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Der Wogentänzer

Die goldene Sonne stand noch nicht weit über dem Horizont, als die glänzendschwarz lackierte Kutsche schaukelnd am Ende des Landestegs stehenblieb. Vier zusammenpassende Graue hatten sie gezogen und nun sprang der langhaarige, dunkle Kutscher im schwarzgold gestreiften Livree vom Bock und öffnete die Tür. An dieser Tür war allerdings diesmal kein Wappen angebracht. Tairenische Adelige halfen den Aes Sedai nur gezwungenermaßen, obwohl ihr Lächeln dabei so strahlend wirkte, denn niemand wollte seinen Namen mit der Weißen Burg in Verbindung bringen lassen.

Elayne war dankbar, aussteigen zu können. Sie wartete nicht erst auf Nynaeve, die ihren leichten blauen Leinenumhang zurechtzupfte. Die Straßen der Maule waren wegen der vielen Karren und Planwagen von tiefen Furchen durchzogen, und die Lederfederung der Kutsche war nicht gerade weich. Die Brise, die über den Erinin wehte, schien ihnen kühl nach der Hitze im Stein. Sie hatte sich die Anstrengung der Fahrt nicht anmerken lassen wollen, aber sobald sie draußen stand, rieb sie sich doch den Rücken. Wenigstens war es durch den Regen letzte Nacht nicht so staubig, dachte sie. Sie vermutete, daß man ihnen absichtlich eine Kutsche ohne Vorhänge zur Verfügung gestellt hatte.

Nördlich und südlich von ihr erstreckten sich weitere Landestege wie breite steinerne Finger in den Fluß hinaus. Es roch nach Teer und Tauen, nach Fisch und Gewürzen und Olivenöl, nach namenlosen Dingen, die im trüben Brackwasser zwischen den Stegen verrotteten, und nach eigenartigen, gelbgrünen Früchten, die in riesigen Bündeln vor einem Lagerhaus in ihrem Rücken aufgestapelt lagen. Trotz der frühen Stunde eilten Männer mit Lederwämsern auf den nackten Schultern geschäftig hin und her, schleppten auf gekrümmtem Buckel große Bündel einher oder schoben Handwagen mit aufgestapelten Fässern oder Kisten herum. Keiner warf ihr mehr als einen kurzen, mürrischen Blick zu. Die dunklen Augen wandten sich schnell ab, die Stirn wurde unwillig zum Gruß berührt, und die meisten hoben dabei noch nicht einmal den Kopf. Es stimmte sie traurig, das zu sehen.

Diese Adeligen aus Tear behandelten ihr Volk schlimm. ›Mißhandeln‹ war ein besserer Ausdruck dafür. In Andor wären ihr ein freundliches Lächeln und respektvolle Grüße gewiß gewesen, freiwillig dargebracht von stolz aufgerichteten Menschen, die ihren eigenen Wert genauso kannten wie den ihren. Fast hätte sie es bereut, jemals von zu Hause fortgegangen zu sein. Sie war dazu erzogen worden, eines Tages ein stolzes Volk zu führen und zu regieren, und sie wünschte sich, diesen Menschen hier etwas über Würde erzählen zu dürfen. Aber das war Rands Aufgabe und nicht ihre. Und wenn er das nicht gut macht, werde ich ihm einiges erzählen. Eine ganze Menge sogar! Zumindest hatte er damit angefangen und ihre Ratschläge beherzigt. Und sie mußte zugeben, daß er wußte, wie man Menschen gewann. Es würde interessant sein, bei ihrer Rückkehr festzustellen, was er zuwege gebracht hatte.

Wenn die Rückkehr überhaupt noch einen Sinn hat.

Von ihrem Standort aus konnte sie ein Dutzend Schiffe klar ausmachen, und jenseits von ihnen lagen weitere. Doch eines davon, am Ende des Piers vertäut, auf dem sie stand, den schmalen Bug flußaufwärts gerichtet, stach ihr besonders ins Auge. Der Klipper der Meerleute war bestimmt hundert Schritt lang und damit um die Hälfte größer als das ihr nächstgelegene Schiff. Drei hoch aufragende Maste befanden sich mittschiffs und dazu am Heck noch ein kleinerer auf dem erhöhten Achterdeck. Sie war schon zuvor an Bord von Schiffen gewesen, doch nie auf einem so großen, das auch noch das offene Meer befuhr. Allein schon der Name der Eigentümer sprach von fernen Ländern und fremden Häfen: die Atha'an Miere. Das Meervolk. In Geschichten, die exotisch klingen sollten, kam immer das Meervolk vor, außer wenn es um die Aiel ging.

Nynaeve kletterte hinter ihr aus der Kutsche, band sich den grünen Reiseumhang am Hals zu und fluchte leise über den Kutscher, so daß auch er es verstehen konnte. »Wie eine Henne im Sturm hin und her geschleudert! Wie ein staubiger Läufer durchgeklopft! Wie hat er es nur geschafft, zwischen dem Stein und dem Hafen jede Furche und jedes Schlagloch aufzuspüren? Dazu gehört wirklich Geschick. Wie schade, daß ihm das bei der Behandlung von Pferden dafür abgeht.« Der Kutscher bemühte sich mit saurem Gesichtsausdruck, ihr herunterzuhelfen, doch sie nahm seine Hilfe nicht an.

