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Sie starrte hinüber zum Stein. Die riesige Festung stand so sicher wie immer, nur ganze Schwärme aufgescheuchter Vögel flatterten um dieses helle Banner herum, das sich beinahe aufreizend langsam in einer sanften Brise bewegte. Kein Anzeichen dafür, daß irgend etwas mit dem enormen Felsklotz geschehen sei. Aber Rand war die Ursache gewesen, da war sie sicher.

Sie wandte sich um und blickte direkt in Nynaeves Augen. Ihre Blicke trafen sich einen langen Moment über. »Das hat er ja wunderbar gemacht«, sagte Elayne schließlich. »Vielleicht hat er auch noch das Schiff beschädigt? Und wie kommen wir dann nach Tanchico, wenn er nicht bald aufhört, mit sämtlichen Schiffen Ball zu spielen?« Licht, hoffentlich geht es ihm gut. Ich kann jetzt und hier nichts für ihn tun. Es geht ihm sehr gut.

Nynaeve berührte ihren Arm beruhigend. »Bestimmt hat dein zweiter Brief bei ihm einiges ausgelöst. Die Männer zeigen immer Überreaktionen, wenn sie sich gehenlassen. Das ist der Preis dafür, daß sie ihre Gefühle ansonsten derart unter Kontrolle zu halten versuchen. Er mag ja der Wiedergeborene Drache sein, aber er muß lernen, was zwischen Mann und Frau... Was machen die denn hier?« ›Die‹ waren zwei Männer, die zwischen den geschäftigen Meerleuten an Deck standen. Der eine war Thom Merrilin in seinem Gauklerumhang mit Harfe und Flöte in ihren Lederbehältern auf dem Rücken und einem Bündel zu seinen Füßen neben einem schäbigen Holzkasten mit Vorhängeschloß. Der andere war ein hagerer, gutaussehender Tairener von mittleren Jahren, ein harter Mann mit dunklem Teint, der einen flachen, kegelförmig zulaufenden Strohhut und einen dieser ArmeLeute-Mäntel trug, der bis zur Hüfte eng anlag und darunter wie ein kurzer Rock weit ausgestellt war. Ein zerkratzter Schwertbrecher hing an dem Gürtel, den er über den Mantel geschnallt hatte, und er stützte sich auf einen Stab aus hellem, getreidehalmähnlichem Holz, der genauso hoch war wie er groß und kaum dicker als sein Daumen. Ein eckig verschnürtes Paket hing ihm an einer Schlaufe von der Schulter. Elayne kannte ihn: Er hieß Juilin Sandar.

Es war offensichtlich, daß sich die Männer nicht kannten, obwohl sie beinahe Seite an Seite standen. Beide standen jedoch steif und förmlich da. Allerdings war ihre Aufmerksamkeit auf die gleichen Objekte gerichtet: Einerseits beobachteten sie die Segelherrin, wie sie zum Achterdeck marschierte, und andererseits spähten sie hinüber zu Elayne und Nynaeve. Die Blicke beider wirkten unsicher, doch verbargen sie es hinter einer Haltung, die wohl stolzes Selbstvertrauen ausdrücken sollte. Thom grinste und strich sich über den langen, weißen Schnurrbart, und dazu nickte er jedesmal, wenn sein Blick die beiden Frauen traf, während Sandar sich mehrmals ernst und würdevoll verbeugte.

»Keinerlei Schäden«, sagte Coine, als sie die Leiter hochkam. »Wir können innerhalb einer Stunde absegeln, wenn es Euch recht ist. Sogar gut vor Ablauf einer Stunde, falls wir einen Lotsen aus Tear finden. Falls nicht, segle ich auch ohne einen ab, aber das würde bedeuten, daß ich nie nach Tear zurückkommen darf.« Sie folgte ihren Blicken zu den beiden Männern hinüber. »Sie bitten um Passage —der Gaukler nach Tanchico und der Diebfänger, wohin immer Ihr reist. Ich kann es ihnen nicht verweigern, und doch... « Ihre dunklen Augen blickten wieder Elayne und Nynaeve an. »Ich werde sie mitnehmen, wenn Ihr es wünscht.« Das Zögern, weil sie gegen ihre eigenen Bräuche handeln würde, war in ihrer Stimme zu spüren, und andererseits vielleicht auch... der Wunsch, ihnen zu helfen? Dem Coramoor zu dienen? »Der Diebfänger ist ein guter Mann, obwohl er eine Landratte ist. Nichts gegen Euch, beim Licht. Aber den Gaukler kenne ich nicht. Doch könnte ein Gaukler natürlich die Reise beleben und die Stunden der Erschöpfung erleichtern.« »Ihr kennt Meister Sandar?« fragte Nynaeve.

»Zweimal schon hat er jene aufgespürt, die hier an Bord Diebstähle begingen, und er hat sie schnell gefunden. Eine andere Landratte hätte bestimmt länger dazu gebraucht, und er hätte für seine gute Arbeit mehr verlangen können. Es ist offensichtlich, daß auch Ihr ihn kennt. Möchtet Ihr, daß ich ihm die Passage verweigere?« Ihr Zögern war immer noch spürbar.

