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»Dann werden wir auf Eure Passage zu sprechen kommen, wenn es Euch recht ist«, sagte Coine. »Zu welchem Hafen wünscht Ihr zu segeln?« »Tanchico«, sagte Nynaeve ein wenig zu scharf. »Vielleicht wollt Ihr gar nicht dorthin segeln, aber wir müssen schnell dorthin, so schnell, wie die Strecke nur einer Eurer Klipper zurücklegen kann, und das, wenn möglich ohne Zwischenaufenthalt. Ich biete Euch dieses kleine Geschenk für Eure Mühe.« Sie nahm ein Dokument aus ihrer Gürteltasche, entfaltete es und schob es über den Tisch der Segelherrin hin.

Moiraine hatte es ihnen gegeben und noch ein weiteres, ähnliches — jeweils eine Art Wechsel. Jeder erlaubte dem Überbringer, dreitausend Goldkronen von den Bänkern und Geldwechslern in vielen Städten zu verlangen, obwohl es ungewiß war, ob diese Männer und Frauen überhaupt wußten, daß es sich um Geld der Weißen Burg handelte. Elayne hatte große Augen gemacht, als sie den Betrag las, und Nynaeve hatte den Mund gar nicht mehr zubekommen. Aber Moiraine meinte, es sei notwendig, damit die Segelherrin überzeugt werden konnte, eventuell vorgesehene Häfen zu meiden und statt dessen gleich nach Tanchico zu segeln.

Coine berührte den Wechsel mit einem Finger und las sie dann. »Eine enorme Summe für das Geschenk der Passage«, murmelte sie. »Selbst wenn man bedenkt, daß Ihr mich bittet, meinen Reiseablauf zu ändern. Ich bin noch überraschter als zuvor. Ihr wißt, wir befördern selten Aes Sedai auf unseren Schiffen. Sehr selten. Von allen, die uns um eine Passage bitten, können wir dies nur den Aes Sedai verweigern und tun das auch fast immer, seit dem ersten Tag der ersten Reise. Die Aes Sedai wissen das und kommen so gut wie nie zu uns.« Sie blickte in ihre Teetasse, aber Elayne schaute schnell in die andere Richtung und sah, daß die Windsucherin ihre auf dem Tisch liegenden Hände musterte. Nein, ihre Ringe!

Moiraine hatte davon nichts erwähnt. Sie hatte ihnen nur gesagt, dieser Klipper sei das schnellste erreichbare Schiff und sie sollten es benützen. Dann wieder hatte sie ihnen diese Wechsel gegeben, mit denen man vermutlich eine ganze Flotte von Schiffen hätte chartern können. Oder wenigstens ein paar. Wußte sie, daß soviel nötig ist, um sie zu bestechen, damit sie uns mitnehmen? Aber warum hatte sie solche Dinge vor ihnen geheimgehalten? Eine dumme Frage; Moiraine tat immer geheimnisvoll. Doch warum ihre Zeit so verschwenden?

»Soll das heißen, daß Ihr uns keine Passage gewähren wollt?« Nynaeve hatte ihr Taktgefühl wieder aufgegeben und den direkten Weg gewählt. »Wenn Ihr keine Aes Sedai befördert, warum habt Ihr uns dann überhaupt hierher mitgenommen? Warum es nicht gleich oben sagen und uns gehen lassen?« Die Segelherrin klappte eine Armlehne ihres Stuhls heraus, erhob sich und spähte durch eines der Heckfenster auf den Stein hinaus. Ihre Ohrringe und Medaillons, die ihr über die linke Wange hingen, glitzerten im Schein der aufgehenden Sonne. »Er benützt die Eine Macht, wie ich gehört habe, und er hält das Unberührbare Schwert. Die Aiel sind auf seinen Ruf hin über die Drachenmauer gekommen. Ich habe ein paar auf der Straße gesehen, und man sagt, sie füllten den ganzen Stein. Der Stein von Tear ist gefallen, und Krieg überzieht die Staaten auf dem Festland. Diejenigen, die einst herrschten, sind zurückgekehrt und zuerst einmal zurückgeschlagen worden. Die Prophezeiungen werden erfüllt.« Nynaeve blickte ob dieses Themenwechsels genauso verwundert drein wie Elayne. »Die Prophezeiungen des Drachen?« fragte Elayne nach einem Augenblick des Zögerns. »Ja, sie werden erfüllt. Er ist der Wiedergeborene Drache, Segelherrin.« Er ist ein sturer Mann, der seine Gefühle so gut verbirgt, daß ich sie nicht finden kann. So ist das!

