Es war ein erfreulicher Anblick für Perrin. Er mochte Pferde. Ein Teil des Grundes, aus dem er die Lehre bei Meister Luhhan angetreten hatte, war der, daß er auf diese Weise Gelegenheit hatte, mit Pferden zu arbeiten. Aber in Emondsfeld gab es nicht viele davon und schon gar keine so schönen wie die hier.
Der Ogier betrachtete die Landschaft mit anderen Augen. Er knurrte in sich hinein, und je weiter sie über die grasbewachsenen Hügel ritten, desto lauter wurde sein Grollen. Schließlich brach es mit Gewalt aus ihm heraus: »Weg! Alles weg, und wofür? Gras. Das war einst ein Ogierhain. Wir haben hier keine großen Werke vollbracht, nichts, was man mit Manetheren oder der Stadt, die ihr Caemlyn nennt, vergleichen könnte, aber doch genug, um hier einen Hain anzulegen. Bäume aller Arten aus allen Ländern und Orten. Die Großen Bäume, die hundert Spannen hoch und mehr in den Himmel aufragen. Alle wurden hingebungsvoll gehegt, um mein Volk an das Stedding zu erinnern, das sie verlassen hatten, um für die Menschen Dinge zu bauen. Die Menschen glauben immer, es sei die Arbeit unserer Steinmetzen, die wir so schätzen, aber das ist nur eine Nebensache, die wir während des langen Exils erlernten, nach der Zerstörung der Welt. Die Bäume sind es, die wir lieben! Die Menschen dachten, Manetheren stelle unseren größten Triumph dar, doch wir wußten: es war der Hain dort und nicht die Gebäude. Nun ist er verschwunden. Wie dieser hier. Weg — für immer dahin.« Loial musterte die kahlen Hügel, auf denen lediglich Gras und Pferde zu sehen waren, mit einem harten Gesichtsausdruck, und seine Ohren legten sich eng an den Kopf. Er roch nach... Zorn. In den meisten Sagen wurden die Ogier als friedlich bezeichnet, als beinahe genauso unkriegerisch wie das Fahrende Volk, aber ein paar, wenn auch nur wenige der Erzähler hatten sie auch unerbittliche Feinde genannt. Perrin hatte Loial zuvor nur ein einziges Mal richtig wütend erlebt. Vielleicht war er es auch letzte Nacht gewesen, als er diese Kinder verteidigte. Als er Loials Gesicht ansah, fiel ihm eine alte Redensart ein: ›den Ogier zu ärgern und die Berge über dem eigenen Kopf einstürzen lassen‹. Jeder glaubte, es bedeute, etwas völlig Unmögliches unternehmen zu wollen, aber Perrin war der Meinung, die Bedeutung habe sich im Laufe der Jahre verschoben. Anfangs hatte es vielleicht geheißen: ›Ärgere den Ogier, und du läßt die Berge über dem eigenen Kopf zusammenstürzen‹. Schwer vorstellbar, aber irgendwie konnte Perrin das nachempfinden. Er wollte lieber nie erleben, daß Loial — der sanfte, ungeschickte Loial mit der breiten Nase, die immer in einem Buch steckte — wirklich einmal auf ihn wütend war.
Loial hatte die Führung übernommen, sobald sie das Gebiet des verschwundenen Ogierhains erreichten. Er hielt sich ein wenig mehr in Richtung Süden. Es gab keine besonderen Merkmale, aber er war sich der Richtung wohl ziemlich sicher, und mit jedem Schritt ihrer Pferde wurde er noch sicherer. Die Ogier konnten ein Wegetor spüren, irgendwie, und es finden wie eine Biene den Stock. Als Loial schließlich abstieg, reichte ihm das Gras gerade ein wenig über Kniehöhe. Man sah in der Nähe nur ein Dickicht, etwas höher als in dieser Landschaft üblich, mit stark belaubten Sträuchern etwa von der Größe des Ogiers. Er riß die Sträucher bedauernd heraus und legte sie zur Seite. »Vielleicht können die Pferdehüter das gebrauchen. Wenn es getrocknet ist, gibt es ordentliches Feuerholz.« Und dort stand das Wegetor.
Es war so an den Abhang angebaut, daß es eher wie eine graue Mauer wirkte denn ein Tor, aber nicht wie irgendeine Mauer, sondern wie die eines Palastes mit Fresken in Form von Ranken und Blättern, die so fein gearbeitet waren, als lebten sie genau wie die Sträucher davor. Mindestens dreitausend Jahre lang hatte es dort gestanden, aber die Oberfläche wies keinerlei Anzeichen von Verwitterung auf. Diese Blätter hätten im nächsten Moment im Wind rascheln können, so echt wirkten sie.
Einen Moment lang betrachteten sie es schweigend, bis Loial tief durchatmete und seine Hand auf das einzige Blatt legte, das sich von den anderen auf dem Wegetor unterschied. Es war das dreifingrige Blatt des Avendesora, des sagenhaften Lebensbaumes. Bis zu dem Augenblick, als es von seiner riesigen Hand berührt wurde, schien es wie die anderen ein Teil der Verzierungen zu sein, doch es drehte sich ganz leicht.