Seufzend verdoppelte Elayne die Menge der Silbermünzen, die sie gerade aus ihrer Börse nahm. »Danke, daß Ihr uns sicher und schnell hergebracht habt.« Sie lächelte, als sie ihm die Münzen in die Hand drückte. »Wir hatten Euch ja schließlich gebeten, schnell zu fahren, und Ihr seid unserem Wunsch nachgekommen. Für die schlechten Straßen könnt Ihr nichts, und Ihr habt unter diesen Bedingungen hervorragende Arbeit geleistet.« Ohne die Münzen anzublicken, verbeugte sich der Bursche tief vor ihr, warf ihr einen dankbaren Blick zu und murmelte: »Ich danke Euch, Lady.« Das galt ihren Worten bestimmt genauso wie dem Geld. Sie hatte gelernt, daß ein paar freundliche Worte und ein wenig Lob gewöhnlich mindestens ebensoviel bewirkten wie Silber, manchmal sogar noch mehr. Obwohl das Silber natürlich immer gut ankam.

»Das Licht schenke Euch eine sichere Reise, Lady«, fügte er hinzu. Das kaum sichtbare Zucken seines Blickes zu Nynaeve hinüber sagte ihr, daß sein Wunsch nur ihr allein gelte. Nynaeve mußte noch lernen, tolerant zu handeln und auch an andere zu denken; das hatte sie bitter nötig.

Als der Kutscher ihre Bündel und anderen Habseligkeiten ausgeladen hatte, ließ er sein Gespann drehen und fuhr davon. Nynaeve sagte mürrisch: »Ich denke, ich hätte mich nicht so über den Mann beklagen sollen, solange er in Hörweite war. Diese Straßen wären selbst für einen Vogel zu holprig. Eine Kutsche mußte da wohl schlecht aussehen. Aber nach all dieser Schaukelei den ganzen Weg über hatte ich das Gefühl, eine Woche lang geritten zu sein.« »Es ist ja nicht seine Schuld, daß du nun einen wunden... Rücken hast«, sagte Elayne lächelnd, um ihren Worten die Spitze zu nehmen, während sie ihre Sachen aufhob.

Nynaeve lachte trocken auf. »Ich habe es nun mal gesagt, oder? Du wirst ja hoffentlich nicht von mir erwarten, daß ich ihm hinterherrenne und mich entschuldige. Die Handvoll Silber, die du ihm verehrt hast, sollte wohl auch die schlimmsten Wunden heilen. Du mußt wirklich lernen, mit Geld vorsichtiger umzugehen, Elayne. Wir haben ja nicht den Kronschatz von Andor zur Verfügung. Von dem, was du jedem gibst, der die Arbeit tut, für die er sowieso bezahlt wird, könnte eine Familie bequem einen Monat lang leben.« Elayne warf ihr einen entrüsteten Blick zu. Nynaeve schien immer zu glauben, sie müßten ärmer als Dienerinnen leben, anstatt andersherum, obwohl es noch keinen unmittelbaren Grund dafür gab. Doch die Ältere bemerkte offensichtlich diesen Blick gar nicht, der noch jedesmal die Palastwache in Panik versetzt hatte. Statt dessen wuchtete Nynaeve ihre Bündel und Kleiderbeutel hoch und wandte sich dem Landesteg zu. »Wenigstens wird dieses Schiff ruhiger fahren als die Kutsche. Ich hoffe es jedenfalls. Sollen wir an Bord gehen?« Als sie sich den Weg zum Pier durch das Gewirr von Hafenarbeitern und gestapelten Fässern und schwerbeladenen Karren suchten, sagte Elayne: »Nynaeve, die Meerleute können etwas schwierig sein, solange sie einen nicht kennen, hat man mir beigebracht. Glaubst du, du könntest etwas...?« »Etwas?« »Taktvoller sein, Nynaeve.« Elayne kam beinahe ins Stolpern, als vor ihr jemand auf den Boden spuckte. Sie konnte nicht sagen, welcher dieser Burschen es gewesen war. Als sie sich umblickte, hatten alle den Blick gesenkt und waren außerordentlich beschäftigt. Ob sie nun vom Adel mißhandelt wurden oder nicht, sie hätte dem Sünder gern ein paar ruhige, aber scharfe Worte gesagt, die er nicht so schnell vergessen würde. Doch sie entdeckte ihn nicht. »Du könntest dich bemühen, künftig ein wenig taktvoller vorzugehen.« »Selbstverständlich.« Nynaeve ging die seitlich mit Tauen bespannte Planke des Klippers hinauf. »Solange sie mich nicht derart herumschaukeln.« Elaynes erster Eindruck an Deck war der, daß der Klipper für seine Länge reichlich schmal erschien. Sie wußte natürlich nicht sehr viel über Schiffe, aber das hier kam ihr wie ein riesiger Holzsplitter vor. O Licht, dieses Ding wird noch mehr schwanken als die Kutsche, so groß es auch ist. Der zweite Gedanke danach galt der Besatzung. Sie hatte viel von den Atha'an Miere gehört, aber noch nie welche kennengelernt. Und auch in den Erzählungen wurde eigentlich nicht viel über sie ausgesagt. Ein geheimnisvolles Volk, beinahe wie die Aiel, das sich anderen gegenüber ziemlich zurückhielt. Höchstens die Länder jenseits der Wüste waren noch etwas geheimnisvoller, und alles, was man über diese Gegenden wußte, stammte von den Meerleuten, die von dort Elfenbein und Seide herüberbrachten.