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»Männer finden doch immer einen Weg, um sich um das herumzudrücken, was du ihnen gesagt hast«, knurrte Nynaeve, doch es klang nicht sehr böse.

Elayne runzelte nur etwas verwirrt die Stirn. Rand hatte ihn geschickt? Dann konnte er bestimmt den zweiten Brief vorher noch nicht gelesen haben. Seng ihn! Warum ist er so sprunghaft? Keine Zeit mehr, ihm noch einen Brief zu schicken, und der würde ihn vermutlich noch mehr verwirren. Und mich zu einer noch größeren Närrin machen. Seng ihn!

»Und Ihr, Meister Merrilin?« fragte Nynaeve. »Hat der Schafhirte uns auch noch einen Gaukler hinterhergesandt? Oder nur den anderen Mann? Vielleicht sollt Ihr uns nur mit Eurem Jonglieren und Feuerschlucken unterwegs unterhalten?« Thom hatte Sandar genau gemustert, aber nun verlagerte er seine Aufmerksamkeit und verbeugte sich elegant. Er verdarb die Wirkung nur etwas, als er übertrieben seinen Flickenumhang schwenkte. »Nicht der Schafhirte, Frau al'Meara. Eine Dame, die wir alle gut kennen, bat mich —bat mich — Euch zu begleiten. Die Dame, die Euch und den Schafhirten in Emondsfeld aufgelesen hatte.« »Warum?« fragte Nynaeve mißtrauisch.

»Auch ich besitze ein paar nützliche Fähigkeiten«, sagte Thom mit einem Seitenblick auf den Diebfänger zu ihr. »Mehr als nur das Jonglieren. Und ich war schon mehrmals in Tanchico. Ich kenne die Stadt gut. Ich kann Euch sagen, wo Ihr eine gute Herberge findet und welche Bezirke sowohl bei Tageslicht wie auch in der Nacht gefährlich sind, und wen man in der Zivilgarde bestechen muß, damit sie Euch nicht zu genau auf die Finger sehen. Sie beobachten Ausländer sonst recht mißtrauisch. Ich kann Euch in vieler Hinsicht behilflich sein.« Diese Vertrautheit kitzelte wieder an Elaynes Verstand. Bevor ihr klar wurde, was sie tat, griff sie hoch und zupfte ihn an seinem langen, weißen Schnurrbart. Er fuhr zusammen, und sie schlug beide Hände vor ihr Gesicht und lief knallrot an. »Vergebt mir. Ich... ich schien mich zu erinnern, so etwas früher schon getan zu haben. Ich meine... Es tut mir ehrlich leid.« Licht, wieso habe ich das getan? Er muß mich für eine dumme Kuh halten.

»Ich... würde mich wohl daran erinnern«, sagte er sehr steif.

Sie hoffte, ihn nicht beleidigt zu haben. Von seinem Gesichtsausdruck war kaum etwas abzulesen. Männer waren manchmal beleidigt, wenn sie sich amüsieren sollten, und belustigt, wenn sie beleidigt sein sollten. Falls sie zusammen diese Reise antraten... Zum erstenmal wurde ihr klar, daß sie sich bereits entschieden hatte, beide mitzunehmen. »Nynaeve?« fragte sie.

Die andere Frau verstand natürlich die unausgesprochene Frage. Sie musterte die beiden Männer noch einmal gründlich und nickte dann. »Sie können mitkommen. Solange sie sich einverstanden erklären, zu tun, was man ihnen befiehlt. Ich werde nicht zulassen, daß irgendein wollköpfiger Kerl seiner eigenen Wege geht und uns in Gefahr bringt.« »Wie Ihr wünscht, Frau al'Meara«, sagte Sandar sofort mit einer Verbeugung, aber Thom stellte fest: »Ein Gaukler ist eine freie Seele, Nynaeve, aber ich verspreche, daß ich Euch nicht in Gefahr bringen werde. Alles andere als das.« »Wie man Euch befiehlt«, sagte Nynaeve betont. »Euer Wort darauf, oder Ihr könnt zuschauen, wie dieses Schiff ablegt.« »Die Atha'an Miere verweigern niemandem die Passage, Nynaeve.« »Glaubt Ihr das? War der Diebjäger« — Sandar zuckte zusammen — »der einzige, dem man mitteilte, daß unsere Erlaubnis nötig sei? Wie man es Euch befiehlt, Meister Merrilin.« Thom warf sein weißes Haupt hoch wie ein ungebärdiges Pferd und atmete schwer, aber schließlich nickte er. »Mein Wort darauf, Frau al'Meara.« »Also gut«, sagte Nynaeve mit eisiger Stimme. »Dann wäre das geklärt. Ihr beide geht jetzt zur Segelherrin und berichtet ihr, daß ich sagte, sie solle Euch irgendwo einen Unterschlupf zuteilen, falls das möglich ist, und so, daß Ihr uns nicht im Weg seid. Weg mit Euch jetzt. Schnell.« Sandar verbeugte sich erneut und ging. Thom bebte sichtbar, schloß sich ihm aber dann mit steifem Kreuz an.