Coine wandte sich um. »Nicht die Prophezeiungen des Drachen, Aes Sedai. Die Jendai-Prophezeiung, die Prophezeiung des Coramoor. Nicht diejenige, auf die Ihr wartet und die Ihr fürchtet, sondern diejenige, auf deren Erfüllung wir begierig warten, den Anbruch eines neuen Zeitalters. Während der Zerstörung der Welt flohen unsere Vorfahren und suchten die Sicherheit auf dem Meer, während sich das Land aufbäumte und wie im Sturm wogte. Man erzählt, daß sie nichts von den Schiffen verstanden, auf denen sie dem Untergang entkamen, aber das Licht schützte sie, und sie überlebten. Sie sahen das Land erst wieder, als es sich beruhigt hatte, und da hatte sich viel verändert. Alles — die ganze Welt — trieb vor dem Wind auf dem Wasser. In den Jahren danach wurden die Jendai-Prophezeiungen zuerst mündlich weitergegeben. Wir müssen ruhelos über die Wasser wandern, bis der Coramoor wiederkehrt, und bei seiner Ankunft müssen wir ihm dienen.

Wir sind ans Meer gebunden; in unseren Adern fließt Salzwasser. Die meisten von uns setzen keinen Fuß an Land, außer, um auf ein anderes Schiff, eine andere Reise zu warten. Starke Männer weinen, wenn sie an Land Dienst tun müssen. Frauen, die sich an Land aufhalten, gehen an Bord eines Schiffes, um ihr Kind zu gebären, und wenn kein Schiff zur Hand ist, zur Not auch auf ein Ruderboot, denn wir müssen auf dem Wasser geboren werden und auf dem Wasser sterben und nach unserem Tod den Wogen übergeben werden.

Die Prophezeiung wird erfüllt. Er ist der Coramoor. Aes Sedai dienen ihm. Ihr seid der Beweis dafür, weil Ihr euch hier in dieser Stadt befindet. Auch das wurde prophezeit. ›Die Weiße Burg wird in seinem Namen geschleift, und Aes Sedai werden vor ihm knien und seine Füße waschen und sie mit ihrem Haar trocknen.‹« »Da könnt Ihr lange warten, um zuzusehen, wie ich irgendeinem Mann die Füße wasche«, sagte Nynaeve trocken. »Was hat das mit unserer Passage zu tun? Nehmt Ihr uns mit oder nicht?« Elayne zuckte zusammen, aber die Segelherrin antwortete genauso geradeheraus: »Warum wollt Ihr nach Tanchico fahren? Das ist mittlerweile ein unangenehmer Ort zum Anlegen geworden. Ich habe dort letzten Winter angelegt. Die Landbewohner haben beinahe mein Schiff überrannt, so viele wollten als Passagiere von dort fort. Es war ihnen gleich, wohin, wenn sie nur von Tanchico wegkamen. Ich kann nicht glauben, daß die Bedingungen dort jetzt besser geworden sind.« »Verhört Ihr immer Eure Passagiere derart?« fragte Nynaeve. »Ich habe Euch genug geboten, um ein ganzes Dorf zu kaufen. Zwei Dörfer! Wenn Ihr mehr wollt, dann nennt Euren Preis.« »Keinen Preis«, zischte ihr Elayne ins Ohr. »Ein Geschenk!« Falls Coine beleidigt war oder ihr überhaupt zugehört hatte, ließ sie sich nichts anmerken. »Warum?« Nynaeve packte ihren Zopf, aber Elayne legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm. Sie hatten ein paar Dinge für sich behalten wollen, aber seit sie sich hier hingesetzt hatten, hatten sie wohl auch genug gelernt, um ihre Pläne zu ändern. Es gab Gelegenheiten, Geheimnisse zu wahren, und andere, die Wahrheit zu sagen. »Wir verfolgen die Schwarzen Ajah, Segelherrin. Wir glauben, einige von ihnen halten sich in Tanchico auf.« Sie erwiderte Nynaeves wütenden Blick mit Gelassenheit. »Wir müssen sie finden, bevor sie dem... dem Wiedergeborenen Drachen Schaden zufügen. Dem Coramoor.« »Das Licht lasse uns in Sicherheit Anker werfen«, hauchte die Windsucherin. Es war das erste Mal, daß sie sprach, und Elayne sah sie überrascht an. Jorin runzelte die Stirn und sah niemanden direkt an, doch dann sagte sie zur Segelherrin: »Wir können sie mitnehmen, meine Schwester. Wir müssen.« Coine nickte.

Elayne tauschte einen Blick mit Nynaeve und erblickte ihre eigenen Fragen in den Augen der anderen Frau wieder. Warum war es die Windsucherin, die so etwas entschied? Warum nicht die Segelherrin? Sie war doch Kapitän, auch wenn der Titel anders lautete. Aber wenigstens würden sie nun ihre Passage erhalten. Wieviel werden wir dafür bezahlen? fragte sich Elayne. Wie groß wird das ›Geschenk‹ sein müssen? Sie verwünschte Nynaeve, die verraten hatte, daß sie mehr als nur dieser einen Wechsel in Händen hielten. Und sie beschuldigt mich, mit Gold nur so herumzuwerfen.