»Zuerst wollen wir einmal feststellen, warum sie sich hier befinden«, sagte Nynaeve mit einer Stimme, die nichts Gutes für die beiden Männer verhieß.

»Vielleicht sollte ich mit ihnen reden«, bot Elayne ihr sanft aber entschlossen an. »Dann kannst du sie beobachten und feststellen, ob sie etwas verbergen.« Sie verschwieg ihr, daß sie hoffte, auf diese Weise Nynaeves nächsten Wutausbruch vermeiden zu können, aber deren spöttisches Lächeln verriet ihr, daß sie die Absicht wohl erkannt hatte.

»Also gut, Elayne. Ich werde sie beobachten. Vielleicht könntest du dabei ebenfalls beobachten, wie ich die Ruhe bewahre. Du weißt ja, wie du wirst, wenn du überdreht bist.« Elayne mußte unwillkürlich lachen.

Die beiden Männer richteten sich auf, als sie und Nynaeve sich ihnen näherten. Um sie herum eilten die Seeleute, kletterten an der Takelage hoch, pullten Taue, zurrten einige Dinge fest und banden andere los, alles auf Befehl der Segelherrin. Sie bewegten sich um die Landbewohner herum, ohne sie weiter zu beachten.

Elayne blickte Thom Merrilin nachdenklich an. Sie war sicher, den Gaukler vor seinem Erscheinen im Stein noch nie gesehen zu haben, und doch kam ihr etwas an ihm so bekannt vor. Nicht sehr wahrscheinlich, aber... Gaukler traten vor allem in Dörfern auf. Ihre Mutter hatte ganz sicher nie einen im Palast in Caemlyn gehabt. Der einzige Gaukler, den gesehen zu haben sich Elayne erinnerte, war in einem Dorf in der Nähe der Landgüter ihrer Mutter aufgetreten, und dort war dieser weißhaarige Falke von einem Mann bestimmt nie gewesen.

Sie entschloß sich, zuerst mit dem Diebfänger zu sprechen. Auf dieser Bezeichnung bestand er, wie sie wohl wußte. Er war stolz darauf.

»Meister Sandar«, sagte sie ernst, »Ihr erinnert Euch vielleicht nicht mehr an uns. Ich bin Elayne Trakand, und das ist meine Freundin Nynaeve al'Meara. Wie ich hörte, wollt Ihr an dasselbe Ziel reisen wie wir. Dürfte ich den Grund erfahren? Als wir Euch das letzte Mal trafen, hattet Ihr uns nicht gerade gut gedient.« Der Mann zuckte nicht einmal mit der Wimper. Sein Blick überflog ihre Hände, und er bemerkte die Abwesenheit der Ringe. Diesen dunklen Augen entging nichts, und er prägte sich jede Einzelheit genau ein. »Ich erinnere mich an Euch, Frau Trakand, und sogar sehr gut. Aber bitte vergebt mir, doch das letzte Mal, als ich Euch diente, war in Gesellschaft von Mat Cauthon, als wir Euch beide aus dem Wasser zogen, bevor die Hechte Euch anknabberten.« Nynaeve räusperte sich. Es war eine Zelle gewesen und nicht das Wasser, und statt der Hechte die Schwarzen Ajah. Besonders Nynaeve ließ sich nicht gern daran erinnern, daß sie damals Hilfe benötigt hatten. Natürlich hätten sie ohne Juilin Sandar gar nicht in dieser Zelle gesessen. Nein, das war nicht ganz gerade. Wahr, aber nicht gerecht.

»Das ist alles schön und gut«, sagte Elayne nun kurz angebunden, »aber Ihr habt immer noch nicht gesagt, warum Ihr nach Tanchico wollt.« Er atmete tief durch und musterte Nynaeve mißtrauisch. Elayne gefiel es gar nicht, daß er es nötig zu haben schien, der anderen Frau gegenüber vorsichtiger zu sein als ihr gegenüber. »Ich wurde vor noch nicht einmal einer halben Stunde aus meinem Haus getrieben«, sagte er vorsichtig, »und zwar von einem Mann, den Ihr kennt, wie ich glaube. Einem großen Mann mit steinernem Gesicht namens Lan.« Nynaeves Augenbrauen hoben sich leicht. »Er sprach für einen anderen Mann, den Ihr kennt, einen... Schafhirten, wie man mir sagte. Man gab mir einen Haufen Goldes und sagte mir, ich solle Euch begleiten. Euch beide. Man sagte mir auch, wenn Ihr nicht sicher von dieser Reise zurückkehrtet... Sagen wir einmal, es sei dann besser, wenn ich mich ertränke, anstatt zurückzukommen. Lan war da ganz eindeutig, und der... Schafhirte sagte in seiner Nachricht an mich praktisch das gleiche. Die Segelherrin sagte mir, ich könne nur mitkommen, wenn Ihr zustimmt. Ich habe aber doch gewisse Fähigkeiten, die Euch nützlich sein könnten.« Der Stab wirbelte in seinen Händen, pfiff blitzschnell durch die Luft und stand wieder still. Seine Finger berührten den Schwertbrecher an seiner Hüfte, der wie ein ungeschärftes Schwert wirkte, aber mit Schlitzen versehen war, in denen sich eine gegnerische Klinge verhaken sollte.