»Behandelst du sie nicht etwas hart?« sagte Elayne, sobald sie außer Hörweite waren. Das war nicht sehr weit weg, bei all dem Durcheinander an Deck. »Wir müssen auf der Reise doch schließlich alle miteinander auskommen. ›Verbindliche Worte bringen eine verbindliche Gesellschaft ein.‹« »Es ist am besten, wir legen ihnen gleich die Zügel an, da wir ja schließlich weiterkommen wollen, Elayne. Thom Merrilin weiß sehr gut, daß wir noch keine Aes Sedai sind.« Sie senkte die Stimme und sah sich vorsichtig um, als sie das sagte. Niemand von der Besatzung sah sie auch nur an, außer der Segelherrin, die hinten in der Nähe des Achterdecks stand und dem hochgewachsenen Gaukler und dem Diebfänger lauschte. »Männer sind geschwätzig — fast alle —, und Sandar wird es auch bald wissen. Bei Aes Sedai würden sie wahrscheinlich keine Schwierigkeiten machen, aber zwei Aufgenommene... ? Wenn sie auch nur die leiseste Chance bekommen, machen sie nur noch das, was sie für richtig halten, gleich, was wir sagen. Ich werde ihnen keinerlei Chance geben.« »Vielleicht hast du recht. Glaubst du, sie wissen, warum wir nach Tanchico wollen?« Nynaeve schnaubte. »Nein, sonst wären sie nicht mehr so zuversichtlich, denke ich. Und ich möchte es ihnen lieber nicht eher sagen, als es unbedingt sein muß.« Sie warf Elayne einen bedeutungsvollen Blick zu. So mußte sie gar nicht erst sagen, daß sie es der Segelherrin auch nicht mitgeteilt hätte, wäre es ihr überlassen worden. »Hier ist auch eine Redensart für dich: ›Leih dir Schwierigkeiten aus, und du zahlst sie zehnfach zurück.‹« »Du redest, als vertrautest du ihnen nicht, Nynaeve.« Beinahe wäre ihr entschlüpft, daß Nynaeve sich wie Moiraine benehme, aber das würde ihr die andere denn doch übelnehmen.

»Können wir das denn? Juilin Sandar hat uns schon einmal verraten. Ja, ja, ich weiß, daß kein Mann das hätte vermeiden können, aber es stimmt ja trotzdem. Und Liandrin und die anderen kennen sein Aussehen. Wir müssen ihn in andere Kleidung stecken. Vielleicht muß er sich die Haare länger wachsen lassen. Und noch ein Schnurrbart dazu, so wie dieses Unkraut, das der Gaukler im Gesicht trägt. Das könnte reichen.« »Und Thom Merrilin?« fragte Elayne. »Ich glaube, wir können ihm vertrauen. Ich weiß nicht, warum, aber ich traue ihm.« »Er hat zugegeben, von Moiraine geschickt worden zu sein«, sagte Nynaeve erschöpft. »Aber was hat er nicht alles schon zugegeben? Was hat sie ihm gesagt, was er uns nicht weitersagte? Soll er uns helfen, oder was sonst?

Moiraine hat ihr Spielchen schon so oft gespielt, daß ich ihr nur soviel mehr glaube als Liandrin.« Sie hielt Daumen und Zeigefinger in geringem Abstand hoch. »Sie wird uns benützen — sowohl dich wie mich — und uns fertigmachen lassen, sofern es Rand hilft. Oder besser, wenn es ihre Pläne mit Rand fördert. Wenn sie könnte, würde sie ihn ja wie ein Schoßhündchen an die Leine legen.« »Moiraine weiß genau, was zu tun ist, Nynaeve.« Ausnahmsweise zögerte sie aber doch, dies zuzugeben. Was Moiraine als die richtige Vorgehensweise kannte, würde möglicherweise Rand noch schneller auf Tarmon Gai'don zutreiben. Vielleicht zu seinem schnelleren Tod führen. Rand saß auf der einen Waagschale, während auf der anderen die ganze Welt lag. Es war idiotisch — närrisch und kindisch — wenn sie es so sah, daß die Gewichte gleichmäßig verteilt seien. Doch sie wagte nicht, sich vorzustellen, wie die Waagschalen in Bewegung gerieten, denn sie war sich nicht sicher, wer dann am Ende oben und wer unten schweben würde. »Sie weiß es besser als er«, sagte sie und bemühte sich, ihre Stimme klar und entschlossen wirken zu lassen, »besser als wir.« »Vielleicht«, seufzte Nynaeve. »Deshalb muß es mir noch lange nicht gefallen.« Am Bug wurden bereits die Leinen losgemacht, als mit einemmal dreieckige Segel herunterfielen, sich blähten, und der Wogentänzer vom Pier ablegte. Weitere Segel wurden herabgelassen, große weiße Rechtecke und Dreiecke, die Heckleinen wurden losgemacht, und in einem großen Bogen schwenkte das Schiff auf den Fluß hinaus, und zwischen vor Anker liegenden Schiffen hindurch beschrieb es eine elegante Kurve, bis es flußabwärts nach Süden gerichtet war. Die Meerleute behandelten ihr Schiff wie ein meisterhafter Reiter sein Pferd. Irgendwie bewegte dieses eigenartige Speichenrad wohl das Steuerruder, wenn einer der Seemänner mit nacktem Oberkörper daran drehte. Elayne war erleichtert zu sehen, daß ein Mann diese Arbeit verrichtete. Die Segelherrin und die Windsucherin standen auf der einen Seite des Rads. Coine gab gelegentlich Befehle. Manchmal beriet sie sich vorher mit ihrer Schwester. Toram sah ihnen eine Weile lang mit einem Gesicht zu, das wirkte, als sei es aus einer Decksplanke geschnitzt worden, und dann trottete er nach unten.