Faile schluckte hörbar, und selbst die Aiel murmelten nervös irgend etwas. In der Luft lag etwas Bedrückendes, aber man konnte nicht feststellen, woher das rührte.
Vielleicht ging es von ihnen allen gemeinsam aus.
Jetzt schienen sich die Steinblätter nicht mehr in einer verborgenen Brise zu regen. Statt dessen kam ein Schimmer von Grün, von Leben, über sie. In der Mitte öffnete sich langsam ein Spalt, und die beiden Türflügel des Wegetores schwangen heraus. Sie enthüllten nicht den dahinterliegenden Hügel, sondern ein mattes Leuchten, in dem sich schwach ihre Spiegelbilder zeigten.
»Man sagt«, murmelte Loial, »daß einst die Wegetore wie Spiegel schimmerten, und diejenigen, die durch die Wege gingen, schritten durch Sonnenschein und Himmel. Davon kann man jetzt nicht mehr viel sehen. Genauso verschwunden wie der Hain.« Perrin zog schnell eine der Laternen an ihrer langen Stange aus dem Gepäck und entzündete sie. »Es ist zu heiß hier draußen«, sagte er. »Ein bißchen Schatten wäre schon gut.« Er trieb Traber langsam, auf das Tor zu. Er glaubte, Faile noch einmal nach Luft schnappen zu hören.
Der braune Hengst scheute, als er sich seinem eigenen, matten Spiegelbild näherte, aber Perrin trieb ihn weiter. Langsam, erinnerte er sich. Man mußte das ganz langsam in Angriff nehmen. Die Nase des Pferdes berührte zögernd die seines Spiegelbilds. Dann verschmolzen beide miteinander. Perrin näherte sich seiner eigenen Persönlichkeit, berührte... Eiskalt glitt es ihm über die Haut, hüllte ihn Haar um Haar ein, und die Zeit dehnte sich.
Die Kälte verflog wie eine geplatzte Seifenblase, und er befand sich inmitten endloser Schwärze. Der Schein seiner Laterne schmiegte sich eng um ihn. Traber und das Packpferd wieherten ängstlich.
Gaul schritt gelassen hindurch und begann damit, eine weitere Laterne anzuzünden. Hinter ihm befand sich, was wie eine Rauchglasscheibe aussah. Sie konnten dort draußen die anderen sehen, Loial, der gerade wieder auf sein Pferd stieg, Faile, die ihre Zügel raffte, doch alle bewegten sich ganz, ganz langsam. Die Zeit verlief innerhalb der Wege anders.
»Faile ist sauer auf dich«, sagte Gaul, als die Laterne brannte. Der zusätzliche Lichtschein brachte nicht viel. Die Dunkelheit saugte das Licht auf, verschluckte es. »Sie scheint zu glauben, daß du irgendeine Abmachung gebrochen hast. Bain und Chiad... Paß auf, daß du nicht mit ihnen allein bist. Sie wollen dir Failes wegen eine Lektion erteilen, und wenn sie das fertigbringen, wirst du nicht mehr so einfach auf deinem Pferd sitzen können wie jetzt.« »Ich habe gar nichts versprochen, Gaul. Ich tue, wozu sie mich durch ihre Tricks gezwungen hat. Wir müssen früh genug Loial folgen, wie sie das haben will, aber solange ich kann, werde ich die Führung übernehmen.« Er deutete auf einen breiten, weißen Strich unter Trabers Hufen. Er war an einzelnen Stellen unterbrochen und verwittert, doch zeigte er ihren Weg deutlich an, bevor er wenige Schritte weiter in der Schwärze verschwand. »Das führt uns zum ersten Wegweiser. Dort müssen wir auf Loial warten, denn nur er kann lesen, was darauf steht, und entscheiden, über welche Brücke wir reiten müssen. Aber bis dorthin kann Faile durchaus einmal uns folgen.« »Brücke«, murmelte Gaul nachdenklich. »Das Wort kenne ich. Gibt es hier drinnen denn Wasser?« »Nein. Es ist nicht diese Art von Brücke. Sie sieht wohl genauso aus, aber... Vielleicht kann Loial es dir erklären.« Der Aielmann kratzte sich am Kopf. »Weißt du auch genau, was du tust, Perrin?« »Nein«, gab Perrin zu. »Aber das muß Faile ja nicht unbedingt wissen.« Gaul lachte. »Es macht Spaß, so jung zu sein, oder, Perrin?« Perrin runzelte die Stirn. Er war nicht sicher, ob Gaul sich nun über ihn lustig machte oder nicht. So hielt er Traber weiter im Schritt und zog das Packpferd an der Leine hinterher. Den Laternenschein würde man in zwanzig oder dreißig Schritt Entfernung vom Tor nicht mehr sehen können. Er wollte vollständig außer Sicht sein, wenn Faile durchkam. Sie sollte ruhig glauben, er habe sich entschieden, ohne sie weiterzureiten. Wenn sie sich eine Weile Sorgen machte, bevor sie sich am Wegweiser wiedertrafen, würde ihr das durchaus guttun.