich eine Marmorplatte ab, und darauf sah ich nebeneinander zwei gleiche, aber verschieden große weiße Gegenstände, in denen sich die flackernde Kerzenflamme stärker als sonst im Raum reflektierte. Nach einem weiteren Schritt begriff ich: Es handelte sich um zwei weiße Särge. Der eine war kaum drei Spannen breit. Die Nackenhaare sträubten sich mir. Es war ein Kindersarg, und ich befand mich in einer Krypta.
Ich trat so nahe an die Marmorplatte heran, daß ich den Arm ausstrecken und sie berühren konnte. Nun sah ich, daß auf beiden Särgen ein Name und ein Kreuz eingraviert waren. Eine dicke Staubschicht lag darüber. Ich legte die Hand auf den größeren und wischte ganz langsam, fast in Trance, den Staub vom Sargdeckel. Im Kerzenschimmer konnte ich knapp entziffern:
PENÉLOPE ALDAYA 1902–1919 Ich war wie gelähmt. In der Dunkelheit kam etwas oder jemand näher. Ich spürte die kalte Luft über meine Haut streichen, und erst jetzt wich ich ein paar Schritte zurück.
»Raus hier«, murmelte die Stimme aus dem Dunkel. Ich erkannte sie sogleich. Laín Coubert. Die Stimme des Teufels.
Ich stürzte die Treppe hinauf, und sowie ich wieder im Erdgeschoß war, packte ich Bea am Arm und zog sie hastig Richtung Ausgang. Wir hatten die Kerze verloren und rannten blind. Ich dachte, jeden Augenblick könnte etwas aus dem Schatten springen und uns den Weg versperren, doch am Ende des Gangs erwartete uns die Eingangstür, deren Ritzen ein Rechteck aus Licht zeichneten.
»Sie ist zu«, flüsterte Bea.
Ich tastete meine Taschen nach dem Schlüssel ab. Für einen Sekundenbruchteil schaute ich zurück und war sicher, daß zwei glänzende Punkte hinten im Gang langsam auf uns zukamen. Augen. Meine Finger fanden den Schlüssel. Verzweifelt steckte ich ihn ins Schlüsselloch, öffnete und stieß Bea heftig hinaus. Da sie merkte, wie erschrocken ich war, eilte sie durch den Garten aufs Gattertor zu und blieb erst stehen, als wir atemlos und mit kaltem Schweiß bedeckt auf dem Gehsteig der Avenida del Tibidabo standen.
»Was war da unten los, Daniel? War da jemand?«
»Nein.«
»Du bist bleich.«
»Ich bin immer bleich. Komm, gehen wir.«
»Und der Schlüssel?« Den hatte ich im Schloß steckenlassen. Mir war nicht danach, ihn jetzt zu holen.
»Ich glaube, ich habe ihn beim Hinausgehen verloren. Wir werden ihn ein andermal suchen.«
Wir eilten die Straße hinunter, wechselten die Seite und verlangsamten unsere Schritte erst, als wir gut hundert Meter von dem alten Haus entfernt waren und seine Umrisse in der Nacht aus den Augen verloren. Da sah ich, daß meine Hand noch immer voller Staub war, und dankte es der nächtlichen Dunkelheit, daß sie die Tränen, die mir über die Wangen kullerten, vor Bea versteckte.
Wir gingen die Calle Balmes hinunter bis zur Plaza Núñez de Arce, wo wir ein einsames Taxi fanden. Darin fuhren wir fast wortlos bis zur Calle Consejo de Ciento. Bea nahm meine Hand, und ein paar Mal sah ich, wie sie mich mit starrem, undurchdringlichem Blick musterte. Ich beugte mich über sie, um sie zu küssen, doch sie öffnete die Lippen nicht.
»Wann werde ich dich wiedersehen?«
»Ich ruf dich morgen oder übermorgen an«, sagte sie.
»Versprochen?« Sie nickte.
»Du kannst mich zu Hause oder im Laden anrufen, es ist dieselbe Nummer. Du hast sie doch, nicht wahr?«
Sie nickte abermals. Ich bat den Fahrer, an der Ecke Muntaner/Diputación einen Augenblick anzuhalten, und erbot mich, Bea zu ihrer Haustür zu begleiten, doch sie schlug es aus und ging davon, ohne daß ich sie noch einmal küssen oder auch nur ihre Hand berühren konnte. Sie begann zu laufen, und ich schaute ihr aus dem Taxi nach. In der Aguilar-Wohnung brannte Licht, und ich konnte deutlich sehen, wie mich Tomás vom Fenster seines Zimmers aus beobachtete, in dem wir so manchen Nachmittag verplaudert oder Schach gespielt hatten. Mit einem gezwungenen Lächeln, das er wahrscheinlich nicht sehen konnte, winkte ich ihm zu. Er erwiderte den Gruß nicht. Seine Gestalt blieb reglos, dicht an der Scheibe, und betrachtete mich frostig. Ein paar Sekunden später zog er sich zurück, und die Fenster wurden dunkel. Er hatte wohl auf uns gewartet.